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Eine Ganztagsschule, auch als Ganztagesschule oder einfach als Tagesschule bezeichnet, hat das Ziel, Schüler während eines großen Teils des Tages unterzubringen. Sie ist eine Alternative zum Schulhort und wird teilweise auch als Kooperationsverbund von Schule und Schulhort betrieben. Die Ganztagsschule grenzt sich ab einerseits gegen die Normalschule (ohne Mittagessen, ohne Aufgabenhilfe oder Betreuung außerhalb der Lektionen) und andererseits gegen Internate, in denen die Kinder bzw. Jugendlichen auch den Abend, die Nacht und überdies je nachdem das Wochenende verbringen.

Die Freizeit und die Unterrichtszeit sind in der Ganztagsschule verschränkt und bilden eine Einheit. Die Kinder müssen für jeden Tag der Woche angemeldet werden und die Anwesenheit ist verpflichtend. Die Schüler gehen je nach Schule meist zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause, nachher wird oft eine Spätbetreuung angeboten. Das Betreuungsangebot wird in vielen Schulen auch an autonomen Tagen gewährleistet.

Ganztagsschulen stellen eine Schulform dar, die im Zuge der Gleichstellungspolitik und der Diskussion um Chancengleichheit in ihrer Verbreitung zunimmt. Eine bereits hohe Verbreitung haben sie in Schweden und Finnland.

Ganztagsschulen können staatliche, aber auch private Trägerschaften haben. Viele nicht-staatliche Ganztagsschulen verfügen - auch jenseits der Anforderungen einer Ganztagsschule - über besondere pädagogische Konzepte wie zum Beispiel

  • Englisch als Unterrichtssprache (z. B. * )
  • anthroposophische Pädagogik (z. B. *)
  • Religiöse Einbettung *
  • Autonome Lernformen (z. B. *).

Skala der Konzepte


Man unterscheidet die offene Ganztagsschule (in Österreich kurz Offene Schule), bei deren oft aus Arbeitsgemeinschaften bestehendem Nachmittagsangebot keine Anwesenheitspflicht besteht, und die gebundene Ganztagsschule mit mindestens acht Stunden Anwesenheitspflicht.

Pädagogische Absicht


Ein Vorteil der Ganztagsschulen gegenüber den Normalschulen ist die Möglichkeit zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schüler und Lehrern, da es am Nachmittag meist lockerer zugeht als während des morgendlichen Unterrichts, es wird ein großer Wert auf offene Lernformen gelegt. Die Klassengemeinschaften verbringen längere Zeit zusammen als in anderen Schulen, was das Sozialleben positiv beeinflusst. Die Eltern haben auch die Möglichkeit, vermehrt ihrer Arbeit nachzugehen, auf Kosten der Familienzusammengehörigkeit und der Möglichkeiten der elterlichen Einflussnahme auf die Kinder. Durch die verlängerte Schulzeit bei Jugendlichen, die zur Aufbesserung ihres Taschengeldes Arbeiten gehen, kann es dazu kommen, dass sie dieser oft sinnvollen, horizonterweiternden Tätigkeit nicht mehr nachgehen können.

Die Kinder könnten eine bessere Ausbildung erhalten, was durch einen Blick in die Staaten mit Ganztagsschultradition, wie Schweden und Finnland, nahegelegt wird. Diese Staaten schnitten bei der PISA-Studie gut ab. Die Diskussion zu diesen Einschätzungen verläuft kontrovers (s. unten).

Damit die Freizeit, die für die individuelle Entwicklung einer Persönlichkeit sehr wichtig ist, in einer Ganztagsschule nicht zu kurz kommt, werden in den Nachmittagsstunden mehr künstlerische oder sportliche Fächer untergebracht als in der Normalschule. Die so genannten Freizeitstunden sind mit den Unterrichtsstunden verschränkt.

Deutschland


Aktueller Stand

Die Anzahl der Befürworter von Ganztagsschulen wächst in Deutschland. Es gibt etwa 1600 Ganztagsschulen, vor allem in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

PISA

Pro

Länder wie Finnland schnitten bei PISA deutlich besser ab als Deutschland. Teilweise wird davon ausgegangen, dass daran nicht alleine das dortige System der Ganztagsschule dafür verantwortlich ist. Vielmehr sei dort das pädagogische und therapeutische Angebot für Problemschüler besser. Problemfälle würden aus dem Klassenverbund herausgenommen und speziell gefördert. Dies sei in Deutschland nicht oder kaum möglich. Die Ursache für bessere Leistungen wäre demnach nicht das Schulsystem an sich, sondern die Art, wie man mit schwierigen Schülern umgeht. In Deutschland fehle für diese Schüler eine gezielte Förderung.

Kontra

Wenn auch in Ländern mit Ganztagsschulsystem bessere schulische Leistungen erzielt wurden, so ist dies nicht ausschließlich auf die Ganztagsbetreuung zurückzuführen. Vielfach sind die Rahmenbedingungen, wie beispielsweise die Schüler-Lehrer-Relation oder die sächliche Ausstattung der Schulen, anders und erheblich besser. Kleinere Lerngruppen/Klassen und gute Ausstattungen (Lehr- und Lernmittel) helfen, die schulischen Leistungen zu verbessern. Die Ergebnisse von PISA haben zudem zu politischen Schnellschüssen im Hinblick auf Ganztagsbetreuungen geführt, die eine wohldurchdachte Konzeptionierung vermissen lassen.

Im Gegensatz dazu stehen vereinzelt engagierte Kollegien, die sich mit dem Thema Ganztagsbetreuung in all ihren Facetten auseinander gesetzt haben (siehe auch *).

Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Humboldt-Universität Berlin, nimmt wie folgt Stellung zum Thema Ganztagsschule: „Das Problem mit PISA beginnt aber erst nach den Befunden: Während die Zahlen eindeutig sind, ist die pädagogische Botschaft eher diffus und das konstruktive Potential nicht präzise ableitbar. Entsprechend kann sich jeder nach seinem Gusto aus unterstellten Kausalzusammenhängen nahezu beliebig programmatisch bedienen: Einheitsschulische Systeme sind offenbar leistungsfähiger, also: neue Gesamtschuldebatten – aber PISA zeigt das nicht eindeutig, schon gar nicht sagt PISA, dass die leistungsstarken Einheitsschulsysteme des Auslands wie unsere – besonders leistungsschwachen – Gesamtschulen aussehen und arbeiten. Oder: Leistungsstarke Länder haben eher Ganztagsschulen, also, sagt Bundesbildungsministerin Bulmahn, es gibt Geld für Ganztagsschulen. Nur, welches pädagogische Programm damit verwirklicht werden soll, das bleibt dabei unerörtert und PISA sagt das nicht. Sieht man von der Kontrollvariablen der sozialen Herkunft ab, dann haben die Studien nämlich nicht so sehr Ursachendiagnose betrieben, gar Unterrichtsprozesse intensiv beobachtet, sondern Leistung – "output" – gemessen. Was kann man aber dann begründet tun, wenn man angemessen antworten will?“ (aus: Forum e, Verbandszeitschrift des VBE, September 2004, Seite 6).

Nordrhein-Westfalen

In Nordrhein-Westfalen setzt die Landesregierung auf die Offene Ganztagsschule im Primarbereich. Bis 2007 sollen in jeder Kommune Ganztagsangebote für landesweit jedes vierte Grundschulkind entstehen. Diese fördert das Land gegenüber den Kommunen (den Schulverwaltungsämtern). Die Angebote sollen in Zusammenarbeit mit außerschulischen Trägern u.a. der Jugendhilfe, der Freien Wohlfahrtspflege, des Sports und der Jugendkulturpädagogik gestaltet werden. Mit diesem Angebot „unter dem Dach der Schule“ wird die Schule als „Haus des Lebens“ angestrebt, in der langfristig Unterricht und außerunterrichtliche Angebote rhythmisiert durchgeführt werden. Also nicht am Vormittag Unterricht und am Nachmittag Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote.

Rheinland-Pfalz

Eine ähnliche Konzeption verfolgt Rheinland-Pfalz, allerdings gilt dies für alle Schulen des allgemeinbildenden Bereichs. Zum Ende des Schuljahres 2005/06 ist jede fünfte allgemeinbildende Schule eine Ganztagsschule in offener Form *.

Österreich


In Österreich gibt es eine intensive politische Debatte darüber, ob die generelle Einführung von Ganztagsschulen und Gesamtschulen sinnvoll sei. Eine Alternative zur Verbesserung des Schulsystems könnte die Erweiterung des Angebotes an Ganztags- und Offenen Schulen sein. Die erste Ganztagschule in Wien war die Ganztagsvolksschule Köhlergasse, die 1990 fertiggestellt wurde.

Schweiz


In der Schweiz verläuft die Diskussion im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen und der Gleichstellungspolitik. Sie steht im Zusammenhang mit der zunehmenden Inanspruchnahme familienexterner Tagesbetreuung im Vorschulbereich.

Im Juni 2005 erfolgte eine Interpellation im Nationalrat durch Silvia Schenker zur Förderung eines flächendeckenden Tagesschulangebots und andere familienunterstützende Tagesstrukturen. Die Antwort des Bundesrates vom September 2005 umfasste, leicht gekürzt, die folgenden Punkte:

  • Der Bundesrat ist der Ansicht, dass die Schaffung von Tagesschulen und anderer familienunterstützender Tagesstrukturen die Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt wesentlich verbessert. Er teilt zudem auch die Einschätzung, dass solche Strukturen die Chancengleichheit im Bildungswesen fördern können.
  • Der Bund ist bereit, zusammen mit den Kantonen Daten zu erheben, die Antwortelemente für diese Problematik liefern können. Dies wird u. a. über weitere Pisa-Untersuchungen, aber auch über das periodisch von Kantonen und Bund gemeinsam durchzuführende schweizerische Bildungsmonitoring geschehen können.
  • Der Bundesrat stellt fest, dass sich die Entwicklung hin zu familienfreundlichen Schulorganisationsformen in letzter Zeit etwas verstärkt hat. Vorerst steht die Einführung von Blockzeiten und anderen Massnahmen und weniger die Einführung von eigentlichen Tagesschulen im Vordergrund.
  • Die verfassungsmässige Aufgabenteilung zwischen dem Bund und den Kantonen im Bildungswesen gibt dem Bund keine Möglichkeit, hier direkt regelnd oder fördernd aktiv zu werden. Gefordert sind also in erster Linie die Kantone.

In den Kantonen Aargau und Basel-Stadt gibt es konkrete politische Vorstöße. So reichte zum Beispiel der Verein für Tagesschulen in Basel im Dezember 2004 eine Initiave mit folgendem Wortlaut ein:

Der Kanton Basel-Stadt sorgt in jedem Schulkreis (Grossbasel-West, Grossbasel-Ost, Kleinbasel und Riehen) für mindestens ein Tagesschulangebot auf der Kindergarten- und der Primarstufe. Auf der Orientierungsstufe gibt es mindestens in einem Schulkreis ein Tagesschulangebot. Die Eltern beteiligen sich gemäss ihren finanziellen Möglichkeiten an den Betreuungs- und Verpflegungskosten.

Die Förderung der Tagesschulen verläuft in der Schweiz parallel zur seit etwa 2000 andauernden massiven Steigerung der Angebote im Bereich der Mittagstische.

Siehe auch


Weblinks


Deutschland

Österreich

Schweiz

Schultypen/-system

All-Day School | école à horaire continu

 

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