article

Da taube, ertaubte und manche schwerhörige Personen durch ihre Kommunikationsbehinderung in der Gesellschaft häufig isoliert sind, werden in allen drei Gruppen soziale Kontakte gern unter sich gepflegt.

Die über Jahrhunderte hinweg gepflegte Gemeinschaft mit gleichartig Betroffenen führte zumindest im außerberuflichen, privaten Bereich zur Entwicklung einer eigenen Kultur, der Gehörlosenkultur. Gemeinsame Erfahrungen als gebärdensprachbenutzende taube Mitglieder einer Minderheitsgruppe lassen sich von der Mehrheitskultur unterschiedliche Verhaltensweisen, Normen und Werte entwickeln. Als Beispiel einer unterschiedlichen Verhaltensweise ist das kollektive, gruppenbezogene Denken zu nennen, das unter tauben Menschen stärker vorherrscht als bei den Hörenden. Das Gehör wird nicht als wertvoll angesehen und danach gestrebt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Status und Stellenwert der Gebärdensprache förderten seit den 1980er Jahren zunehmend die Wahrnehmung dieser Kultur als solche. Begleitend kommt hinzu, dass durch die Förderung der Gebärdensprache und der Dolmetscherausbildung vermehrt auch Taube an höheren Schulen und Universitäten studieren und dafür Kontext-Wissen erwerben können.

Zur speziellen Kultur der tauben Menschen gehört neben der Gebärdensprache beispielsweise, dass es in sämtlichen größeren Städten einen Verein und einen festen Treffpunkt, oft "Clubheim" genannt, gibt. Dort finden regelmäßige Veranstaltungen und Treffen statt.
Stark entwickelt ist hier der Gehörlosensport. Hier haben sich in allen größeren Städten und in zahlreichen Sportarten Vereinsmannschaften gebildet, die am Spiel- und Sportbetrieb der hörenden Mehrheitsgesellschaft teilnehmen, manchmal sogar als eigene Abteilung eines "hörenden" Vereins. Daneben werden regelmäßige Sportveranstaltungen der nationalen und internationalen Gehörlosensportvereine durchgeführt mit jeweils eigenen regionalen und nationalen Meisterschaften. Weltweit werden die Deaflympics bzw. Gehörlosen-Weltspiele jeweils ein Jahr nach den Olympischen Spielen veranstaltet.

Auch in den "schönen Künsten" haben sich eigene Strukturen gebildet, so z. B. mit dem Gebärdensprachtheater und den Kulturtagen der Gehörlosen, auf denen Maler, Grafiker und Bildhauer ihre Werke ausstellen. In der bildenden Kunst haben taube Künstler eine besondere Kunstrichtung gebildet, die Themen aus der Deaf Experience behandelt mit Vorliebe für kräftige und kontrastierende Farben, in den USA bekannt unter der Bezeichnung Deaf View Image Art (DeVIA). Besonderer Anziehungspunkt sind dabei die Gebärdensprachfestivals mit Wettbewerben in Gebärdensprach-Erzählen und -Poesie um die "Goldene Hand".

Da Gehörlose im kirchlichen Bereich unter Hörenden isoliert sind, gibt es auch Seelsorgen speziell für taube Menschen. Im deutschsprachigen Raum gibt es vor allem katholische und evangelische Gemeinden für taube Mitglieder. Daneben existieren auch Freikirchen oder freikirchlich gesinnte Vereine, sogenannte CGGen (Christliche Gehörlosen-Gemeinschaften), oder Zeugen-Jehovas-Gemeinden für Gehörlose.

Wichtiger Bestandteil der Gehörlosen-Kultur sind auch deren meist hörende Kinder, die der Gemeinschaft oft lebenslang verbunden bleiben und auch ihre eigenen Vereinigungen haben. Sie sind international unter dem Akronym CODA - Children of Deaf Adults - bekannt.

Natürlich gibt es neben den offiziellen Vereins-Veranstaltungen auch noch zahllose mehr oder minder formelle oder informelle Veranstaltungen, Treffen und Zusammenkünfte tauber Menschen und auch ihrer hörenden Freunde.

Seit dem 19. Jahrhundert gibt es verschiedene Zeitschriften, die zumeistenst von tauben Schriftleitern redigiert und in denen politische, soziale und kulturelle Nachrichten sowie Veranstaltungshinweise und allgemeinwissensfördernde Artikeln veröffentlicht werden. Im Internet sind kürzlich zahlreiche Magazine und Diskussionsforen entstanden, auf denen Nachrichten und Kommunikation unter tauben Personen ausgetauscht werden.

Lautsprachlich kommunizierende Hörgeschädigte weichen in ihrer "Kultur" von der hörenden Mehrheitskultur nur insofern ab, indem sie ab und an unter sich treffen und an gemeinsam organisierten Anlässen teilnehmen. Mit anderen Worten, sie haben an und für sich keine eigene Kultur. Ähnlich wie bei Schwerhörigen handelt es sich hier um eine neue Generation von Hörgeschädigten, die mit verbesserter Hörgerätetechnik (u.a. auch Cochlear Implant) aufgewachsen sind. Obwohl die meisten die Lautsprache auditiv verstehen (z.B. können viele problemlos telefonieren), pflegen einige auch Kontakt zu Gehörlosen, sind aber oft nicht gebärdensprachkompetent. Historisch betrachtet befindet sich diese Gruppe von Hörgeschädigten dort, wo Schwerhörige in sozialer und technischer Hinsicht vor 20 Jahren waren.

Bei mittel- und leichtgradig Schwerhörigen lässt sich heute weniger geschlossene Gruppierungen ausmachen als früher. Schwerhörigenvereine wie auch Vereine von lautsprachlich kommunizierenden Hörgeschädigten klagen oft über fehlenden Nachwuchs.

Weblinks

Sport

Kultur

Religion

Gehörlosigkeit

Deaf culture | Cultura Sorda | ろう文化 | Dovencultuur

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Gehörlosenkultur".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld