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Irische Gesellschaft vor den Wikingern


Das frühe Mittelalter in Irland von 800 bis 1166 wird durch die Raubzüge der Wikinger, deren Besiedlung und dem Entstehen der ersten Städte geprägt. Das frühe Irland war in viele kleine Königreiche unterteilt, die sog. tuaithe (Einzahl: tuath). An der Spitze stand der ri tuath, ein König, der entweder von einer Herrschergeschlecht oder von sliocht (d.h. allen freien Männern des tuath) gewählt wurde. Alle Männer mit Landbesitz, Beurfstätige und Handwerker bildeten eine Versammlung (oenach). Das Land eines tuath gehörte nicht dem König, sondern allen freien Familien, die darauf lebten, die dem König dafür Abgaben leisteten und ihm im Kriegsfall kämpferisch zur Seite standen. Es gab 80-100 tuatha, die gleichzeitig nebeneinander existierten.

Über den tuaithe standen die mächtigeren Provinzkönige (ri ruireach) wie z. B. die Ui Neill-Dynastie in Tir Eoghan (Provinz Uladh; heute: Ulster). Trotz all dessen, war die gälisch-irische Gesellschaft nicht egalitär - die höchte Klasse, die Könige, galten als nemed (heilig). Die Könige verrichteten keine manuellen Arbeiten, da dies unter ihrer Würde (enech) war. Aufgrund des Wahlsystems in Fragen der Nachfolge, entstanden häufig gewalttätige Kämpfe unter den möglichen Nachfolgern. Neben den Königen galten auch die Kleriker und Poeten als "heilig". Unterhalb diesen Klassen standen die Landbesitzer und am unteren Ende des gesellschaftlichen Leiter waren die "unfreien", Arbeiter, die keine politischen Rechte hatten. Irland war nahezu komplett ländlich geprägt, mit nur einigen Siedlungen bevor die Wikinger auf der Insel ankamen und dies alles änderten.

Die Wikinger


Die ersten belegten Wikinger-Überfälle fanden im Jahr 795 statt, als Wikinger von Norwegen die Insel Lambay (vor der Küste Dublins) plünderten. Diese frühen Überfälle waren in der Regel schnell, lokal begrenzt und beendeten das Goldene Zeitalter der christlich-irischen Kultur. Was folgte, war ein zweihundert Jahre andauernder Krieg mit unzähligen Wellen plündernder Wikinger, die Klöster und Siedlungen in ganz Irland überfielen. Die meisten dieser frühen "Räuber" kamen aus den Fjorden im westlichen Norwegen und man vermutet, dass diese erst zu den Shetlandinseln und später zu den Orkney Inseln fuhren. Von dort aus ging es wahrscheinlich zur Atlantikküste von Schottland und schließlich nach Irland. Während dieser frühen Raubzüge erreichten die Wikinger auch die irisches Westküste und die Skellig Islands.

Wikinger-Siedlungen in Irland


WikingerIrland.png Sowohl Irland als auch England waren in den frühen 840er Jahren von den Raubzügen der Wikinger betroffen. Nach und nach begannen die Wikinger damit, eigene Siedlungen an der irischen Küste zu errichten und dort verbrachten sie oft die Wintermonate. Die wohl bekanntesten Siedlungen der Wikinger sind die heutigen Städte Waterford, Wexford und natürlich Dublin - die Funde bei Ausgrabungen nahe Kilmainham bewiesen die Anwesenheit der Wikinger in dieser Zeit. Schriftliche Zeugnisse dieser Epoche zeigen, dass sich die Wikinger von ihren Küstensiedlungen (oft über die Flüsse) ins Landesinnere vorbewegten, dort Raubzüge durchführten und sich wieder in ihre Küstensiedlungen zurückzogen.

Thorgest (lateinisch Turgesius) war der erste Wikinger, der versucht ein eigenen irischen Königreich zu erschaffen. Er begab sich 839 über die Flüsse Shannon und River Bann nach Armagh wo er ein Gebiet eroberte, dass Ulster, Connacht und Meath umfasste. 845 wurde Thorgest von Maelsechlainn I (König von Mide) gefangen und im Lough Owen ertränkt. 848 besiegte Maelsechlainn - nun Hochkönig - eine nordische Armee bei Sciath Nechtain. Indem er behauptete, sein Kampf würde auch im Namen des Christentums gegen die Heiden geführt, bat er um Unterstützung vom französischen Herrscher Karl dem Kahlen - allerdings ohne Erfolg.

852 landeten die Wikinger Ivar Beinlaus und Olaf der Weiße in der Bucht von Dublin und erbauten eine Festung auf dem Gebiet der heutigen Stadt Dublin. Olaf der Weiße war der Sohn einen norwegischen Königs und krönte sich selbst zum König von Dublin. Diese Krönung gilt allgemein als Gründung von Dublin, auch wenn griechische und römische Schriften bereits im 1. Jahrhundert von einer Siedlung an gleicher Stelle namens Eblana (oder Deblana) berichten. Ivar wurde Nachfolger von Olaf und nach dem Tod von Ivar entstand eine Unsicherheit im Königreich von Dublin, die viele Siedler der Wikinger dazu veranlasste, nach England oder Frankreich umzusiedeln. Doch neben Dublin gründeten die Wikinger auch andere Küstenorte und mit der Zeit vermischten sich die irischen und nordischen Bevölkerungsgruppen immer mehr und die sog. Gall-Gaels entstanden (Gall war das irische Wort für Fremde). Der nordische Einfluss findet sich in vielen irischen Königsnamen wieder, die auf nordische Namen zurückgehen, z. B. Magnus, Lochlann oder Sitric. Und auch DNA-Untersuchungen in diesen Küstenstädten belegen noch heute diese Vermischung. KoenigreicheIrland.png

914 begann eine neue Angriffswelle der Wikinger - diesmal von der Südküste aus, wo die Wikinger in Waterford eine neue Siedlung gründeten. Von dort aus führte man Raubzüge in ganz Südirland aus. Auch von Dublin führten die Nachfahren von Ivar Beinlaus nun wieder Raubzüge aus und eroberten einen Großteil der Insel. Diese Herrschaft wurde erst durch die verbündeten Kräft von Maelsechlainn II (König von Meath) und Brian Boru in den Jahren bis 1014 beendet. Im späten 10. Jahrhundert erreichte Brian Boru, ein Abkömmling eines obskuren Stammes aus dem mittleren Westen von Irland, durch politische Spielereien und Eroberungen genug Einfluss, dass er den Titel ard righ (Hochkönig) erhielt. Boru und seine Alliierte besiegten eine gemeinsame Armee aus Wikingern und Einheimischen bei der Schlacht bei Clontarf im Jahr 1014. Obwohl Boru dieses Schlacht nicht überlebte, war damit die Vorherrschaft der Wikinger in Irland gebrochen. Nach und nach gingen die übrigen Wikinger in der ansässigen Bevölkerung auf. Borus Nachkommen scheiterten bei dem Versuch einen gesamtheitlichen irischen Thron zu errichten und die daraus folgenden regionalen Territorialstreitereien führten indirekt zur möglichen Invasion der Normannen unter Strongbow im Jahr 1169. Irland war zwar nun seit ca. 150 Jahren erstmals wieder ein freies Land, aber die internen Kämpfe machten es keinesfalls friedlicher.

Die Ankunft der Normannen (1167 - 1185)


Anfang des 12. Jahrhunderts war Irland politisch in eine Vielzahl an kleinen Königreichen und Über-Königreichen (overkingdoms) zerfallen. Die Macht lang in den Händen einiger regionales Dynastien, die einander um die Vorherrschaft im Land bekämpften. Die nördlichen Uí Néill beherrschten ungefähr das Gebiet des heutigen Ulster, die südlichen Uí Néill waren die Könige von Brega (Meath). Das Königtum von Leinster wurde von den Uí Cheinnselaigh beherrscht, das relativ neue Königreich Osraige zwischen Leinster und Munster von der Familie der Mac Giolla Phádraig, Munster großteils von den Mac Cartaig und Connaght großteils von den Uí Chonchubhair.

Nach dem Verlust des Schutzes von Hochkönig Muirchertach MacLochlainn (durch dessen Tod 1166) wurde der König von Leinster Diarmait Mac Murchada (oder Diarmuid MacMorrough) gewaltsam von einer verbündeten Kraft unter dem neuen Hochkönig Ruaidri mac Tairrdelbach Ua Conchobair (oder Rory O'Connor) verbannt. Diarmait floh zuerst nach Bristol, dann nach Aquitanien und erhielt schließlich von Heinrich II. die Erlaubnis mit seinen Untertanen sein Königreich zurückzuerobern. 1167 konnte Diarmait die Unterstützung von Maurice Fitz Gerald gewinnen und später den Prinzen von Deheubarth (Königreich im südlichen Wales) dazu überreden, den gefangenen Halbbruder von Maurice, Robert Fitz-Stephen, zu begnadigen, damit dieser an seiner Fahrt teilnehmen konnte. Doch am wichtigsten war die Unterstützung des Earl of Pembroke Richard de Clare, besser bekannt als Strongbow.

Der erste normannische Kämpfer, der Irland betrat, war Richard fitz Godbert de Roche im Jahr 1167, doch erst 1169 landeten die Hauptkräfte der gemeinsamen Armee aus Normannen, Walisern und Flamen in der Grafschaft Wexford. Binnen kürzester Zeit war Leinster zurückerobert sowie Dublin und Waterford unter der Kontrolle von Diarmait. Strongbow wurde zum Thronerben seines neuen Königreiches. Diese Entwicklung bestürzte jedoch Heinrich II., da dieser einen rivalisierenden normannischen Staat in Irland fürchtete. Daraufhin reiste dieser nach Leinster um seine Autorität zu demonstrieren.

Die päpstliche Bulle und Heinrichs Invasion


Papst Hadrian IV. (der erste englische Papst) hatte bereits in einer seiner ersten Bullen im Jahr 1155 Heinrich II. dazu ermächtigt in Irland einzufallen um die kirchliche Korruption und Missbrauch zu bekämpfen. Heinrich landete mit einer großen Flotte 1171 bei Waterford und war der erste englische König, der irischen Boden betrat. Sowohl Waterford als auch Dublin wurde zu königlichen Städten erklärt. Hadrians Nachfolger (Papst Alexander III.) ratifizierte 1172 den Anspruch von Heinrich II. auf irischen Boden. Heinrich II. übergab seine irischen Ländereien an seinen jüngsten Sohn John, der den Titel Dominus Hiberniae (Lord of Ireland) erhielt. Als John überraschend seinem Vater als König von England nachfolgte (anstelle seines Bruders), fiel der Titel direkt unter den Einfluss der englischen Krone. Heinrich wurde von den meisten irischen Königen anerkannt, sahen diese in ihm eine Chance die Expansion von Leinster durch die Hiberno-Normannen aufzuhalten. Dies führte zur Ratifizierung des Vertrags von Windsor im Jahr 1175 zwischen Heinrich und Ruaidhrí. Doch mit dem Tod von Strongbow (1171) und Diarmuid (1176), der Rückkehr von Heinrich nach England und der Unfähigkeit von Ruaidhrí seine Vasallen zu zügeln, war der Vertrag binnen zwei Jahren nahezu wertlos geworden. 1177 fiel John de Courcy in Irland ein und eroberte einen Großteil des östlichen Ulster. Raymond le Gros hatte zu dieser Zeit bereits Limerick eingenommen und kontrollierte das nördliche Munster, während andere normannische Familien wie z. B. Prendergast, fitz Stephen, fitz Gerald oder fitz Heinrich bereits ihre eigenen virtuellen Königreiche planten. Die Barone sicherten ihren Besitz durch auch heute noch weithin sichtbare Burgen, und begannen, weitere Teile Irlands in Besitz zu nehmen.

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Lordschaft Irland


Hauptartikel: Lordschaft Irland
John_Castle_Limerick-seabhcan.jpg Die geringe Anzahl der Eroberer, auch aufgrund anglo-normannische Interessen anderswo (Schottland, Frankreich), machten eine normannisch-irische Zusammenarbeit erforderlich. Die Anglo-Normannen beschränkten sich daher auf die Absetzung der irischen Fürsten, und versuchten, eine Akzeptanz durch die irländische Bevölkerung (d.h. Iren und Wikinger) in den besetzten Gebieten zu erreichen. Die folgenden Jahrzehnte sahen die Konsolidierung anglo-normannischer Vorherrschaft, mit der die erste zentrale Verwaltung Irlands (insbesondere unter König Johann Ohneland (John Lackland), 1199-1216) und die Gründung vieler Städte einherging. Viele der bedeutenden Kathedralen Irlands stammen ebenfalls aus dieser Zeit.

Die mächtigste Kraft im Land waren die großen hiberno-normannischen Grafschaften, wie die der Geraldines, der Butlers und der Burkes, die große Gebiete kontrollieren, die nahezu unabhängig von den Regierungen in Dublin oder London waren. Der Lord of Ireland (daher der Name Lordschaft Irland) war König John, der bei seinen Besuchen 1185 und 1210 dabei half, die normannischen Gebiete in militärischer und administrativer Hinsicht zu sichern. Es schaffte es auch, diverse irische Könige unter seine Lehnseid zu bringen, z. B. Cathal Crobderg Ua Conchobair. Dem Namen nach war die Lordschaft Irland (die bis 1541 andauerte) ein inselumfassender irischer Staat - doch in der Realität beschränkte sich der Herrschaftsbereich neben einigen normannischen Hochburgen auf ein kleines Gebiet rund um Dublin, das als The Pale bekannt werden sollte.

Doch die Hiberno-Normannen mussten eine Reihe von Rückschlägen hinnehmen, die ihre Ausbreitung, Siedlungspolitik und Macht einschränkten. Zuerst wurden eine Reihe von Rebellionen von gaelischen Lords initiiert, die Teilweise Ressourcen banden, teilweise sogar Gebiete eroberten. Weiterhin versiegte der Rückhalt von Heinrich III. und seinem Nachfolger Edward I. (der sich mehr um Angelegenheiten in England, Wales und Schottland kümmerte), so dass die normannischen Kolonisten keinerlei (oder nur wenig) Nachschub aus England erhielten. Und letztendlich wurde die normannische Position auch durch Streitereien innerhalb ihrere eigenen Reihen geschwächt und durch die Aufteilung von Ländern auf mehrere Söhne im Sinne der Nachfolge zersplitterte das Land in schwächere Einheiten (die Marshalls von Leinster zerteilten eine Grafschaft in einem Fall sogar in fünf Teile).

Gälischer Widerstand, Fall der Normannen (1254 - 1536)


Zu dieser Zeit entstand erstmals eine einheitliche irische Bewegung, die auch einige militärische Erfolge verbuchen konnte (1261 bei Callan, 1270 bei Carick-on-Shannon).

Im 14. Jahrhundert wurde das hiberno-normannische Irland von drei Vorfällen erschüttert:

  • Den Einfall des schottischen Edward Bruce in Irland, der 1315 viele der irischen Lord gegen die englische Präsenz verbündete. Obwohl Bruce letztendlich bei der Schlacht bei Faughar (nahe Dundalk) unterlag, verursachten seine Truppen, vor allem in der dicht besiedelten Region um Dublin, beträchtlichen Schaden. In dieser chaotischen Situation konnen die irischen Lords große Teile des Landes zurückerobern, das sie bei der Eroberung der Normannen verloren.
  • Die Ermordung von William Donn de Burgh, 3. Earl von Ulster im Juni 1333 führte zur Dreiteilung seines Landes durch seine Verwandten. Das Gebiet in Connacht rebellierte offen gegen die Krone und verbündete sich mit den Iren - dadurch war quasi das komplette Gebiet westlich des Shannon für die Hiberno-Normannen verloren. Es sollte mehr als zweihundert Jahre dauern, bis sich die Burkes (wie sie dann genannt werden), wieder der Dubliner Administration anschließen.
Pestilence spreading 1347-1351 europe.png

  • Die dritte Katastrophe für die mittelalterliche englische Präsenz in Irland war die Pest, die 1348 Irland erreichte. Da die englischen und normannischen Bewohner hauptsächlich in Städten und Dörfern auf engem Raum wohnten, traf sie die Pest deutlich stärker, als die einheimischen Iren, die in weitgestreuten ländlichen Siedlungen wohnten. Eine Darstellung des Klosters in Kilkenny bezeichnete die Pest als den beginnendes Ende der Welt. Nachdem die Plage auf der irischen Insel gewütet hatte, waren die Iren wieder in der Übermacht und die irische Sprache sowie deren Sitten dominierten. Das Gebiet, das von England dominiert wurde, war auf das sog. Pale geschrumpft - ein befestigtes Gebiet rund um Dublin.

Außerhalb des Pale nahmen die hiberno-normannischen Lords nach und nach die irische Sprache und die irischen Sitten an - sie wurden als die Old English (alten Engländer) bekannt und man sagt, sie wurden irischer als die Iren. In den folgenden Jahrhunderten verbündeten sich die Lords bei diversen politischen und militärischen Konfrontationen mit den Iren gegen die Engländer und blieben auch nach der Reformation katholisch. Die Machthaber des Pale fürchteten sich so sehr vor der Gälisierung, dass sie 1366 einige Gesetze im Parlament von Kilkenny (die sog. Statuten von Kilkenny) erließen, die es den englischstämmigen Lords untersagten, irisch zu sprechen, irische Kleidung zu tragen oder Irischstämmige zu heiraten. Da die Regierung in Dublin aber nur wenig Autorität besaß, blieben die Statuten außerhalb des Pale nahezu ohne Folgen.

Im 15. Jahrhundert blieb dieser Trend der Gälisierung ungebrochen - er nahm sogar an Geschwindigkeit zu. Die zentrale englische Autorität in Irland verschwand, was auch daran lag, dass die englische Krone mit dem Rosenkrieg anderweitig involviert war.

Das Verschwinden der Zentralmacht in der Kolonie führte dazu, dass im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert eine Reihe wichtiger irischer Königreiche und Lordschaften entstanden, zwischen denen bis in die 1500er Jahre hinein diverse Grenzverschiebungen stattfanden.

Siehe auch


Irische Geschichte

Early Medieval Ireland 800–1166

 

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