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Ursprünge


Als eine eigenständige Wissenschaft gibt es die Soziologie erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im Europa des 19. Jahrhunderts sowie mit der sich bildenden Industriegesellschaft verbunden. Vorläufer der Soziologie sind in der Geschichtswissenschaft, der Nationalökonomie, aber auch im Journalismus und in den Policeywissenschaften zu sehen.

Das Wort Soziologie ist eine von Auguste Comte Mitte des 19. Jahrhunderts geprägte Zusammensetzung aus dem lateinischen socius (gemeinsam) und dem griechischen lógos (Wort, Wahrheit, Wissenschaft). Comte schwebte dabei eine Art soziale Physik vor, eine auf einigen wenigen Universalgesetzen aufbauende ("positive") Naturwissenschaft des Sozialen. Comtes Ideen wurden relativ schnell wieder verworfen, der Begriff Soziologie wurde jedoch beibehalten.

Unmittelbare Vorläufer der Soziologie wie Karl Marx werden heute ebenfalls als soziologische Klassiker verstanden, was auch auf Friedrich Engels zutrifft, der mit "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" schon um 1844 eine wichtige - wenn auch "engagierte" - soziologische Studie vorlegte.

Als Begründer der Soziologie im heutigen Sinne werden insbesondere Max Weber und Émile Durkheim herausgehoben; doch sind hier der Engländer Herbert Spencer, der Pole Ludwig Gumplovicz, der Italiener Vilfredo Pareto und der Deutsche Ferdinand Tönnies mit nicht weniger Recht zu nennen.

Doch auch ältere Autoren haben Werke stark soziologischen Charakters geschrieben, etwa Xenophón, Polýbios, Ibn Khaldun, Giambattista Vico und Adolph Freiherr Knigge.

Entwicklung in Deutschland


In Deutschland erschien 1887 die erste Studie zur Begründung des heutigen Fachs Soziologie, "Gemeinschaft und Gesellschaft" von Ferdinand Tönnies. Er gilt, zusammen mit Georg Simmel und Max Weber, als Begründer der deutschsprachigen Soziologie. Bereits 1909 wurde die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gegründet (erster Präsident bis 1933 war Tönnies). Die erste ordentliche Soziologie-Professur hatte in der neu ausgerufenen Republik Deutschland seit 1919 Franz Oppenheimer inne.

Die Soziologie im oben beschriebenen Sinn konnte sich in Deutschland im Dritten Reich nicht weiter entwickeln: Ein Hochbetagter wie Tönnies wurde aus dem Beamtenstand geworfen. Viele andere, jüngere teilweise jüdische Soziologen, waren zur Emigration gezwungen und leisteten später wichtige Beiträge zur Entwicklung der Soziologie in den USA, aber auch z.B. in der Türkei und in Neuseeland.

Andererseits wurde die "Deutsche Soziologie" - ähnlich der Psychologie - unter den Nazionalsozialisten in einigen Bereichen der Empirie ausgebaut und als ideologische Stütze der Weltanschauung beansprucht (siehe Ernst Lewalter). Die Soziologie ist demnach - wie andere Wissenschaften - im Nationalsozialismus instrumentalisiert worden. Soziologieprofessoren an deutschen Hochschulen, deren Lehrstühle teilweise umbenannt wurden in solche für Philosophie, Politische Wissenschaften u.a., waren häufig Mitglieder der NSDAP oder von dieser dominierter Standesorganisationen, wie dem NS-Dozentenbund.

Bis in die 1960er Jahre waren soziologische Lehrstühle, gemessen am späteren Ausbau, relativ selten, doch dann gewann die Soziologie an gesellschaftlicher Bedeutung in der Bundesrepublik Deutschland; auf Grund dieses Bedeutungszuwachses und auf Grund der Politik der Bildungsexpansion kam es dann zu zahlreichen Lehrstuhl- und Institutsgründungen. Zu erwähnen ist hier insbesondere auch die von dem damals sehr einflussreichen, aber auch wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit umstrittenen Soziologen Helmut Schelsky inaugurierte Universitätsneugründung Bielefeld, die bis heute als soziologisches Schwergewicht gilt. Im Zuge der Studentenbewegung nahm in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die Zahl der Soziologiestudenten sprunghaft zu.

In der DDR wurde die sogenannte bürgerliche Soziologie massiv angefeindet. Es wurde eine marxistisch-leninistische Soziologie etabliert, die auch in die BRD hineinwirkte. Mit dem Zusammenbruch der DDR kam es dort zu zahlreichen neuen Professuren. Inzwischen fallen soziologische Lehrstühle und teilweise ganze Institute vermehrt dem Rotstift zum Opfer.

Einflussreich, auch auf die internationale soziologische Debatte waren in der Nachkriegszeit zunächst Helmut Schelsky (vgl. die Leipziger Schule) und René König, ab etwa 1965 - und stärker noch - insbesondere die Frankfurter Schule (Kritische Theorie) mit Namen wie Theodor W. Adorno und später Jürgen Habermas und Oskar Negt. In der jüngeren Zeit ist insbesondere auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns hinzuweisen.

International


Für den nordamerikanischen Raum sind als wichtige Meilensteine der Entwicklung der Soziologie die soziologische Chicago School um Robert Ezra Parks, der stark an ökonomischen Methoden orientierte Rational-Choice-Ansatz sowie der von Talcott Parsons etablierte Strukturfunktionalismus zu nennen. Anders in Großbritannien, wo eine den Folgeproblemen des Kolonialismus zu dankende leistungsfähige Social Anthropology (Ethnosoziologie) die Soziologie i.e.S. stark am Aufkommen hinderte. Auch der Symbolische Interaktionismus und die Ethnomethodologie wurden aus den USA nach Deutschland gebracht. Hinzuweisen ist auf die vom deutschen Sprachgebrauch divergierenden Unterscheidungen zwischen sociology, social theory, social und cultural anthropology. Der Einfluss insbesondere der Soziologie der USA war bei der Wiederetablierung der Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland deutlich spürbar - häufig in Form eines Re-Imports.

Einen besonders großen Beitrag zu Entwicklung der Soziologie haben französische Intellektuelle geleistet, beginnend mit Protosoziologen der Aufklärung wie Jean-Jacques Rousseau, dann Claude-Henri de Saint-Simon, über seinen Schüler Auguste Comte und die grundlegenden Werke von Émile Durkheim, der sich über die gleichfalls bedeutenden Gabriel Tarde und Arnold van Gennep hinweg zu setzen vermochte, über Marcel Mauss und Maurice Halbwachs bis zum großen Einfluss zeitgenössischer französischer Soziologen und Philosophen wie Pierre Bourdieu, Jean Baudrillard und Michel Foucault.

Ferner sind aus Großbritannien Herbert Spencer, Max Gluckman und Anthony Giddens, aus Italien Vilfredo Pareto, aus Polen Ludwig Gumplovicz und Bronislaw Malinowski, aus den Niederlanden Rudolf Steinmetz, aus Brasilien Gilberto Freyre zu nennen.

Soziologie ist heute eine weltweit institutionalisierte Wissenschaft. Dies findet seinen Ausdruck nicht nur in der Existenz der International Sociological Association (ISA) und den von ihr veranstalteten Weltkongressen, sondern auch in einem zunehmenden Blick über den Rand nationalstaatlicher 'Container' auf Weltgesellschaft und Globalisierungsprozesse.

Literatur


  • Helmut Schoeck: Soziologie. Geschichte ihrer Probleme. Alber, Freiburg und München 1952

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