Das Gemeinschaftsdiagnose ist eine gemeinschaftliche Konjunkturprognose, die die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute jeweils im Frühjahr und im Herbst eines Jahres unter dem Titel Die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft erstellen. Auftraggeber ist die Bundesregierung, vertreten durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Die erste Gemeinschaftsdiagnose wurde 1950 verfasst.
Beteiligt am Gutachten sind das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), das Ifo Institut für Wirtschaftsforschung e. V. München, das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI). Die sechs Institute haben sich hierzu zur Arbeitsgemeinschaft deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute (ARGE) zusammengeschlossen.
Die Gemeinschaftsdiagnose der Institute vom Herbst 2005 war noch zu dem Schluss gekommen, das Bruttoinlandsprodukt werde 2006 voraussichtlich um 1,2 % steigen. Nachdem Mitte November der Koalitionsvertrag bekannt wurde, hoben viele Konjunkturbeobachter ihre Prognosen jedoch etwas an. Die von der Bundesregierung Anfang 2007 geplante drastische Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 % auf 19 %, die bei voller Überwälzung den Verbrauchern rund 24 Mrd. Euro entziehen würde, dürfte 2006 zu vorgezogenen Käufen beim privaten Verbrauch und beim Wohnungsbau führen. Zudem wird die geplante Verbesserung der Abschreibungsbedingungen die Unternehmen zu zusätzlichen Investitionen veranlassen. Diesen konjunkturanregenden Effekten stehen 2006 allerdings auch nachfragedämpfende Wirkungen des Abbaus von Steuervergünstigungen entgegen.
Mitte Mai 2006 reichen die Wachstumsprognosen von 1,3 % (Internationaler Währungsfonds) bis zu Schätzungen von gut 2 % von einigen Geschäftsbanken. Die im April vorgelegte Gemeinschaftsdiagnose der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitue nimmt mit einer Wachstumsprognose von 1,8 % eine mittlere Position ein.
Sehr unterschiedlich wird im Frühjahr 2006 die weitere Konjunkturentwicklung im Jahr 2007 gesehen, insbesondere weil die Einschätzungen der Folgen der Mehrwertsteuererhöhung sehr stark voneinander abweichen. Auch die Institute konnten sich nicht einigen. Während 5 Institute eine Abschwächung des Wachstums auf 1,2 % erwarten, hält das ifo Institut ein anhaltend starkes Wachstum von 1,7 % für möglich.
Nachstehend die Prognosen der Gemeinschaftsdiagnose der Forschungsinstitute vom 27. April 2006 für 2006 und 2007:
2006 verdoppelt sich das Wirtschaftswachstum bei einer weiterhin kräftig wachsenden Weltwirtschaft auf 1,8 % (arbeitstäglich bereinigt: + 2,0 %).
Das starke Wachstum der Ausfuhr bleibt ein Konjunkturmotor. Die Inlandsnachfrage dürfte mit 1,1 Prozentpunkten aber anders als im Vorjahr mehr zum Wachstum beitragen als der Außenbeitrag. Die Anlageinvestitionen ziehen an, wobei die Ausrüstungsinvestitionen beschleunigt zunehmen und die Bauinvestitionen nach langjährigem Rückgang etwas wachsen. Der private Verbrauch erhält zwar Impulse von der 2007 bevorstehenden Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte, weil Käufe vorgezogen werden. Sein Anstieg bleibt jedoch schwach (+ 0,4 %). Insgesamt wird das Wirtschaftswachstum durch den „Vorzieheffekt“ der Mehrwertsteuererhöhung um 0,2 Prozentpunkte erhöht.
Die Arbeitsmarktsituation bessert sich jedoch nur langsam. Die Arbeitslosenzahl sinkt um rd. 280.000 Personen (rd. – 6 %) auf knapp 4,6 Millionen, die Zahl der Erwerbstätigen steigt nur um gut 100.000 (+ 0,3 %).
Das beschleunigte Wirtschaftswachstum sorgt aber dafür, dass das Haushaltsdefizit bereits 2006 mit 2,9 % des Bruttoinlandsprodukts den im Maastricht-Vertrag für eine Qualifikation zur Europäischen Währungsunion genannten Höchstwert (3 % des BIP) knapp unterschreitet.
2007 schwächt sich das Wachstum auf 1,2 % ab.
Das wirtschaftspolitische „Maßnahmenpaket“ der Bundesregierung verringert das Wachstum insgesamt um etwa einen halben Prozentpunkt. Dabei dämpft die Mehrwertsteuererhöhung den privaten Verbrauch (- 0,1 %). Den Anstieg der Verbraucherpreise beschleunigt sie auf 2,5 %.
Zur Abschwächung des Wachstums tragen neben der „deutlich restriktiven Finanzpolitik“, die das Haushaltsdefizit auf nur noch 2 % des BIP zurückgehen lässt, auch höhere Zinsen und ein langsameres Wachstum der Weltwirtschaft bei. Die Arbeitslosenzahl sinkt voraussichtlich nur noch halb so stark wie 2006 um rd. 140.000 Personen.
Die Institute legten ihren Prognosen folgende Annahmen zugrunde:
Um die Eingliederung der Arbeitslosen in den Arbeitsprozess zu ermöglichen, soll nach Ansicht der Institute der Anstieg der Tariflöhne im gesamtwirtschaftlichen Schnitt unter der Summe aus der trendmäßigen Inflationserwartung und dem trendmäßigen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum liegen. Die voraussichtliche Entwicklung der Tariflöhne im Jahr 2005 entspricht nach ihrer Einschätzung dieser Forderung.
In ihrem Herbstgutachten 2005 drängen die Institute die neue Bundesregierung zu einem schärferen Sparkurs in ihrer Haushaltspolitik. Selbst bei einer Belebung der Konjunktur liege das Defizit bei etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn Aussicht auf ein niedrigeres Defizit bestehe und die Verbraucher Entlastungen erwarteten, werde die Nachfrage gefördert und die Konjunktur so angeregt.
In der Steuerpolitik sollte die Senkung der Unternehmenssteuern Vorrang haben. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Senkung der Lohnzusatzkosten lehnen die Institute ab. Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung lässt sich nach ihrer Einschätzung auch ohne Steuererhöhungen durch Einsparungen senken.
Die sehr moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre sollte fortgesetzt werden. Seit 2002 seien die Lohnkosten je Arbeitsstunde kaum noch stärker gestiegen als die Preise der Anlageinvestitionen. Die Anreize für die Unternehmen, Arbeit durch Kapital zu ersetzen würden deswegen schwächer. Es werde auch weniger profitabel, Vorleistungen aus dem Ausland zu beziehen. Die Entfaltung der positiven Effekte einer moderaten Lohnpolitik in der Beschäftigungsentwicklung brauche aber Zeit.
Die wirtschaftspolitischen Forderungen der Institute entsprechen dem Konzept der sogenannten angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Anhänger der „nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik“ empfehlen demgegenüber staatliche Maßnahmen zur Stärkung der schwachen Inlandsnachfrage, zum Beispiel die Aufnahme weiterer Schulden durch den Staat, um staatliche Investitionsprogramme finanzieren zu können, Zinssenkungen zur Erleichterung von Investitionen sowie Lohnsteigerungen, die den Anstieg der Produktivität zumindest voll ausschöpfen.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Gemeinschaftsdiagnose".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world