Gruene_jugend_de_generation_p_010406.jpg
Als Generation Praktikum oder Generation Prekär wird in den Medien häufig die heutige Generation junger Akademiker bezeichnet. Der Ursprung dieser Bezeichnung rührt daher, dass viele junge Menschen auf der Suche nach einer festen Anstellung ein Praktikum nach dem anderen absolvieren. Den Begriff hatte Anfang 2005 zum ersten Mal der ZEIT-Autor Matthias Stolz mit einem gleichnamigen ZEIT-Titel geprägt . Die Wortwahl ist in ironischer Absicht an Begriffe wie Generation Golf oder Generation X angelehnt, alledings handelt es sich dabei nicht um eine Generation im herkömmlichen Sinne. Der Begriff wird in den Medien bislang ausschließlich zur Kennzeichnung junger Erwachsenener, die aus gut situierten Familien kommen, sowie junger Akademiker verwendet. Somit bezeichnet er eine gesellschaftliche Schicht junger Leute und nicht eine Generation. Wird der Begriff im Zusammenhang mit verminderten Chancen für den Berufseinstieg von Akademikern verwendet, so bezieht er sich damit auf eine Minderheit der in den 1970er Jahren geborenen Generation. Es findet allerdings bereits eine breite Identifikation junger Leute anderer gesellschaftlicher Schichten und auch anderer Generationen mit dem Begriff statt. Man spricht in dem Fall von einer Eigendynamik des medialen Sendungsbewusstseins. Für die jüngere Generation hat der Begriff inzwischen eine positive Bedeutung erlangt (BMFSFJ, S. 34).
Die Definition der eigenen Identität findet bei jungen Akademikern nach wie vor weitgehend über den eigenen Beruf statt. Dabei haben sie die Ideale des eigenen Elternhauses vor Augen, die während des Wohlstands in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre entstanden sind und eine feste Anstellung als Voraussetzung eines gefestigten Lebens vermittelt hat. Mit dem weiteren Einbruch des deutschen Arbeitsmarkts Ende der 1990er Jahre haben sich die Bedingungen für einen beruflichen Einstieg zum ersten Mal auch für Akademiker verschlechtert. Diese Veränderungen wirkten sich jedoch nicht auf die Erwartungen von Eltern und Großeltern aus .
Damit unterscheiden sich die Kinder wesentlich von der Generation der eigenen Eltern. Gefangen zwischen ihrer Idealvorstellung von Job und der vorgefundenen Realität der finanziellen Not und des unsicheren Jobs findet sich kein Freiraum mehr für die Entfaltung der eigenen Identität und die Definition des eigenen Ichs jenseits von Arbeit.
Die Eltern geprägt durch die Zeiten des Wohlstands sehen die Schwierigkeiten ihrer Kinder, Anschluß an die Berufswelt zu finden, als Scheitern. Sie reagieren mit Scham und finanzieller Zuwendung (DGB-Jugend, S. 9).
Es gibt keine Aufzeichnungen über das Ausmaß dieser Veränderungen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Minderheit der Hochschulabgänger, begrenzt auf bestimmte Berufsgruppen, besonders betroffen sei.
Ende der 90er Jahre und anfang des zweiten Jahrtausends nimmt die Hochschule für die Studierenden eine spezielle Rolle ein. Zusammengenommen mit der in dieser Zeit langen Studiendauer bietet sie den Absolventen vor allem einen Schutzraum, der Realität des Arbeitsmarkts und des Erwachsenenlebens zu entfliehen. Damit nimmt sie mit dem Studieneintritt die gleiche Bedeutung ein, wie zuvor das Gymnasium. Dieses hatte sie nicht auf das Leben als Erwachsene vorbereitet und auch nicht auf den Alltag an der Hochschule. Der Zeitpunkt eine den Lebensweg weisende Entscheidung zu treffen wurde bis zum neunzehnten Lebensjahr hinausgezögert. Der Bildungsweg traf unter ihnen bis dahin allein eine Auslese. Erst das Abitur stellte sie unvorbereitet vor die erste wichtige Wahl. Dieser Prozess setzt sich im Studium fort.
Weniger als die Hälfte scheitert in dieser Zeit bereits am ersten Studienjahr oder muss die Studienrichtung wechseln. Dabei dient das erste Jahr allein der weiteren Auslese. Diese Gestaltung des Bildungswegs durch die Universitäten ist als eine Reaktion auf die Defizite des Gymnasiums zu erklären. Als praktischer Ausweg werden Studierende mit dem Lernaufwand überfordert, um in der Anfangsphase ihre Entscheidung für das gewählte Fach zu testen. Als Ergebnis shcheiden vier von zehn Einsteigern aus dem ursprünglich gewählten Fach aus. Jeder Vierte bricht das Studium endgültig ab.
Die Wartezeiten auf das Studium werden mit bildenden Maßnahmen überbrückt. Dazu gehören die Wehrpflicht und soziale Dienste. Eine Minderheit absolviert in dieser Phase Praktika. In wenigen Fällen werden sie zur beruflichen Orientierung genutzt. Auch diese Maßnahmen bieten einen Schutzraum.
Die Möglichkeit der Weiterbildung wird dazu genutzt diesen Zeitpunkt noch weiter hinauszuzögern.
Wie eine vorläufige Studie der DGB-Jugend belegt, kommt es bei Praktika von Hochschulabsolventen häufig vor, dass sie in die tägliche Verrichtung der Arbeit fest eingeplant sind (DGB-Jugend, S. 10). In einem solchen Grenzfall werden die gesetzlichen BestimmungenBundesarbeitsgericht: AZ: 6 AZR 564/01, Orchesterpraktikantin, 13. März 2003BGB: § 138 II, Wucher, Sittenwidriges Rechtsgeschäft, Fassung vom 02. Januar 2002 vom Arbeitgeber gebrochen und die vom Gesetz festgelegte Abgrenzung zwischen einem Arbeitsverhältnis und einem Praktikum missachtet. Liegt dabei ein grobes Missverhältnis von Arbeitslohn und Arbeitsleistung vor, spricht man in wirtschaftlicher Hinsicht von Ausbeutung von Arbeitskraft.
Es gibt keine Aufzeichnungen über die Zahl der Praktika in der Bundesrepublik. In seiner Schätzungrpo: Praktikum, Zahl der Praktika-Absolventen, 21. November 2005 geht der DGB jedoch von bundesweit etwa 400.000 Praktika-Absolventen aus. Trotz der angeblichen, unbefriedigenden Situation von "Dauerpraktikanten" sind bislang nur wenige EntscheidungenHessisches Landesarbeitsgericht: AZ: 3 Sa 1818/99, Vergütung in einem Praktikantenverhältnis, 25. Januar 2001ZDFheute.de: Praktikum" rüstet zum Gegenschlag, 02. Mai 2005 von Arbeitsgerichten bekannt, in denen Praktikanten, deren Arbeitskraft langfristig nicht angemessen vergütet wird, für ihre Arbeitnehmer
in Bearb. QS Die Motive dieser jungen Menschen sind unterschiedlich. Sie reichen von reiner Not, Anschluss an die Arbeitswelt zu finden, bis hin zu Unbedachtheit, da häufig die Familie im guten Glauben ihren Lebenstil und damit ihre erbrachte Arbeitsleistung mitfinanziert. Es kommt jedoch auch vor, dass Betroffene ihre Tätigkeit im Praktikum durch Nebenjobs mitfinanzieren. Dieser Prozess schleicht sich mittlerweile selbst in die Welt von Akademikern mit Berufserfahrung ein.
in Bearb. QS Die Quelle der hier dargelegten Informationen sind häufig im Web zu findenden Berichte Betroffener. Das Problem ist neu und es gibt bislang in der Bundesrepublik keine empirischen Daten darüber. Auch der wirtschaftliche Schaden, der dadurch verursacht wird, ist noch unbeziffert.
in Bearb. QS Die Folgen für die Wirtschaft lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur erahnen(q). Durch das Preisdumping von Waren und Dienstleistungen, deren Mehrwert durch qualifizierte aber unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit von Praktikanten geschaffen wurde, ist ein fairer Wettbewerb auf dem deutschen Markt für Unternehmen kaum möglich(q). Die denkbaren Folgen sind Zwang zur Nachahmung, Lohndumping oder Outsourcing ins Ausland(q). Deshalb liegt es ebenfalls im Interesse von Unternehmern Praktika im Sinne von prekären Beschäftigungsverhältnissen abzuschaffen. (q)
Als Ursache für eine inflationäre Einstellung von Praktikanten wird von den Arbeitgeber als Argument häufig(q) ein inflexibler Arbeitsmarkt genannt. Die Bestimmungen des Kündigungsschutzes verhinderten, dass Unternehmen kurzfristig bei Bedarf Arbeitskräfte einstellen und nach einiger Zeit wieder entlassen könnten. Bei Praktikanten sei dies möglich. Absolventen setzen dem jedoch entgegegenmeredith-haaf: fordert Festanstellung für Praktikanten mit Uniabschluss, Süddeutsche Zeitung, 23. Mai 2006, diese Argumentation verschweige, dass befristete Arbeitsverträge gesetzlich erlaubt sind.
Eine häufig geübte Kritik(q) am Schlagwort „Generation Praktikum“ ist, dass hierbei keine verlässlichen Daten vorliegen.
Für Unternehmen ist, ähnlich wie bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen, die Verwendung von Praktikanten mit hohen Risiken und Kosten (z. B. für die Einarbeitung) verbunden(q). Die Behauptung(q), Praktikanten könnten die Enstehung hochqualifizierter Arbeitsplätze verhindern, greift somit oft daher nicht. Vielmehr sind hier Markteffekte zu beobachten(q). So ist in Berufen, die nur geringe Einarbeitungszeiten erfordern, die Einstellung von Praktikanten für mindere Tätigkeiten sinnvoll. In Berufen, in denen Erfahrung eine wichtige Rolle spielt, werden Praktika hingegen vermieden.
Gerade Gewerkschaften kritisieren die Generation Praktikum, werden selbst jedoch dafür kritisiert(q), zur Manifestierung eines unflexiblen Arbeitsmarktes beigetragen zu haben und dadurch für die Generation Praktikum mitverantwortlich zu sein.
Ebenfalls bedarf(q) die Art und Weise, wie der Begriff bislang in den Medien gebraucht wird, einer kritischen Analyse. In den meisten Fällen(q) werden Dauerpraktika und Ausbeutung von Absolventen zum Thema gemacht und Betroffene zu einer neuen Klasse hochqualifizierten Prekariats hinzugezählt. Diese Betrachtungsweise ist jedoch nur eine mögliche Perspektive auf das Thema. Feststeht(q), dass ein Praktikum Geld kostet, das in dieser Zeit für den Lebensunterhalt benötigt wird. Das bedeutet jedoch, dass diese Art der Benachteiligung nur diejenigen treffen kann, die sich das leisten können. Man kann(q) also Praktika als freiwillige Investition Betroffener in deren Weiterbildung sehen, bzw. als einen gehobenen Lebensstil, der ihnen erst ermöglicht, ohne gleich nach ihrem Abschluss die mit einem Beruf einhergehende Verantwortung zu übernehmen, die Arbeitswelt für sich zu ergründen. Das Bundesfamilienministerium bezeichnet eine solche Einstellung als die Verinnerlichung der Flexibilität und der neuen Anforderungen am Arbeitsmarkt bei den jungen Erwachsenen. Diese Entwicklung sei als positiv zu werten. Das Ministerium sieht hier jedoch das Problem einer Chancenungleichheit. Sie treffe diejenigen, die sich aus finanziellen Gründen solche Maßnahmen zur Förderung des beruflichen Einstiegs nicht erlauben können.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Generation Praktikum".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world