Als Graswurzelbewegung wird im deutschsprachigen Raum eine politische oder gesellschaftliche Initiative bezeichnet, die aus dem Volk heraus, also „von unten”, entsteht.
Herkunft
Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass der Begriff ursprünglich aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammt. Die zweite Ausgabe des
Oxford English Dictionary verweist auf „McClure’s Magazine“ vom Juli
1912, wo die „Graswurzel” erstmals im Kontext einer Kampagne oder Organisation verwendet wird. Mehrere Quellen legen nahe, dass der Begriff aus dem Umfeld von
Theodore Roosevelt und seinem damaligen Präsidentschaftswahlkampf stammt. Die „grass roots“ sollten für den Kandidaten gewonnen werden, also die einfachen Menschen aus dem Volk.
Die Erstverwendung des Begriffes im Deutschen ist ungeklärt. Der Anarchismusforscher Günter Bartsch führt ihn auf ein vom US-amerikanischen Dichter Walt Whitman schon früher inspiriertes Konzept eines „grassroots movement” zurück. Andere schreiben die Begriffsbildung dem Friedensforscher Theodor Ebert oder ungenannten Personen aus dem Volk zu.[Bernd Drücke: Zwischen Schreibtisch und Straßenkampf. Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3932577051]
In Deutschland aufgetreten ist ein sich als „Graswurzelbewegung“ bezeichnendes loses Netzwerk verschiedener Basisinitiativen spätestens seit Anfang der 1970er Jahre im Umfeld der Neuen Linken. Dort wurde „Graswurzelbewegung“ übernommen als symbolische Bezeichnung für eine vom Anarchopazifismus beeinflusste Bewegung.
1994 wurde der Begriff in Howard Rheingolds Buch „Virtuelle Gemeinschaft” verwendet, um die Entstehung virtueller Gemeinschaften durch Internet oder BBS zu charakterisieren.
Mitunter werden in einem allgemeinen und übergeordneten Sinn auch „Bürgerinitiative” oder „Bürgerbewegung” unter der Begrifflichkeit „Graswurzelbewegung“ subsummiert. Außerdem wird der Begriff heute metaphorisch für jegliche Art von Bottum-up Ansatz in Politik und Gesellschaft verwendet.
Charakter
Graswurzelbewegungen haben typischerweise
basisdemokratische Strukturen, da sie den gewöhnlichen lobbyistischen oder parteipolitischen Meinungsbildungsprozess umgehen wollen. Der Wandel soll durch engagierte Artikulation von Bürgerinteressen gegenüber als starr empfundenen staatlichen Organisationen erreicht werden. Das
Internet hat eine große Bedeutung für die „Graswurzelorganisierung” von Interessen, da es gerade für Ideen außerhalb des
Mainstreams eine kostengünstige Plattform bietet, zum Beispiel in Form von
Social Software.
Ideologisch-politische Ausrichtung
Das Ziel von einigen Graswurzel-Initiativen ist es, gesellschaftliche Alternativen zum Bestehenden aufzubauen, bis hin zum revolutionären Anspruch, grundsätzliche Systemveränderungen zu bewirken. Dabei wird sowohl auf den langfristigen Aufbau von Netzwerken gesetzt, als auch auf „spektakuläre“ Einzelaktionen, die in erster Linie Öffentlichkeit schaffen sollen. Nicht selten bedient man sich hierbei der Methoden des
zivilen Ungehorsams. Einige Vertreter dieser Richtung haben sich ein gemeinsames Dach in der Art eines Netzwerks gegeben, das sich dem
Pars pro Toto Prinzip folgend auch „Graswurzelbewegung” nennt. Ein wichtiges Sprachrohr dieser Bewegung, die vom Verfassungsschutz als
linksextrem eingestuft und beobachtet wird, selbst aber mit einem
basisdemokratischen und
anarchopazifistischen Anspruch auftritt, ist die seit
1972 erscheinende Zeitschrift
Graswurzelrevolution.
Spezifische Ausrichtung
Andere Graswurzelbewegungen lehnen einen umfassenden Ansatz ab, sondern wollen in erster Linie Sacharbeit an einem konkreten Thema leisten. In diesem Licht können etwa private
Hilfsorganisationen betrachtet werden oder auch der europäische Protest der Softwareentwickler gegen das Vordringen des Patentsystems in ihren Bereich (
Softwarepatente). Die
Wikipedia wird ebenfalls als typisches Beispiel für ein Graswurzelprojekt gesehen, wobei hier die thematische Ausrichtung besonders in den Vordergrund gestellt wird (vergleiche
NPOV).
Siehe auch
Weblinks
Quellen
Grassroots democracy | 풀뿌리 민주주의 | Grassroots
Soziale Bewegung