Die Geschichtsphilosophie ist die philosophische Teildisziplin, die Geschehenes in einen möglichst umfassenden systematischen (Vermittlungs-)Zusammenhang stellt. Die geschichtlichen Daten selbst sind subjektiv und objektiv unvollständig und ergeben - wie Puzzlestücke - i.a. zunächst von selbst keinen sinnvollen Zusammenhang; der wird vielmehr erst in der philosophischen Schau oder Theorie hergestellt. Das Ergebnis sind die verschiedenen Geschichtsbilder.
Der Begriff "Geschichte" ist äußerst klärungsbedürftig. Schon in der Alltagssprache sind damit verschiedene Dinge verbunden. "Geschichte" kann eine Erzählung sein. Oder sie ist ein anderes Wort für "die Vergangenheit". Eine "Geschichte" über Dinge aus der "Geschichte" ist also eine Erzählung über Vergangenes. Geschichte ist ein Schul- oder Studienfach, das sich mit Dingen aus der Vergangenheit beschäftigt. Die Geschichtsschreibung erzählt - gelegentlich in durchaus fragwürdiger Weise - von vergangenen Dingen. Die Geschichtswissenschaften versuchen, Methoden zu finden, um Aussagen über Vergangenes überprüfbar und diskutierbar zu machen und sie so zu trennen vom rein subjektiv-ästhetischen Aneignen der Vergangenheit. Ein Grenzbereich zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtsphilosophie wird immer dann berührt, wenn es um die Frage nach den Ursachen bestimmter Ereignisse geht, denn die Bewertung verschiedener Aspekte hängt mit geschichtsphilosophischen Vorentscheidungen der Historiker zusammen beispielsweise in dem Sinne: Machen Männer Geschichte? Oder wirtschaftliche Verhältnisse? Oder gar das Klima?
Die Geschichtsphilosophie im engeren Sinne beschäftigt sich mit der Frage, was Geschichte eigentlich ist und sein kann, vor allem unter erkenntnistheoretischen Aspekten Erkenntnistheorie. Ist sie überhaupt etwas Objektives? Würde Geschichte, ähnlich wie eine Kernspaltung, auch ablaufen, wenn kein Mensch darüber nachdenkt? Oder ist sie nur eine willkürliche Zusammenschau, ein Märchen, das sich der menschliche Geist aus Einzelerinnerungen gebastelt hat, um eine chaotische Vergangenheit zu ordnen und sich seiner eigenen Stellung im Universum zu vergewissern? Entfaltet diese "Fiktion" dann wiederum Wirkung und prägt die Gegenwart? Gibt es eine objektive Kraft oder eine Gesetzmäßigkeit, die in der Welt wirkt, ähnlich wie die Gravitation? Oder sind solche Gesetzmäßigkeiten nur ein Konstrukt des menschlichen Geistes? Ist es grundsätzlich möglich, über das "Experiment" Geschichte Aussagen zu treffen, wenn man selbst im "Experiment" drinsteckt?
Noch häufiger wird auch, oft ohne dass die erkenntnistheoretische Problematik wirklich im Blick ist, unter moralischen Aspekten (die Geschichte philosophiert nach dem Motto:Hat die Geschichte einen Sinn? Ein Ziel? Oder regiert der pure [Zufall? Ist so etwas wie Evolution auch in der menschlichen Geschichte zu erkennen? Gibt es Staats- und Gesellschaftsformen, in denen sich der "Geist" der Geschichte am Vollkommensten inkarniert? Gibt es so etwas wie Rechte und Pflichten im Angesicht der Geschichte? Was ist der Maßstab für historischen Fortschritt? Macht? Oder Recht? Oder Freiheit? Wie verhalten sich freier Wille und mögliche Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte? Oft werden geschichtsphilosophische Überlegungen auch getätigt, um Macht- und Herrschaftsansprüche zu untermauern, die Grenzen zur Ideologie sind häufig fließend. All das zeigt: "Geschichte" ist ein schillernder Begriff - und wenn zwei Denker das gleiche Wort benutzen, so muss noch lange nicht das gleiche damit gemeint sein.
Es gibt einige grundsätzliche Möglichkeiten, die Geschichte philosophisch zu betrachten:
Literatur:
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Die Aufklärung hat ein vorwiegend optimistisches Geschichtsbild: Die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft geht vom "Reich der Notwendigkeit" hin zum "Reich der Freiheit", und dies in vielerlei Hinsicht: politisch, wirtschaftlich, moralisch. Der Pädagogik kommt als Mittel zur Verbesserung der Verhältnisse eine zentrale Aufgabe zu. Allerdings gibt es auch Pessimisten: Rousseau postuliert, dass der Mensch von einem idealen "Naturzustand" herkommt und durch die Gesellschaft verdorben wird.
Rousseau ist einer der wenigen Pessimisten unter den Aufklärern. Für ihn ist der Mensch nur im Naturzustand gut. Das Leben in der Gesellschaft, das durch Katastrophen u.ä. erzwungen wird, macht ihn böse. Rousseaus philosophischer Ausweg, um nicht völlig im Pessimismus zu versinken: Er postuliert, dass es im Grunde keinen Unterschied gibt zwischen dem Willen des Einzelnen und dem Gesamtwillen (volonté générale). Wenn also die Staatsorgane, die den volonté générale repräsentieren, ein bestimmtes Verhalten um des Gemeinwohls willen einfordern, so entspricht das im Grunde dem Willen jedes Einzelnen und ist damit gerechtfertigt. Mit dieser Theorie lieferte Rousseau die philosophische Begründung vieler Totalitarismen, an erster Stelle für Robespierres Schreckensherrschaft.
Literatur:
Schiller ist ein Dialektiker: Ausgehend von einem idyllischen Naturzustand, entfremdet sich der Mensch im Laufe der Geschichte immer mehr sich selbst. Mit Hilfe der Kunst gelingt es ihm aber, sich zu einem Zustand zu befreien, der dem Naturzustand überlegen ist, weil das Moment der Bewusstheit hinzu kommt.
Literatur: Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen" , hrg. von Klaus Berghahn, Reclam
Bezeichnend für das Geschichtsbild der Aufklärer ist Condorcets "Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes" (1795). Im Bewusstsein der unleugbaren Beschleunigung der Wissensmehrung in der damals überschaubaren Geschichte sind die Erwartungen an die Zukunft hoch. Die Grenzen des Menschenmöglichen erscheinen nicht absehbar. Das Vertrauen in die positiven Fähigkeiten des Menschen und in den auf Fortschritt programmierten historischen Prozess sind das Credo des Aufklärers.
Hegel portrait by Schlesinger 1831.jpg (Anmerkung: Die folgenden Ausführungen entsprechen in etwa dem Hegelverständnis Poppers und Russells, nicht dem aktuellen Stand der Hegelforschung)
Der Berliner Staatsphilosoph wird oft zitiert mit dem Prinzip des dialektischen Geschichtsverlaufs. Inhaltlich bedeutet seine Philosophie der Geschichte (1837) eine Antithese zum Geist und Buchstaben der Aufklärung. Nicht der Mensch sei das Subjekt der Geschichte, heißt es da, sondern der Weltgeist, der seine „Geschäftsführer“ fernsteuere. Wes Geistes Kind Hegel ist, verrät er, wenn er konkret wird. Seine angeblichen „Geschäftsführer des Weltgeistes“ heißen Alexander der Große, Caesar und Napoleon. Er verherrlicht die Gewalt im Staat („Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist.“) und im Krieg.
Literatur: Behrens, Klaus: Friedrich Schlegels Geschichtsphilosophie (1794-1808.)Ein Beitrag zur politischen Romantik, Niemeyer-Verlag, 1984
Literatur: Jacobs, Wilhelm G.: Gottesbegriff und Geschichtsphilosophie in der Sicht Schelling, Frommann-Holzboog, 1993
"Vom Kopf auf die Füße": Materialistische Geschichtsbilder im 19. Jahrhundert
Aus dem "kommunistischen Manifest" (1848) ist der Satz geläufig: "Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen." Von der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Kapitalismus tritt das Kollektiv geschichtsmächtig auf. Die Masse der Unterdrückten und Ausgebeuteten bestimmt danach den Gang der Geschichte maßgeblich. Vor dem Klassenkampf habe es den Kommunismus der Urgesellschaft gegeben. Der Sieg des Proletariats werde zum Kommunismus der klassenlosen Gesellschaft führen. Diese These wird deshalb kritisiert, weil sie benutzt wurde, um ein anderes System der Unterdrückung unter dem Namen "Diktatur des Proletariats" zu rechtfertigen.
Literatur: Droysen, Johann G. Historik insgesamt 5 Bände/Teile). Historisch-kritische Ausgabe, (Frommann-Holzboog) ISBN 3-7728-1122-1 (erscheint demnächst).
Bauer, Christoph J."Das Geheimnis aller Bewegung ist ihr Zweck", Geschichtsphilosophie bei Hegel und Droysen, Verlag Meiners 2000
Seine "Morphologie der Weltgeschichte" (1918) steht im Gegensatz zu allen drei genannten Ansätzen, weil sie keinen Fortschritt mehr kennt. Vielmehr wird die Geschichte vorgestellt als ein ländlicher Jahrmarkt mit acht Karussells als "Kulturen". Die Kulturkarussells drehen sich nicht gleichzeitig und mit gleichem Tempo, haben aber alle die gleiche Laufzeit von ungefähr 1000 Jahren. Grundlage von Spenglers Geschichtsbild ist die Vorstellung, dass es vergleichbare Phasen der Entwicklung in verschiedenen Regionen und Zeitaltern gibt. So war z. B. schon lange vor Spengler die griechische Sophistik mit der westeuropäischen Aufklärung verglichen worden oder die Antike mit der deutschen Klassik. Das Durchbuchstabieren dieser Erkenntnis zum biologistischen Schema der Weltgeschichte und der Behauptung, Geschichte erstmalig vorhersagen zu können, begründet zum einen den gewaltigen Verkaufserfolg, zum anderen auch die Attraktivität, die Spenglers Vorstellung ggf. immer noch hat.
Literatur:
Literatur:
Arnold Toynbee: A Study of History, 1947
Literatur: Jaques Monod: Zufall und Notwendigkeit, Philosophische Fragen der modernen Biologie, Piper Verlag München 1971
Literatur: Geschichte schreiben in der Postmoderne, Beiträge zur aktuellen Diskussion, herausgegeben von Conrad, Christoph und Kessel, Martina, Reclam 1994
Wachholz, Michael:Entgrenzung der Geschichte. Eine Untersuchung zum historischen Denken der amerikanischen Postmoderne Verlag Carl Winter, 2005
Literatur:
Daisaku Ikeda: Der chinesische Buddhismus, München 1987
Die Geschichtsvorstellungen des Islam lehnen sich eng an die jüdisch-christlichen Heilsvorstellungen an: Gott ist der Herr der Geschichte, die Menschen "assistieren" ihm in gewisser Weise. Nachdem Gott die Schöpfung gut gemacht hat, beginnt der "Abstieg" mit dem Sündenfall, Aufgabe des Menschen ist es, sich trotz der sündigen Welt auf den Heilsplan Gottes einzulassen. Dabei bekommt er Unterstützung und Anleitung durch zahlreiche Propheten. Der prominenteste und letztverbindliche dieser Propheten ist Mohammed. Wie Juden und Christen warten auch die Muslime auf eine Erlösergestalt, den Mahdi, mit dessen Wiederkunft das Jüngste Gericht beginnt. Stärker als im Christentum (dort gilt: gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gottes was Gottes ist) ist im Islam religiöse und weltliche Entwicklung miteinander verbunden. Das "Gottesreich", im Christentum meist vorwiegend spirituell interpretiert, hat im Islam eine sehr viel stärkere irdisch-politische Dimension. Der Muslim hat die Pflicht, Anstrengungen zu unternehmen für die Ausbreitung des Islams und des islamischen Staates (dschihad). Darüber, was "dschihad" konkret bedeutet, wird im modernen Islam kontrovers diskutiert. Die übliche Übersetzung "Heiliger Krieg" ist mit Sicherheit zu kurz gegriffen.
Auch in islamischen Ländern wurde und wird von vielen Wissenschaftlern um eine Geschichtsphilosophie gerungen, die sich von ihren religiösen Wurzeln khaldun.jpg emanzipiert. In der islamischen Philosophie wurden die Grundlagen dafür schon im frühen Mittelalter gelegt, als sich die so genannten Mutakallimun intensiv mit der antiken Philosophie beschäftigten und versuchten, der Vernunft vom Glauben unabhängige Bereiche zu erschließen. Philosophen wie Averroes, Avicenna und Salomon ibn Gabirol prägten später ganz entscheidend die europäische Scholastik, während sich ihr philosophischer Ansatz im Islam nicht durchsetzen konnte. Ein prominentes Beispiel dafür, wie sich der rationalistische Ansatz in der Geschichtsschreibung niederschlug, ist der arabische Gelehrte Ibn Chaldun (auch: Ibn Khaldun) (1332-1406), der eine weltimmanente Geschichtsphilosophie entwickelte. Die 'asabiya, die man als "Blutsbande", "Gruppengefühl", "Solidarität" oder soziale Bindung übersetzen könnte, ist für ihn die fundamentale Kraft, die historische Prozesse voran treibt. In der politischen Praxis allerdings erlebt gegenwärtig mit fundamentalistischen Strömungen eher eine heilsgeschichtlich orientierte Weltsicht eine Renaissance.
Literatur:
Literatur:
Barry Hallen: A Short History of African Philosophy, 2002
Jean-Godefroy Bidima: La philosophie negro-africaine, 1995
Reginald Nnamdi: Afrikanisches Denken: Sein Selbstverständnis und das Problem seiner Bezogenheit zum europäischen Denken, Frankfurt/Main 1987
Johannes Heising: Entwicklung und moderne Philosophie in Schwarzafrika. Wege zu einer unbekannten geisteswissenschaftlichen Tradition. Frankfurt/Main 1990
Link: (//www.gaph.org/) (Gesellschaft für afrikanische Philosophie)
Literatur: Postmoderne und Dekonstruktion, Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Reclam 1990.
Literatur: Békési, Janos: "Denken" der Geschichte? Zum Wandel des Geschichtsbegriffs bei Jacques Derrida. Verlag wilhelm Fink, 1995
Derrida, Jacques / Bennington, Geoffrey: Jacques Derrida, Ein Portrait. Suhrkamp 2001
Literatur: Keith Jenkins: Why History?, Verlag Routledge, 1999
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