Als Gleitschirm-Akrobatik wird das Fliegen akrobatischer Flugfiguren mit einem Gleitschirm bezeichnet (Kunstflug).
Dabei werden Flugfiguren ausgeführt, die ein Normal-Gleitschirmpilot nicht beherrschen muss. Zur Durchführung sind ein spezielles Training, sowie eine gute Körper- und Fluggerätebeherrschung unbedingt notwendig. Viele Flugfiguren erfordern ein exaktes Timing bei der Ausführung und somit eine gute mentale Verfassung des Piloten. Training und Vorführung dieser Flugfiguren finden zumeist aus Sicherheitsgründen über einem See mit Schwimmweste statt, das Mitführen eines Rettungsfallschirms ist obligatorisch.
Wettbewerbe
2006 findet zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft in dieser noch jungen
Sportart statt. Die bisher inoffizielle Weltmeisterschaft war das
Red Bull Vertigo in
Villeneuve am
Genfersee (
Schweiz). Weitere regelmäßige Akro-Veranstaltungen finden in
Ölüdeniz (
Türkei),
Voss (
Norwegen),
Lago d'Orta (
Italien),
Chambéry und
Annecy (beide
Frankreich) statt.
Die für das Publikum sehr spektakulären Wettkämpfe werden von den Piloten einzeln oder in Zweierteams vorgeführt. Daneben treten größere Gruppen als Showvorführung auf.
Figuren
Achtung !
Von Versuchen, diese Figuren ohne Vorkenntnisse und Erfahrungsaustausch mit erfahrenen Piloten nachzuahmen, ist absolut abzuraten! Das Risiko ist schwer abschätzbar!
Wingover
- Eigentlich ein extremer Kurvenwechsel während des Fluges mit seitlichem Auspendeln des Piloten. Je nach Ausführung kann die Figur von einem leichten Pendeln des Piloten unter dem Schirm bis hin zu einem massiven Übersteigen des Schirmes ausgeführt werden. Bei hohen Wingovern wirken auf den Piloten während kurzer Momente starke Beschleunigungskräfte.
- In gemäßigter Form ist es ein gutes Manöver, um die eigene Steuerungskoordination besser kennen zu lernen und zu trainieren. Die leichte Ausführung der Wingover wird meistens schon in der Grundschulung geübt.
- Gleichförmige, in einer Linie geflogene und hohe Wingover zählen zur hohen Kunst des Akrofliegens und verlangen vom Piloten Fingerspitzengefühl, ein gutes Timing und Präzision, sowie viel, viel Übung. Fehlerhafte Ausführung der Flugfigur kann zum Einklappen des Gleitschirms führen.
Steilspirale
- Die klassische Steilspirale ist eine einfache und meistens auch eine der ersten Figuren, die von Anfängern geflogen werden können. Der Pilot dreht sich dabei in einer Spiralbewegung um den Gleitschirm, der eine enge Kreisbahn fliegt. In einer vollen Spirale neigt sich die Eintrittskante des Gleitschirms in Richtung Boden.
- Die Spirale wird auch von „normalen“ Piloten als Schnellabstiegsmanöver genutzt, um effizient Höhe abzubauen. Die Sinkgeschwindigkeit liegt zwischen 10 und 15 m/s, es können aber auch Sinkwerte von über 25 m/s erreicht werden.
- Bei zunehmender Sinkgeschwindigkeit treten immer größere Fliehkräfte auf. Bei einem Sinken von 15-18 m/s können Belastungen von ca. 2,5 g auftreten. Bei Steigerung der Sinkgeschwindigkeit können diese Kräfte zu einem stabilen Flugzustand führen, der vom Piloten nur schwer auszuleiten ist.
Asymmetrische Spirale
- Eine Weiterentwicklung der Steilspirale und des Wingover. Dabei wird die Achse der Spirale immer mehr in Richtung Horizontale gedreht. Bei perfekter Ausführung kann sie so geflogen werden, dass der Pilot weit über Schirmhöhe steigt.
- Die Belastung für den Körper ist ähnlich hoch wie bei der Steilspirale, tritt jedoch in kurzen und heftigen Impulsen auf.
Fullstall
- Ein kompletter Strömungsabriss über die gesamte Schirmbreite. Dies wird erreicht, indem der Gleitschirm bis unter die Mindestfluggeschwindigkeit abgebremst wird. Während die Vorwärtsgeschwindigkeit gegen Null tendiert - teilweise wird sogar rückwärts geflogen - beträgt das Sinken ca. 9 m/s. Dabei bildet der Schirm meistens die Form eines Hufeisens oder einer Rosette.
- Der wichtigste Punkt bei dieser Figur ist das saubere Ausleiten, wenn durch nachlassenden Bremsleinenzug der Schirm wieder Vorwärtsfahrt aufnimmt. Befindet sich das Pendelsystem Schirmkappe - Pilot in diesem Zeitpunkt in einer ungünstigen Konstellation, kann es zu einem schnellen „Vorschießen“ des Schirms kommen und der Piloten in die Gleitschirmkappe hineinfallen und sich dort verhängen. Auch ein unsymetrisches Ausleiten kann zu einem unkontrollierten Flugzustand führen.
- Früher gehörte der Fullstall zum Programm der Grundausbildung, wird heute aber wegen der anspruchsvollen Ausleitung mit den modernen, dynamischeren Schirmen nur noch an Sicherheitstrainings geübt.
Vrille / Helikopter
- Eine Vrille ist ein einseitiger Strömungsabriss. Dieser wird durch Anbremsen der einen Flügelhälfte bis unter die Mindestfluggeschwindigkeit erreicht. In der Figur dreht sich der Gleitschirm flach um die eigene, senkrechte Achse. Dabei bewegt sich das eine Flügelende in der üblichen Flugrichtung (vorwärts), das andere Ende entgegen seiner normalen Flugrichtung (rückwärts).
- Eine Vrille über mehrere Umdrehungen geflogen, mit komplett geöffnetem Segel und dem Pilot sauber in der Drehachse zentriert, wird Helikopter genannt.
- Ein Helikopter wird meist aus dem Sackflug heraus geflogen und verlangt vom Piloten viel Feingefühl. Das Sinken während dieser Figur beträgt ca. 4-5 m/s.
- Eine Überleitung aus einem Helikopter in einen in die Gegenrichtung drehenden Helikopter wird auch als Twister bezeichnet.
Gegendreher / Looping
- Für dieses Manöver wird meistens über die asymmetrische Spirale Schwung geholt. Durch rechtzeitige Gewichtsverlagerung auf die Gegenseite und angepassten Bremseinsatz wird der Pilot durch den aufgebauten Schwung über den Schirm geschleudert.
- Wird diese Figur so geflogen, dass der Pilot senkrecht über seinen Schirm fliegt, spricht man auch von einem Looping.
- Der Looping und seine Vorbereitung ist eine der spektakulärsten, aber auch gefährlichsten Akrofiguren. Die Schwierigkeit besteht in der langsamen Trimmgeschwindigkeit des Fluggerätes. Der nötige Schwung kann nur durch spezielle Flugmanöver aufgebaut werden. Reicht dieser nicht aus, stürzt der Pilot in die Kappe.
SAT
- Der SAT wurde über Nacht zum Zauberwort der Akroszene. Der Name stammt vom Erfinderteam der Figur (Safety Acro Team), das diese Figur durch Zufall entdeckte. Die Figur wurde zur Grundlage für eine ganze Generation von neuen Akroflugfiguren, wie z.B. das Tumbling.
- Dabei wird eine Art Steilspirale geflogen, bei der sich aber der Drehpunkt der Flugbahn zwischen Pilot und Gleitschirm befindet. Der Schirm fliegt weiter vorwärts, während sich der Pilot rückwärts im Kreis bewegt. Bei der Einleitung können Extremwerte von 3,5 g Zentrifugalbeschleunigung entstehen; die Sinkgeschwindigkeit in diesem Manöver kann auf etwa 4 m/s reduziert werden.
Tumbling
- Beim Tumbling fliegt der Pilot nicht wie beim klassischen Looping über den Schirm hinweg, sondern der Schirm wird sozusagen unter dem Piloten „hindurchgeschleudert“. Dabei liegt die Drehachse wie beim SAT zwischen dem Piloten und dem Schirm. Die dafür notwendige Energie wird meist aufgebaut über einen Gegendreher, hohe Wingover oder über die asymmetrische Spirale. Dieser Schwung reicht meistens für zwei bis drei Umdrehungen.
- Dieses reinrassige Akromanöver verzeiht keine Fehler an Mensch und Material - Messungen während dieser Figur haben Belastungen von bis zu 6 g ergeben.
- Eine Weiterentwicklung ist das Infinity Tumbling. Durch geeignete Technik holt der Pilot, respektive der Schirm, bei jeder Umdrehung neuen Schwung, womit die Figur scheinbar endlos (engl. infinite) wiederholt werden kann.
- Erfinder und Rekordhalter ist Raul Rodriguez, der während der Free Flight 2006 in Garmisch-Partenkirchen (Deutschland) insgesamt 82 Umdrehungen vollbrachte.
Mac Twist
- Der Mac Twist (manchmal auch Ass Chopper genannt) ist salopp ausgedrückt eine Vrille, bei der die Drehachse der Flugbahn in die Horizontale gedreht wurde.
- Dabei wird der Schirm über eine normale oder eine asymmetrische Spirale auf die gleiche Höhe gebracht wie der Pilot. Dann wird durch einen starken Bremsimpuls der Schirm in die Vrille gedrängt. Gute Piloten schaffen bis zu vier Umdrehungen.
- Die größte Gefahr in diesem Manöver liegt darin, dass der Pilot aufgrund der Massenträgheit der Rotation der Gleitschirmkappe nicht schnell genug folgt und es dadurch zu einem Eindrehen der Fangleinen, dem sogenannten „Eintwisten“ kommt. Bereits ab einer vollen Umdrehung ist die Reibung der Leinen so hoch, dass die Bremsleinen nicht mehr wirkungsvoll betätigt werden können. Ab zwei Umdrehungen ist das Fluggerät nicht mehr steuerbar, es bleibt nur noch der Wurf des Rettungsfallschirms.
Siehe auch
Weblinks
- http://www.justacro.com - Gleitschirm-Akro Portal
- http://www.paragliding-davos.ch/akro.figuren.htm - gute Beschreibung diverser Manöver
- http://www.redbull-vertigo.com - Website der "Vertigo" Veranstaltung
- http://www.acromania.nl - Gleitschirm-Akro Site
Sportart Freies Fliegen Luftsport