Als Generationswechsel bezeichnet man in der Biologie eine Form der Fortpflanzung, bei der die unterschiedlichen Möglichkeiten der Fortpflanzung (die geschlechtliche und die ungeschlechtliche) auf unterschiedliche Generationen verteilt sind. Hierbei gibt es zwei Varianten:
- Bei der Metagenese (= metagenetischer Generationswechsel) folgt auf die geschlechtliche Fortpflanzung eine ungeschlechtliche Fortpflanzung, der wiederum eine Generation mit geschlechtlicher Fortpflanzung folgt.
- Bei der Heterogonie (= heterogoner Generationswechsel) wechselt sich eine sich bisexuell fortpflanzende Generation mit einer oder mehreren sich unisexuell (das heißt: parthenogenetisch) fortpflanzenden Generation ab.
Der Wechsel zwischen einer haploiden und einer diploiden Generation wird in der Fachsprache der Biologen heterophasisch genannt (= heterophasischer Generationswechsel); gibt es keinen solchen Wechsel der Ploidie, spricht man von einem homophasischen Generationswechsel.
Unterscheiden sich die Generationen in ihrem äußeren Aussehen, so wird dies als heteromorpher Generationswechsel bezeichnet - im Unterschied zum isomorphen Generationswechsel, bei dem die Generationen äußerlich gleich aussehen oder einander zumindest zum verwechseln ähnlich sind.
Der Generationswechsel ist ein bei vielen Protisten, bei Moosen, Farnen und Samenpflanzen, aber auch bei Nesseltieren und Tunicaten vorkommendes Phänomen. Er vereint die Vorteile beider Fortpflanzungsarten in sich: Die sich ungeschlechtlich vermehrende Generation kann eine große Anzahl von Nachkommen erzeugen, ohne dafür einen Sexualpartner zu benötigen. Die sich geschlechtlich vermehrende Generation sorgt für eine Durchmischung des Genpools.
Beispiele für die Metagenese
- Farne produzieren (häufig auf der Unterseite der Farnwedel) auf ungeschlechtliche Weise Milliarden von Sporen, die zu einem nur einige Millimeter großen Prothallium heranwachsen. Erst diese vom Laien kaum je wahrgenommene Generation vermehrt sich geschlechtlich und erzeugt wiederum die allbekannte „normale Farnpflanze“. Farne besitzen also einen heteromorphen und heterophasischen Generationswechsel.
siehe auch: Sporophyt und Gametophyt sowie (für Rotalgen) Tetrasporophyt
- Moose sind im Gegensatz zu Farnen dadurch charakterisiert, dass die jedem bekannte, "normale Moospflanze" keine Sporen produziert, sondern Gameten (Geschlechtszellen). Die Sporen erzeugende Generation ist meist nur ein auf der auch von Laien beachteten "Moospflanze" wachsender, niedriger, haarförmiger Ständer mit Sporenkapsel. Auch die Moose besitzen somit einen heteromorphen und heterophasischen Generationswechsel.
- Quallen produzieren Geschlechtszellen, nach deren Verschmelzung aus der Zygote eine Larve entsteht. Diese Larve setzt sich am Boden fest und wächst zu einem Polyp aus. Von ihm schnüren sich wieder diverse Quallen ab. Dieser Generationswechsel ist heteromorph und homophasisch diploid.
- Bandwürmer sind Zwitter (eventuell sogar mit Selbstbefruchtung) im Endwirt, gelegentlich können jedoch die Finnen sich durch Knospung im Zwischenwirt vermehren.
- Plasmodien, die Erreger der Malaria, verursachen aufgrund ihrer Fähigkeit zur asexuellen Vermehrung (Teilung) die krankheitstypischen Fieberschübe, besitzen im Wechsel mit dieser Generation aber auch eine sexuell aktive Generation.
Beispiele für die Heterogonie
- Blattläuse können sich bei günstiger Witterung im Frühjahr extrem rasch vermehren, weil dies bei den meisten Arten über mehrere Generationen hinweg mittels Parthenogenese geschieht. Erst bei ungünstigeren Umweltbedingungen bildet sich wieder eine geflügelte, sich geschlechtlich fortpflanzende Generation, die zugleich auch die Verbreitungsform darstellt und in der Lage ist, weite Strecken zu neuen Wirtspflanzen fliegend zu überwinden.
- Zwergfadenwürmer des Menschen verfügen über einen Generationswechsel zwischen parthenogenetischem Weibchen (als Parasit) und einer freilebenden zweigeschlechtlichen Generation.
Der Generationswechsel und die Stammesgeschichte der Pflanzen
Die
Stammesgeschichte der Pflanzen, der Übergang von Süßwasser-
Grünalgen zu
Moosen und
Farnen sowie später zu den
Ginkgopflanzen, den
Nadelholzgewächsen und den
Blütenpflanzen erhellt sich besonders gut nachvollziehbar, wenn dies im Licht jener Konsequenzen betrachtet wird, die eine bestimmte Form des Generationswechsels zur Folge hat. Als engster, heute noch lebender Verwandter der Urahnen aller Landpflanzen gilt heute die Grünalge
Mesostigma viride.
Frühe Einzeller
Von den frühesten Formen einzelliger Lebewesen gibt es bis heute keine gesicherten
fossilen Überlieferungen. Rückschlüsse auf ihre mutmaßliche Gestalt gestatten vielmehr einzig vergleichende Untersuchungen bei heute noch vorkommenden
Einzellern. Einer dieser Modellorganismen ist das
Cyanobakterium mit dem lautmalerischen Namen
Chroococcus und der denkbar einfachsten Gestalt, der Kugelform (Abbildung siehe:
* ). Man unterstellt den frühen Einzellern eine Gleichwertigkeit aller Zellen, was zugleich auch bedeutet, dass die einzig mögliche Fortpflanzungsform in der Zweiteilung der Zellen besteht, wobei sich die Tochterzellen früher oder später von einander lösen.
Die Erfindung der Sexualität
Die bloße Zellteilung als Methode der Vermehrung hat den großen Nachteil, dass vorteilhafte Veränderungen des Erbguts (das heißt: vorteilhafte
Mutationen) nur an die eigenen Nachkommen weitergegeben werden können, unabhängig von einander entstandene Mutationen aber nicht in einem Individuum zusammentreffen können; selbst einfachste
Bakterien verfügen daher über einen
Konjugation genannten Mechanismus zum Austausch von Erbanlagen (siehe hierzu auch:
Parasexualität). Modellhaft kann man das Entstehen echter
Sexualität als Fortentwicklung der Konjugation hin zu einer völligen Zellverschmelzung darstellen: Sexualität ist demnach zunächst das glatte Gegenteil von Vermehrung.
Als Modellorganismus kann man einzellige Grünalgen anführen, zum Beispiel Chlamydomonas (Abbildung siehe:
* ). Viele einzellige Grünalgen vollziehen regelmäßig und häufig eine ungeschlechtliche Längsteilung; zwei Individuen können allerdings auch zu einer Zygote miteinander verschmelzen. Bei Chlamydomonas folgt unmittelbar auf die Verschmelzung der Zellkerne eine Meiose und danach eine Mitose, so dass der Sexualakt dieser Grünalge das Entstehen von vier neuen, einzelligen und haploiden Individuen zur Folge hat. Aus zwei fusionierenden Einzellern gehen also letztlich vier "neue" Einzeller hervor.
Einfacher und doppelter Chromosomensatz
Die als Modellorganismus für eine frühe Form der Sexualität gewählte Grünalge Chlamydomonas ist ein haploider Einzeller, der sich im Regelfall durch Längsteilung vermehrt und nur gelegentlich auch sexuell, wobei die mit der Zellkernverschmelzung zwingend verbundene Phase der
Diploidie bei ihm nur von kurzer Dauer ist. Es bedarf jedoch keiner großen Phantasie, um von einer solchen Lebensweise selbst die uns bekannten höheren Tiere abzuleiten: Das Stadium der Diploidie muss verlängert und schließlich vorherrschend werden (sprich: die Fähigkeit zur
Parthenogenese durch einfache Teilung geht verloren), ferner muss das Lebewesen mehrzellig werden und über spezialisierte Gewebe zur Produktion von haploiden
Geschlechtszellen verfügen.
Die Stammesgeschichte der Pflanze folgte jedoch einem zunächst weniger dramatischen Weg; als Modellorganismus für die nächste Stufe der Entwicklung bieten sich einige Braunalgen an, zum Beispiel Ectocarpus und Dictyota, die beide einen isomorphen und heterophasischen Generationswechsel aufweisen (Abbildung siehe: und [http://www.horta.uac.pt/species/Algae/Dictyota_dichotoma/Dictyota_dichotoma.htm ): Es gibt also Individuen ("Algenpflanzen"), die Sporen produzieren und weitestgehend gleich aussehende Individuen, die Geschlechtszellen produzieren; die einen sind diploid, die anderen haploid. Aus vergleichbaren isomorphen Algen können mühelos alle heteromorphen Varianten des Generationswechsels abgeleitet werden, bei denen entweder die eine oder die andere Generation (zumindest für das menschliche Auge) vorherrscht, bis hin zum komplexen Generationswechsel der Rotalgen (Einzelheiten hierzu siehe unter Tetrasporophyt).
Probleme der Landbesiedelung
Die Evolutionsforscher gehen davon aus, dass entfernte Verwandte der heute lebenden Grünalgen den Übergang von einer rein aquatischen zu einer überwiegend landbesiedelnden Lebensweise verwirklichen konnten. Hierbei galt es unter anderem, das drängendste Problem zu überwinden: den Mangel an tropfbar-flüssigem Wasser. Das Entstehen von echten
Wurzeln war nur die augenfälligste Antwort auf das Problem der Trockenheit. Letztlich viel gravierender waren die Konsequenzen, die der bei den Vorläufern der Landpflanzen existierende Generationswechsel zeitigte: Was tun mit den Geschlechtszellen, wenn Wassermangel herrscht? Landbewohnende männliche Tiere konnten - aufgrund ihrer Fähigkeit zur freien Ortsbewegung - den Weibchen gezielt folgen und mehr oder weniger lange, verformbare Körperanhänge entwickeln, mit deren Hilfe ihre Geschlechtszellen unmittelbar im feuchten Milieu des Inneren ihrer Partnerinnen entlassen werden konnten. Die festsitzenden Pflanzen schlugen letztlich einen ähnlichen Weg ein.
Der Generationswechsel bei den Moosen
Auch die heute lebenden
Moose produzieren in ihren männlichen Geschlechtsorganen (den
Antheridien)
begeißelte Geschlechtszellen (
Spermatozoide). Sie müssen sich in tropfbar-flüssigem Wasser zu den Eizellen bewegen, die in den weiblichen Geschlechtsorganen (den
Archegonien) festsitzen. Die Moose stammen jedoch von Vorläuferpflanzen ab, bei denen der
Gametophyt (die Geschlechtszellen produzierende Generation) hinsichtlich der Größe vorherrschend wurde; die auch jedem Laien bekannte "Moospflanze" ist somit gleichfalls jene Generation, die Geschlechtszellen produziert – sie ist also auf zumindest zeitweise frei verfügbares Wasser angewiesen. Diese Entwicklung hin zu einem dominierenden Gametophyten hat offenbar den Moosen bisher jeden Weg zu wirklich großwüchsigen Arten abgeschnitten, da ihre Spermatozoiden nur in Bodennähe der Weg von einer Pflanze zur Nachbarpflanze gelingen kann. Moose sind (vermutlich sogar in erster Linie wegen ihres besonderen Generationswechsels) Spezialisten für feuchte Standorte geworden oder geblieben.
Der Generationswechsel bei den Farnen
Auch
Farne produzieren
begeißelte Geschlechtszellen (
Spermatozoide), die ihren Weg zu den weiblichen Geschlechtsorganen in einer Flüssigkeit zurücklegen müssen. Anders als bei den Moosen ist aber bei den Farnen der
Sporophyt (die Sporen produzierende Generation) hinsichtlich der Größe vorherrschend geworden. Dies eröffnete den Farnen alle Möglichkeiten zum Größenwachstum, bis hin zu 30 Meter hohen
Baumfarnen. Der
Gametophyt (die Geschlechtszellen produzierende Generation) hingegen blieb bei den Farnen – ähnlich wie bei den Moosen – erdverbunden und ähnelt tatsächlich bei vielen Farnarten einem
Lebermoos (Einzelheiten hierzu siehe unter
Prothallium).
Der Sexualakt wird unabhängig von freiem Wasser
1896 entdeckte ein japanischer Forscher, dass
Ginkgo-Bäume
begeißelte Geschlechtszellen (
Spermatozoide) entwickeln; wenig später wurde das gleiche Phänomen auch bei
Cycas revoluta nachgewiesen. Beide Pflanzen können daher als
lebendes Fossil eingestuft werden und als Beleg für die
biologische Evolution, für den Übergang von Spermienbefruchtung zur
Samen-Bildung.
Ginkgo
Der
Ginkgo ist eine
zweihäusige Pflanze, es gibt also männliche und weibliche Individuen. Hinsichtlich des noch immer existenten Generationswechsels entspricht der hoch aufragende Ginkgo-Baum dem
Sporophyt der Farne und Moose. Allerdings werden die Sporen der weiblichen Pflanzen nicht mehr in die Luft freigesetzt, sie sind vielmehr gleichsam im
Sporangium sesshaft geworden und relativ groß (genannt Megasporen; Megasporen gibt es auch bei diversen Algen). Überdies erhalten die Megasporen von den Ginkgo-Pflanzen, die sie bilden, so viel Nahrung zugeteilt, dass sie später
ohne selbständige Ernährung Geschlechtszellen entwickeln können.
Die Sporen der männlichen Pflanzen (genannt Mikrosporen oder
Pollen) erfahren noch im
Mikrosporangium (der
Anthere) ihre ersten
mitotischen Teilungen und werden so zum Mikro
gametophyten und als solche über den Wind verbreitet.
Der Ginkgo-Baum (also der Sporophyt) scheidet das für die Fortbewegung der männlichen Geschlechtszellen nötige Wasser an der
Mikropyle der
Samenanlage selbst aus (
Pollinations-Tröpfchen). Der erst nach Ankunft bei der weiblichen Pflanze wachsende
Pollenschlauch (bei Ginkgo dient er vor allem als Haftorgan) ist nichts anderes als das
Rudiment eines einstmals selbständig wachsenden Gametophyten.
Die Geschlechtsgeneration (der
Gametophyt) ist bei Ginkgo (und bei allen anderen Samenpflanzen) also extrem reduziert.
Phylogenetisch formuliert kann man also sagen: Im Inneren der Megaspore (Embryosack-mutterzelle) entwickelt sich ein extrem stark reduzierter Megagametophyt (befruchtungsfähiger Embryosack), der über sein Megagametangium (Synergiden) einen Megagameten (Eizelle) erzeugt. Die Mikrospore wird als stark reduzierter Mikrogametophyt (mehrzelliges Pollenkorn) vom Wind zum Megagametophyten geweht, wo sie auskeimen, Mikrogameten (Spermatozoide) entlässt und damit den Megagameten befruchten.
Bedecktsamer
Die stetige Verkleinerung des Gametophyten und schließlich die Einverleibung des weiblichen Gametophyten in seinen "Mutter"-Sporophyten führte letztlich zur vollständigen Unabhängigkeit des Sexualaktes von tropfbar-flüssigem Wasser und perfektioniert so die Anpassung der Pflanzen an das Landleben: Dies kann als wichtigster Grund dafür angesehen werden, dass Samenpflanzen heute die vorherrschende Lebensform unter den Landpflanzen sind.
Bei einigen Nacktsamern (bei Eiben und Zypressen) existieren zwar noch Pollinations-Tröpfchen, aber auch bei ihnen wächst der Pollenschlauch ins Innere der Megaspore hinein. So kann ein männlicher Zellkern (ein gleichsam aufs Wesentliche reduziertes Spermium) unmittelbar zur Eizelle vordringen. Bei den Bedecktsamern sind die Samenanlagen schließlich in ein Fruchtblatt-Gehäuse eingeschlossen, das die Ernährung der auskeimenden Samen (also der jugendlichen Sporophyten) ebenso optimiert wie ihre Verbreitung durch Tiere. Der Pollen landet hier auf einer besonderen Struktur des Fruchtblattes, der Narbe.
Literatur
- Walter Zimmermann: Geschichte der Pflanzen. Eine Übersicht. München (2. Auflage 1969), dtv Band 4043
- Klaus Ulrich Leistikow, Franziska Kockel: Zur Entwicklungsgeschichte der Pflanzen - Ein didaktisches Modell. In: Palmarum Hortus Francofortensis (Wissenschaftliche Berichte des Frankfurter Palmengartens), Heft 2, Frankfurt am Main, Juni 1990 (Inhaltsübersicht)
Weblinks
Genetik | Evolution
Alternation of generations | Sukupolvenvuorottelu | 世代交代 | Przemiana pokoleń | Alternância de gerações | 世代交替