Gérard de Nerval.jpg Gérard de Nerval (eigentlich Gérard Labrunie, * 22. Mai 1808 in Paris; † 26. Januar 1855 ebd.) war ein französischer Schriftsteller.
Sein Platz in der französischen Literaturgeschichte ist der eines als etwas randständig und schwierig geltenden Vertreters der Romantik, dessen beste Texte heute jedoch frischer wirken als die vieler einst renommierterer Autoren der Zeit. Die für normale Leser quasi unzugängliche, als Kunst am Rande des Wahnsinns erscheinende Aurelia hat viele spätere Autoren fasziniert, z.B. Baudelaire oder die Surrealisten der 1920er Jahre.
Nachdem er schon mit 13 das Versemachen angefangen hatte, wurde er erstmals 1826 und 27 gedruckt, und zwar mit politisch oppositionellen Gedichten im Trend der Napoleon-Nostalgie dieser Jahre, sowie mit einem satirischen Sketch über die „unauffindbaren Mitglieder“ der Académie française. Zur selben Zeit, d.h. 18-19 Jahre alt, verfasste er eine Übertragung von Goethes Faust I, die ihm große Anerkennung verschaffte, als sie 1827 erschien, und die von Hector Berlioz 1829 auszugsweise vertont wurde.
1828 wurde er Victor Hugo vorgestellt und verarbeitete dessen Roman Han d'Islande zu einem Stück, das aber erst nach der Julirevolution 1831 aufgeführt wurde. Am 25. Februar 1830 war er mit dem gesamten Freundeskreis der Romantiker bei dem als prototypisch romantisch intendierten Stücks Hernani von Hugo zugegen, der legendären „bataille d'Hernani“, der „Schlacht“ von Applaus und Buh-Rufen während der Aufführung. Im selben Jahr gab er eine vielbeachtete Anthologie selbst übertragener deutscher Gedichte samt einer einleitenden „Studie über die deutschen Dichter“ heraus, womit er ein wichtiger Vermittler der deutschsprachigen Literatur in Frankreich wurde.
Im selben Jahr 1834 verliebte er sich in die Schauspielerin Jenny Colon, die ihn zwar nicht erhörte, aber bis 1838 stark beschäftigen sollte und der zu Gefallen er 1835 eine aufwendig gemachte Theaterzeitschrift gründete. Als diese ein Jahr später Pleite ging, war Nerval ruiniert und musste hinfort von seiner Feder leben, was ihm aber als Co-Autor von Theaterstücken, z.B. 1837 und 39 mit dem umtriebigen und geschäftstüchtigen Alexandre Dumas, und als Journalist, z.B. mit Literaturkritiken oder Reiseberichten, passabel gelang.
1837 unternahm er mit Gautier zum Zweck des Eindrucksammelns eine Reise nach Belgien. 1838 führte ihn eine erste Deutschlandreise bis Frankfurt, 1839/40 eine zweite bis Wien. 1840 publizierte er eine Übertragung des gesamten Faust (I und II) sowie weiterer deutscher Gedichte.
Auch in den Jahren 1844 bis 1847 war Nerval viel unterwegs (Belgien, Holland, London, Umland von Paris) und verfasste entsprechende Reisereportagen und -impressionen. Zugleich betätigte er sich als Novellist und Lyriker sowie als Übersetzer der Gedichte Heinrich Heines, mit dem er befreundet war (gedruckt 1848).
Obwohl oder vielleicht weil sich sein Gesundheitszustand ab 1850 drastisch verschlechterte und er immer häufiger in Kliniken war, arbeitete er in den Folgejahren, wenn er konnte, wie besessen. So publizierte er 1851 die endgültige Version seiner Orientreise (Voyage en Orient) und brachte im Dezember sein Stück L'Imagier de Haarlem zur Aufführung, das sein Faust hatte werden sollen, aber durchfiel.
Hiernach suchte Nerval ältere und neuere, in der Regel schon in Zeitschriften publizierte Texte zusammen, überarbeitete sie und reihte sie möglichst sinnfällig aneinander, wodurch zwei seltsam heterogen und homogen zugleich wirkende kürzere Sammelbände entstanden, die heute als seine Meisterwerke gelten: Les Illuminés, ou Les Précurseurs du socialisme (1852), ein Ensemble von sechs fiktionalen Porträts etwas exzentrischer historischer männlicher Personen, deren „Sozialismus“ eher Anarchismus ist; sowie Les filles du feu (1854), eine Sammlung von acht sehr unterschiedlichen, meist erzählenden Texten um weibliche Protagonistinnen, denen Nerval unter dem Titel Chimères, eine Sammlung von 12 sehr kunstvollen, ziemlich hermetischen Sonetten anfügte, darunter das berühmte, wie eine Essenz seines Lebens wirkende El Desdichado (=der Unglückliche).
Sein letztes Werk wurde der schwer zu klassifizierende, wohl schon 1841 begonnene mittellange Prosatext Aurelia, der als eine formvollendete Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Traum, wenn nicht Wahn, erscheint und dessen letzter Teil erst postum herauskam.
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