gerhard_richter_02_2005_düsseldorf.jpg | Gerhard richter vor strontium 110205.jpg Gerhard Richter (* 9. Februar 1932 in Dresden) ist einer der international erfolgreichsten deutschen Maler unserer Zeit. Er zählt zu den prominentesten Vertretern der deutschen Nachkriegskunst.
Ende der 1960er Jahre arbeitete er als Kunsterzieher und 1967 als Gastdozent an der Hochschule der Bildenden Künste, Hamburg. Von 1971-1993 lehrte er als Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. 1972 setzte er sich mit Uwe Johnson, Heinrich Böll, David Hockney, Günther Uecker, Henry Moore, Richard Hamilton, Peter Handke und Martin Walser für seinen Kollegen Joseph Beuys ein, dem vom damaligen nordrheinwestfälischen Kultusminister Rau die Lehrerlaubnis entzogen worden war. Seit 1998 lebt und arbeitet Richter in Köln. Im Jahr 2000 erhielt er den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen.
Während der ersten Hälfte der 1960er Jahre kooperierte Richter in gemeinsamen Ausstellungen mit Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner. Mit ihnen kreierte er den Kapitalistischen Realismus, der den Sozialistischen Realismus, die offizielle Kunstdoktrin der damaligen sozialistischen Länder, ironisiert. Mit dem Kapitalistischen Realismus sollte die westliche Konsumgesellschaft kritisch reflektiert werden. – Doch schon 1964 erhielt Richter die Gelegenheit zur ersten Einzelausstellung und wurde bald in vielen in- und ausländischen Galerien sowie Museen präsentiert. 1972 wurde er zur Teilnahme an der Biennale von Venedig (Werkgruppe „48 Portraits“) eingeladen. Eine interessante Episode in Richters künstlerischem Werdegang ist die Kooperation mit Blinky Palermo. Mit ihm verbindet ihn ab 1962 eine Freundschaft, die in einer gemeinsamen Galerieausstellung (1970) und zwei gemeinsamen Dyptichen (1971) mündete. „Zwei Skulpturen für einen Raum von Palermo“ stellte Richter für einen von Palermo malerisch gestalteten Galerieraum in Köln her. Es sind zwei Büsten, die nach Gipsabgüssen Palermos und Richters Kopf darstellen und in Gerhard Richters Werk singulär sind (Rekonstruktionen gehören heute zum Bestand des Lenbachhauses in München).
1962 begann der Künstler mit seinem „Atlas“, in dem er Zeitungsausschnitte, Fotografien, fotografische Serien, Entwürfe, Farbstudien, Landschaften, Portraits, Stillleben, historische Stoffe, und Collagen sammelte, vielfach Vorlagen für Gemälde, die oft erst Jahre später aufgegriffen wurden. (1997 wurde der „Atlas“ auf der Documenta in Kassel gezeigt.)
Gerhard Richters internationale künstlerische Anerkennung stieg in den Folgejahren, so dass ihm in den Jahren 1993/1994 eine umfassende Retrospektive mit Stationen in Paris, Bonn, Stockholm und Madrid gewidmet wurde. 2002 feierte ihn das Museum of Modern Art, New York anlässlich seines 70. Geburtstags mit einer umfassenden Retrospektive. In ihr wurde mit 188 Exponaten die dort größte jemals einem lebenden Künstler gewidmete Ausstellung gezeigt.
Am 20. August 2004 wurden die Gerhard-Richter-Räume im Dresdner Albertinum eröffnet. Dort werden 41 Werke als Dauerleihgabe ausgestellt.
Anfang 2005 fand in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW K20 eine umfangreiche Retrospektive statt, in der unter anderem die Scheibenbilder und acht grau ursprünglich für das Guggenheim Museum in Berlin, jetzt im Guggenheim in Bilbao zu Hause, zu sehen waren. Im unteren Bereich befand sich das aus 130 C-Prints bestehende 9 x 9m große Werk ‚Strontium’ aus dem Jahre 2004 (für das San Francisco Museum of Modern Art, USA). Die Ausstellung wird anschließend in der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus sowie in Kanazawa und Sakura in Japan präsentiert. In Burgdorf im Museum Franz Gertsch hängen einige Bilder, viele in seinem Grau.
Richter heiratete 1957 Marianne Eufinger; neun Jahre später wurden sie Eltern der ersten Tochter, Betty. Er heiratete 1982 seine zweite Frau, die Bildhauerin Isa Genzken. Richter bekam seinen Sohn Moritz mit seiner dritten Gattin, Sabine Moritz, im Jahr ihrer Hochzeit 1995. Ein Jahr später wurde seine zweite Tochter, Ella Maria, geboren. Er lebt mit seiner Familie seit 1983 in Köln.
Gemäß dem Beschluss der Stadt Köln vom November 2005 wird Gerhard Richter mit der Begründung "Richter und seine Arbeiten mehren den Ruhm der Kulturstadt Köln" Ehrenbürger der Stadt Köln.
Gerhard Richter begann seine malerische Praxis mit einer kurzen Phase, in der er praktisch alle aktuellen Ausdrucksformen und Stile der modernen Malerei erprobte (zwischen Antoni Tàpies und Francis Bacon). Es handelt sich um Werke, die Richter, wie er selbst berichtet, später im Innenhof der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf verbrannte.
Einflüsse für das sich nach dieser Phase entwickelnde umfangreiche Werk bezog er aus der Pop Art, aus dem abstrakten Expressionismus, aber auch aus Neo-Dada und Fluxus. Zu Beginn der 1960er Jahre benutzt er erstmalig Fotografien als Vorlagen für Gemälde, ein Sujet, das er künftig dauerhaft verfolgt. Es handelt sich um beiläufige Motive aus Zeitungs- und Illustriertenausschnitten (später auch auf eigenen Aufnahmen beruhend), die er abmalend vergrößert und überwiegend in grau-weiß auf die Leinwand überträgt und damit „überhöht“. Diese dem Fotorealismus nahe Methode ist durch eine verwischt wirkende Unschärfe gekennzeichnet, die den Realismus der Vorlagen verfremdet (ein typisches Beispiel ist unmittelbar die Nr. 1 des Werkverzeichnisses, „Tisch“).
Vielfach geht Richter über die Verfremdungstechnik der unscharfen Darstellung hinaus und zieht Furchen durch die Oberfläche der Gemälde, ein Mittel, das er später in expressiv abstrakten Gemälden wieder aufgreifen wird. Oder aber er reduziert die abgemalte Fotografie auf verschwimmende Ansichten, denen kaum noch Bezüge zur fotografierten Wirklichkeit anzusehen sind. An diesen Bildern wird deutlich, wie fern Richter in den 1960er Jahren den aktuellen Trends der Pop-Art, dem Fotorealismus oder der Fluxus-Bewegung ist: Strömungen, mit denen sich Gerhard Richter auseinander setzte, von denen er sich aber in seiner künstlerischen Praxis absetzt – wenn man davon absieht, dass die Benutzung von Fotografien von der Pop-Art angeregt worden sein dürfte. Richter erläutert hierzu, er verdanke Andy Warhol die Anerkennung des Mechanischen in seinem Prozess des Abmalens von Fotografien. Sujets der Abmalungen sind vor allem Portraits, Gruppenbilder, Stillleben, Landschaften und Meeresbilder, sowie bekannte Sehenswürdigkeiten wie die Niagarafälle. Fotorealistisch wirken hingegen die in den 1980ern entstandenen Landschaftsbilder, wie z.B. „Davos“ von 1981, „Eis“ (ebf. 1981 und geradezu in der Tradition eines Caspar David Friedrich) oder „Besetztes Haus“ von 1989, das allerdings auch nicht ohne Unschärfen auskommt. Es sind Gemälde, die in ihrer Perfektion zwar abbilden, gleichermaßen jedoch mehr das Typische verfremdet darstellen. Richters Biograf Elger nennt sie „Anschauungsmaterial einer verlorenen Wahrheit“.
In diesen Zusammenhang können wohl auch die aus Richters Privatleben stammenden Sujets gestellt werden. Wirken sie innerhalb der Moderne einerseits überholt, stehen sie andererseits für das Prekäre im Privaten. Eine Fragestellung, die sehr wohl in den Kontext der Zweiten Moderne gehört.
Dem aber stehen dann wieder andere Gemälde gegenüber, deren politische oder narrative Implikationen sich erst erschließen, wenn die zugrunde liegende Zeitungsabbildung samt Nachricht bekannt ist. Mit den 15 Gemälden „18. Oktober 1977“ von 1988 eignet sich Gerhard Richter einerseits die Historienmalerei an, so wie sich in seinen Landschaftsbildern Bezüge zu älteren malerischen Traditionen finden; andererseits nimmt er mit der Abbildung von RAF-Terroristen Stellung zu einer tragischen Phase (west-)deutscher Geschichte, ohne dass er politisch Position bezieht.
Die breite internationale Resonanz von Gerhard Richter beruht nicht allein auf seinen nach Fotografien gemalten Bildern. Faszinierend ist vielmehr, in welch hohem Maße Richters Œuvre voller Widersprüche und Gegensätze erscheint: zwischen fotorealistischen Naturdarstellungen, den unscharfen Gemälden nach Fotografien und Gemälden höchster Abstraktion bis hin zu beeindruckenden Glas- und Spiegelobjekten bzw. -installationen. Diese Elemente finden sich nicht nacheinander als Entwicklungsstränge des Œuvres, sondern Richter greift diese unterschiedlichen Vorgehensweisen immer wieder auf. Was die enorme Breite zusammenhält, ist Richters forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, ihrer Wahrnehmung und ihrer Erkenntnis. Es geht um die mit den Augen wahrgenommene, die mit der Kamera fotografierte, die gespiegelte, die im Glas transzendierte und auch um die malerisch inszenierte Realität. Gerade diese vielfältige Befragung der Medien moderner Kunst nach dem was ist, enthüllt oder verborgen, macht den Rang seines Werkes aus. Dementsprechend geht es in Gerhard Richters Spiegel- und Glasobjekten um die autonome mechanische Wirklichkeit der Spiegelung (das irritierende „Spiel“ von Seitenverkehrung usw.). Richters Glasobjekte und –installationen verweisen zudem auf den Widerspruch von „Ausblick“ und Trennung. Gleichzeitig integrieren sie Betrachterin und Betrachter in das Werk und machen sie zu Akteuren im Bild. Andererseits stehen sie für Entwicklungsprozesse künstlerischer Produktion. – Seine großen Meeresansichten knüpfen wiederum an ältere Traditionen der Malerei an und stellen Bezüge zur Romantik her. Sie beruhen auf Collagen Richters, deren konstruierte Wirklichkeit zu Irritationen über den „Wahrheitsgehalt“ führen.
Das im Werk Gerhard Richters angelegte Unterlaufen von Chronologie ist gut zu erkennen. Parallel zu den Abmalungen malt er schon 1966 „Farbtafeln“, und im selben Jahr entsteht „4 Glasscheiben“. 1967 malt er „Röhren“, ein Grau in Grau-Bild, das – wie andere frühe Gemälde auch – als ein Vorläufer für „Strontium“ von 2004 gelten kann. Dazwischen aber liegen die Zeiträume der Vermalungen, der grauen und Wolkenbilder, unscharfe abstrakte Bilder (nach fotografischen Vorlagen bzw. nach fotografierten Gemäldeausschnitten). Schließlich gelingen die mit großer öffentlicher Resonanz aufgenommenen expressiv farbigen großen abstrakten Gemälde der 1980er und 1990er Jahre. Sie bestehen aus mehreren Farbaufträgen mit zum Teil eingreifenden Abkratzungen bis auf den Malgrund, impulsiven Eingriffen und Farbaufträgen sowie Übermalungen. Es handelt sich um Gemälde, die deutlich ihren Entstehungsprozess darstellen und ihn gleichzeitig verschleiern (Richter macht sich hier u. a. technische Verfahren der Décollage für die Malerei dienstbar). Nach Aussagen des Künstlers sind diese Gemälde in erheblichem Maße vom Zufall abhängig und befinden sich im Widerspruch zu vorgefassten Plänen.
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