Unter Gnade versteht man eine wohlwollende Zuwendung an einen Abhängigen; der Gnadenempfänger ist der Willkür des Gewährenden ausgeliefert. In der christlichen Theologie ist die Gnade (lat. gratia) Gottes ein zentraler Begriff.
Das Gegenteil von Gnade ist Ungnade (als persönliche und willkürliche Strafe) oder Gnadenlosigkeit (als ungerechte Behandlung durch eine Allgemeinheit oder durch "blinde" Bilder, Schriften, Regeln), dies bedeutet im christlich-religiösen Sinne auch Ferne von Gott, unheilbare Sündhaftigkeit und alle "schlechten" Ungläubigen.
Das deutsche Wort Gnade leitet sich vom althochdeutschen ginada und vom mittelhochdeutschen genade her. Sprachgeschichtlich verwandt ist es mit dem germanischen Wortstamm neth, dem indogermanischen net und dem altindischen nath, was soviel heißt wie um Hilfe bitten.
Der Begriff der Gnade umschreibt ein Autoritätsverständnis im Christentum, das ursprünglich in der Zeit der Abgrenzung der jüdischen Urchristengemeinden vom antiken Judentum, vor allem vom jüdischen Apostel Paulus zuerst formuliert wurde. Nachzulesen im so genannten Neuen Testament ist diesbezüglich, dass die Gnade, dass heißt die göttliche Prädisposition dazu, die Auserwähltheit zur Gnade, gegen die jüdischen religiösen Gebote und Verbote, die Mitzvot und über diesen steht. Nicht nur Gott, sondern jede christliche Autorität in der gläubigen Welt (Bischöfe, Könige, Richter ... von Gottes Gnaden), ist nach dieser Auffassung gnädig, behandelt also ihre Schutzbefohlenen willkürlich persönlich und situationsbezogen und sortiert in die mit Gnade beschenkten und die der Ungnade verfallenen. Ein verbindliches Rechtssystem, dass zudem noch einsehbar und überprüfbar ist, oder als Standard z. B. im gesamten Reich gilt, sei von da her gar nicht nötig. Autoritäre diktaturähnliche menschliche Gesellschaftsformen werden so theologisch begründet und gestärkt. Dies beinhaltet auf der anderen Seite auch, dass die Schutzbefohlenen der Gnade bedürftig definiert sind, sie brauchen die starke gnädige Hand des göttlichen, kirchlichen, und weltlichen Herrn. Sie fallen sonst, nach christlicher Vorstellung, vom rechten Leben und vom rechten Glauben ab und erhalten nicht die volle Nähe zu Gott. Das heiße es, zu verhindern, da die Kirchen sich sicher sind, dass nur die Gnade, die einen Christusgläubigen geschenkt ist und der Christenglaube und die kirchlichen Sakramente zu dem höchst chr. Ziel auf Erden, der Chance zur leiblichen Auferstehung führen können. Untertanentum und Abhängighalten der Menschen sind demnach gottgewollt und gottgefällig. Endkontrolle und ethische Hygieneaufsicht sind die verschiedenen Instanzen der Kirchen, die demnach gottgewollt über den weltlichen Autoritäten stehen.
Die Gnade teilt auf in Gnädige und Ungnädige. Gegen in Ungnade Gefallene wird Willkür Unterdrückung und Ausbeutung leicht, da sie, weil der Gnade unheilbar nicht fähig, aus den Gesellschaften der Gnädigen, das sind die Christengemeinschaften und christlichen Reiche, ausgeschlossen sind. Steht in diesen christlichen Gesellschaften die Gnade für die Untertanen und Schutzbefohlenen vor dem Recht, letztendlich willkürlich-väterliche staatliche oder kirchliche Autorität, so steht den Ungnädigen nicht einmal Recht zu. Beispiele sind die Eroberungen Amerikas durch die christlichen Seefahrer und Conquistadores mit Zwangstaufen, Morden, Grausamkeiten an Menschen, Ausplünderungen und insgesamt etwa 100 Millionen Toten.
Gnade ist ein Mittel der Konkurrenzverhinderung, der Friedenssicherung und der Machtsicherung: Der Vater bestimmt gnädig, welches Kind was bekommen soll, damit sich die Geschwister nicht streiten. Gott und die kirchlichen Autoritäten bestimmen gnädig einen Herrscher, damit dessen Untertanen sich nicht uneinig über ihren Anführer werden (Gottesgnadentum) müssen. – Aus diesem Grund sollte es jeweils nur eine höchste Autorität geben und nicht mehrere, die sich streiten könnten wie die antiken Götter, die mittelalterlichen christlichen Könige, die Katholiken und Protestanten, die Päpste und Gegenpäpste, Kreuzzügler und Einwohner Jerusalems oder Muslime und Christen.
Diese christliche Gnadenordnung funktioniert allerdings nur dann, wenn nicht nur die persönliche Bevorzugung, sondern auch die persönliche Benachteiligung, z.B. als Andersgläubiger oder Ketzer, als Gnade statt als Ungerechtigkeit akzeptiert werden: Das Bestehen auf einem Recht vor den Autoritäten bedeutet die Verweigerung deren Gnade (vgl. Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig, Recht auf Kirchensteuer). Es bedeutet Abwendung von christlich-religiösen Autoritäten und Wiederherstellung von Rechtssystemen, wie in der freien Antike, im römischen Reich oder im Judentum, dem die Gerechtigkeit vorgeht, der Jude Ijob klagt berechtigter Weise sogar Gott, das ewige (gerechte) Wesen, im Bewusstsein seiner Unschuld an. Daher stellt sich in ehemals christlich dominierten Gesellschaften seit dem Spätmittelalter das Recht wieder zunehmend über die Gnade, die Kirchen verlieren durch Korruption, gnädige Willkür und Dekadenz an Einfluss. Ob das gnadenlose aber für alle gleiche Naturgesetz über dem gnädigen aber ungerechten Gott steht, oder die gnadenlose öffentliche Meinung über dem gnädigen aber kriegstreibenden und dekadenten Staatsoberhaupt, wird damit zu einem sozialen Grundproblem der Neuzeit. Europa und die westliche Welt sind in einem post-christlichen Zeitalter angekommen.
Seit dem 17./18. Jahrhundert werden Eigenleistungen vermehrt als empfangene Gnade ausgegeben, dies im Zuge einer behutsamen bürgerlichen Emanzipation und Sprachwandlung. Ein Symbol dafür ist der "begnadete" Künstler, der etwas Großartiges schafft (oder zerstört). Leben ist nach christlicher Auffassung eine hohe Gnade. In Diskussionen über Freitod, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Gentechnologie, lebensverlängernde oder -verkürzende medizinische Maßnahmen stellt sich Christen heute die Frage, ob Leben eine christlich zu deutende empfangene Gnade ist, einem Naturgesetz folgt, dass die Beherrschbarkeit des Lebens in Grenzen ermöglicht oder unerklärlich göttlich bleibt und nicht christlich-propagandistisch vereinnahmt werden kann.
Die Ungnade scheint eher wenig definiert zu sein und stellt die von Gott zur Ungnade selektierten Menschen oder Anhänger anderer Religionen, nach Vorstellungen der Kirchen, in die unmittelbare Nähe der Sünde und der Verdammnis und fern von Gott. Nach früherer kirchlicher Lehre wird die Gnade Gottes nur Christusgläubigen zuteil, aber nicht den Menschen anderer Religionen oder Ungnädigen. Manche Christen bezeichnen Atheisten, Ungnädige und Menschen anderer Religionen als mit einem Mangel behaftet, wie es der Deutsche Joseph Papst Ratzinger im Frühjahr 2006 verkündete, ihnen fehle das Wichtigste, die Gnade, die Liebe des Christengottes.
Heutzutage hat sich bei vielen Christen die weltoffenere und tolerantere Meinung durchgesetzt, dass der christliche Gottvater über allen Völkern, allen Nationen, Religionen und anderen Göttern steht und seine Gnade und Güte grundsätzlich allen Menschen angeboten wird, auch und gerade den Fremden, den Andersgläubigen, den Unmündigen, den Mühseligen und Beladenen und auch den Sündern. Es wir christlich-theologisch bestimmt, dass sogar diese Annahme der Gnade eigendlich durch Gottes Wirken bzw. Willen geschieht und nicht auf dem Willen und der Tat des beruht! ("Die Gnade, die nicht grenzenlos ist, verdient den Namen nicht!")
Grundsätzlich besteht die dichotome Lehre jedoch weiter, die Menschen einzuteilen in Gnädige, die die angebotene Gnade annehmen und diese von Gott geschenkt bekommen und die Ungnädigen, die nicht an Jesus glauben können oder wollen (obwohl Gott ihnen die Gnade anbietet) oder einfach einen anderen Glauben haben (Muslime, Juden, Hindus ...). In diesem Bereich hat sich bei stark christusgottgläubigen vielen Christen die weltoffenere und tolerantere Meinung noch nicht durchgesetzt, dass die christengöttlich zu Ungnädigen verdammten, nicht mit dem Teufel oder dem Bösen schlechthin, dem Antichristen, gleichzusetzen sind und tolleranter Weise in Ruhe gelassen werden sollten. ("Die christliche Ungnade ist eben auch grenzenlos und christengöttlich!")
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