Gershom Scholem (* 5. Dezember 1897 in Berlin; † 21. Februar 1982 in Jerusalem; früher Gerhard Scholem) war ein jüdischer Religionshistoriker, der seine Arbeiten in Ivrith, Deutsch und Englisch schrieb; er hatte einen Lehrstuhl zur Erforschung der jüdischen Mystik an der Hebräischen Universität Jerusalem inne.
Seit 1912 war Scholem aktiv in der jüdischen Jugendbewegung, verließ diese jedoch wegen ihrer Haltung zum Ersten Weltkrieg. 1915 begegneten sich Scholem und Walter Benjamin, deren Freundschaft bis zu Benjamins Tod 1940 andauerte.
1917 lernte er in der Pension Struck in Berlin, in der er damals wohnte, aktive Zionisten aus Ost-Europa kennen. Im Juni 1917 wurde Scholem zum Militärdienst eingezogen, stellte sich aber erfolgreich geisteskrank und wurde nach drei Monaten entlassen und im Januar 1918 dauerhaft freigestellt. Nachdem er zunächst Mathematik und Philosophie an der Universität Jena studiert hatte, wechselte er zum Philosophiestudium nach München, wo er seine Dissertation über das Buch "Bahir", eine kabbalistische Schrift, verfasste. Von Mai 1918 bis März 1922 studierte er orientalische Sprachen und Philosophie an der Universität in Bern. 1922 in München promoviert, verließ Scholem Deutschland im September 1923.
Scholems Auswanderung nach Palästina war eine Entscheidung für den politischen Zionismus und zugleich eine solche gegen den Versuch, als Jude in Deutschland sein Judentum leben zu können; offenkundig hatte Scholem bereits in den frühen zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts fast prophetisch erkannt, dass die Assimilation der Juden in Deutschland endgültig misslungen war; als Jude konnte man kein Deutscher bleiben, als Deutscher kein Jude sein: das hatte Scholem die Geschichte des 19. Jahrhunderts gelehrt, die bevorstehende sollte es aufs Grauenvollste bestätigen. In Palästina lebte er zwar nicht als orthodoxer, doch als gläubiger Jude; politisch verstand er sich als Mitglied der Linken.
Von Anfang an war er um eine Verständigung zwischen Juden und Arabern in Palästina bemüht; von 1925 bis 1933 war er Mitglied von Brith-Shalom, einer gesellschaftlichen Gruppierung, welche die Wiedergeburt des jüdischen Volkes erstrebte und die Verständigungspolitik vertrat. 1931 wurde diese Gruppe offiziell vom Zionistenkongress ausgeschlossen. In Jerusalem arbeitete Scholem zunächst als Bibliothekar. Gleich nach der Eröffnung der Hebräischen Universität 1925 lehrte er jüdische Mystik; 1933 wurde für ihn eine Professur geschaffen.
Nach der Gründung des Staates Israel war Scholem ein angesehener Bürger des Staates, Freund ihrer ersten Präsidenten und Premierminister, Präsident der israelischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenbürger von Jerusalem. - Scholems Bruder, der als Angehöriger der sogenannten "Fischer-Maslow-Gruppe" aus der KPD ausgeschlossene ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete Werner Scholem, wurde im Dritten Reich ermordet.
In seinem Freund Benjamin hat Scholem das metaphysische Ingenium (Geisteskraft) bewundert, von dem er sich einmal die Erneuerung der Metaphysik 'aus den Quellen des Judentums' versprochen hatte - ein Versprechen, das Benjamin, der sich zum unorthodoxen Marxisten entwickelte, nicht erfüllen konnte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Scholem gemeinsam mit Theodor W. Adorno Benjamins Werke der deutschen Literatur zurückgebracht. Scholem selber hörte irgendwann auf zu philosophieren, er nahm die Philosophie nicht mehr ganz ernst; erst nach seinem Tod veröffentlichte "Tagebücher nebst Aufsätzen und Entwürfen" zeigen, wie ernst er in den frühen Jahren über logische und erkenntnistheoretische Fragen nachgedacht, wie tief er über die großen metaphysischen Probleme spekuliert hat.
Stattdessen wurde Scholem der eigentliche Wiederentdecker der Kabbala, die weitgehend vergessen war und von der Wissenschaft vom Judentum missachtet wurde; Scholem hat die Erforschung der jüdischen Mystik begründet, der er den größten Teil seiner Lebensarbeit widmete. Die Kabbala ist kein philosophisches System, sondern zunächst eine Erscheinung der Religionsgeschichte, die sich allerdings denkbar eng mit Fragestellungen der traditionellen Philosophie berührt. So wird etwa von der lurianischen Schöpfungstheorie, die Scholem häufig behandelte, im Grunde der Gesamtverlauf der Geschichte nachgezeichnet: vom Zimzum, der Einschränkung Gottes in sich selbst, über eine Welt der "Verwirrung", der bloß punktuellen Sefiroth, die in den "Hüllen" oder "Gefäßen" sich ordnet, zum "Bruch der Gefäße" und der endlichen Restitution, dem messianischen Tikkun. Stellt die Vision des Isaak Luria den Geschichtsprozess "als ein gnostisches Drama" dar, so verspricht der messianische Enthusiasmus "die Verwirklichung des Guten auf unserer Erde", ja, die "kosmische Erlösung alles Seienden", wie Scholem in seinen "Betrachtungen zur jüdischen Theologie in dieser Zeit" von 1973 schrieb.
Nach dem Ende des Naziregimes reiste Scholem oft nach Deutschland, zuerst 1946 im Auftrag der Hebräischen Universität, auf der Suche nach den von den Nazis geraubten jüdischen Bibliotheken und Sammlungen. Später kam er häufig im Zusammenhang mit der Edition von Benjamins "Gesammelten Schriften", auch eigener Arbeiten wegen, für die er neue Quellen in Deutschland erschloss.
Noch 1981 hielt er sich als Gast des Wissenschaftskollegs in Berlin auf. Scholem war jedoch mit der Leidensgeschichte seines Volkes viel zu vertraut, als dass er Auschwitz und Buchenwald für weltgeschichtliche Unglücksfälle halten konnte; sie waren für ihn eine Konsequenz, die er unbewusst schon fürchtete, als er 1923 nach Palästina auswanderte, und die, als sie Realität wurde, ihn nicht mehr allzu sehr erstaunte. Zugleich markierte die Vernichtung der Juden eine historische Trennlinie, nach der beide nicht weiterleben konnten wie bisher: die Juden nicht und die Deutschen noch weniger. Das "deutsch-jüdische Gespräch" hat er einen Mythos genannt, weil "mit den Toten kein Gespräch mehr möglich ist". "Nur im Eingedenken des Vergangenen * kann neue Hoffnung auf Restitution der Sprache zwischen Deutschen und Juden, auf Versöhnung der Geschiedenen keimen."
Zionist | Mann | Israeli | Geboren 1897 | Gestorben 1982
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