Franz Camille Overbeck (* 16. November 1837 als Deutscher in Sankt Petersburg; † 26. Juni 1905 in Basel) war ein evangelischer Theologe. Bedeutend ist seine Freundschaft mit Friedrich Nietzsche.
Von 1856 bis 1864 studierte Overbeck Theologie in Leipzig, Göttingen, Berlin und Jena. Im Göttingen schloss Overbeck sich der Burschenschaft an und wurde Mitglied der Burschenschaft Hannovera. Vor allem durch die Lektüre Karl Schwarz' und in Folge der historischen Theologie Ferdinand Christian Baurs stand er dabei von Anfang an der offiziellen Theologie kritisch gegenüber. Er promovierte 1859 zum Doktor der Philosophie und habilitierte sich 1864 als Theologe mit einer Arbeit über Hippolyt. Von 1864 an lehrte er als Privatdozent in Jena. In seiner Studentenzeit in Leipzig war er eng mit Heinrich von Treitschke befreundet.
1876 heiratete Overbeck die Schweizerin Ida Rothpletz. Im selben Jahr war er Rektor der Universität.
1873 veröffentlichte Overbeck sein wichtigstes Werk Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Darin legte er seine Ansicht dar, dass das "historische" Christentum, das von den Kichenvätern begründet wurde, schon nichts mehr mit der ursprünglichen Idee Christus' zu tun hat und auch nicht haben kann. Das wahre Urchristentum habe sich im Gegensatz zu jeder Art von Geschichte, Kultur und Wissenschaft befunden; folglich sei eine "christliche Theologie" unmöglich. Overbeck kritisiert in dieser Schrift sowohl die konservative ("apologetische") Theologie, die dogmatisch auf Glaubenssätzen beruht, als auch die "liberale" Theologie, die behauptet, man könne Glauben und Wissen in Einklang bringen: beide verfehlen nach Overbeck das Wesen des Christentums, das eben jede Art von Wissen ausschließe.
Zum Anlass dieser Schrift hatte er die Schriften Vom alten und neuen Glauben von David Friedrich Strauß und Über das Verhältniss des deutschen Staates zu Theologie, Kirche und Religion von Paul de Lagarde genommen. Beide waren Versuche, mit Hilfe der Theologie eine "moderne (christliche) Religion" zu erschaffen. Overbeck hielt dies für unmöglich und verfehlt. In seinem Nachwort zur zweiten Ausgabe von 1903 erneuert er diese Kritik gegen den zu dieser Zeit führenden Theologen Adolf von Harnack und dessen Werk Das Wesen des Christentums, welches, so Overbeck, "mir die 'Unwesentlichkeit' des Christentums weit eindringlicher bewiesen hat als das 'Wesen'".
Mit seinem Buch hatte er sich - durchaus bewusst - jede Möglichkeit zu einer Professur in Deutschland verbaut. Er blieb folglich in Basel, wo er über Jahrzehnte dieselben Einführungsvorlesungen hielt und keineswegs über seine provokanten Thesen redete. Nach eigenem Bekunden tat er dies, um seine Studenten zu schützen.
Privat machte er umfangreiche Aufzeichnungen zu einem "Kirchenlexikon", in dem er vor allem zu theologischen, aber auch zu politischen, kulturellen, philosophischen und persönlichen Angelegenheiten Bemerkungen, Reflexionen und kommentierte Literaturverzeichnisse erstellte. Ziel dieser Sammlung war das, was Overbeck als einzige Aufgabe einer echt wissenschaftlichen Theologie ansah: eine profane Kirchengeschichte. Dass gerade diese das Christentum selbst nicht würde erklären oder auch nur verstehen können, sondern es im Gegenteil vernichten würde, wusste Overbeck und empfand es eben als das grundsätzliche Dilemma: eine "christliche Theologie" ist unmöglich.
Die persönliche Freundschaft mit Nietzsche, belegt durch regen Briefwechsel, hielt auch nach dessen Emeritierung 1879 bis zu Nietzsches geistiger Umnachtung Ende 1888 an. Anfang Januar 1889 sandte der bereits wahnsinnige Nietzsche dem von beiden hoch geschätzten Kollegen Jacob Burckhardt, einen "Wahnsinnszettel", woraufhin dieser Overbeck alarmierte. Als auch Overbeck selbst einen wirren Brief bekam, reiste er noch am selben Tag ab und brachte den kranken Nietzsche und dessen Manuskripte aus Turin in Sicherheit. Bei Besuchen zeigte der Geisteskranke bis kurz vor seinem Tod 1900 noch Sympathie für "Freund Overbeck den Treuen".
Overbecks hielt es für angebracht, seine anhaltende Freundschaft und Aufrichtigkeit damit zu beweisen, dass er die beginnende Heldenverehrung und Verklärung um Nietzsche ablehnte und inhaltlich in kritischer Distanz zu dessen Schriften blieb. Damals beinahe als einziger bekämpfte er energisch die Legendenbildungen und Verdrehungen um den Philosophen, die von dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und dem von ihr gegründeten "Nietzsche-Archiv" ausgingen. Er weigerte sich standhaft, ihr seine Korrespondenz mit Nietzsche auszuhändigen - zurecht, denn wie später festgestellt wurde, hat Elisabeth die Briefe anderer, weniger misstrauischer Freunde gefälscht.
Nach Overbecks Tod nahmen die Lügen von Nietzsches Schwester weitere Ausmaße an, unter anderem begann sie 1907 nochmals eine Kampagne gegen den Verstorbenen, die von dessen Frau Ida und dem Schüler und späten Freund Carl Albrecht Bernoulli zurückgewiesen wurde. Letzterer gab auch in den folgenden Jahren nachgelassene Aufzeichnungen und den Briefwechsel mit Nietzsche heraus.
Erst einige Jahrzehnte nach Overbecks Tod wurden seine (anti-)theologischen Ansichten ernst genommen, unter anderem von Karl Barth, Karl Löwith und Martin Heidegger. Seit ca. 1980 steigt auch zumindest in akademischen Kreisen das Interesse an Overbeck, wie die steigende Zahl von Publikationen (siehe unten) beweist.
Mann | Deutscher | Evangelischer Theologe (19. Jh.) | Geboren 1837 | Gestorben 1905
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