Funktionale Differenzierung bedeutet, dass sich innerhalb eines Systems einzelne Teilsysteme herausbilden, die jeweils eine bestimmte Funktion für das Gesamtsystem erfüllen. Diese Teilsysteme werden auch Funktionssysteme genannt.
Einig sind sich Parsons und Luhmann darin, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft eine "evolutionäre Errungenschaft" darstellt. Sie ist geradezu das Kennzeichen der Moderne. Die Differenz zwischen beiden ergibt sich aus den Bezugspunkten der Ansätze. Parsons begreift Funktionen als aus dem normativen Strukturrahmen einer Gesellschaft abgeleitet. Man könnte schlagwortartig sagen: "Functions follow Norms". Soziales Handeln ist in normative Bezugsschemata eingebettet. Nur so kann ein anomisches Auseinanderdriften der systemischen Eigenrationalitäten verhindert und eine integrative gesamtgesellschaftliche Vernunft garantiert werden.
Luhmanns Perspektive ist anders. Bei ihm sind es autonome Funktionssysteme, die sich ihre Strukturen je nach Bedarf und äußerer Anforderung selbst geben. Ob dabei ein übergeordneter Wert bemüht wird oder ob es bloße Kosten-Nutzenkalküle sind, die die Strukturwahl bestimmen - dies zu analysieren liegt im Ermessen des (soziologischen) Beobachters. Jedes einzelne Teilsystem betrachtet danach das Gesamtsystem aus einem anderen Blickwinkel: so beobachtet etwa das Teilsystem Wissenschaft Vorgänge im System nur danach, ob etwas wahr ist oder nicht; das Teilsystem Politik stellt die Frage, ob Macht vergrößert werden kann oder nicht; und die Wirtschaft interessiert sich ausschließlich dafür, ob Zahlungen erfolgen oder nicht.
Dabei kann ein und derselbe gesellschaftliche Vorgang von verschiedenen Teilsystemen simultan jeweils unterschiedlich bewertet und bearbeitet werden. Funktionssysteme sind also thematisch offen. Weitere i. d. S. autonome Teilsysteme sind Kunst, Religion, Intimbeziehungen, Erziehung und Recht. Luhmann schließt einen "funktionalen Primat", d.h. die Vorrangstellung eines Teilsystems, ausdrücklich aus. Damit stellt sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftsrationalen Handelns sowie der Steuerung ökologischer und sozialer Probleme.
Trotzdem werden in der Realität zweifelsfrei Personen von bestimmten Teilsystemen ausgeschlossen (Exklusion). So wird beispielsweise wissenschaftlichen Amateuren der Diskurs in akademischen Instituten und Fachzeitschriften verwehrt. Das Wissenschaftssystem rekrutiert nach eigenen Maßstäben und Gesichtspunkten das Personal, das es zum Fortbestand seiner Funktion, nämlich Wahrheiten zu produzieren, benötigt. Die Teilsysteme verstärken so bereits vorhandene Unterschiede immer weiter (positive Diskriminierung): wer also etwa schon Geld hat, bekommt leichter Kredit, wer schon gute Noten hatte, bekommt oft wieder bessere, wer schon wissenschaftliches Prestige besitzt, dem eröffnen sich bessere Publikationschancen etc.
So gliedert sich z.B. das politische System - Luhmann zufolge - intern in die Subsysteme Parteipolitik, Verwaltung und Öffentlichkeit auf, während bei Parsons das Vier-Funktionen- oder AGIL-Schema zur Anwendung kommt. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene erfüllt beispielsweise die Politik die Funktion der "Zielerreichung" (Goal-Attainment) und gliedert sich intern in adaptive, zielverwirklichende, integrative und kulturell-wertvermittelnde Subsysteme und Strukturkomponenten.
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