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Ihre historische Hauptleistung vollbrachten die Nordmänner bereits vor der eigentlichen Wikingerzeit: indem sie ein hochseetüchtiges Segelfahrzeug entwickelten, mit dem sich große Distanzen überwinden ließen. Die früheste Erwähnung nordischer Kanus ist in Tacitus' Germania aus dem Jahre 98 n. Chr. zu finden. Die Svear, die er Suionen nennt und die auf einer Insel (Skandinavien) im Ozean siedelten, seien ein seefahrendes Volk gewesen. Die Besonderheit ihrer Schiffe war dabei, dass sie vorne wie hinten einen Bug hatten, sodass das Schiff in beide Richtungen ein- und auslaufen konnte.

Das Wikingerschiff wurde mit den Meereswellen fertig und mit ihm konnten auf Grund ihres geringen Tiefgangs (ca. 1,5 m) auch Flüsse befahren werden. Selbst ein Transport über Land war möglich. Der Bau aller Schiffstypen erfolgte ohne Pläne nur aus dem mündlich überlieferten Gedächtnis der Väter. Sämtliche hölzernen Schiffsteile aller Schiffstypen wurden mit verschiedenen Beilen aus Baumstämmen nach der jeweiligen Maserung gehackt. Daraus ergab sich insgesamt eine enorme Festigkeit und Belastbarkeit. Auch die Planken wurden nicht gesägt.

Einbaum


Am Beginn der Entwicklung zu den hochseetüchtigen Wikingerschiffen stand der Einbaum (Funde um 5000 v. Chr.), jenes auf der ganzen Welt verbreitete Urboot aus einem der Länge nach halbierten und ausgekehlten Baumstamm. Der Einbaum wurde aufgespreizt und den Seitenwänden Planken aufgesetzt (Funde um ca. 2500 v. Chr.), die einander wie Dachziegel überlappten. Die Spreizung nach außen bewirkte eine Verbreiterung des Schiffsquerschnitts je höher die Seitenwände wurden.

Hjortspring-Boot


Hjortspring.jpgFrühstes Zeugnis eines so vergrößerten Einbaums ist das 1922 wenige Kilometer östlich von Nydam in Dänemark gefundene Hjortspring-Boot aus der Zeit um 300 v. Chr. Das Boot wurde aus einem kleinen Moor auf der Insel Alsen geborgen. Zusammen mit zahlreichen Waffen war das schnelle Kriegskanu anscheinend einer Gottheit geopfert worden. Gefertigt worden war es aus Lindenholz. Es war eine Art Großkanu (19 m lang, 2 m breit, 0,7 m hoch, Länge des Bootsraumes 13,6 m), das mit Paddeln vorwärtsbewegt wurde und 22 Mann Besatzung hatte. Für den Halt der Seitenwände sorgten in den Schiffsboden eingesetzte Rippen, die mit Tauwerk an den Innenseiten der Planken festgebunden waren. Je 2 Planken waren in Klinkerbauweise untereinander und mit einer gemeinsamen Kielplanke durch Bastschnüre verbunden. Die Herstellung von so dünnen Holzplanken, wie sie beim Hjortspring-Boot Verwendung fanden, setzte die Verwendung von Metallwerkzeugen voraus. Einige Konstruktionsmerkmale des Bootes weisen auf die über 1000 Jahre jüngeren Wikingerschiffe hin: die dünnen Planken, der flache Boden und vor allem die Doppelenderkonstruktion.

Nydam-Schiff


Nydam.jpgDas 1863 im Nydam-Moor (Südjütland) gefundene Nydam-Schiff von ca. 320 vertritt die nächste Entwicklungsstufe. Die knapp 23 m langen Planken sind einteilig und ziehen sich über den ganzen Rumpf hin. Anders als das Hjortspring-Boot besitzt das schlank gebaute Hochseefahrzeug einen echten, nach oben gezogenen Bug, der mit der Bodenplanke verbunden ist. Auch weist es erstmals eiserne Niete auf, mit denen die Planken untereinander verbunden sind und sie überlappten, was dem Rumpf große Festigkeit gab. Die Eichenspante waren wie beim Hjortspring-Boot an Zapfen gebunden, die beim Behauen stehen gelassen wurden. Das Schiff war auf den Antrieb mit Rudern anstatt Paddeln eingerichtet und hatte kein Segel. Auf die Reling geschnürte Astdollen dienten wahrscheinlich als Ruderdollen. Heute wissen wir, dass es als Kriegsfahrzeug, als schneller Truppentransporter, diente und nordseetauglich war. Aufnehmen konnte es bis zu 45 Mann, von denen etwa 30 Mann Ruderer waren, die das Schiff antrieben.

Kvalsund-Boot


Das 1920 südwestlich von Ålesund (Westnorwegen) auf der Insel Nerlandsøya gefundene Kvalsund-Boot von etwa 450-750 zeigt dann schon die für Wikingerschiffe typischen hochgezogenen Steven und es hat eine senkrechte Kielplanke. Es ist an die 18 m lang, breiter und wohl auch stabiler als das Nydam-Schiff. Seine Bodenplatte besitzt an der Unterseite einen leistenartigen Vorsprung, der über die ganze Länge reicht und einen ersten Schritt zum Kiel darstellt. Die Ruderdollen sind mit Holznägeln auf der Reling befestigt. Zwar hat sich kein Hinweis auf einen Mast erhalten, aber der Rumpf ist so gestaltet, dass das Boot Mast und Segel gehabt haben könnte.

Segelschiff


Der Schritt zum Segelschiff wurde zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert gemacht, obwohl es eigentlich spätestens seit der Römerzeit hätte bekannt sein müssen, als die Westgermanen mit den römischen Flotten konfrontiert wurden. Die Entwicklung einer funktionsfähigen Takelage war aber der wesentlichste technische Fortschritt im Schiffbau, da erst mit Hilfe des Segels längere Distanzen bewältigt werden konnten. Der Segelmast bei den Wikingerschiffen war umklappbar und ließ sich in kürzester Zeit (ca. 1,5 Minuten) ab- und aufbauen. Das hatte den Vorteil, dass mit diesen Schiffen auf Flussläufen auch unter Brücken hindurchgerudert und anschließend wieder weitergesegelt werden konnte. In Verbindung mit dem schlanken, doppelendigen Schiffstyp konnten die Wikingerschiffe aber vor allem auch Geschwindigkeiten erreichen, die bis in die Neuzeit für größere Segelschiffe sonst unerreichbar blieben. Dabei erwiesen sich die elastischen Verbindungen von Planken und Spanten als sehr vorteilhaft, weil der Rumpf sich den unterschiedlichen Begebenheiten (z. B. Wellental und -berg) anpassen konnte. Betrug die Breite der Planken des Nydamschiffes noch 50 cm, so wurden sie auf dem Höhepunkt des Wikingerschiffsbaus bis zu 30 cm schmal, z. B. bei zwei Wikingerschiffen vom Schiffsfriedhof von Skuldelev.

Insgesamt sind mehr als 30 Rekonstruktionen angefertigt worden, die die hervorragenden Eigenschaften der Wikingerschiffe bestätigten. Der Nachbau des Gokstadschiffes z. B. bezeugte, dass sich die Schiffe auch auf hoher See mittels des Steuerruders von nur einem Mann steuern ließen. Insgesamt haben die Versuche mit den Nachbauten ergeben, dass Wikingerschiffe als Verdränger unter Segeln Geschwindigkeiten von bis 20 Knoten erreichen konnten - schneller fuhren auch motorisierte Frachtschiffe in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht. Das erklärt auch die in isländischen Segelanweisungen überlieferten äußerst knappen Reisezeiten, z. B. Westnorwegen-Südisland (rund 1300 Kilometer) 7 Tage, rund um Island 7 Tage.

Handelsschiffe


In den jüngeren Schiffsfunden, vor allem von Skuldelev, verschwinden allmählich die typischen wikingerzeitlichen Konstruktionsmerkmale. Die Schiffsböden werden breit und flach, sie gleichen sich der Mittelalterlichen Kogge an. Damit werden die Schiffe frachttauglicher und verlieren ihre Bedeutung als Kriegsschiffe und Truppentransporter. Das Schiff Roskilde I bricht vollkommen mit der alten Tradition. Statt eines Achtersteven bekam es eine gerades Heck.

Siehe auch


Literatur


  • Dirk Husemann: Reformstau im Drachenboot. in: Abenteuer Archäologie. Spektrum der Wissenschaft Verl.-Ges., Heidelberg 2006, 1, 78ff.
  • P. Cornelius Tacitus: De origine et situ germanorum liber (auch Germania).

Wikingerzeit | Geschichte (Seefahrt)

 

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