Als lineares Gleichungssystem bezeichnet man in der linearen Algebra ein System aus linearen Gleichungen, die mehrere unbekannte Größen (Variablen, Unbekannte) enthalten.
Ein entsprechendes System für drei Unbekannte , , sieht beispielsweise wie folgt aus:
Allgemein lässt sich ein lineares Gleichungssystem mit Gleichungen und Unbekannten immer in die folgende Form bringen:
Das Standardproblem besteht nun darin, Werte für die Unbekannten zu finden, so dass alle Gleichungen erfüllt sind.
Für die Behandlung von linearen Gleichungssystemen ist es nützlich, alle Koeffizienten zu einer Matrix , der sogenannten Koeffizientenmatrix zusammenzufassen:
Damit schreibt sich ein lineares Gleichungssystem kurz
Sowohl die Koeffizienten , die Unbekannten , als auch die rechten Seiten entstammen dem selben Körper. Insbesondere gilt
Zur Festlegung eines linearen Gleichungssystems ist die Angabe der Unbekannten nicht nötig. Es genügt die Angabe der erweiterten Koeffizientenmatrix, die entsteht wenn an die Koeffizientenmatrix eine Spalte mit der rechten Seite des Gleichungssystems anfügt wird:
x und das Alter des Sohnes y. So gilt
Es ergibt sich also ein lineares Gleichungssystem mit zwei Unbekannten.
Formt man (1) durch Subtraktion von x zu
um und setzt dies in (2) ein, so folgt
Setzt man dieses Ergebnis in (1') ein so folgt dann
Also ist der Vater 46 Jahre und der Sohn 16 Jahre alt, zusammen also 62 Jahre. Vor sechs Jahren waren der Vater 40 Jahre und der Sohn 10 Jahre alt, der Vater also viermal so alt wie der Sohn.
Ein Vektor ist eine Lösung des linearen Gleichungssystems, wenn gilt. Ob und wie viele Lösungen ein Gleichungssystem besitzt ist unterschiedlich. Bei linearen Gleichungssystems treten drei Fälle auf:
Dabei ist das lineare Gleichungssystem genau dann lösbar, wenn der Rang der Koeffizientenmatrix gleich dem Rang der erweiterten Koeffizientenmatrix ist. Entspricht der Rang der erweiterten Koeffizientenmatrix auch noch der Anzahl der Unbekannten, so besitzt das Gleichungssystem genau eine Lösung.
Bei einem quadratischen Gleichungssystem gibt die Determinante Auskunft über die Lösbarkeit. Das Gleichungssystem ist genau dann eindeutig lösbar, wenn der Wert der Determinante der Koeffizientenmatrix ungleich Null ist. Ist der Wert jedoch gleich Null, hängt die Lösbarkeit von den Werten der Nebendeterminanten ab. Bei diesen wird jeweils eine Spalte der Koeffizientendeterminante durch die Spalte der rechten Seite (den Vektor b) ersetzt. Nur wenn alle Nebendeterminanten den Wert Null haben, hat das System unendlich viele Lösungen, ansonsten ist das Gleichungssystem unlösbar.
Insbesondere überbestimmte Gleichungssysteme besitzen oft keine Lösung. Hier sind dann Gleichungen vorhanden, die im Widerspruch zueinander stehen. Beispielsweise besitzt das folgende Gleichungssystem keine Lösung, da nicht beide Gleichungen erfüllen kann:
Dass ein lineares Gleichungssystem unendlich viele Lösungen hat, kommt dagegen insbesondere bei unterbestimmten Gleichungssystemen vor. Beispielsweise besitzt das folgende, aus nur einer Gleichung bestehende Gleichungssystem unendlich viele Lösungen, nämlich alle Vektoren mit :
Die Lösungsmenge eines linearen Gleichungssystems besteht aus allen Vektoren , für die erfüllt ist:
Liegt ein homogenes lineares Gleichungssystem vor, so bildet dessen Lösungsmenge einen Vektorraum. Damit sind für eine oder mehrere Lösungen auch deren Linearkombinationen (mit beliebigen ) Lösungen des Gleichungssystems. Den so entstandenen Lösungsraum nennt man Kern der Matrix . Das homogene Gleichungssystem ist genau dann eindeutig lösbar, wenn der Nullvektor die einzige Lösung („triviale Lösung“) ist.
Die Lösungsmenge eines inhomogenen linearen Gleichungssystem ist eine lineare Mannigfaltigkeit bzw. ein affiner Raum.
Die Lösungsmenge eines linearen Gleichungssystems verändert sich nicht, wenn man eine der drei elementaren Zeilenumformungen durchführt
Beispiel (die Koeffizienten von ausgelassenen Elementen sind ):
Lineare Gleichungssysteme in Stufenform können durch Rückwärtseinsetzen (Rücksubstitution) gelöst werden. Beginnend mit der letzten Zeile berechnet man dabei die Unbekannte und setzt das gewonnene Ergebnis jeweils in die darüberliegende Zeile ein um die nächste Unbekannte zu berechnen.
Lösung des obigen Beispiels:
Beispiel (die Koeffizienten von ausgelassenen Elementen sind ):
Wie lineare Gleichungssysteme in Stufenform können auch solche in Dreiecksform durch Rückwärtseinsetzen gelöst werden.
Beispiel (die Koeffizienten von ausgelassenen Elementen sind ):
Die Lösung des linearen Gleichungssystems kann direkt abgelesen werden. Im Fall des obigen Beispiels sind alle Vektoren der Form Lösungen.
Beispiel (die Koeffizienten von ausgelassenen Elementen sind ):
Auch bei dieser Form kann die Lösung direkt abgelesen werden.
Iterative Verfahren sind beispielsweise die zur Klasse der Splitting-Verfahren gehörenden Gauß-Seidel- und Jacobi-Verfahren. Diese konvergieren nicht für jede Matrix und sind für viele praktische Probleme sehr langsam. Modernere Verfahren sind vorkonditionierte Krylow-Unterraum-Verfahren, die insbesondere für große dünnbesetzte Matrizen sehr schnell sind.
Bei Anwendungen (z.B. Geodäsie) sind oft überbestimmte Gleichungssysteme zu lösen. Um den Messfehler von Messungen zu verringern, wird auf verschiedene Arten gemessen und es existieren mehr Messergebnisse als Unbekannte. In der Regel widersprechen sich die Gleichungen, wenn mehr Gleichungen als Unbekannte vorhanden sind. Als weitere Bedingung wird dann fast immer gestellt, dass die 2-Norm (die Addition der einzelnen Komponentenquadrate) des Residuenvektors minimal wird. Das liefert die Methode der kleinsten Quadrate.
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