Gordon Alexander Craig (* 26. November 1913 in Glasgow, Schottland; † 30. Oktober 2005 in Palo Alto/USA) war ein US-amerikanischer Historiker und Schriftsteller schottischer Herkunft. Seine Arbeitsschwerpunkte waren deutsche Geschichte und Diplomatieforschung.
Der vorübergehend alleinerziehende Vater Craig wanderte 1925 in die USA aus und so wurde sein Sohn im Kindesalter US-amerikanischer Staatsbürger. Er studierte in den USA und in Großbritannien, erwarb seinen akademischen Abschluss in Geschichtswissenschaft an der Princeton University und war Rhodes Scholar.
Craig kam 1935 als Stipendiat nach Deutschland. Sein Arbeitsstipendium, das ihm ermöglichte, in teilnehmender Beobachtung die Entwicklung des nationalsozialistischen Staates und den Alltag der Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus in Deutschland aus nächster Nähe zu studieren, begründete den lebenslangen Arbeitsschwerpunkt des jungen Historikers.
Während des Zweiten Weltkriegs diente er beim United States Marine Corps und im Office of Strategic Services. Von daher rührt laut Auskunft seines ehemaligen Studenten Michael Stürmer seine genaue Kenntnis und Vorliebe für das Thema Deutschland. Gemäß dem Satz 'know your enemy' hatte er damals den Auftrag, alles über die Psychologie, Traditionen und Befehlstaktiken der preußisch-deutschen Armee zusammenzutragen und zwecks Instruktion der US-Offiziere aufzuschreiben. Über dieser Tätigkeit gewann er soviel vertieftes Interesse und Liebe an seinem Gegenstand, dass er lebenslang dabei blieb.
Nach dem Krieg lehrte er an den Universitäten Yale und Princeton, wo er von 1950 bis 1961 eine Professur innehatte. Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1979 lehrte er an der Stanford-Universität. 1962 wurde Gordon A. Craig Gastprofessor an der Freien Universität Berlin und erhielt 1983 deren Ehrendoktorwürde. Er galt als Doyen der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft und war jahrelang Präsident der American Historical Association.
Die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte stand stets im Zentrum von Craigs Schaffen. Seine Studie Die preußisch-deutsche Armee 1640-1945 aus dem Jahr 1955 brachte ihm in Fachkreisen internationale Beachtung ein. Sein 1982 erschienenes Buch „The Germans“ (deutscher Titel Über die Deutschen) war der Versuch, das deutsche Volk einer angelsächsischen Leserschaft nahezubringen, stieß aber auch in Deutschland auf große Resonanz. Es befasst sich mit der Entwicklung Deutschlands vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und setzt sich auch mit dem Kontrast zwischen der deutschen Kultur und den dunklen Seiten der deutschen Geschichte, insbesondere dem Nationalsozialismus auseinander. Ein weiteres bedeutendes Werk Craigs ist das Buch „Deutsche Geschichte 1866–1945“.
Die differenzierte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte aus der Perspektive des ausländischen Historikers ist das bleibende Verdienst Craigs. Er wandte sich gegen die nach dem Zweiten Weltkrieg weit verbreitete Vorstellung, der deutsche Nationalcharakter sei bestimmt durch eine Vorliebe für autoritäre Herrschaftsformen und Militarismus. Zugleich kritisierte er Versuche, den Nationalsozialismus als „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte ohne tiefere Wurzeln darzustellen.
So hielt Craig schon die Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 durch Otto von Bismarck für eine Tragödie und verwies auch auf die problematische Rolle der preußisch-deutschen Armee als „Staat im Staate“. Craig interpretierte die deutsche Geschichte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Auseinandersetzung zwischen aufgeklärtem Geist und autoritärer Macht - ein Konflikt, der meistens zugunsten der Macht entscheiden wurde. Craig war ein herausragender Repräsentant der internationalen Geschichtswissenschaft. Trotzdem blieb er bescheiden. Auf die Frage, was er hätte sein mögen, hat er einmal geantwortet: ein besserer Historiker. Die Neigung zur selbstironischen Distanz war eines der auffälligsten Merkmale des Gelehrten. Denn viele seiner Werke gelten längst als Klassiker.
Craig war auch originell. Er erinnerte nämlich daran, dass Geschichte keine exakte Wissenschaft sei, sondern eine »humanistische Disziplin«. Als Diener der Muse Klio müssten die Historiker wieder lernen, »Geschichte und Literatur miteinander zu verbinden«. Diese Kunst beherrschte Craig in hohem Maß. Immer wusste er interessant zu erzählen, mit einer Prise Altershumor und einem Sinn fürs Anekdotische. Vor allem hat er es wie kein anderer verstanden, die schöne Literatur als Quelle für die Geschichtsschreibung nutzbar zu machen. Zur Vertiefung seines Hintergrundwissens über die Wilhelminische Epoche widmete er sich unter anderem mit Begeisterung den Romanen Theodor Fontanes, dem er eines seiner schönsten Bücher gewidmet hat. An Fontanes Romanen rühmte er die Fähigkeit, tiefer in die gesellschaftliche Wirklichkeit und die Klassenkonflikte seiner Zeit einzudringen, als es die »Zopf-Professoren«, die Zukunftshistoriker, je vermocht hätten. An ihm als Kenner und Liebhaber der deutschsprachigen Literatur, schätzten vor allem seine Studenten und seine Leser, dass er mit viel Sprachgefühl und Lebendigkeit formulierte, fernab von trockenem Fachjargon.
Ein besonders enges Verhältnis verband Craig mit Berlin, wo er in den 1960er Jahren als Gastprofessor lehrte. Seit Jahren arbeitete er an einem Buch über die Berlin-Romane des 20. Jahrhunderts. Er konnte es leider nicht mehr zu Ende schreiben. Gordon Alexander Craig starb am 30. Oktober 2005 im Alter von 91 Jahren in einem kalifornischen Seniorenheim.
Gordon A. Craig war Träger folgender kultureller und staatlicher Auszeichnungen:
Mann | US-Amerikaner | Historiker | Träger des Bundesverdienstkreuzes | Geboren 1913 | Gestorben 2005
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