Friedrich Wilhelm Nietzsche (* 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen; † 25. August 1900 in Weimar) war ein deutscher Philosoph und klassischer Philologe.
Nietzsche187b.jpg Im WS 1864/65 begann Nietzsche an der Universität Bonn das Studium der klassischen Philologie und der evangelischen Theologie. Zusammen mit Deussen wurde er Mitglied der Burschenschaft Frankonia, die er ein Jahr später wieder verließ, weil ihm das Verbindungsleben missfiel. Neben seinem Studium vertiefte er sich in Werke der junghegelianischen Philosophen, etwa David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu, Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums oder Bruno Bauers Evangelienkritiken. Dies bestärkte ihn in dem Entschluss, das Theologiestudium - zur großen Enttäuschung seiner Mutter - nach einem Semester abzubrechen.
Als der renommierte Bonner Philologieprofessor Friedrich Ritschl zum WS 1865/66 an die Universität Leipzig wechselte, folgten Nietzsche und einige Kommilitonen ihm. Zuvor, im Oktober 1865, verbrachte Nietzsche zwei Wochen in Berlin bei der Familie seines Studienfreundes Hermann Mushacke. Dessen Vater, Eduard Mushacke, hatte in den 1840er Jahren zu einem Debattierzirkel um Bruno Bauer und Max Stirner gehört. Ob Nietzsche bei diesem Besuch auch mit Stirners Werk Der Einzige und sein Eigentum konfrontiert wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit belegen. Jedenfalls wandte Nietzsche sich unmittelbar danach einem Philosophen zu, der dem Junghegelianismus fern stand: Arthur Schopenhauer. Ein weiterer Philosoph, den er in seiner Leipziger Zeit für sich entdeckte, war Friedrich Albert Lange, dessen Geschichte des Materialismus 1866 erschien. In erster Linie setzte Nietzsche zunächst jedoch sein philologisches Studium fort.
Hatte er im Preußisch-Österreichischen Krieg, in dessen Verlauf auch Leipzig preußisch besetzt wurde, noch eine Einziehung vermeiden können, so wurde Nietzsche 1867 als Einjährig-Freiwilliger bei der preußischen Artillerie in Naumburg verpflichtet. Nach einem schweren Reitunfall im März 1868 war er dienstunfähig; die Kurzeit nutzte er zu weiteren philologischen Arbeiten, die er in seinem letzten Studienjahr fortsetzte. Von großer Bedeutung sollte sein erstes Zusammentreffen mit Richard Wagner 1868 werden.
Rohde Gersdorff Nietzsche-2.JPG, Carl von Gersdorff und Nietzsche im Oktober 1871]] Auf eigenen Wunsch wurde Nietzsche nach dem Umzug nach Basel aus der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen und war für den Rest seines Lebens offiziell staatenlos. Dennoch diente er im Deutsch-Französischen Krieg für kurze Zeit als Sanitäter auf deutscher Seite. Die Gründung des Deutschen Reichs und die anschließende Ära Bismarck nahm er von außen und mit einer grundsätzlichen Skepsis wahr.
In Basel begann 1870 die bis in die Zeit von Nietzsches Umnachtung andauernde Freundschaft zu seinem Kollegen Franz Overbeck, einem atheistischen Theologieprofessor. Ein weiterer geschätzter Kollege war Jacob Burckhardt.
Bereits im Jahre 1868 hatte Nietzsche in Leipzig Richard Wagner sowie dessen spätere Frau Cosima kennen gelernt. Beide verehrte er zutiefst und war seit Beginn seiner Zeit in Basel häufig Gast im Haus des „Meisters“ in Tribschen bei Luzern. Dieser nahm ihn zeitweise in seinen engsten Kreis auf, schätzte ihn aber vor allem als Propagandist für die Gründung des Festspielhauses in Bayreuth.
1872 veröffentlichte Nietzsche Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Dieses erste größere Werk über den Ursprung der Tragödie, das eine exakte philologische Methode durch philosophische Spekulation ersetzte, wurde von seinen altphilologischen Kollegen – auch Ritschl – zumeist nicht verstanden, abgelehnt und totgeschwiegen. Durch die Polemik zukunftsphilologie! von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff kam es allerdings zu einer kurzen öffentlichen Kontroverse, in die Rohde, inzwischen Professor in Kiel, und sogar Wagner auf Nietzsches Seite eingriffen. Nietzsche selbst bemerkte freilich seine zunehmende Isolation in der Philologie und bewarb sich erfolglos um den philosophischen Lehrstuhl in Basel, der nach Gustav Teichmüllers Weggang frei geworden war – der Lehrstuhl ging übrigens an Rudolf Eucken.
Nietzsche187a.jpg Auch die vier Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873–1876), in denen er seine Vorstellung einer zukünftigen deutschen Kultur mit den Leitbildern Schopenhauer und Wagner darlegte und den tatsächlichen geistigen Zustand Deutschlands kritisierte, fanden nicht die erhoffte Resonanz. Im Umkreis Wagners hatte Nietzsche inzwischen Malwida von Meysenbug und Hans Guido von Bülow kennengelernt; auch begann die Freundschaft mit Paul Rée, dessen Einfluss ihn vom Kulturpessimismus seiner ersten Schriften abbrachte. Seine Enttäuschung über die ersten Bayreuther Festspiele 1876, wo er von der Banalität des Schauspiels und der Niveaulosigkeit des Publikums abgestoßen war, nahm er zum Anlass, sich von Wagner zu entfernen. Die frühere unterwürfige Anhängerschaft schlug in Ablehnung und schließlich radikale Gegnerschaft um (vergleiche Einflüsse).
Mit der Publikation von Menschliches, Allzumenschliches 1878 wurde die Entfremdung von Wagner und Schopenhauerscher Philosophie offenbar. Auch die Freundschaften zu Deussen und Rohde hatten sich merklich abgekühlt.
In dieser Zeit unternahm er mehrere Versuche, eine junge heiratswillige – und vermögende – Frau zu finden, worin er vor allem von der Meysenbug unterstützt wurde. Diese Pläne zerschlugen sich aber.
Seit der Kindheit auftretende Krankheiten – starke Kurzsichtigkeit bis zu praktischer Blindheit, Migräneanfälle und Magenstörungen – nahmen zu und zwangen ihn, immer längere Urlaube von seiner Lehrtätigkeit zu nehmen. 1879 musste er sich wegen der Anfälle mit heftigen Kopf- und Augenschmerzen und ständigem Erbrechen frühzeitig pensionieren lassen.
Sein früherer Schüler Peter Gast (eigtl. Heinrich Köselitz) wurde dabei zu einer Art Privatsekretär; er sollte später allerdings eine zwielichtige Rolle in der Verfälschung des Nachlasses spielen (siehe Wirkung). Köselitz und Overbeck waren Nietzsches beständigste Vertraute.
Aus dem Wagnerkreis war ihm vor allem Meysenbug als mütterliche Gönnerin erhalten geblieben; Kontakt hielt er daneben mit dem Musikkritiker Carl Fuchs, zunächst auch mit Paul Rée. Anfang der 1880er erschienen mit Morgenröte und Die fröhliche Wissenschaft weitere Werke im aphoristischen Stil von Menschliches, Allzumenschliches.
Nietzsche paul-ree lou-von-salome188.jpg, Paul Rée und Nietzsche; von Nietzsche arrangierte Fotografie, 1882]] 1882 lernte er durch Vermittlung von Meysenbug und Rée in Rom Lou Salomé kennen. Den Sommer 1882 verbrachten die beiden gemeinsam in Tautenburg, mit der Schwester Elisabeth Nietzsche als oft ausgeschlossener Anstandsdame. Nietzsche sah Salomé allerdings bei aller Wertschätzung weniger als gleichwertige Partnerin denn als begabte Schülerin an. Er verliebte sich in sie und hielt über den gemeinsamen Freund Rée um ihre Hand an; Salomé lehnte ab. Unter anderem aufgrund von Intrigen der Schwester zerbrach die Beziehung zu Rée und Salomé im Winter 1882/1883; der angesichts neuer Krankheitsschübe und beinahe vollständiger Isolation – mit Mutter und Schwester hatte er sich der Salomé wegen überworfen – von Suizidgedanken geplagte Nietzsche flüchtete nach Rapallo, wo er in nur zehn Tagen den ersten Teil von Also sprach Zarathustra verfasste.
Waren ihm schon nach dem Bruch mit Wagner und der Schopenhauerschen Philosophie nur wenige Freunde erhalten geblieben, so stieß der völlig neue Stil im Zarathustra selbst im engsten Freundeskreis auf Unverständnis, das höchstens durch Höflichkeit überdeckt wurde. Nietzsche war sich dessen durchaus bewusst und pflegte seine Einsamkeit geradezu, wenn er auch oft darüber klagte. Den kurzzeitig gehegten Plan, als Dichter in die Öffentlichkeit zu treten, gab er auf. Daneben plagten ihn Verlegersorgen; seine Bücher wurden so gut wie nicht gekauft. Den vierten Teil des Zarathustra gab er nur noch als Privatdruck mit einer Auflage von 40 Exemplaren heraus.
1886 ließ er Jenseits von Gut und Böse auf eigene Kosten drucken. Mit diesem Buch und den 1886/87 erscheinenden Zweitauflagen von Geburt, Menschliches, Morgenröte und Fröhlicher Wissenschaft sah er sein Werk als vorerst abgeschlossen an und hoffte, dass sich bald eine Leserschaft entwickeln würde. Tatsächlich stieg das Interesse an Nietzsche nun an, wenn auch sehr langsam und von ihm selbst kaum bemerkt.
Neue Bekanntschaften Nietzsches in diesen Jahren waren Meta von Salis und Carl Spitteler, auch ein Treffen mit Gottfried Keller war zustande gekommen. 1886 war seine Schwester, inzwischen verheiratet mit dem Antisemiten Bernhard Förster, nach Paraguay abgereist, um eine „germanische“ Kolonie zu gründen – ein Vorhaben, das Nietzsche für lächerlich befand. Im brieflichen Kontakt setzte sich die Abfolge von Streit und Versöhnung fort, persönlich sollten sich die Geschwister aber erst nach Friedrichs Zusammenbruch wiedersehen.
Nietzsche hatte auch immer noch mit wiederkehrenden schmerzhaften Anfällen zu kämpfen, die längere Arbeiten unmöglich machten. 1887 schrieb Nietzsche in kurzer Zeit die Streitschrift Zur Genealogie der Moral. Er wechselte nun Briefe mit Hippolyte Taine, dann auch mit Georg Brandes, der Anfang 1888 in Kopenhagen die ersten Vorträge über Nietzsches Philosophie hielt.
Im selben Jahr schrieb Nietzsche fünf Bücher, teilweise aus umfangreichen Aufzeichnungen für das zeitweise geplante Werk Der Wille zur Macht. Seine Krankheiten schienen nachgelassen zu haben, im Sommer war er in regelrechter Hochstimmung. Ab Herbst 1888 trugen seine Schriften und Briefe stärker werdende Anzeichen von Größenwahn; die zunehmenden Reaktionen auf seine Schriften, vor allem auf die Polemik Der Fall Wagner vom Frühjahr, wurden von ihm maßlos überbewertet. An seinem 44. Geburtstag entschloss er sich, nach der Vollendung der Götzen-Dämmerung und des zunächst zurückgehaltenen Antichrist, die Autobiographie Ecce Homo (zu Deutsch: „Sehet, welch ein Mensch!“) zu schreiben. Im Dezember begann ein Briefwechsel mit August Strindberg; Nietzsche glaubte, kurz vor dem internationalen Durchbruch zu stehen, versuchte, seine alten Schriften vom ersten Verleger zurückzukaufen und wollte über Übersetzungen in die wichtigsten europäischen Sprachen verhandeln. Überdies plante er die Veröffentlichung der Kompilation Nietzsche contra Wagner und der Gedichte Dionysos-Dithyramben.
Anfang Januar 1889 erlitt er in Turin einen geistigen Zusammenbruch; kleine Schriftstücke – „Wahnzettel“ – die er an enge Freunde, aber auch zum Beispiel an Cosima Wagner und Jacob Burckhardt sandte, waren eindeutig vom Wahnsinn gezeichnet.
Als Ursache für den Zusammenbruch wurde progressive Paralyse als Folge von Syphilis vermutet. Diese Diagnose und die Ursache für Nietzsches Krankheitsbild überhaupt bleiben allerdings zweifelhaft und sind bis heute umstritten.
Über das weitere Verfahren mit den teilweise noch ungedruckten Werken berieten zunächst Overbeck und Köselitz. Letzterer begann eine erste Gesamtausgabe. Gleichzeitig begann eine erste Welle der Nietzsche-Rezeption.
Die Schwester kehrte nach dem Suizid ihres Mannes 1893 aus Paraguay zurück, ließ bald die Köselitzsche Ausgabe einstampfen und übernahm Stück für Stück sämtliche Kontrolle über Nietzsche und die Herausgabe seiner Werke. Die hochbetagte Mutter konnte dem kaum mehr Widerstand entgegensetzen, Overbeck wurde ausgebootet, Köselitz schließlich eingespannt. Nietzsche selbst bekam von alldem ohnehin nichts mit.
Nach dem Tod der Mutter 1897 lebte Nietzsche in der Villa Silberblick in Weimar, wo er von seiner Schwester gepflegt und wie ein Schaustück ausgestellt wurde. Er überstand mehrere Schlaganfälle, bevor er am 25. August 1900 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Auf Wunsch der Schwester wurde er an der Röckener Dorfkirche neben seinem Vater beigesetzt.
Nietzsche hat wie kaum ein zweiter Philosoph die Freiheit der Methode und der Betrachtung gewählt. Eine definitive Einordnung seiner Philosophie auf eine Fragestellung oder eine bestimmte Disziplin ist daher problematisch. Nietzsches Herangehensweise an die Probleme der Philosophie ist mal die des Künstlers, mal die des Wissenschaftlers und mal die des Philosophen.
Viele Stellen in Nietzsches Werk können auch als psychologisch bezeichnet werden, wobei dieser Begriff erst nach Nietzsches Zeit seine heutige Bedeutung bekam. Nietzsche untersucht oft Werturteile nicht auf ihre Gültigkeit, sondern beschreibt Zusammenhänge zwischen der Erschaffung von Werten durch einen Denker oder eine Gruppe von Menschen und deren biologisch-psychologischer Verfassung. Diese Form der Kritik auf einer Meta-Ebene (vergleiche Metaethik) ist ein typisches Kennzeichen von Nietzsches Philosophie.
Es gibt allerdings einige Überschneidungen und Brüche in diesem Schema; so fügte Nietzsche den Zweitauflagen der Geburt der Tragödie und der Fröhlichen Wissenschaft von 1887 ein kritisches Vorwort bzw. ein fünftes Buch hinzu. Bedeutsam ist auch die zu Lebzeiten unveröffentlichte Schrift Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne von 1872, in der Nietzsche viele seiner späteren Gedanken vorwegnimmt. Einige Themen – etwa das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft – behandelt Nietzsche in allen Zeiträumen, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven und mit entsprechend unterschiedlichen Antworten.
Neben seinen philosophischen Betrachtungen veröffentlichte Nietzsche auch Gedichte, in denen seine philosophischen Gedanken bald heiter, bald dunkel und schwermütig ausgedrückt werden. Sie hängen mit den Prosawerken zusammen: Die Idyllen aus Messina (1882) gingen in die zweite Auflage der Fröhlichen Wissenschaft ein, während die Dionysos-Dithyramben (1888/89) teilweise aus Also sprach Zarathustra entsprungen sind.
Nietzsche gilt als Meister der aphoristischen Kurzform und des mitreißenden Prosa-Stils. Einige Interpreten halten auch die scheinbar wenig strukturierten Aphorismenbücher für geschickt „komponiert“. Die Werke sind oft mit einem Rahmen (Rahmenhandlung, Vor- und Nachwort, Gedichte, „Vorspiel“) versehen.
Lange Zeit umstritten war die Frage nach dem philosophischen Rang von Nietzsches Nachlass: Extrempositionen bezogen hier einerseits Karl Schlechta, der im Nachlass nichts fand, was nicht auch in veröffentlichten Werken zu finden sei; und andererseits Martin Heidegger, der Nietzsches veröffentlichtes Werk nur als „Vorhalle“ sah, während sich die „eigentliche Philosophie“ im Nachlass befinde. Inzwischen herrscht eine mittlere Position vor, die den Nachlass als Ergänzung der veröffentlichten Werke begreift und darin ein Mittel sieht, Nietzsches Denkwege und Entwicklungen besser nachzuvollziehen. Vergleiche: Wirkung.
Die Frage, inwieweit das weitgehende Fehlen einer Systematik von Nietzsche beabsichtigt war oder sogar Ausdruck seiner Weltsicht ist, ist in der Rezeption ausführlich diskutiert worden. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird sie eher bejaht. Vergleiche hierzu unten den Abschnitt Kritik an Religion, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
Im Folgenden sollen einige zentrale Gedanken vorgestellt werden.
Die Gedankengänge werden von Nietzsche zu einer immer radikaleren Kritik am Christentum gebündelt. Dieses sei nicht nur nihilistisch – wie es in Nietzsches Verständnis auch der Buddhismus ist –, sondern im Gegensatz zu jenem auch aus Ressentiment geboren.
Das Christentum habe jede höhere Art Mensch und jede höhere Kultur und Wissenschaft behindert. In den späteren Schriften steigert Nietzsche die Kritik an allen bestehenden Normen und Werten: Sowohl in der bürgerlichen Moral als auch im Sozialismus und Anarchismus sieht er die Nachwirkungen der christlichen Lehren am Werk. Die ganze Moderne leide an décadence. Dagegen sei nun eine „Umwertung aller Werte“ nötig. Wie genau allerdings die neuen Werte ausgesehen hätten, wird aus Nietzsches Werk nicht eindeutig klar. Diese Frage und ihr Zusammenhang mit den Aspekten des Dionysischen, des Willen zur Macht, des Übermenschen und der Ewigen Wiederkunft (siehe unten) wird bis heute diskutiert.
Das Wort vom Tod Gottes findet sich in den Aphorismen 108 und 343 der Fröhlichen Wissenschaft; das Motiv taucht auch mehrmals im Zarathustra auf. Danach verwendete Nietzsche es nicht mehr, befasste sich aber weiter intensiv mit dem Thema. Beachtenswert ist hier etwa das nachgelassene Fragment „Der europäische Nihilismus“ (KSA 12, 5*, datiert 10. Juni 1887), in dem es nun heißt: „,Gott′ ist eine viel zu extreme Hypothese.“
Die bedeutendste und meistbeachtete Stelle zu diesem Thema ist aber der Aphorismus 125 aus der Fröhlichen Wissenschaft mit dem Titel „Der tolle Mensch“. Der stilistisch dichte Aphorismus enthält Anspielungen auf klassische Werke der Philosophie und Tragödie. Dieser Text lässt den Tod Gottes als bedrohliches Ereignis erscheinen. Dem Sprecher darin graut vor der Aussicht, dass die zivilisierte Welt ihr bisheriges geistiges Fundament weitgehend zerstört hat:
Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? * Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?
Dieser unfassbare Vorgang würde gerade wegen der großen Dimension lange brauchen, um in seiner Tragweite erkannt zu werden: Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Und weiter wird gefragt: Ist nicht die Größe dieser Tat getötet zu haben, Anm. zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Unter anderem aus diesem Gedanken heraus erscheint später die Idee des „Übermenschen“, wie sie vor allem im Zarathustra dargestellt wird: „Tot sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.“ Siehe hierzu weiter unten.
Die Rede vom Tod Gottes wurde und wird oft als Prophezeiung der Heraufkunft des Nihilismus gesehen: Durch die Kritik der bestehenden Moral, wie Nietzsche selbst sie betrieb, würde die Moral hohl und unglaubwürdig und bräche schließlich zusammen. Mit dieser radikalisierten Kritik stand Nietzsche einerseits in der Tradition der französischen Moralisten wie etwa Montaigne oder La Rochefoucauld, die die Moral ihrer Zeit kritisierten, um zu einer besseren zu gelangen; andererseits betonte er mehrfach, nicht nur die Heuchelei von Moral, sondern die herrschenden „Moralen“ selbst – im wesentlichen immer die christliche – zu bekämpfen. Um dies in einen Begriff zu fassen, bezeichnete er sich selbst als „Immoralist“.
In späteren Schriften rückt Nietzsche von dieser Position ab; insbesondere sieht er in den Werken Wagners jetzt keinen Neuanfang mehr, sondern ein Zeichen des Verfalls. Auch seine grundsätzlichen ästhetischen Betrachtungen variiert er: In den Schriften der „positivistischen“ Periode tritt die Kunst, die „große Verführerin zum Leben“, deutlich hinter die Wissenschaft zurück. Nunmehr gilt das Leben als „Mittel der Erkenntnis“ (Fröhliche Wissenschaft). Erst nach Also sprach Zarathustra greift Nietzsche wieder deutlicher auf seine frühen ästhetischen Ansichten zurück und entwickelt vor allem das Konzept des Dionysischen weiter. In den späten Schriften dient diese Gottheit zur Projektion mehrerer wichtiger Lehren, und Ecce Homo schließt mit dem Ausruf „Dionysos gegen den Gekreuzigten!“
Nietzsche weist immer wieder darauf hin, dass wir die Welt notwendigerweise stets perspektivisch wahrnehmen und auslegen. Schon die Notwendigkeit, sich in Sprache auszudrücken und damit Subjekte und Prädikate anzusetzen, sei eine vorurteilsbehaftete Auslegung des Geschehens. Nietzsche würdigt die antiken Skeptiker als die einzigen „anständigen Philosophen“ (Der Antichrist) und äußert grundsätzliche Vorbehalte gegen jede Art von philosophischem System; es sei unredlich zu meinen, die Welt lasse sich in eine Ordnung einpassen, „der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit“ (Götzen-Dämmerung).
Auch der frühe Tod des Vaters dürfte Nietzsche beeinflusst haben, jedenfalls wies er selbst oft auf dessen Bedeutung für ihn hin. Dabei ist zu beachten, dass er ihn kaum selbst kannte, sondern sich aus Familienerzählungen ein wohl idealisiertes Bild des Vaters machte. Als freundlicher und beliebter, aber körperlich schwacher und kranker Landpfarrer taucht er in Nietzsches Selbstanalysen immer wieder auf.
Schon in seiner Jugend war Nietzsche von den Schriften Ralph Waldo Emersons und Lord Byrons beeindruckt, den seinerzeit tabuisierten Hölderlin erkor er zu seinem Lieblingsdichter. Auch Machiavellis Werk Der Fürst las er bereits privat in der Schulzeit.
Wie stark der Einfluss des Dichters Ernst Ortlepp oder die Ideen von Max Stirner beziehungsweise des ganzen Junghegelianismus' auf Nietzsche waren, ist umstritten. Der Einfluss Ortlepps ist vor allem von Hermann Josef Schmidt hervorgehoben worden. Über den Einfluss Stirners auf Nietzsche wird bereits seit den 1890ern debattiert. Einige Interpreten sahen hier höchstens eine flüchtige Kenntnisnahme, andere, als erster Eduard von Hartmann, erhoben einen Plagiatsvorwurf. Bernd Laska vertritt die These, Nietzsche habe infolge der Begegnung mit dem Werk Stirners, welches ihm vom Junghegelianer Eduard Mushacke vermittelt worden sei, eine „initiale Krise“ durchgemacht, die ihn zu Schopenhauer führte. Dies gilt in der Nietzscheforschung als Außenseitermeinung. Siehe auch: Weblinks.
Im Philologiestudium bei Ritschl lernte er neben den klassischen Werken selbst vor allem philologisch-wissenschaftliche Methoden kennen. Dies dürfte einerseits die Methodik seiner Schriften beeinflusst haben, was insbesondere in der Genealogie der Moral deutlich wird, andererseits aber auch sein Bild von der strengen Wissenschaft als mühselige Arbeit für mittelmäßige Geister. Seine eher negative Haltung zum Wissenschaftsbetrieb an den Universitäten gründete zweifellos in eigenen Erfahrungen sowohl als Student als auch als Professor.
An der Universität versuchte Nietzsche den hoch geschätzten Jacob Burckhardt zu Gesprächen zu gewinnen, las auch einige von dessen Büchern und hörte sich sogar Vorlesungen des Kollegen an. Mit dem Freund Franz Overbeck hatte er in der Basler Zeit einen regen Gedankenaustausch, auch später half ihm Overbeck in theologischen und kirchengeschichtlichen Fragen oft aus.
Werke bekannter Schriftsteller wie Stendhal, Tolstoi und Dostojewski machte Nietzsche sich für sein eigenes Denken ebenso zunutze wie solche heute eher unbekannter Autoren wie W. E. H. Lecky oder Fachgelehrter wie Julius Wellhausen. Zu seinen Ansichten über die moderne décadence las und bewertete er etwa George Sand, Gustave Flaubert und die Brüder Goncourt.
Schließlich lässt sich Nietzsches umfassendes Interesse an Wissenschaften von der Physik (besonders Roger Joseph Boscovichs System) bis zur Nationalökonomie belegen.
Für die Ethica Spinozas, die Nietzsche zeitweise anregte, war Fischers Werk die Hauptquelle. Kant war ihm ebenfalls durch Fischer (und Schopenhauer, s. unten) bekannt, im Original las er womöglich nur die Kritik der Urteilskraft. Zum deutschen Idealismus um Hegel übernahm er für einige Zeit die scharfe Kritik Schopenhauers, später ignorierte er die Richtung; um eigene Lektüre bemühte er sich offenbar nicht. Bemerkenswert ist, dass sich zu Karl Marx in Nietzsches Werk keine Spur finden lässt, obwohl er mit den Junghegelianern vertraut war und sich verschiedentlich über den politischen Sozialismus äußerte.
Weitere von Nietzsche rezipierte Quellen waren die französischen Moralisten wie La Rochefoucauld, Montaigne, Vauvenargues, Chamfort, Voltaire und Stendhal. Die Lektüre Pascals vermittelte ihm einige neue Einsichten zum Christentum.
Hin und wieder setzte sich Nietzsche polemisch mit den seinerzeit populären Philosophien Eugen Dührings, Eduard von Hartmanns und Herbert Spencers auseinander. Vor allem von letzterem und den deutschen Vertretern der Evolutionstheorie um Ernst Haeckel zog er sein Wissen um die Lehren Charles Darwins.
Vereinzelt ist in der Nietzsche-Forschung darauf hingewiesen worden, dass Nietzsches Kritik an anderen Philosophien und Lehren auf Missverständnissen beruhe, eben weil er sie nur durch entstellende Sekundärliteratur kannte. Dies betrifft insbesondere Nietzsches Aussagen zu Kant und der Evolutionslehre. Auch dieses Thema ist aber umstritten.
Eh-dm-27.JPG Die nach dem geistigen Zusammenbruch rasch anwachsende Rezeption wurde bald durch Elisabeth Förster-Nietzsche und das von ihr 1894 in Naumburg gegründete (ab 1897 in Weimar befindliche) Nietzsche-Archiv bestimmt. Nietzsches Schwester hing nationalistischen, rassistischen und völkischen Ideen an, die ihr Bruder stets abgelehnt hatte. Sie verfügte über die Gesamtausgabe, schrieb eine „offizielle“ Biographie mit einer Deutung des Werks in ihrem Sinne und gab das angebliche „Hauptwerk“ Der Wille zur Macht (siehe Nietzsche-Rezeption im Nationalsozialismus) sowie Nietzsches Briefwechsel heraus. Insbesondere in letzterem konnten später Fälschungen, Auslassungen und Hinzufügungen durch Elisabeth Förster-Nietzsche nachgewiesen werden.
Im Umkreis dieser ersten Nietzsche-Rezeption sind etwa Harry Graf Kessler, Rudolf Steiner und Julius Langbehn zu finden. Sie und Förster-Nietzsche lasen aus Nietzsches Werk vor allem einen kulturpessimistischen Ansatz. Von Elisabeth Förster-Nietzsche und ihrem Nietzsche-Archiv darin bestärkt, legten völkische Kreise das Werk des Philosophen im deutschnationalen, teilweise sogar antisemitischem Sinne aus, obwohl Nietzsche in seiner Auseinandersetzung mit Richard Wagner seinen gegenteiligen Standpunkt in dieser Frage unmissverständlich dokumentiert hatte. Redensartlich hatte im Ersten Weltkrieg „jeder deutsche Soldat den Zarathustra im Tornister“ (wobei man in der Sache die Abiturienten mit dem ganzen Feldheer ineins setzte).
Gegenteilige Interpretationen, etwa ein 1894 erschienenes Buch Lou Andreas-Salomés, wurden vom Archiv und Elisabeth Förster-Nietzsche öffentlich heftig attackiert. Franz Overbeck weigerte sich, mit dem Archiv zusammenzuarbeiten, und zog so ebenfalls Schmähungen der Förster-Nietzsche auf sich; sein Schüler und Nachlassherausgeber Carl Albrecht Bernoulli, der für das Archiv unangenehme Schriftstücke publizierte, wurde von ihr mehrfach verklagt. Overbecks und Bernoullis „Basler Interpretation“ wird heute allgemein als treffender als die „Weimarer Interpretation“ angesehen.
Ehemalige Mitarbeiter des Archivs berichteten schon vor dem Ersten Weltkrieg von den fragwürdigen Editionsmethoden der Förster-Nietzsche. Erneute Kritik daran findet sich in den 1920ern beispielsweise bei Kurt Tucholsky, auf wissenschaftlicher Basis dann bei Erich Podach. Auch bei einer 1933 begonnenen „historisch-kritischen“ Ausgabe waren die Mitarbeiter und regimenahen Berater des Archivs teilweise nicht willens, teilweise nicht fähig, diesen Mangel zu beseitigen. 1942 wurde die Ausgabe kriegsbedingt abgebrochen.
Darüber hinaus wirkten Teile der Philosophie Nietzsches auf viele Geistes- und Sozialwissenschaftler, so zum Beispiel in der Philosophie auf Martin Heidegger, Karl Jaspers, Karl Löwith und Theodor Lessing, in der Soziologie auf Ferdinand Tönnies (der sich freilich schon 1897 gegen den „Nietzsche-Kultus“ wandte) und Max Weber, in der Geschichtstheorie auf Oswald Spengler und in der Tiefenpsychologie (Psychoanalyse) auf Sigmund Freud – der sich angeblich das weitere Lesen von Nietzsches Büchern verbot, um die darin enthaltenen Erkenntnisse selbst zu gewinnen, und über Nietzsche sagte, er habe eine größere Selbsterkenntnis gehabt, als je ein Mensch vor oder nach ihm – und Carl Gustav Jung. Auch die kritische Theorie um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer interpretierte Teile von Nietzsches Werk.
Zeitweise wurde diskutiert, ob Nietzsche überhaupt als Philosoph gelten dürfe. Das Nietzsche-Archiv bestand unbedingt darauf, bezog sich dabei natürlich auf seine eigene, „offizielle“ Auslegung dieser Philosophie. In Literaten- und Künstlerkreisen wurde dagegen der Inhalt von Nietzsches Büchern im Vergleich zu seinem literarischen Stil, insbesondere im Zarathustra, vernachlässigt. Die Nachfolger der erwähnten Basler Interpretation wandten sich ebenfalls gegen die Deutung Nietzsches als systematischer Philosoph und sahen ihn vor allem als Aphoristiker, Moralisten, Zeitkritiker und Dichter.
Vergleiche hierzu: Vordenker des Nationalsozialismus – Sonderfall Nietzsche Der deutsche Nationalsozialismus und der italienische Faschismus bezogen sich selektiv auf Bruchstücke aus Nietzsches Werk. Besonders Benito Mussolini war von Nietzsche begeistert und wurde in seiner Lesart aus dem Nietzsche-Archiv bestärkt. Die Rezeption im Nationalsozialismus ist in erster Linie auf die schon erwähnten Manipulationen von Nietzsches Schwester und dem Nietzsche-Archiv zurückzuführen. Während der Zeit des Nationalsozialismus (und nach dem Tod der Förster-Nietzsche 1935) betrieb Alfred Baeumler die Vereinnahmung Nietzsches für das „Dritte Reich“ energisch weiter.
Wer mochte, konnte sich bei den provozierenden Schlagworten Nietzsches wie denen vom „Übermenschen“, dem „Willen zur Macht“, der „Herrenmoral“, und nicht zuletzt von der „blonden Bestie“ bedienen, um daraus Rechtfertigungen für seine eigenen Ideen zu finden. Ob Nietzsche dafür verantwortlich gemacht werden kann, ist allerdings fragwürdig. Zweifelsfrei war Nietzsche aufgrund seiner elitären Gesinnung anti-demokratisch, und er hielt auch wenig von weiblicher Emanzipation. Nietzsche glorifizierte Stärke und Krieg. Dass dies von ihm allerdings überwiegend geistig-metaphorisch gemeint war, wurde im Dritten Reich geflissentlich ignoriert, ebenso wie seine vor allem im Spätwerk immer wieder auftretende heftige Ablehnung von Antisemitismus und Nationalismus.
Aber Nietzsche distanzierte sich an anderen Stellen eindeutig von antijüdischen oder antisemitischen Haltungen, ja er legte ihnen ganz ähnliche Attribute wie zuvor „den Juden“ zu. Auch findet sich in Nietzsches Schriften eine Vielzahl von Polemiken gegen die Antisemiten als politische Bewegung in Nietzsches Zeit, welche oft in Zusammenhang mit seinen Polemiken gegen alles „Deutsche“ sowie Richard Wagner und die Wagnerianer stehen. Nietzsche selbst erkannte die Ähnlichkeit der von ihm für Juden einerseits und Antisemiten andererseits verwandten Beschreibungen, und schließlich wog er sie zu Ungunsten der Antisemiten ab. Man wird schließlich mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass Nietzsche zu diesem Thema im selben Geiste verfuhr wie letztlich mit allen anderen Themen: Wo Positionen Dritter zu sehr auf Täuschung, Schwäche oder Unkenntnis beruhten, wurden sie bloßgestellt.
Es bleibt anzumerken, dass Nietzsche einige Klischees über Juden, etwa die vom „jüdischen Geist“ und „Geld“, sein Leben lang in Schriften benutzt hat. Ähnliche Klischees benutzte er freilich auch in Beiträgen über die „oberflächlichen“ Engländer, den französischen „Geschmack“ oder die deutsche Freude am „Widerspruch“, nationaler Politik, „Wolken“ und Bier. Wie weit er selbst daran glaubte, ist fraglich. Im Blick auf seine Beiträge unter anderem zu den Juden schrieb er: „Möge man mir verzeihn, dass auch ich nicht völlig von der Krankheit *uch" target="_blank" >wir haben Stunden, wo wir uns eine herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und Engen gestatten *" target="_blank" >patriotischer Beklemmungen“, aber mit der Absicht „solche atavistischen Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden und wieder zur Vernunft [... zurückzukehren.“ Nietzsche glaubte weniger an Unterschiede zwischen den Völkern als an unterschiedlich wertvolle Individuen innerhalb jedes Volkes. Dennoch stellt sich die Frage, warum er die genannten Klischees immer wieder benutzte.
Seine mit der Zeit zunehmende Ablehnung alles Deutschen und das ihn zeitlebens verfolgende Gefühl, in Deutschland ein Außenseiter zu sein, gründete sich zum Teil auch auf die familiäre Überlieferung, von einem polnischen Adelsgeschlecht Niëtzky (poln. Nicki oder Niecki) abzustammen, was er beispielsweise in seiner Physiognomie bestätigt sah. Eine polnische Abstammung der Familie gilt allerdings aus Sicht der heutigen genealogischen Forschung als sehr unwahrscheinlich, insbesondere ist kein polnisches Adelsgeschlecht dieses Namens nachweisbar.
Im Westen wuchs besonders in Frankreich, dann auch in Italien und anderen Ländern neues Interesse an Nietzsches Philosophie. Der zu der Zeit einflussreiche Existenzialismus um Jean-Paul Sartre und Albert Camus zog offen wichtige Anregungen aus seinem Denken. Im englischen Sprachraum popularisierte Walter Kaufmann Nietzsches Werk; in Deutschland wurde er weiterhin zurückhaltend aufgenommen.
1954 wurde im Rahmen einer dreibändigen Ausgabe von Karl Schlechta zum ersten Mal die verfälschende Tätigkeit des Nietzsche-Archivs einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schlechta beanspruchte für sich, als erster Werk und Teile des Nachlasses nach anerkannten literaturwissenschaftlichen Methoden herauszugeben. Allerdings wurde auch seine Ausgabe als mangelhaft kritisiert, beispielsweise vom schon genannten Erich Podach.
Der italienische Philosoph Giorgio Colli und sein Schüler, der Germanist Mazzino Montinari, entschlossen sich nach Durchsicht sämtlicher Materialien 1962, statt einer geplanten italienischen Übersetzung eine vollständig neue Kritische Gesamtausgabe (KGW) herauszugeben. Seit 1967 erscheint diese auch auf deutsch. 1972 wurden zudem die jährlich erscheinenden Nietzsche-Studien gegründet. Curt Paul Janz gab 1975 zum ersten Mal den musikalischen Nachlass heraus und veröffentlichte 1979 eine dreibändige Biographie, die viele Materialien zum Leben Nietzsches erstmals publizierte. Colli, Montinari und ihre Nachfolger begannen zudem mit der kritischen Ausgabe der Briefe (KGB).
In die 1970er fällt auch eine Welle der Nietzsche-Interpretationen in der neueren französischen Philosophie. Nietzsche diente dem Poststrukturalismus und der Dekonstruktion als Inspirationsquelle. Intellektuelle wie Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Felix Guattari nahmen sein Werk auf und interpretierten es neu.
Die seither erfolgte Nietzsche-Forschung versucht durch eine genaue Texterschließung zu einer nüchternen Rezeption Nietzsches zu kommen. Die früheren, oft sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Nietzsche-Interpretationen bei den genannten Personen werden als zweifelhaft abgelehnt. Besondere Beachtung findet seitdem Nietzsches Vorwegnahme von sprach- und philosophiekritischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts, seine Kritik am Wahrheitsbegriff und sein Perspektivismus. In jüngster Zeit ist seine Christentums- und Religionskritik wieder stärker herausgestellt worden, auch eine vorsichtige Rezeption von Nietzsches Moralkritik (Immoralismus) findet statt.
Nietzsche wird auch immer wieder als Vorläufer der Postmoderne, in der die neue Anwendung vorhandener Ideen eine wichtige Rolle spielt sowie Medien und Technik als Träger und Vermittler von Kultur an Bedeutung gewinnen, genannt. Mit solchen Ansätzen der Postmoderne einhergehend finden sich teilweise entstellte und verkürzte Aspekte aus Nietzsches Werk in der populären Kultur. Aus der Nietzsche-Forschung gibt es allerdings auch Kritik an dieser als „Verharmlosung“ empfundenen Deutung Nietzsches.
Eingeklammerte Jahreszahlen geben das Jahr der Entstehung, mit Kommata abgetrennte das Jahr der Erstveröffentlichung an.
In seiner Jugend komponierte Nietzsche viele kleinere Stücke, auch als Erwachsener musizierte er immer wieder. Bedeutend sind:
Mehr zu Nietzsches Musik und weitere Hörbeispiele hier.
Gesamtausgaben – vollständige, ausführlich kommentierte Ausgaben, die in jeder guten Bibliothek zu finden sind:
Studienausgaben – Taschenbuchausgaben, für den interessierten Leser als erschwingliche Werkausgabe zu empfehlen:
sonstige:
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