Trommelfell.png Die Gehörknöchelchen (lat. Ossicula auditus) sind kleine Knochen im Mittelohr der Wirbeltiere (mit Ausnahme der Fische), die der mechanischen Schwingungsweiterleitung auf das Innenohr dienen. Die Gehörknöchelchen treten evolutiv erstmals bei Amphibien in Form eines einzelnen Knöchelchens auf, das als Columella oder Steigbügel (Stapes) bezeichnet wird. Bei den Säugetieren treten zwei weitere Gehörknöchelchen, Hammer (Malleus) und Amboss (Incus) hinzu.
Das gegenüberliegende Ende der Columella besitzt drei knorplige Fortsätze, die Extracolumella (Cartilago extracolumellaris). Bei den Vögeln Salomon, F.-V.: Lehrbuch der Geflügelanatomie. Jena: Gustav Fischer, 1993. ISBN 3-334-60403-9 und den Amphibien und Reptilien mit einem Trommelfell ist die Extracolumella an diesem verankert. Bei Tieren mit nicht aus- bzw. zurückgebildeter Paukenhöhle und fehlendem Trommelfell (Schleichenlurche, Schwanzlurche, Europäische Schaufelfußkröten, Unken, Doppelschleichen und Schlangen) ist die Extracolumella (hier auch Plectrum genannt) am Schädel befestigt. Hier dient das Gehörknöchelchen nicht der Weiterleitung von Schallwellen, sondern von Bodenvibrationen, die über das Skelett auf das ovale Fenster übertragen werden Kent, G.C.: Comparative anatomy of vertebrates. Mosby St. Louis, 7. Aufl. 1992. ISBN 0-8016-6237-0.
Der Amboss trägt an seinem langen Schenkel (Crus longum) den Linsenbeinfortsatz (Processus lenticularis), welcher mit dem Steigbügelkopf (Caput stapedis) das Amboss-Steigbügel-Gelenk (Articulatio incudostapedia) bildet. Der Linsenbeinfortsatz ist nur durch einen kleinen Knochensteg und Bindegewebe mit dem Amboss verbunden, so dass er bei der Präparation häufig abbricht und ab Beginn des 17. Jahrhunderts nach dem Erstbeschreiber Franciscus Sylvius als eigenständiges Knöchelchen („Linsenbeinchen“, Os lenticulare, Osselet de Sylvii) angesehen wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dem Linsenbeinchen der Status eines eigenständigen Knochens in der Humanantomie und Zoologie aberkannt und dieser Begriff aus der humananatomischen Nomenklatur gestrichen. In der veterinäranatomischen Nomenklatur hat sich dieser Begriff bis heute gehalten. Ein selbstständiges „Linsenbeinchen“ kommt jedoch bei keinem Säugetier vor Hyrtl, J.: Vergleichend-anatomische Untersuchungen über das innere Gehörorgan des Menschen und der Säugethiere. Prag: Ehrlich, 1845..
Am Steigbügelkopf setzt die Endsehne des Steigbügelmuskels (Musculus stapedius) an. Die Steigbügelplatte (Basis stapedis) ist über das Steigbügelringband (Ligamentum anulare stapedis) mit einer Bandhaft (Syndesmosis tympanostapedia) im ovalen Fenster (Fenestra vestibuli, Syn. Fenestra ovalis) der Felsenbeinpyramide verankert .
Der Strähnenknochen ist eine embryonal gebildete Knochensubstanz, deren Kollagenfibrillen in allen Ebenen des Raumes verlaufen und sich dabei zu Strähnen, ähnlich denen des Haars, verflechten Wustrow, F.: Über die Anordnung und den Verlauf der Fibrillen im Strähnenknochen der Gehörknöchelchen. Z. Laryngol. Rhinol. Otol. 35/1956, S. 544-553. PMID 13393200, ISSN 0044-3018. Die Globuli ossei sind kugelförmige Ansammlungen von Knochensubstanz, an derem Rand Knorpelreste persistieren. Diese Knorpelreste verkalken und werden Interglobularräume genannt Wustrow, F.: Die Knochenbildung in den Gehörknöchelchen. Z. Laryngol. Rhinol. Otol. 35/1956, S. 487-498. PMID 13361363, ISSN 0044-3018.
Die zur Zeit immer noch von den meisten Wissenschaftlern anerkannte Reichert-Gauppsche Theorie wurde zunächst anhand der Lagebeziehungen der Gehörknöchelchen zu den Nerven des Mittelohrs aufgestellt. Sie geht von einer Einbeziehung der Knochen des primären Kiefergelenkes in die Gehörknöchelchenkette aus, welches wiederum aus den Knorpeln des ersten und zweiten Kiemenbogens entsteht.
Der Hammer entsteht beim Embryo aus den drei Knochen Articulare, Angulare und Goniale des Mandibularbogens. Das Os articulare bildet den Hauptteil des Hammers, das Os goniale seinen Processus rostralis. Die Verbindung zum Os angulare, welches sich später zum Tympanicum entwickelt, löst sich, so dass die Gehörknöchelchenkette frei schwingen kann Fleischer, G.: Evolutionary principles of the mammalian middle ear. Habilitationsschrift Universität Gießen, 1978.. Der Hammer beginnt beim menschlichen Fötus im 4. Monat aus einem einzelnen Ossifikationszentrum heraus zu verknöchern, im 7. Monat ist die Verknöcherung dann nahezu vollständig abgeschlossen Hinrichsen, K.: Humanembryologie. Berlin: Springer, 1993. ISBN 3-540-18983-1.
Der Amboss entsteht nach der Reichert-Gauppschen Theorie ebenso vollständig aus dem ersten Kiemenbogen (Mandibularbogen), wobei bis heute nicht sicher geklärt ist, ob nicht Teile des Amboss auch aus dem zweiten Kiemenbogen (Hyoidbogen) hervorgehen O'Rahilly, R., Müller, F.: Embryologie und Teratologie des Menschen. Bern: Hans Huber Verlag, 1999. ISBN 3-456-82821-7Whyte, J.R., Gonzalez, L., Cisneros, A., Yus, C., Torres, A., Sarrat, R.: Fetal development of the human tympanic ossicular chain articulations. Cells Tissues Organs 171/2002, S. 241-249. PMID 12169821, ISSN 1422-6405. Die Verknöcherung erfolgt beim Amboss analog zum Hammer, der Processus lenticularis wird beim Menschen erst am Ende des 5. Monats gebildet.
Der Steigbügel entsteht nach der Reichert-Gauppsche Theorie aus dem Hyoidbogen (Reichertscher Knorpel), wobei allerdings neuere Arbeiten darauf hindeuten, dass seine Fußplatte aus der Gehörkapsel entsteht, er also zwei embryonale Vorläufer hat Masuda, Y., Saito, R., Endo, Y., Kondo, Y., Ogura, Y.: Histological development of stapes footplate in human embryos. Acta Med Okayama 32/1978, S. 109-117. PMID 150197. Der Steigbügel besitzt zwei Ossifikationszentren, in der Mitte jeden Schenkels eines. Die Verknöcherung beginnt beim menschlichen Fötus gegen Ende des 4. Monats, etwa Ende des 8. Monats sind Steigbügelkopf und Fußplatte verknöchert . Somit liegen die Gehörknöchelchen zum Zeitpunkt der Geburt als ausgewachsene und vollständig ossifizierte Knochen vor.
Die Reichert-Gauppsche Theorie wurde immer wieder angezweifelt. OttoOtto, H.: Zwei bisher unbekannte Verlagerungsbewegungen in der Branchialregion des menschlichen Keimlings – dargestellt an der Ontogenese des äußeren und des Mittelohrs einschließlich der periaurikulären Region sowie an der Pathogenese ihrer Missbildungen (Der Irrtum der Reichert-Gaupp'schen Theorie). Dissertation, Humbold-Universität Berlin, 1981. vermutet derzeit nicht nachweisbare „Materialverschiebungen“ des zweiten Kiemenbogens, welcher Ausgangspunkt aller drei Gehörknöchelchen sein soll, schließt also eine Beteiligung des ersten Kiemenbogens aus. Diese Hypothese gilt bislang allerdings als noch nicht bewiesene Vermutung .
Die Gehörknöchelchen wirken über zwei Mechanismen als Impedanzwandler. Zum einem sind sie als Hebelsystem ausgebildet, welches niedrige Drücke und hohe Auslenkungen am Trommelfell umsetzt in hohe Drücke und niedrige Auslenkung am ovalen Fenster (Fenestra ovalis) des Innenohrs. Zum anderen entsteht eine Schallverstärkung durch den Flächenunterschied zwischen Trommelfell und der Vorhofmembran im ovalen Fenster. Diese beiden Flächen stehen beim Menschen im Verhältnis von 15:1, beim Haushund von 27:1 .
Die Anpassung der Trommelfellschwingungen an die Eigenschaften des Innenohres ist im Normalfall optimal. Nahezu der gesamte Schallwechseldruck, der in den Gehörgang dringt, wird an das Innenohr weitergegeben. Hierbei erhöht sich die ausgeübte Kraft vom Trommelfell bis zum ovalen Fenster etwa um den Faktor 90 und der Schalldruck etwa um den Faktor 22. Das heißt: Wären Trommelfell und ovales Fenster starr verbunden, wäre die Schallübertragung um fast 30 Dezibel schlechter, leise Geräusche wären nicht mehr wahrnehmbar.
Normale Schalldrücke lassen die Gehörknöchelchenkette kolbenförmig als Ganzes schwingen, eine Bewegung in den Gelenken findet nicht statt. Bei unphysiologisch hohen Drücken kommt es dagegen zu Gleitbewegungen in den Gelenken, so dass der Steigbügel von den großen Bewegungen des Trommelfell-Hammer-Komplexes abgekoppelt wird Hüttenbrink, K.: Die Mechanik und die Funktion des Mittelohres. Teil 1: Die Ossikelkette und die Mittelohrmuskeln. Laryngorhinootologie 71/1992, S.545-551. PMID 1463560, ISSN 0935-8943.
Mit Hilfe von zwei kleinen Muskeln kann zusätzlich der Auslenkungsgrad verändert werden. Der Musculus tensor tympani setzt am Hammer an und spannt das Trommelfell. Der Musculus stapedius setzt am Steigbügel an und verkantet die Steigbügelplatte im ovalen Fenster. Hierdurch verschlechtert sich die Ankopplung zwischen Trommelfell und Innenohr. Die Auslenkungen der Gehörknöchelchen sinken, der Schalldruck wird zum Teil nicht mehr auf das ovale Fenster, sondern an die umliegenden Knochen weitergegeben. Hierdurch erreicht nicht mehr der gesamte Schalldruck das Innenohr, sondern er wird zum Teil am Trommelfell reflektiert und zum Teil in die umliegenden Knochen weitergeleitet. Treten Schallpegel von mehr als 80 bis 100 dB SPL auf, kommt es zu einer reflektorischen Muskelanspannung (Stapediusreflex). Ob die Muskeln wirklich in der Lage sind, hohe Schalldruckspitzen abzufangen, wird in jüngerer Zeit jedoch angezweifelt. HüttenbrinkHüttenbrink, K. B.: Rasterelektronenmikroskopische Untersuchungen bei arthrotischen Veränderungen des Hammer-Amboß-Gelenks und Überlegungen zur Funktion der Mittelohrmuskeln. Laryngol. Rhinol. Otol. 66/1987, S. 180-185. PMID 3600124, ISSN 0044-3018 vermutet eine die gelenkerhaltende Funktion der beiden Muskeln, da deren Durchtrennung zu einer Arthrose führt.
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