Francis Bacon (Baron Baco von Verulam; lat.: Baconis de Verulamio) (* 22. Januar 1561 in London; † 9. April 1626 in London) war ein englischer Philosoph und Staatsmann. Er gilt als Wegbereiter des Empirismus.
Im Alter von 13 Jahren kam er aufs Trinity College, Cambridge, wo er mit seinem älteren Bruder Anthony Bacon (1558 bis 1601) lebte, und sich drei Jahre als eifriger Student zeigte. Jedoch stammt wohl schon aus dieser Zeit seine Abneigung gegen „fruchtlose“ aristotelische Philosophie.
1576 wurden die Brüder Bacon bei der societas magistrorum (d. h. Lehrkörper) von Gray's Inn (eine der vier Juristenschulen in London) aufgenommen. Wenige Monate später gingen sie ins Ausland zu Sir Amias Paulet, dem englischen Botschafter in Paris. Die turbulente Lage von Frankreichs Regierung und Gesellschaft zur Zeit der Regentschaft von Heinrich III. bot Francis Bacon wertvolles politisches Anschauungsmaterial.
Im Februar 1579 machte der plötzliche Tod des Vaters die Rückkehr nach England notwendig. Sir Nicholas hatte nicht mehr für die finanzielle Absicherung seines Jüngsten sorgen können. Es wurde notwendig, einen Beruf zu ergreifen, und Bacon nahm noch 1579 sein Studium der Juristerei an Gray's Inn wieder auf. 1582 ließ er sich als Anwalt nieder. Die folgenden drei Jahrzehnte sind gekennzeichnet von einer beeindruckenden Karriere Bacons als Starjurist und Politiker.
Bacon wurde 1584 Mitglied des House of Commons (bis 1614). Sein Widerspruch gegen eine beantragte Geldbewilligung der Regierung ließ ihn 1593 bei Königin Elisabeth I. in Ungnade fallen. Sämtliche Versuche Bacons, dies vergessen zu machen, scheiterten aller vorgetragenen Demut zum Trotz, bis er 1601 als Ankläger gegen seinen vormaligen Gönner Robert Devereux, den Earl of Essex, eingesetzt wurde, wobei er eine recht zweifelhafte Rolle spielte. Anlass war dessen kläglich gescheiterter Putschversuch vom 8. Februar desselben Jahres. Bacon vertrat die Anklage mit einer Schärfe, die durch die Verfehlungen Essex' allein nicht zu rechtfertigen war, aber durchaus im Sinne der Königin und somit Bacons Karriere war.
Unter James I. gelang es ihm, politisch richtig Fuß zu fassen. Im Zuge der Krönungsfeierlichkeiten wurde Bacon 1603 – als einer von 300 Gefolgsleuten – zum Ritter geschlagen, was wohl auf Bitten seines Vetters Robert Cecil erfolgte. Im Jahr 1607 wurde er zum Generalstaatsanwalt (solicitor-general) ernannt, sechs Jahre später stieg er, nach dem Tod seines Vorgängers, zum Generalfiskal (attorney general) auf. 1617 wurde er Großsiegelbewahrer, 1618 wurde er zum Lordkanzler befördert und Baron Baco von Verulam.
Drei Jahre später – er hatte inzwischen den Titel Viscount St. Alban erhalten – wurde er der Bestechlichkeit angeklagt. Das Verfahren gegen ihn wurde mit derselben Härte geführt, mit der Bacon selbst gegen andere vorgegangen war. Zu verdanken hatte er es unter anderem der Tatsache, dass er sich im Laufe seiner Karriere einige Feinde geschaffen hatte. Ursächlich ging es um ungesetzlich erteilte Monopole im Interesse der Krone (siehe Patent). Nach Geständnis und Urteil zu Gefängnis und Geldstrafe wurde er vom Hof verbannt. Die Haft jedoch, die in das Ermessen des Königs gestellt wurde, dauerte nur vier Tage. Die Geldstrafe wurde nie vollstreckt.
Auf dem Familiensitz in Gorhambury nahm er seine – in den 1590er Jahren begonnene – Tätigkeit als philosophischer Schriftsteller wieder auf. Am 9. April 1626 starb er in Highgate (damals nahe London) an den Folgen des einzigen von ihm überlieferten empirischen Versuches: Beim Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog er sich eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung. Er hinterließ Schulden in Höhe von 22,000£.
Der Ausspruch „Wissen ist Macht“ wird ihm 1597 zugeschrieben. Er forderte damit, was seit der Aufklärung die Naturwissenschaft weitgehend bestimmt hat: ihre praktische Nutzanwendung. Ziel der Wissenschaft sei Naturbeherrschung im Interesse des Fortschritts. Der Mensch könne die Natur jedoch nur dann beherrschen, wenn er sie kenne. Das Ziel naturwissenschaftlichen Erkennens jedoch werde vom Philosophen bestimmt, der müsse auch die allgemein verbindlichen Methoden finden. Nach seiner Ansicht hätten in der Philosophie bisher Grundsätze geherrscht, die der Verstand ohne Rücksicht auf die wirkliche Natur der Dinge einfach als gegeben voraussetzte: dies nannte er die „Methode der Antizipationen“. Ihr stellte er seine „Methode der Interpretationen“ (true directions concerning the interpretation of nature) gegenüber, die auf das genaue und gründliche Verständnis der Natur abzielt. Unser Verstand solle die Natur auslegen wie der gute Interpret einen Autor, indem er sich müht, auf ihren Geist einzugehen. Dies gelinge nicht durch hochfliegende Ideen und scholastische Spitzfindigkeiten, sondern nur durch Unterwerfung unter die Natur: „natura parendo vincitur“. Dazu müssten wir uns vor allem der – wie er sie in Anlehnung an Platon nennt – Idole entledigen. Bacon unterscheidet vier Gruppen des Selbstbetrugs des Forschers:
Diese letzte Gruppe von Irrtümern – die idola tribus – nähert sich scheinbar der Ansicht Kants. Jedoch ist für Bacon das, was er „Natur“ nennt, nicht eine Schöpfung unseres Geistes, sondern etwas Objektives, dessen wahres Wesen menschlicher Verstand sehr wohl zu erkennen vermag – falls es ihm nur gelingt, sich aus dem Bann trügerischer Bilder und Schlüsse zu lösen.
Neben der Untersuchung der idola waren folgende zwei Schlussfolgerungen Bacons besonders fruchtbar: erstens genüge es nicht, eine durch Induktion gewonnene Schlussfolgerung zu akzeptieren und immer neue, bestätigende Beispiele hierfür zu suchen. Vielmehr müsse der Forscher die negativen Instanzen mit besonderer Sorgfalt prüfen; das sind die Fälle, die eine Ausnahme von einer bisher gültigen Regel belegen. Denn: in der Philosophie genügt bereits ein einziges Gegenbeispiel, die (angeblich bereits bewiesene) Wahrheit einer Folgerung zu widerlegen (damit hatte er das Falsifikationsprinzip formuliert). Zweitens war Bacon davon überzeugt, dass menschliches Wissen kumulativ ist. Damit hatte er sich von der Ansicht der Scholastiker befreit, die meinten, alles, was der Mensch wissen könne, sei bereits in der Heiligen Schrift bzw. den Werken des Aristoteles enthalten. Die Gebiete der Naturwissenschaften, die noch erforscht werden könnten, hatte er bereits in De augmentis... auszuloten versucht (unter anderem nannte er die Literaturgeschichte, Krankheitsgeschichte, Handelswissenschaften). Die Vervollkommnung unseres Wissens zu immer höheren Graden war ein Lieblingsthema Bacons; wenn er von ihr schrieb, erhob sich seine Phantasie in poetische Höhen.
Als überzeugter Gegner spitzfindiger Diskussionen, die keine neuen Erkenntnisse bringen konnten, setzte er auf eingehende Naturbeobachtung und das Experiment – Empirie also. Nicht mysteriöse gestaltende Wesen (formae substantiales), wie „der erste Beweger“, die Weltseele, durften nach seiner Auffassung als Erklärungsgrund physikalischer Vorgänge angenommen werden, sondern nur Naturgesetze, die wiederum durch Beobachtung und induktive Schlussfolgerungen gefunden werden können. Dabei dürften nie Endursachen (fines) als Erklärungsgründe mit untergeschoben werden. Wissenschaftlich brauchbare Beobachtungen mussten für ihn wiederholbar sein. Aus diesem Grunde war er entschiedener Gegner magischer oder kabbalistischer Praktiken. Aus ebendiesem Grunde war Bacon auch gegenüber der Intuition voreingenommen: intuitiv bzw. durch Analogieschlüsse gewonnene Erkenntnisse gehörten nicht zu seinem Weltbild als Empiriker.
In dem Fragment De Interpretatione Naturae Prooemium, das wahrscheinlich um das Jahr 1603 geschrieben wurde, analysierte Bacon seine Motive. Er legte dar, weshalb er ins öffentliche Leben trat. Er begann mit dem Satz „Ego cum me ad utilitates humanas natum existimarem...“ (Seit ich von mir denke, zum Vorteil der Menschheit geboren zu sein...") Das klingt auf den ersten Blick arrogant, doch es muss daran erinnert werden, dass es die Arroganz von Aristoteles' Megalopsychos ist, dem Mann mit großer Seele, der von sich selbst denkt, er sei der großen Dinge würdig. Bacon war zeitlebens zwischen seinen politischen Ambitionen und seinen schriftstellerischen und wissenschaftlichen Interessen hin und her gerissen. So sah er seine Lebensmission dreigeteilt: Sie bestand aus der Schaffung des Guten für die Menschen über die Entdeckung der Wahrheit, der praktische Wunsch seinem Land zu dienen und der Hoffnung, etwas für seine Kirche zu tun. Ein ehrenhafter Posten im Staat würde ihm die Möglichkeit geben, diese drei Visionen zu verwirklichen.
Das stetige Streben nach diesen drei Zielen enthält den Schlüssel zu Bacons Leben. Er besaß zweifelsohne die Qualifikationen, um die Aufgabe zu meistern. Er hatte einen weitblickenden und scharfsinnigen Intellekt, schnell und doch vorsichtig, nachdenklich, methodisch und frei von Vorurteilen. Wenn wir seine gewinnende Art hinzurechnen, bekommen wir ein nahezu komplettes Bild seines Charakters zu dieser entscheidenden Zeit seines Lebens. Bacons Handlungen lassen ihn allerdings zeitweise gegenüber dem jeweiligen Herrscher nicht nur diensteifrig, sondern geradezu servil erscheinen: so etwa bei dem Verfahren 1621 gegen ihn selbst, in dem er sich widerstandslos zum Bauernopfer machen ließ.
Die Neuerungen, die Bacon in der wissenschaftlichen Methodenlehre nachgesagt werden, entpuppen sich allerdings bei näherer Betrachtung als nicht gar so neu: Er sagte zwar im Novum Organon, die Methode der Induktion sei der wahre Weg, den bisher noch niemand versucht habe, aber ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Philosophie zeigt eine Reihe negativer Instanzen. Schon Aristoteles hat die induktive Methode sehr wohl genutzt; diesem folgten die Naturphilosophen in Alexandria, die arabischen Denker und die Humanisten.
Bacons Zeitgenosse Tommaso Campanella fasste seine Lehre in dem Satz zusammen: tantum possumus, quantum scimus (wir vermögen soviel, wie wir wissen), der Bacons berühmtem Wahlspruch: wisdom is power verdächtig ähnlich ist. Bernardino Telesio in Neapel stellte zwei Generationen früher das Leitprinzip auf: die Natur müsse aus sich selbst erklärt werden – ohne Spekulationen also. Der Spanier Juan Luís Vives wollte alle Forschung auf Erfahrung gegründet, alle Metaphysik durch direkte Untersuchung und Experiment ersetzt wissen.
Verblüffend sind die Ähnlichkeiten mit Bacons Namensvetter Roger Bacon, der drei Jahrhunderte früher gelebt hat und zu Beginn des 17. Jahrhunderts völlig vergessen war. Der machte vier offendicula der Erkenntnis aus, die uns den Weg zur wahren Naturerkenntnis versperren: Respekt vor Autoritäten; Gewohnheit; Abhängigkeit von den Meinungen der Menge; Unbelehrbarkeit unserer Sinne; sie decken sie sich fast vollständig mit den idola. Auch prophezeite Roger – wie Francis Bacon – der menschlichen Erfindungskunst eine unabsehbare Entwicklung. Weiter: die Naturbeobachtung und das Experiment seien der einzige Weg zum gesicherten Wissen: sine experientia nihil sufficienter sciri potest (ohne Erfahrung kann man kein hinreichendes Wissen erlangen). Anders als sein Namensvetter, der fruchtbarer Forscher und Erfinder war, war Francis Bacon jedoch kein Mann der Praxis.
Francis Bacon forderte experimentelle Forschung. Dabei rannte er im Grunde offene Türen ein: Galileo Galilei in Pisa, Jesuiten wie Christoph Scheiner in Ingolstadt, William Gilbert und William Harvey in London (um nur einige zu nennen), hatten bereits präzise Beobachtungen zum Standard ihrer bahnbrechenden Arbeiten gemacht. Eigenartig ist, dass Bacon die Mathematik völlig vernachlässigte, ja sogar als Spielerei verächtlich machte. Es waren seine Zeitgenossen Galilei und Kepler – die Praktiker – die sie als Fundament der modernen Physik erkannten und einsetzten. Die kopernikanische Lehre lehnte er ab, da sie – in der Form, die Johann Kepler gefunden hatte – nicht durch Beobachtung allein, sondern mit Hilfe von Intuition und Rechnung gewonnen war.
In der Cambridge History of English and American Literature in 18 Volumes (1907–21) findet sich der Satz: „It is unfortunate that Bacon was so little appreciative of Gilbert’s book, as a careful analysis of the method actually employed in it might have guarded him from some errors.”
So hat er nicht den großartigen Entdeckungen den Weg gewiesen, mit denen die nächsten Generationen den Aufbau und die Mechanik des Weltalls, die Struktur der Erde, der Organismen und der in ihnen wirkenden Kräfte erhellten, sondern den vorwiegend technologisch orientierten bürgerlichen Nützlichkeitswissenschaften. Es wäre jedoch ungerecht, ihn in die Schublade der Utilitaristen zu schieben, denn er selbst hat „Wissenschaft für Intellektuelle“ immer höher geschätzt als „Wissenschaft für Techniker“. Aber nachfolgende Generationen haben ihn gerne so verstanden und seine Philosophie für ihr Nützlichkeitsdenken missbraucht.
Francis Bacon war nicht, wie John Pope in einem Nachruf behauptete, der „weiseste, glänzendste und gleichzeitig gemeinste des Menschengeschlechtes“ – er war einfach ein besonders begabtes Kind seines Zeitalters.
Von anderer Seite wird die These vertreten, Francis Bacon sei ein außerehelicher Sohn von Königin Elisabeth I.
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