Als die Frankfurter Schule wird die neomarxistische, dialektische Kritische Theorie bezeichnet, die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im Institut für Sozialforschung begründet worden war.
Kern der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist die ideologiekritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und historischen Bedingungen der Theoriebildung. Mit Kritik und Erkenntnis ist zugleich der Anspruch verbunden, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.
Die Bezeichnung Kritische Theorie geht auf den Titel des programmatischen Aufsatzes Traditionelle und kritische Theorie von Max Horkheimer aus dem Jahre 1937 zurück. Als Hauptwerk der Schule gilt die von Horkheimer und Theodor W. Adorno 1944 bis 1947 gemeinsam verfasste Essay-Sammlung Dialektik der Aufklärung.
Zu Horkheimers Mitarbeitern gehörten Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Leo Löwenthal und Friedrich Pollock. Auch Walter Benjamin, der während seiner Emigration vom Institut finanziell unterstützt wurde, lieferte bedeutende Beiträge.
Das Institut musste nach 1933 Deutschland verlassen, zog zunächst nach Paris, dann in die Vereinigten Staaten. Nach der Rückkehr Adornos und Horkheimers aus der Emigration an die Goethe-Universität (1950) gewann die Frankfurter Schule für die 68er-Bewegung große Bedeutung und prägte Teile der deutschen akademischen Soziologie stark in Richtung der Kritischen Theorie.
Das Frankfurter Institut für Sozialforschung sollte unter Horkheimers Leitung zu einer interdisziplinär arbeitenden Institution werden, in der theoretische Grundlagenkritik mit empirischen Studien verknüpft werden. So arbeiteten Adorno und Horkheimer im Exil unter anderem an einer umfangreichen Studie zum Autoritären Charakter und legten damit eine wichtige Arbeit zur Erklärung totalitärer Regimes vor.
Die Erfahrung des Nationalsozialismus' und des Holocausts waren für die theoretischen und empirischen Arbeiten der Kritischen Theorie prägend. Die Vertreter der Kritischen Theorie, allen voran Adorno, gingen den Fragen nach, wie sich die Wiederholung eines solchen Ereignisses verhindern ließe und welche Rolle die Vernunft in diesem Zusammenhang noch spielen könne.
Nach Horkheimers und Adornos Tod wurden vor allem Jürgen Habermas (den zu habilitieren sie noch abgelehnt hatten) und Oskar Negt für die Frankfurter Schule repräsentativ. Ihre Kritische Theorie wird in Abgrenzung zur Älteren Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers auch als Jüngere Kritische Theorie bezeichnet.
Die Betonung der kritischen Komponente der Theorie entsprang den Bemühungen, die Grenzen des Positivismus, eines Materialismus und der Phänomenologie zu überwinden. Die Frankfurter Schule griff hierzu auf die kritische Philosophie Kants und seiner Nachfolger im deutschen Idealismus zurück. Insbesondere Hegels dialektische Philosophie mit ihrer Betonung von Negation und Widerspruch als inhärenter Eigenschaften der Realität war dabei von Bedeutung, zumal seit der Veröffentlichung der Marxschen ökonomisch-philosophischen Manuskripte und seiner Deutschen Ideologie in den 1930er Jahren, die Kontinuität seines Denkens mit dem Hegelianismus offenbar wurde.
Das Institut leistete wesentliche Beiträge in Forschungsgebieten, die sich auf die Möglichkeit rationalen Handelns menschlicher Subjekte beziehen, um beispielsweise durch rationales Handeln die Kontrolle über Gesellschaft und Geschichte zurück zu gewinnen. Der erste Forschungsschwerpunkt bestand in der Untersuchung sozialer Phänomene, die vom klassischen Marxismus als Teil des Überbaus oder der Ideologie angesehen werden: Persönlichkeit, Familie, Autoritätsstrukturen (die erste Veröffentlichung des Instituts trug den Titel Studien über Autorität und Familie) und die Bereiche Ästhetik und Massenmedien. Die Studien sahen mit Sorge auf die Möglichkeit des Kapitalismus, die Voraussetzungen eines kritischen, revolutionären Bewusstseins zu zerstören.
Damit war die Ideologiekritik zu einem scharfsinnigen Verständnis der Mechanismen gelangt, in der sich soziale Herrschaft selbst aufrechterhält. Eine Kernerkenntnis der Kritischen Theorie war formuliert: Ideologie ist eine der Grundlagen sozialer Strukturen.
Einen überwältigenden Einfluss auf die Sozialwissenschaft (insbesondere auf die amerikanische) erreichten das Institut und seine Mitarbeiter mit der Schrift Die autoritäre Persönlichkeit, in dem ausführliche empirische Untersuchungen mithilfe soziologischer und psychoanalytischer Kategorien durchgeführt wurden, die die Kräfte charakterisieren sollten, die Individuen dazu führen, sich faschistischen Bewegungen oder Parteien anzuschließen oder diese zu unterstützen. Die Studien der autoritären Persönlichkeit kamen zum Ergebnis, dass die Behauptung der Existenz von Universalien oder einer (jeweils beanspruchten) Wahrheit ein typisches Kennzeichen (F-Skala) faschistischer Weltanschauung sei. Indem jeder Begriff eines höheren Ideals oder eines gemeinsamen Ziels der Menschheit in Frage gestellt wurde, förderte Die autoritäre Persönlichkeit in herausragender Weise die Entstehung einer Alternativkultur in den westlichen demokratischen Industrieländern.
Vor dem Hintergrund sowohl der marxistisch-leninistischen als auch der sozialdemokratischen Orthodoxie, die im Marxismus eine neue Art der positiven Wissenschaft sahen, griffen die Frankfurter auf die von Marx implizierte Erkenntnistheorie zurück, die sich selbst als Kritik verstand, wie im Untertitel von Marx Kapital, Kritik der politischen Ökonomie deutlich wird. Sie betonten, dass es Marx' Anliegen gewesen sei, eine neue Art von kritischer Analyse zu schaffen, die sich mehr an der Einheit von Theorie und revolutionärer Praxis orientierte als am Konzept einer neuen Art positiver Wissenschaft.
In den 1960er Jahren erhob Jürgen Habermas die erkenntnistheoretische Diskussion in seiner Schrift "Erkenntnis und Interesse" auf eine neue Ebene. Er identifizierte kritisches Wissen als auf Prinzipien beruhend, die sich sowohl von denen der Naturwissenschaften als auch der klassischen Philologie durch ihre Orientierung an Selbstreflexion und Emanzipation unterschieden.
Die Analyse der Vernunft geht einen Schritt weiter. Der Vernunftbegriff der westlichen Zivilisation wird als Fusion der Herrschaft mit einer technischen Vernunft entlarvt, die alle inneren und äußeren natürlichen Kräfte unter die Kontrolle des menschlichen Subjekts bringen will. In diesem Prozess aber höbe sich das Subjekt selbst auf, und keine soziale Macht (analog dem Proletariat) sei mehr in der Lage, dem Subjekt zu seiner Emanzipation zu verhelfen. Konsequenterweise lautet der Untertitel der "Minima Moralia": "Reflexionen aus dem beschädigten Leben".
In Adornos Worten: "Denn weil in der gegenwärtigen Phase der geschichtlichen Bewegung deren überwältigende Objektivität einzig erst in der Auflösung des Subjekts besteht, ohne daß ein neues schon aus ihr entsprungen wäre, stützt die individuelle Erfahrung notwendig sich auf das alte Subjekt, das historisch verurteilte, das für sich noch ist, aber nicht mehr an sich. Es meint seiner Autonomie noch sicher zu sein, aber die Nichtigkeit, die das Konzentrationslager den Subjekten demonstrierte, ereilt bereits die Form von Subjektivität selber."
In einer Zeit, zu der es scheine, dass die Realität selbst zur Ideologie geworden ist, sei die Kritische Theorie geeignet, einerseits die dialektischen Widersprüche der individuellen subjektiven Erfahrung zu erforschen und andererseits die Wahrheit der Theorie zu erhalten. Allerdings könne selbst die Dialektik zum Mittel der Herrschaft werden, da sie ihre Wahrheit nicht aus der Theorie selbst heraus gewinne, sondern aus ihrer Aufgabe im historischen Prozess. Sie müsse auf allgegenwärtiges Glück und Freiheit ausgerichtet bleiben. "Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten." Weit entfernt von einem klassisch marxistischen Standpunkt ist Adornos Folgerung: "Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig."
Radikale Musik erkenne das Leiden der Menschen: "Die seismographische Aufzeichnung traumatischer Schocks wird aber zugleich das technische Formgesetz der Musik. Es verbietet Kontinuität und Entwicklung. Die musikalische Sprache polarisiert sich nach ihren Extremen: nach Schockgesten, Körperzuckungen gleichsam, und dem gläsernen Innehalten dessen, den Angst erstarren macht … Was einmal Zuflucht suchte bei der Form, besteht namenlos in deren Dauer. Die Formen der Kunst verzeichnen die Geschichte der Menschheit gerechter als die Dokumente. Keine Verhärtung der Form, die nicht als Negation des harten Lebens sich lesen ließe."
"Keineswegs wird Schizophrenie ausgedrückt, sondern die Musik übt ein Verhalten ein, das dem von Geisteskranken ähnelt. Das Individuum tragiert die eigene Dissoziation. Von solcher Nachahmung verspricht es sich, magisch wiederum, doch nun in unmittelbarer Aktualität, die Chance, den eigenen Untergang zu überleben… Wie es vielmehr ihr Anliegen ist, schizophrenische Züge durch das ästhetische Bewußtsein zu beherrschen, so möchte sie insgesamt den Wahnsinn als Gesundheit vindizieren."
Wichtiger aber noch war, dass die Frankfurter Schule nunmehr versuchte, das Schicksal der Vernunft in der neuen historischen Periode zu begreifen. Während Marcuse dies durch die Analyse des strukturellen Wandels des Arbeitsprozesses im Kapitalismus mit den bestehenden Möglichkeiten der wissenschaftlichen Methodik unternahm, konzentrierten sich Horkheimer und Adorno auf eine erneute Reflexion der Fundamente der Kritischen Theorie. Diese Anstrengungen erschienen systematisiert in Adornos Negativer Dialektik, die versucht, Dialektik für ein Zeitalter neu zu definieren. "Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward". Negative Dialektik bringt die Idee des kritischen Denkens auf eine Weise zum Ausdruck, die der Herrschaftsapparat nicht vereinnahmen kann. Die zentrale Vorstellung, die seit langem im Fokus von Horkheimer und Adorno liegt, besagt, dass die Erbsünde des Denkens in seinen Versuchen liege, alles außerhalb des Denkens zu eliminieren. Das sei der Versuch des Subjektes, das Objekt zu verschlingen, das Eifern nach Identität. So werde das Denken zum Komplizen der Herrschaft. Negative Dialektik rette das Übergewicht des Objektes, nicht durch einen naiven erkenntnistheoretischen oder metaphysischen Realismus, sondern durch ein Denken, das auf Differenzierung, Paradox und List aufbaue: eine ‚Logik des Zerfalls’. Adorno kritisiert Heideggers Fundamentalontologie grundlegend, da sie idealistische und identitätsgegründete Konzepte wieder einführe, während sie beanspruche die philosophische Tradition überwunden zu haben.
Die Negative Dialektik ist ein Monument des Endes der Tradition des individuellen Subjektes als Zentrum der Kritik. Mit der revolutionären Arbeiterklasse hatte die Frankfurter Schule ihr individuelles Subjekt verloren. Mit dem Niedergang der liberalkapitalistischen sozialen Basis des Konzepts eines autonomen Individuums wurde die Dialektik, die auf ihm beruhte, immer abstrakter. Damit war der Boden für eine weitere, die gegenwärtige Phase der Frankfurter Schule vorbereitet. Sie ist durch Habermas' Kommunikationstheorie geprägt.
Indem Habermas die Bedingungen der Rationalität in der sozialen Struktur der Sprache erkannte, verlagerte er den Ort, an dem sich Vernunft realisiert vom autonomen Subjekt zur Interaktion. "Rationalität" ist nicht mehr eine Eigenschaft der Individuen an sich, sondern eine Eigenschaft von Strukturen ungestörter Kommunikation. Mit dieser Auffassung überwand Habermas das Dilemma des Subjektes in der Kritischen Theorie. Wenn die kapitalistisch-technologische Gesellschaft die Autonomie und Rationalität des Subjektes schwäche, geschehe dies nicht durch die Beherrschung des Individuums durch den Apparat, sondern kraft einer technologischen (bzw. technischen) Rationalität, die eine beschreibbare Rationalität der Kommunikation verdränge. In seinem Umriss einer kommunikativen Ethik als höchster Stufe in der internen Logik der Evolution ethischer Systeme weist Habermas auf die Quelle einer neuen politischen Praxis hin, die die Imperative einer evolutionären Rationalität verkörpere.
Nicht der Frankfurter Schule zuzurechnen ist der Sozialphilosoph Leo Kofler, der ebenfalls eine Karl Marx verpflichtete "Kritische Theorie" erarbeitet hat.
Auch wurde ihr ein Begriffsimperialismus vorgeworfen, der z.B. den Begriff des "Positivismus" vollkommen negativ überdehnt habe.
Die Kritische Theorie selbst wird vor allem hinsichtlich zweier Aspekte kritisiert:
Georg Lukács pointierte die Kritik mit seiner Metapher, die Mitglieder der Frankfurter Schule lebten in einem "Grand Hotel Abgrund", von dessen Terrasse aus sie bei einem Aperitif das Elend der Welt betrachteten.
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