LocationCanada.png | Kanada ist das zweitgrößte Land der Erde und wird seit Jahrtausenden von indigenen Völkern bewohnt.
Kanada ist eine relativ junge Nation, deren Geschichtsschreibung weniger als 500 Jahre umfaßt. Die Ureinwohner Kanadas sind die sogenannten First Nations/Premières nations (früher "Indianer" genannt) und Inuit (früher "Eskimos" genannt), die über eine Landbrücke, die Sibirien mit Alaska verband, aus Asien kamen. Es ist unsicher, wann genau diese Wanderungsbewegung stattgefunden hat. Unterschiedliche Theorien nennen Zeitspannen von 50.000 bis 15.000 Jahren in der Vergangenheit je nach Bemessung der durchschnittlichen Lebenserwartung und der Geschwindigkeit der Ausbreitung in Nordamerika. Der erste Kontakt zwischen Ureinwohnern und Europäern ergab sich vor etwa 1.000 Jahren, als sich Wikinger aus Island für kurze Zeit in Newfoundland niederließen. Zur eigentlichen Erforschung Kanadas durch die Europäer kam es jedoch erst 600 Jahre später.
Das heutige Kanada entstand durch Verschmelzung ehemals englischer und französischer Kolonien, die sich allmählich zu einem gemeinsamen, von Großbritannien unabhängigen, Bundesstaat entwickelt haben.
Die kanadischen Ureinwohner bildeten zur Zeit der ersten europäischen Besiedlung verschiedene Ethnien ("Stämme"), die in Grundzügen bis heute fortbestehen und teilweise in Clans organisiert sind. Zwischen "Native Americans" wie beispielsweise den Haida an der Pazifikküste und den Inutsch ("Cree"), die im Waldland und den Prärien zwischen den Rocky Mountains bis zum Atlantischen Ozean leben, bestanden große Unterschiede in Lebensweise und Kultur. Die Inutsch ("Cree", auch "Kri" oder "Cri"), bilden die größte indigene Gruppe in Kanada. Der Name "Kanada" leitet sich aus ihrer Sprache her, die der Algonkin-Sprachgruppe zugehört. Daneben gibt es als größere Sprachgruppe noch "Na-Dene". Die Athabasken wie beispielsweise die Haida sprechen Na-Dene-Sprachen. Diese Sprachen und Sprachgruppen sind im nordamerikanischen Raum teilweise auch sehr zerstreut und separiert, was nicht nur Hinweise auf Verwandtschaften, sondern auch auf Siedlungsgeschichte und Wanderbewegungen liefert.
Die sechs "Ratsfeuer" der Haudenosaunee (Irokesen), die um das Jahr 1000 aus dem Mississipi-Tal in das Gebiet zwischen Saint Lawrence River und Eriesee einwanderten, sowie die von ihnen abgespaltenen Wyandot (Huronen) bildeten eigene Nationen und Bündnisse ("Irokesenliga"), die nach Auffassung der Irokesen bis heute als eigenständige Nation fortbestehen.
Die indigenen Völker lebten in kleinen und größeren Gruppen und praktizierten schamanische Methoden, deren traditionelle Elemente ab und zu bis heute fortbestehen oder im Zuge eines neuen Selbstbewusstseins wiederbelebt wurden. Im Zuge kultureller, gesellschaftlicher und politischer Einsichten werden die etwa 609 indianischen Völker Kanadas seit den 70er Jahren "First Nations" (Erste Völker) genannt.
Die Inuit bilden eine separate Gruppe, die in einer letzten Besiedlungsbewegung aus Sibirien einwanderte und die arktischen Regionen (Nunavut) bewohnt.
Im 15. Jahrhundert lockten die reichen Fischgründe vor der Küste Neufundlands zahlreiche Fischer aus Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien. Englische und französische Fischer gründeten kleinere Siedlungen an der Küste, in denen der Fisch getrocknet und dadurch transportbereit gemacht wurde. Am 26. April 1497 landete John Cabot (Giovanni Caboto), ein Italiener in englischen Diensten, als erster namentlich bekannter Europäer im heutigen Kanada auf den Cape Breton-Inseln und erklärte das Land zum englischen Besitz. Die Franzosen unter der Leitung von Jacques Cartier erkundeten 1534/1535 das Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom und nahmen es für Frankreich als Kolonie Neufrankreich in Besitz.
Die Métis bilden heute eine eigene Gruppe. Sie beruhen auf Mischlingen, die zwischen dem 17. Jahrhundert und dem späteren 19. Jahrhundert aus europäischstämmigen Siedlern und indigenen Frauen hervorgegangen sind, und sind seit 1982 als indigene Ethnie anerkannt.
Nachdem die französische Krone 1674 die direkte Herrschaft über die Kolonie übernommen hatte, begann deren Expansion. Entdecker wie René Robert Cavelier de la Salle, Louis Joliet und Jacques Marquette erschlossen das Hinterland, entdeckten und befuhren den Mississippi und schufen damit die Grundlage für ein Kolonialreich, das sich im Landesinneren bis an den Golf von Mexiko erstreckte. Es entstand eine Kette von Forts und Ansiedlungen vom St. Lorenz-Strom zu den Großen Seen, von dort entlang des Mississippi bis nach Louisiana. Da den britischen Kolonien in Neuengland damit die Expansion in das Landesinnere abgeschnitten und der lukrative Pelzhandel erschwert wurde, kam es zu wachsenden Spannungen zwischen Briten und Franzosen, die durch die Konflikte in Europa verschärft wurden. Der britisch-französische Konflikt führte zu blutigen „Stellvertreterkriegen“ zwischen den mit beiden Seiten verbündeten Indianervölkern, von denen die Wyandot traditionell auf französischer, die Irokesen auf britischer Seite standen. Auch der Pelzhandel mit den Europäern, der den Zugang zu deren Waffen und Konsumgütern eröffnete, führte zu teils mit großer Härte ausgetragenen Kämpfen der Indianer untereinander („Biberkriege“).
Einen englischen Versuch, mit Hilfe der Irokesen die Kolonie während des Pfälzischen Erbfolgekriegs zu erobern (erfolglose Belagerung von Québec 1690), konnte unter der Führung des Gouverneurs Frontenac nicht nur abgewehrt werden, im Gegenzug vertrieben die Franzosen die Briten bis 1697 u. a. von der Hudson Bay, aus Neufundland und von Neuschottland. Der Bau französischer Forts bei Niagara, am Lake Champlain und am Allenghany River (Fort Duquesne) führten in Nordamerika 1754 noch vor dem Beginn des Siebenjährigen Kriegs zu einem offenen Ausbruch von Feindseligkeiten, die dort als Franzosen- und Indianerkrieg bezeichnet werden. Den Franzosen gelangen zunächst einige Abwehrerfolge (z. B. in den Schlachten am Monongahela (1755) und bei Ticonderoga (1758)), doch siegten die Briten unter General James Wolfe in der entscheidenden Schlacht auf der Abraham-Ebene am 12. September 1759, wo der fähige französische Oberkommandierende Louis-Joseph de Montcalm fiel, eroberten daraufhin Québec und 1760 unter dem Kommando von Jeffrey Amherst Montréal. Versuche, der bedrängten Kolonie aus Frankreich Hilfe zu schicken, wurden durch die überlegene britische Flotte unterbunden. Im Frieden von Paris vom 10. Februar 1763 trat Frankreich Kanada und Cape Breton an Großbritannien ab.
Im Québec Act von 1774 reorganisierten die Briten die Kolonie als Provinz Québec. Der französischstämmigen Bevölkerung kam man entgegen, indem das französische Zivilrecht neben dem britischen Strafrecht seine Geltung behielt und die Ausübung der katholischen Religion geschützt wurde. Während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1775–1783) besetzten 1775 nordamerikanische Truppen unter dem Kommando von Benedict Arnold Teile Kanadas, darunter Montreal, wurden jedoch in der Schlacht bei Québec am 31. Dezember 1775 geschlagen und räumten ihre Eroberungen wieder. Die Mehrheit der irokesischen "Stämme" der Mohawk und Cayuga, die auf der Seite der Briten gekämpft hatten, verblieb in Kanada oder zog dorthin. Nach der Anerkennung der USA durch Großbritannien im Frieden von Versailles (1783) siedelten sich zehntausende der britischen Herrschaft treu gebliebene Amerikaner („Loyalisten“) in Kanada an und anglisierten damit das bislang französisch geprägte Land. Gleichzeitig bildete ihre Anwesenheit ein erhebliches Hindernis für eine Übernahme Kanadas durch die USA oder eine Rückgabe an Frankreich. Da ihr Schwerpunkt an den Großen Seen lag, bildete sich so ein weiterer Siedlungskern, die sich dem französischen Teil in Religion, Kultur und Sprache unterschied. Die Verfassung von 1791 richtete demzufolge zwei Provinzen ein, das englisch geprägte Oberkanada und das französische Niederkanada mit jeweils selbstständigen Verwaltungen. Die Grenze zwischen beiden bildete der Ottawa-Fluss.
Ein erneuter Versuch der USA, Kanada im britisch-amerikanischen Krieg von 1812 bis 1814 zu erobern, scheiterte. Der Widerstand gegen die Invasoren spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines gemeinsamen Nationalgefühls. Helden dieses Kampfes wie Generalmajor Sir Isaac Brock und Laura Secord sind in Kanada bis heute populär.
Im frühen 19. Jahrhundert war Holz das wichtigste Exportgut Kanadas und wurde in Großbritannien auch zum Eisenbahnbau verwendet. Das Holz der Weymouthskiefer wurde zu Flößen zusammengebunden und über den Ottawa River zum Seehafen Quebec befördert. Das in Kanada reichlich vorhandene Eichenholz war schwerer als Wasser und musste deshalb mit leichterem Kiefernholz zusammengebunden werden. Auf dem Rückweg beförderten die Frachtschiffe bis zu 200 Einwanderer preiswert nach Kanada, weil weder Salz noch Ziegel den Stauraum der westwärts fahrenden Schiffe ausfüllen konnten.
Wohlhabende und einflussreiche Familien dominierten das von der Kolonialverwaltung eingesetzte Parlament. Moderate Reformer wie Robert Baldwin und Louis-Hippolyte Lafontaine forderten eine "verantwortliche Regierung", welche die Interessen der kanadischen Bevölkerung stärker berücksichtigt als die Interessen Großbritanniens. Radikale Reformer wie William Lyon Mackenzie oder Louis-Joseph Papineau forderten die Unabhängigkeit Kanadas und die Einrichtung einer Republik.
Die Zustände wurden jedoch von der Bevölkerung weiterhin vielfach als unbefriedigend angesehen, weshalb es verschiedentlich zu Unruhen kam, so 1836/1837 in der Caroline/McLeod-Affäre und 1849.
Der Wunsch nach einer verstärkten Selbstverwaltung und einer parlamentarischen Regierungsform führte 1840 zu einer Neuordnung der beiden Provinzen. Ober- und Unterkanada wurden zu einer gemeinsamen Provinz vereinigt. Das Englische wurde als alleinige Amtssprache eingeführt.
Die neugebildete Bundesregierung unter Premierminister John A. Macdonald kaufte 1869 von der Hudson Bay Company das Gebiet der späteren Provinzen Manitoba, Alberta und Saskatchewan. Die Besiedelung des Westens wurde von den dortigen Ureinwohnern und den Métis (Mischlinge zwischen Franzosen und Indianern) entschieden abgelehnt und so kam es zur Red River Rebellion, die bis 1870 dauerte. Die Aufständischen unter Louis Riel bildeten eine Übergangsregierung, deren Forderungen von der kanadischen Bundesregierung abgelehnt wurden. Nach der militärischen Niederschlagung des Aufstands floh Louis Riel in die USA. Im Unruhegebiet entstand 1870 die Provinz Manitoba, deren Rechtsordnung die Interessen von Englisch- und Französischsprachigen, Indianern und Métis, Katholiken und Protestanten sicherte.
1871 schloss sich British Columbia an. Aus den dünn besiedelten Gebieten des Nordens bildete man die Nordwest-Territorien ohne eigene Staatlichkeit.
Unter teils konservativen, teils liberalen Politikern nahm Kanada in der Folge einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung. Eine wichtige Rolle hierbei spielte der Eisenbahnbau, mit dessen Hilfe die Prärieprovinzen erschlossen wurden. Sie entwickelten sich in der Folge zu einer „Kornkammer der Welt“. Die private, aber staatlich geförderte Canadian Pacific Railway wurde zum wichtigsten Unternehmen Kanadas. Sie belebte Schifffahrt, Industrien und auch Siedlungen und betrieb sie teilweise selbst. Kanada unterhielt eine enge Wirtschaftsbeziehung zu Großbritannien, sichtbar u. a. an der Senkung von Zöllen für britische Waren ab 1896. Obwohl die kanadische Politik auf eine völlige Unabhängigkeit abzielte, unterstützte man Großbritannien im Burenkrieg und im Ersten Weltkrieg, in dem Kanada schwere Opfer brachte. Im Versailler Vertrag von 1919 und im Völkerbund trat Kanada als eigenständiges Staatswesen auf, ab 1927 entsandte es einen eigenen Botschafter in die USA.
Zur Finanzierung des Krieges wurde erstmalig eine Einkommensteuer erhoben, deren Steuersätze progressiv von 4% bis 25% anwuchsen. Während des Krieges konnten die Kanadierinnen das Frauenwahlrecht durchsetzen, das 1916 auf Provinzebene und 1918 auf Bundesebene eingeführt wurde. 1919 schlossen sich die verschiedenen Gewerkschaften zur Einheitsgewerkschaft zusammen.
In den westlichen Provinzen gründeten populistische Politiker die Progressive Partei mit dem Ziel, die Bedeutung der Landwirtschaft und die Rechte der Provinzen zu stärken. Diese Partei unterstützte den liberalen Premierminister Mackenzie King, der 1926 nach einem Alkoholschmuggel-Skandal zurücktreten musste, aber dennoch wiedergewählt wurde.
Als engster Handelspartner der Vereinigten Staaten litt Kanada besonders stark unter der Weltwirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit stieg bis auf 25 %. Die konservative Regierung von Richard Bedford Bennett (1930-1935) versuchte, die Wirtschaftskrise durch hohe Zölle und hohe Staatsausgaben zu bekämpfen. Aufgrund der knappen Haushaltslage musste das Konjunkturprogramm zurückgefahren werden und 1935 errang die Liberale Partei unter Mackenzie King erneut die Mehrheit der Wählerstimmen. Seine Regierung initiierte ein Wohnungsbauprogramm und eine Arbeitsmarktverwaltung, die Canadian Broadcasting Corporation (1936) und die Trans-Canada Airlines (1937; als Vorläufer der Air Canada). Erst 1939 konnte die Wirtschaftsleistung von 1929 wieder erreicht werden.
Die Weltwirtschaftskrise veränderte auch das politische System Kanadas. Einige Mitglieder der Progressiven Partei gründeten die Social Credit Party, die ein freiwirtschaftliches Programm vertrat. Andere Mitglieder fusionierten mit der Labour Party zur sozialistischen Cooperative Commonwealth Federation. Auch die Kommunistische Partei Kanadas genoss zeitweise hohe Aufmerksamkeit. In den 1930er Jahren entstand der kanadische Sozialstaat, der von Politikern aller Parteien weiterentwickelt wurde.
Premierminister Mackenzie King hielt den Ausbruch eines erneuten Weltkrieges bis zum 1. September 1939, dem Tag des deutschen Angriffs auf Polen, für unwahrscheinlich. Die Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich folgte am 10. September 1939, die Verzögerung sollte Kanadas Unabhängigkeit gegenüber Großbritannien herausstellen. Kanadische Soldaten kämpften 1941 in Hongkong, 1942 bei Dieppe, 1943 in Italien und 1944 in der Normandie bei der Invasion der Juno Beach. 1945 übernahmen kanadische Soldaten die Befreiung der Niederlande.
Je länger der Krieg andauerte, desto weniger Freiwillige meldeten sich für den Kriegseinsatz. Premierminister Mackenzie King versprach den Wählern, dass es keinen Zwang zur Wehrpflicht geben werde. Am 21. Juni 1940 wurde der National Resources Mobilization Act (NRMA) verabschiedet, welcher die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht zur Verteidigung Kanadas ermöglichte. Englischsprachige Kanadier forderten die aktive Beteiligung kanadischer Soldaten an den Kriegsschauplätzen, während die Frankokanadier jeden Einsatz außerhalb Kanadas ablehnten. Am 27. April 1942 fand in Kanada eine Volksabstimmung über die Einführung der Wehrpflicht statt, die von den überwiegend englischsprachigen Wählern befürwortet wurde. Die französischsprachigen Einwohner Quebecs leisteten gewaltsamen Widerstand gegen jede Einberufung. Erst 1944 wurden die ersten Wehrpflichtigen eingezogen. Von den 13.000 Wehrpflichtigen erreichten 2.463 die Front, wo 69 Wehrpflichtige starben.
Der Zweite Weltkrieg erhöhte den politischen Einfluss der Bundesregierung, die einen Sozialstaat mit Kindergeld, Krankenversicherung und Rentenversicherung aufbaute. Die durch Rüstungsausgaben stabile Konjunktur wurde durch neue Ölfunde in Alberta (1947) noch verstärkt. Im Jahre 1949 wurde das bislang selbständige Dominion Neufundland aus finanziellen Gründen zur kanadischen Provinz.
Als Folge des Zweiten Weltkrieges wurden die Vereinigten Staaten der wichtigste außenpolitische Partner Kanadas. Kanada war 1945 Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und 1949 Gründungsmitglied der NATO. Im Koreakrieg und während der Sueskrise übernahm Kanada die diplomatische Vermittlung zwischen den USA und deren Feinden. Dafür erhielt Außenminister Lester Pearson 1957 den Nobelpreis.
Die Provinz Quebec erlebte in den 1960er Jahren die Stille Revolution, die zu einem Aufschwung des Quebecer Selbstbewusstseins führte. Die Regierung des Quebecer Premierministers Jean Lesage, dessen Motto "Herr im Haus" (maître chez nous) war, drängte den dominierenden Einfluss der katholischen Kirche zurück und verstaatliche die Energieversorgung. Das neue Quebecer Selbstbewusstsein drückt sich auch in einem Aufschwung der Quebecer Kultur aus. Aus Protest gegen die schlechte soziale Lage der frankophonen Bevölkerung kämpfte der 1963 gegründete Front de Libération du Québec (FLQ, dt. Front für die Befreiung Quebecs) gewaltsam für die Rechte der Quebecer Bevölkerung. Premierminister Pierre Trudeau (Liberale Partei) bekämpfte die Terroristen mit harten Notstandsgesetzen und ließ die kanadische Armee in Montréal aufmarschieren.
In der Stillen Revolution wurde in einem Teil der Quebecer Bevölkerung auch der Gedanke einer Unabhängigkeit Quebecs populär. 1968 wurde der Parti Québécois (PQ, dt. Quebecer Partei) als politischer Arm der Souveränisten gegründet. Der Parti Québécois gelangte unter seinem Vorsitzenden René Lévesque 1976 an die Quebecer Regierung. Die Regierung des PQ erklärte 1977 Französisch zur alleinigen Amtssprache in Quebec (siehe Französisch in Kanada) und organisierte 1980 ein Referendum über die Unabhängigkeit der Provinz, die aber von den Wählern mehrheitlich abgelehnt wurde.
Auch auf der Bundesebene gab es große Veränderungen, die teilweise eine Reaktion auf das neue Quebecer Selbstbewusstsein waren. 1965 wurde das Ahornblatt zum Symbol einer neuen Nationalflagge bestimmt (eng. Maple Leaf, frz. Unifolié), die den britischen Union Jack ablöste. 1969, gut hundert Jahre nach der Gründung der Kanadischen Konföderation, wurde Französisch gleichberechtigt mit Englisch offizielle Landessprache. Diese Maßnahmen, gegen große Widerstände anglophoner Kanadier durchgesetzt, sollten die frankophonen Kanadier enger an das Staatswesen binden.
1982 verabschiedete Kanada eine neue Verfassung, welche die letzten Reste der Abhängigkeit von Großbritannien beseitigte. Diese Verfassung machte den Multikulturalismus zum kanadischen Staatsprinzip, er soll die Aufnahme der in jüngerer Zeit eingewanderten Kanadier erleichtern. Bilinguismus und Multikulturalismus verdanken die Kanadier dem liberalen Premierminister Pierre Trudeau (1968-1979), einem der herausragendsten kanadischen Politiker. Er bemühte sich darum, Kanada auch auf der internationalen Bühne stärker zur Geltung zu bringen, so dass man heute oft hört: Trudeau put Canada on the map. Als Gegner des Vietnamkrieges und Verfechter guter Beziehungen zu Kuba verärgerte Trudeau die Vereinigten Staaten. Aber er war auch sehr auf die kulturelle Eigenständigkeit Kanadas gegenüber den USA bedacht und förderte gezielt die Kanadische Kultur.
Nach den Parlamentswahlen von 1984 wurde der anglo-Quebecer Konservative Brian Mulroney neuer kanadischer Premierminister. Seine Politik der Annäherung an die USA gipfelte im Nordamerikanischen Freihandelsabkommen von 1992. Der Meech Lake Accord/Accord du Lac Meech von 1987 sollte die Quebecer durch die Festschreibung einer eigenen Quebecer Gesellschaft (distinct society/société distincte) innerhalb des kanadischen Bundesstaates enger an das kanadische Staatswesen binden und souveränistische Tendenzen in Quebec schwächen. Das Abkommen scheiterte allerdings am Widerstand der Parlamente in Manitoba und Neufundland. Als 1991 eine Mehrwertsteuer in Höhe von 7% eingeführt wurde, sank Mulroneys Popularität und führte 1993 zu seinem Rücktritt.
Sein Nachfolger Jean Chrétien von der links gerichteten liberalen Partei gewann die Parlamentswahlen von 1993 mit dem Versprechen, die Mehrwertsteuer abzuschaffen. Dieses Wahlversprechen konnte jedoch aufgrund der schlechten Wirtschaftslage nicht umgesetzt werden. Bis 1995 konnte Kanada jedoch als einziges G7-Land einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorweisen. 1995 führte der Parti Québécois, durch die Ablehnung des Meech Lake Accord/Accord du Lac Meech beflügelt, ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Quebec durch. Diesmal votierte nur eine knappe Mehrheit der Quebecer gegen die Loslösung von Kanada.
2003 übernahm der Liberale Paul Martin die kanadische Regierung. Seine Liberale Partei wurde durch einen Sponsoren-Skandal (sponsorship scandal/scandale des commanites) aus der Regierungszeit Chrétiens schwer gebeutelt und verlor bei den Parlamentswahlen von 2004 die Mehrheit im Parlament. In der Folge regierte Martin mit einer Minderheitsregierung, die sporadisch von der Neuen Demokratischen Partei unterstützt wurde. Außenpolitisch ging Martin auf Distanz zu den USA, indem er keine Truppen in den Irak-Krieg schickte und die kanadische Beteiligung am Militärischen Abwehrschirm der USA verweigerte. Im Jahr 2005 wurde Michaëlle Jean als Nachfolgerin von Adrienne Clarkson neue kanadische Generalgouverneurin. Bei vorgezogenen Neuwahlen nach einem Misstrauensvotum siegten am 22. Januar 2006 die Konservativen unter dem bekennenden Bush-Freund Stephen Harper, der versprach, schärfer gegen Korruption und Kriminalität vorzugehen.
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