Der Begriff Fundamentalismus bezeichnet eine religiöse oder weltanschauliche Strömung, deren Ziel eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Religion oder Ideologie ist.
In seiner ursprünglichen Bedeutung geht der Begriff Fundamentalismus auf die Protestbewegung gegen "modernistische" Tendenzen innerhalb des US-amerikanischen Protestantismus zurück und wurde in diesem Zusammenhang erstmals verwendet. Christen (siehe Christlicher Fundamentalismus).
Der Begriff ist seit 1920 belegt und entstand durch die Schriftreihe "The Fundamentals" bzw. "The Fundamentals of Truth", welche Anfang des 20. Jahrhunderts (1915-1919) in den Vereinigten Staaten erschien. Sie richtete sich gegen die moderne Theologie, bzw. insbesondere gegen die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Bibel und gegen die Rezeption der Evolutionslehre. Die hinter der Schriftenreihe stehende Bewegung stammt aus der amerikanischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts und verband mit der Verbreitung konservativ-protestantischen Schrifttums eine durch fromme Industrielle unterstützte öffentliche Propagandatätigkeit. Deren Höhepunkt war der sogenannte "Affenprozess" (in ihm ging es um die Lehre der Abstammung des Menschen vom Affen) 1925 in Dayton, Tennessee.
Die transreligiöse Verwendung verdankt der Begriff des "Fundamentalismus" der islamischen Revolution im Iran 1979. Unter dem Einfluss des Ayatollah Khomeini (s.u.), der auf Grund einer wörtlichen Auslegung des Korans Körperstrafen wie Auspeitschen, Handabhacken und Steinigungen wieder einführte, griffen Publizisten auf diesen Begriff zurück, weil sich auch der protestantische Fundamentalismus auf eine wörtliche Auslegung ihrer heiligen Schrift bezog. Das gemeinsame "Fundament" der Fundamentalisten ist also ursprünglich jeweils ein wörtlich verstandener religiöser Basistext gewesen. Und es ist zu fragen, ob man nicht angesichts des späteren, inflationären Gebrauches zu seiner engeren Ursprungsbedeutung (von Fundamentalisten als 'Textfetischisten') zurückkehren soll. Im Bezug auf den Islam könnte so eine Differenzierung verschiedener Strömungen und Ursachen aufgedeckt werden, die durch den mittlerweile instrumentalisierten Begriff des Fundamentalismus eher verdeckt werden.
Im populären Sprachgebrauch werden unter dem Begriff Fundamentalismus zuweilen unterschiedslos konservative religiöse Gruppen, gewalttätige Mitglieder einiger Volksgruppen mit mehr oder weniger religiöser Motivation oder Terroristen zusammengefasst, was diesen Begriff heute problematisch macht. Während es unbestreitbar unter diesen Gruppentypen Überschneidungen gibt, lassen sie sich nicht prinzipiell gleichsetzen. Fundamentalisten charakterisiert man im allgemeinen dadurch, dass sie sich auf bestimmte konkrete Grundlagen (oder dem, was sie darunter verstehen) ihrer Religion (oder auch im politischen Sinne: ihrer Partei) beziehen und darüber keine Diskussion zulassen.
Der Begriff Fundamentalismus hat sich im Allgemeingebrauch stark aufgefächert, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und in der europäischen Presse besonders nach der iranischen Revolution 1979, als nun auch von einem islamischen Fundamentalismus gesprochen wurde.
Der Begriff Fundamentalismus wird heute im allgemeinen Sprachgebrauch oft als diskursiver Allgemeinplatz verwendet. Im sprachpsychologischen Gebrauch wird der Begriff Fundamentalismus auch zum Ausdrücken eines Diskussionsabschlusswunsches verwendet, in dem eine andere Meinung als Fundamentalismus etikettiert und abqualifiziert wird.
Fundamentalismus, der als eine grundsätzliche Gegenbewegung gegen die Moderne gesehen werden kann, sieht die grundlegenden Prinzipien einer Religion durch Relativismus, sexuelle Selbstbestimmung, Pluralismus, Historismus, Toleranz und das Fehlen von Autorität gefährdet. Er propagiert die Rückkehr zu traditionellen Werten, striktes Festhalten an religiösen Dogmen. Ein Mittel dazu sieht er im politischen Engagement. Typisch für ihn ist, dass er die in westlichen Ländern übliche Trennung von Kirche und Staat aufgibt, um seine Ziele auch mit politischen Mitteln durchsetzen zu können. - Eine einleitende Auflistung findet sich unter Liste fundamentalistischer Bewegungen
Die fundamentalistische Weltanschauung ist in der Regel durch ein dualistisches Konzept des Niedergangs, nach dem die Anhänger des Wahren und Guten im Kampf gegen die Schlechten, das "Böse", anders Denkenden und anders Gläubigen begriffen sind, geprägt. Dazu vertreten sie eine Lehre, der zufolge Sünde weniger das persönliche Fehlverhalten, sondern eine gesellschaftliche Kraft darstellt. Dieser politisch verstandenen Sünde kann in der Konsequenz nur mit der Errichtung einer Theokratie entgegengewirkt werden.
Strittig ist insbesondere die Abgrenzung zu Anhängern konservativer oder orthodoxer Richtungen von Religionen oder Ideologien. Diese stehen ebenfalls gegenwärtigen Entwicklungen kritisch oder ablehnend gegenüber, nehmen dabei aber eine eher moderate Haltung ein. Konservative und Orthodoxe wollen auch eher die real existierenden Traditionen ihrer unmittelbaren Vorfahren fortsetzen, während Fundamentalisten zu einem angenommenen "Urzustand" vergangener Zeiten zurücklenken zu können meinen.
Charakteristisch für den Fundamentalismus ist ferner die unkritische Rezeption heiliger Texte bzw. die Ablehnung kritischer, wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit religiösen Texten (siehe Verbalinspiration).
Typisch ist auch die "Annahme einer in baldiger Zukunft bevorstehenden Weltwende", etwa durch die - buchstäblich vorgestellte - Wiederkunft Christi (christlich), die Ankunft des 12. Imam (schiitisch), den apokalyptische Endschlacht zwischen Gut und Böse oder den Beginn des Jüngsten Gerichts.
Religionssoziologisch bilden die Fundamentalisten oft kleinere Gruppen innerhalb großer Religionen, die sich von der Mehrheit absetzt, weil diese die grundlegenden Prinzipien der Religion verraten habe. Versteht man Fundamentalismus als eine Bewegung zurück zu den Quellen der Religion, so waren die Reformatoren in vergröberter Sicht ebenfalls eine Art Fundamentalisten. Islamwissenschaftler wie zum Beispiel Oliver Roy unterschieden im Islamismus unter anderem einen militanten Islamismus (oder islamistischen Terrorismus) und einen Neofundamentalismus.
Das wesentliche Charakteristikum totalitärer religiöser Gruppierungen ist eine vollständige Einbindung der Mitglieder bezüglich aller Lebensbereiche, die sich derart umfassend und dominant auf Betroffene auswirkt, dass kritischen Gedanken keinen Freiraum bleibt. Solche Gruppen können theologisch Fundamentalisten sein, aber sie kommen ebenso unter neuen religiösen Bewegungen vor. (siehe auch: Totalitarismus)
Terroristische Gruppen üben Gewalt undifferenziert gegen Unbeteiligte aus, um ihre, gewöhnlich politischen, Ziele zu erreichen. Die Motivation kann ganz oder teilweise aus einer religiösen oder ideologischen Überzeugung stammen; diese ist aber nicht notwendigerweise fundamentalistisch.
Der christliche Fundamentalismus ist zu sehen als ein Teil der evangelischen Erweckungsbewegung in den USA, die besonders im 19. Jahrhundert stark war. Gegen die moderne Bibelkritik auf den Kanzeln der protestantischen Hauptkonfessionen in den USA wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedener Widerstand, der zunächst unorganisiert war.
Eine lose Schriftenreihe "The Fundamentals - A Testimony to the Truth" erschien von 1910-1915 in einer Auflage von je 175'000-300'000, welcher verschiedene wertkonservative christliche Gedanken umfasste und eher ökumenisch und nicht separatistisch gedacht war. Finanziert wurden die Traktate von den kalifornischen Ölmagnaten Lyman und Milton Stewart.
Als Erfinder des Begriffes "Fundamentalismus" gilt Curtis Lee Laws (1858-1946) in der Zeitschrift "Watchman Examiner" in der Ausgabe vom 1. Juli 1920. Mit Fundamentalisten bezeichnete Laws eine Gruppe innerhalb der Northern Baptists, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhielt.
1919 wurde eine unbedeutend gebliebene World's Christian Fundamentals Association WCFA gegründet.
Als Klassik des christlichen Fundamentalismus in den USA kann man die ökumenisch-pazifistische Grundausrichtung von 1910-1918 ansehen.
Der moralische Niedergang in der Gesellschaft wurde von den frühen Fundamentalisten richtig gesehen, obgleich nicht in allen Konsequenzen durchschaut. Die Bewegung ist aber insofern zu spät gekommen, dass sie die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und als Folge davon auch diejenige des Zweiten Weltkriegs nicht aufhalten konnte.
Durch die russische Revolution, die beiden Weltkriege und die Angst vor dem Kommunismus (Kalter Krieg) wurde die amerikanische und die westliche Gesellschaft stark verändert. Diese Angstkultur war der Nährboden für die spätere fundamentalistische kirchliche Splitterbewegung in den USA, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg lauter wurde und einen rigorosen konfessionellen Separatismus umzusetzen begann, als innerkirchliches Pendant zum Kalten Krieg auch als Separatismus innerhalb der protestantischen Erweckungsbewegung. Die Erweckungsbewegung als Ganzes und insbesondere der Evangelikalismus setzte sich zwar auch von vielen theologisch-bibelkritischen Strömungen ab, verzichtete aber meist auf die beissende Polemik und die als unbiblisch empfundene Rechthaberei.
Viele fundamentalistische Gruppen sehen ihrerseits den Evangelikalismus als zu verweltlicht und zu ökumenisch an. In Fragen von Ökonomie und Politik besteht beim christlichen Fundamentalismus eine starke Affinität zu ultraliberalen oder rechtsradikalen Auffassungen. So wird die Todesstrafe meist befürwortet im Unterschied zu den Evangelikalen, die hier gespalten sind und ein sehr breites politisches Spektrum aufweisen. Viele Evangelikalen finden das Aufrechterhalten der Todesstrafe als theologisch unhaltbar, da man nicht selber die Gnade Christi beanspruchen kann und selber gegenüber anderen ungnädig sein. (Lukas 6,37: "Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.")
Hinter dem Fundamentalismus und Evangelikalismus verstecken sich unterschiedliche soziale Hintergründe. Die Fundamentalisten sind oft die Landmenschen aus dem Mittleren Westen, die Evangelikalen oft die Stadtmenschen aus Kalifornien und den Neu-England-Staaten. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Komplexität der sozialen Hintergründe der unterschiedlichen Richtungen in der protestantischen Erweckungsbewegung extrem groß ist und die Kategorisierungen daher nur kommunikatorische Hilfsgrößen sein können und nicht Tatsachen.
In der evangelischen Welt außerhalb der USA gibt es nur wenige Entsprechungen der fundamentalistischen Bewegung. Es ist ein typisch US-amerikanisches Phänomen, welches durch die typische kommunikatorische Radikalität entstanden ist, welche durch die Größe der US-Gesellschaft (heute 300 Mio. Einwohner/innen) vorgegeben ist und in allen Lebensbereichen wahrzunehmen ist.
Filialen der US-amerikanischen Missionsgesellschaften fundamentalistischer Prägung wurden in Europa durch den pietistisch geprägten Evangelikalismus gezähmt und kulturspezifisch umgeformt. Die fundamentalistische Mission ist weltweit mehr oder weniger erfolglos geblieben. In Südamerika ist die charismatisch-pfingstlerische Bewegung sehr erfolgreich.
Bei der Berichterstattung über die evangelische Erweckungsbewegung wird in der allgemeinen Presse der Begriff Fundamentalismus auch als Oberbegriff für die ganze Bewegung verwendet, was religionshistorisch und -soziologisch jedoch nicht haltbar ist.
In der Außenwahrnehmung wird in jüngerer Zeit oft das als christlicher Fundamentalismus bezeichnet, wo evangelisch-konservative Christen in den USA ihre Glaubensidentität mit der amerikanischen Kultur- und National-Identität so stark überlagern, dass sie diese Art von Antipathie ernten, welche man in Europa der Kategorie "Unheimliche Patrioten" (Stichwort übersteigerter Nationalismus) entgegenzubringen pflegt. In der europäischen Presse wird diese Antipathie oft am Thema Kreationismus kondensiert. Grund hierfür ist auch der medien-ökonomische Sachzwang, mit möglichst wenig Aufwand bei der Leserschaft möglichst viel emotionales Engagement hervorzurufen.
Sowohl im Glaubenssystem als auch in den Handlungsanweisungen stellt er Abweichung von den wörtlich verstandenen Texten aus Koran und Hadith fest, und macht sie als ideen- und sozialkritische Bewegung für Unmoral, Korruption und andere politische Übel der islamischen Länder ihre "Verwestlichung" verantwortlich. Sayed Qutb (1906 - 1966), Mitglied und Vordenker der Muslimbruderschaft, später von den Gedanken der Muslimbruderschaft abgewichen, propagierte einen islamischen Staat als Garant sozialer Gerechtigkeit. Hierbei unterscheiden sich Fundamentalisten von "Konservativen" in der Verwerfung der historischen, bis an die Gegenwart gewachsenen islamischen Traditionen als "degeneriert".
Der islamische Fundamentalismus ist eine Reaktion auf den Identitätsverlust, den viele arabische Länder durch die Kolonisierung erlebten, und auf eine durch den Westen dominierte Globalisierung, die westliche Werte wie Individualismus oder Säkularismus absolut setze und traditionelle orientalische Werte, wie Gemeinschaftssinn und Familie, verdrängen wolle.
Im Islam bildeten sich fundamentalistische Bewegungen im engeren Sinne in den 1930er Jahren, gleichwohl hatte es in der Geschichte des Islam immer wieder radikale religiöse Bewegungen gegeben, so beispielsweise die Wahhabiten im 18. Jahrhundert, die später den heutigen Staat Saudi-Arabien prägten. Ein wichtiger "geistiger Ahne" ist der Damaszener Rechtsgelehrte Ibn Taimiya (1263-1328). Bis heute maßgeblich ist zum einen die 1928 vom Lehrer Hasan al-Banna (1906-1949) in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft (Al-Ikhwan al-muslimun). Der zweite wichtige Vordenker ist der in Indien und (ab 1947) in Pakistan wirkende Sayyid Abu l-A'la Maududi (1903-1979) mit seiner 1941 gegründeten Kaderpartei Jama'at-e islami. In Iran entstand eine von der schiitischen Imamatslehre geprägte Sonderform des islamischen Fundamentalismus. Unter der Führung des Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini (1906-1989) errang sie in der islamischen Revolution 1979 nach dem Sturz des Schahs die Macht.
Die islamischen Fundamentalisten opponieren dem säkularen Staatsmodell und fordern die Einführung des islamischen Rechts, da in ihrem Verständnis die Einheit von Religion, Gesellschaft, Familie, und Staat integral zum Islam gehört. Die Parallelen ihres Staatsmodells zu totalitären Systemen säkularer Prägung sind offensichtlich. Verschwörungstheorien sind ein zentrales Element der islamisch-fundamentalistischen Ideologie.
Besonderen Zustrom findet der islamische Fundamentalismus durch die soziale Situation: wegen der Landflucht gibt es in den Slums der Riesenstädte von Kairo und Ghaza-Stadt, Jakarta und Islamabad entwurzelte Massen, die beim Islamismus nicht nur einen geistigen Halt sondern auch soziale Hilfe finden. Islamistische Organisationen predigen nicht nur in den Moscheen, sie führen auch Spitäler und Schulen, die den Ärmsten offen stehen - ein wichtiger Faktor in Ländern mit hoher Analphabetenrate. Die Stärke des islamischen Fundamentalismus in Saudi-Arabien und den wohlhabenden Golfstaaten zeigt jedoch, dass die Entstehung des islamischen Fundamentalismus nicht einseitig durch sozio-ökonomische Faktoren erklärt werden kann.
Fundamentalistische Gruppen des Islams werden nicht durch eine hierarchische Organisation zusammengehalten, sondern sie treten quer durch die islamische Welt in einzelnen, hierarchisch strukturierten Gruppen auf. Viele davon erhalten finanzielle Unterstützung vom Staat Saudi-Arabien beziehungsweise Iran.
In Deutschland wird im aktuellen Verfassungsschutzbericht berichtet, dass es derzeit 24 aktive islamistische Organisationen im Bundesgebiet gibt. Sie hatten im Jahr 2003 nach Schätzungen der Behörden insgesamt 30 950 Mitglieder. Davon sind 27 300 türkischer und 3300 arabischer Herkunft. Insgesamt entspricht dies nur einem Prozent der über drei Millionen hier lebenden Muslime. Deutschland gilt vor allem als "Ruheraum" für potenzielle islamische Terroristen.
Die wichtigsten islamistischen Gruppierungen in Deutschland im Überblick:
Der Anteil der vor religiös motivierter Gewalt besorgter Deutscher lag in einer Umfrage 2006 bei 40 %.http://derstandard.at/?url=/?id=2508165
In der Beziehung zum Staat Israel gibt es unter den ultra-orthodoxen Juden zwei diametral entgegengesetzte Sichtweisen:
Indien, dazu zählen die heutigen Staaten Indien, Pakistan, Bangladesh, Nepal, Sri Lanka, Bhutan und große Teile Burmas, wird als "heiliges Land" mit hervorgehobener Bedeutung für die Weltgeschichte betrachtet. Dieser geographische Raum ist im eigentlichen als Beginn der menschlichen Schöpfung anzusehen. Die Götterwelt hat daher in Indien ihr zu Hause.
Hinduistischer Fundamentalismus sieht das Leben „als integriertes Ganzes”. Indien und die Welt befänden sich im Zuge der Moderne in einem Zustand des Chaos und der Richtungslosigkeit. Dies mache die Rückbesinnung auf die eigene Kultur notwendig, die durch das religiöse Konzept des ‚Dharma‘ gestützt würde. Dieses Dharma war als außerweltliche, auch göttliche Ordnung, die der einzelne Mensch nicht beeinflussen könne und die das Handeln des Menschen von ihr abhängig mache, zu verstehen. Der Hinduismus hat durch dieses ordnende Prinzip des Dharmas auch eine für die gesamte Erde zukunftsweisende Bedeutung. Ein Hindu ist ein 'vertrauensvoller, den Traditionen verpflichteter, recht handelnder Mensch’.
Zu den Verhaltensregeln eines Hindus zählen die vom Vishwa Hindu Parishad vorgeschriebene und sanktionierte Teilnahme an gewissen Feiern und Zeremonien. Unabdingbar ist das Engagement, für den Bau eines Tempels an der angeblichen Geburtsstätte von Gott Rama in Ayodhya am Ort der am 6. Dezember 1992 von Freiwilligen des VHP zerstörten Babri-Moschee zu wirken.
Der hinduistische Fundamentalismus wirkt organisatorisch mit der politischen Partei Bharatiya Janata Party (BJP) und der ideologischen Kader- und Freiwilligenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) zusammen. Die nationalistische Bharatiya-Janata-Partei oder die militante Vishwa Hindu Parishad sind Beispiele für Fundamentalismus im Hinduismus. Der Hindu-Fundamentalismus versucht vor allem alle vermeintlichen ehemaligen hinduistischen Inder (Muslime, Christen, Sikhs) wieder zum Hinduismus "zurückzubekehren", Hindi zur alleinigen Sprache all jener Hindus zu machen, die eine dem Hindi verwandte Sprache sprechen (beispielsweise Nepali, Pandschabi) und ein Groß-Indien, vor allem unter Einschluss ganz Kaschmirs aber auch Teilen anderer angrenzender Länder, zu schaffen. Außerdem tritt der Hindu-Fundamentalismus dafür ein, die Republik Indien von einem laizistischen Staat zu einem Staat mit hinduistischer Staatsreligion zu machen.
Im Himalaya-Königreich Bhutan ist der Mahayana-Buddhismus Staatsreligion. Andere Religionen finden keine offizielle Anerkennung und werden, sofern ihre Praxis öffentlich bekannt wird, verfolgt. Muslimen, Christen und anderen Andersgläubigen ist es z.B. nicht gestattet, in der Öffentlichkeit zu beten oder zu feiern. Religiöse Versammlungen in nicht-buddhistischen Häusern, an denen mehrere Familien beteiligt sind, sind verboten. Die Einfuhr von gedrucktem religiösen Material ist eingeschränkt. Auch Festnahmen dienen der Polizei als Druckmittel gegenüber Andersgläubigen. Neben dem behördlichen Druck gibt es auch Druck von Seiten buddhistischer Geistlicher und gewaltsame Übergriffe auf Andersgläubige. Die Gesellschaft übt somit einen starken Druck aus, buddhistischen Normen zu entsprechen.
Andererseits ist es aber auch nötig, die Kulturen des Islam, des Christentums und des Judentums zu respektieren, ihnen das Recht auf eine eigene Identität zuzugestehen, gerade dort, wo sie sich gegen Säkularismus, Relativismus, und Verfall moralischer Werte abgrenzen wollen. Wer differenziert und mit den pragmatischen, gemäßigt konservativen Gruppen einen konstruktiven, auf Zusammenarbeit zielenden Dialog auf "gleicher Augenhöhe" führt, gräbt dem Fundamentalismus das Wasser ab.
Weiterhin muss nicht alles schlecht sein, was als im gängigen Sprachgebrauch schnell einmal als fundamentalistisch gebrandmarkt wird. Manche Entwicklungen innerhalb der anerkannten Gesellschaft, die der Fundamentalismus anprangert, können mit Recht hinterfragt werden, und nicht alle Werte, die Fundamentalisten vertreten, sind allein deshalb schon negativ.
In einigen Fällen spricht der Fundamentalismus Probleme an, die tatsächlich existieren, zumindest für einen gewissen Personenkreis - und dort hat der Fundamentalismus dann ein Rekrutierungspotential. Es sollten also auch vielleicht manche der Probleme, die Fundamentalisten aufgreifen, nicht einfach negiert, sondern als Probleme ernst genommen und, wo nötig, aktiv behandelt werden.
Im Grundsatz problematisch ist in der Mediengeschichte die Transponierung des Fundamentalismus-Begriffes durch säkulare Zeitungen von der im Grunde genommen pazifistisch orientierten christlich-fundamentalistischen Bewegung auf militante Kreise im Islamismus, Pseudo-Islamismus oder Terrorismus.
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