Gallikanismus (mittellat. von Gallien, Frankreich) war die im Spätmittelalter aufgekommene französische Form des Episkopalismus. Es handelte sich um ein kirchenrechtliches System, mit der die katholische Kirche in Frankreich eine Art Unabhängigkeit vom römischen Stuhl herzustellen suchte. Dazu wurden gewisse Vorrechte, die gallikanischen Freiheiten, aufgestellt.
Im Wesentlichen ging es darum, die weltliche Macht des Papstes in nationalpolitischen Fragen zu minimieren und seine Position dem nationalen Konzil der Bischöfe unterzuordnen.
Anfänge
Die Wurzeln reichen bis in die
merowingische Zeit zurück. Bis zur Mitte des
8. Jahrhunderts war die Kirche im Frankenreich weitestgehend autonom. Sie traf ihre Entscheidungen auf Reichssynoden, die vom König einberufen wurden - ähnlich wie im römischen Reich, wo die Synoden vom Kaiser einberufen wurden. Um 750 kam es zu einem Zweckbündnis zwischen dem
Hausmeier Pippin dem Jüngeren und dem Papst. Pippin wollte für sich und seine Nachkommen die Königskrone, der Papst brauchte dringend Hilfe gegen die
Langobarden und anstelle des
byzantinischen Kaisers einen neuen Schutzherrn. Nach dem Sieg Pippins über die Langobarden
756 übergab dieser dem Papst das eroberte Gebiet als
Patrimonium Petri und schuf damit die Grundlage für den
Kirchenstaat.
Hierdurch war die fränkische Kirche - stärker als andere Regionalkirchen - an den Papst gebunden, dieser übte dort eine
Jurisdiktion (Rechtsbefugnis) aus. Jedoch behielt die fränkische Kirche bestimmte Rechte und Freiheiten, sowohl den König betreffend (z.B. Stellenbesetzung, Zustimmung zu Erlassen) als auch die Bischöfe und ihre Ortskirchen gegenüber dem Papst betreffend.
Blütezeit
Auf diese Freiheiten besann der französische Königshof sich im
14. Jahrhundert, als
Philipp der Schöne in Konflikt mit Papst
Bonifatius VIII. geriet, was
1309 zur Verlegung des Amtssitzes der Päpste nach
Avignon führte. Die entsprechende Bewegung in der französchen Kirche (lat. ecclesia gallicana) nennt man in der Kirchengeschichte seit deren eingehender Erforschung im
19. Jahrhundert "
Gallikanismus".
Die Pragmatische Sanktion von Bourges
Das sich anschließende "westliche
Schisma" (
1378-
1417), während dem es zwei bzw. drei Päpste gleichzeitig gab, brachte eine Wiederbelebung des altkirchlichen
Konziliarismus, der seinen Höhepunkt im
Konzil von Konstanz (
1414-
1418) fand. Namhafte Vertreter des Konziliarismus an der Pariser Universität (
Sorbonne) waren u.a.
Pierre d'Ailly und
Johannes Gerson.
Gesetzlich festgeschrieben wurde der Gallikanismus
1438 durch die
Pragmatische Sanktion von Bourges. Diese ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen
Gründungsurkunde des Habsburgerreiches. Es handelte sich dabei vielmehr um eine Vereinbarung zwischen König und
Klerus, in der die Rechte des Königs (Gerichtsbarkeit, Stellenbesetzung) festgeschrieben wurden.
Die gallikanischen Artikel von 1682
Ihren Höhepunkt erreichte die gallikanische Bewegung mit dem Nationalkonzil von
1682, das
Ludwig XIV. nach Paris einberief. Hier wurden in vier Artikeln, die unter der Federführung des Bischofs
Jacques Bénigne Bossuet verfasst wurden, die "gallikanischen Freiheiten" verkündet, die bis zur
Französischen Revolution in Kraft blieben.
Die vier Artikel hatten - kurz zusammengefasst - folgenden Inhalt:
1. Nur in geistlichen, nicht aber in weltlichen Dingen ist den Päpsten und der Kirche Gewalt von Gott verliehen; die Fürsten sind in zeitlichen Dingen von der kirchlichen Gewalt unabhängig.
2. Die Gewalt des Papstes in geistlichen Dingen ist durch die Autorität der allgemeinen Konzilien beschränkt (Dekrete des Konzils von Konstanz 1414 - 1418).
3. Die Ausübung der päpstlichen Gewalt ist durch die von den Konzilien festgelegten Kanones beschränkt. Außerdem bleiben die Gesetze und Gewohnheitsrechte des französischen Königs und der französischen Kirche, wie sie bisher ausgeübt wurden, weiter in Geltung.
4. Entscheidungen des Papstes in Glaubensfragen bedürfen der Zustimmung der Gesamtkirche.
(zit. nach: Kirche für Christen heute, S.66)
Innere Differenzierung
Innerhalb des Gallikanismus kann man zwei unterschiedliche Tendenzen beobachten.
- Die andere Richtung kann als staatstragend-absolutistisch bezeichnet werden, einer ihrer wichtigsten Vertreter war Bossuet. Doch auch von Bossuet führt über dessen Freundschaft mit Antoine Arnauld eine Linie zum Jansenismus. Die Überbetonung der Staatsgewalt in dieser Strömung des Gallikanismus war zeitbedingt und verschwand mit dem Aufhören des Absolutismus völlig.
Nachwirkungen
In den folgenden Jahren gelang der römischen Kurie zwar teilweise eine formelle Aufhebung der "Pragmatischen Sanktion", tatsächlich blieben die Privilegien der französischen Könige aber bestehen. Erst mit der
Französischen Revolution und der Abschaffung des Absolutismus hörte auch die Funktion der gallikanischen Kirche auf.
Maßgeblichen Einfluss hatten jedoch die episkopalistischen und konziliaristischen Ideen, die an der Sorbonne gelehrt wurden, als im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts die Altkatholische Kirche der Niederlande sich dem Primat des Papstes entzog.
Nachdem die ersten drei gallikanischen Artikel mit der Abschaffung des Absolutismus in Frankreich gegenstandslos geworden waren, versuchte das Erste Vatikanische Konzil vor allem denjenigen Ideen entgegenzutreten, die sich im vierten gallikanischen Artikel wiederfinden. Durch die historische Entwicklung der Folgezeit hat die katholische Kirche und das Papsttum deutlicher erkannt, dass für den Katholizismus der supranationale Charakter wesentlich ist. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat einerseits die Identität der Kirche als Weltkirche gestärkt, andererseits aber aber auch eine neue Offenheit für regionale kulturelle Gegebenheiten gewonnen. Der Konzilspapst Paul VI. traf mit seiner Durchsetzung der Liturgiereform insbesondere in Frankreich auf Widerstand des Traditionalismus. Ein indirekter Einfluss gallikanischer Tradition wird als mitursächlich für diese anti-römische Revolte angesehen.
Literatur
- *: Kirche für Christen heute. Eine Information über die Alt-Katholische Kirche , Hoffmann, Berlin 1994, ISBN 3-87344-001-6
- Wolfgang Krahl: Ökumenischer Katholizismus. Alt-katholische Orientierungspunkte und Texte aus zwei Jahrtausenden, St. Cyprian, Bonn 1970
Siehe auch
Christentumsgeschichte (Mittelalter) | Katholische Kirche in Frankreich | Religionsgeschichte | Französische Geschichte | Mittelalter
Gallicanism | Galikanismo | Gallicanisme | Gallicanismo | Gallicanesimo | ガリカニスム | Gallikanizm | Gallikanism