François Villon (* 1431 in Paris; † nach 1463; sein eigentlicher Name war vermutlich François de Montcorbier oder François des Loges). Er gilt als bedeutendster Dichter des französischen Spätmittelalters.
In seinen beiden parodistischen Testamenten und in zahlreichen Balladen verarbeitet er die Erlebnisse seines abenteuerlichen Lebens als Scholar, Vagant und Krimineller. Während für die Zeitgenossen vermutlich vor allem die satirischen Strophen auf zeitgenössische Pariser Honoratioren von Interesse waren, schätzt man ihn seit der Romantik wegen seiner eindringlichen Gestaltung der stets aktuellen Themen Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, Hass und Tod, besonders im ersten Teil des Großen Testaments.
Warum er das Studium abbrach, ist nicht bekannt. Vielleicht spielte der fast einjährige Streik der Pariser Professoren 1453–1454 eine Rolle, den die Studenten mit allerlei Unfug, aber nicht nur harmlosen Aktivitäten überbrückten. Villon glitt jedenfalls ab in das akademische Proletariat der Stadt und schloss sich vermutlich sogar den in ganz Nordfrankreich gefürchteten kriminellen Banden der Coquillards an, die in den Wirren des Hundertjährigen Krieges entstanden waren.
Im Juni 1455 brachte er, vielleicht in Notwehr, einem ebenfalls messerbewaffneten (selbst kriminellen?) Priester im Streit eine tödliche Wunde bei. Er zog es vor, aus Paris zu verschwinden, nachdem er sich unter falschem Namen die selbst davongetragene Wunde an den Lippen von einem Barbier hatte verbinden lassen. Schon Anfang 1456 konnte er zurückkehren dank zweier Begnadigungsurkunden von König Charles VII, wobei er übrigens in der ersten "François des Loges, auch Villon genannt" heißt und in der zweiten "Françoys de Monterbier", was als Abschreibfehler für "Montcorbier" gilt, den Namen, unter dem in Studentenlisten von 1449 und 1452 ein wohl mit ihm identischer "Franciscus de Moultcorbier" bzw. "Montcorbier" figuriert.
Wahrscheinlich schrieb Villon, wie er sich nun nannte, in diesem Jahr sein erstes halbwegs sicher datierbares Werk, die Ballade des Contre-Vérités. Dieser parodistische Text, der eine lyrische Lobpreisung der Tugend von Alain Chartier in Ratschläge für Gauner verkehrt, richtete sich offensichtlich an ein Publikum gebildeter Krimineller, d.h. das unmittelbare Umfeld des Autors.
In der Nacht vor Weihnachten 1456 knackte Villon mit vier Komplizen einen 500 Goldkronen enthaltenden Tresor in der Sakristei des Collège de Navarre und entfernte sich bald danach erneut aus Paris, nicht ohne den Kumpanen sein erstes längeres Werk, das Lais (=Legat) oder Kleine Testament, zu hinterlassen.
Im Herbst 1457 muss er aus unbekanntem Grund in Blois im Kerker gesessen haben, doch im letzten Moment vor der Hinrichtung gerettet worden sein durch eine Amnestie, die der Dichter Charles Herzog von Orléans anlässlich der Geburt seiner Tochter am 19. Dezember erließ. Villon bedankte sich mit einem Lobgedicht, das ihm Zutritt zum herzoglichen Hof verschaffte.
Als er nach der Teilnahme an einem höfischen Dichterwettstreit seinen Beitrag, die Ballade des contradictions (Ballade der Widersprüche), selbst in ein Sammelmanuskript des Herzogs eintrug, konnte er es nicht unterlassen, noch ein Spottgedicht auf einen Günstling hinzuzufügen. Daraufhin wurde er seinerseits vom Herzog und einem seiner Pagen in Gedichten getadelt, d.h. vor die Tür gesetzt.
Zweifellos nahm er hiernach sein Wanderleben wieder auf. Allerdings scheint er Anfang Oktober 1458 in Vendôme mit zwei Balladen versucht zu haben, den wegen eines Prozesses dort weilenden Herzog versöhnlich zu stimmen. Nachdem die erste, die Ballade des proverbes (Sprichwörterballade), noch zurückgewiesen worden war, scheint ihm die zweite, die Ballade des menus-propos (Banalitätenballade), ein Geldgeschenk eingebracht zu haben.
Zweieinhalb Jahre später, 1461, saß er nach eigener Angabe, aber ungenanntem Grund den ganzen Sommer erneut in Haft, diesmal in Meung-sur-Loire im Kerker des Bischofs von Orléans, Thibaut d'Aussigny. Seine Versuche, den Bischof mit der Épître aux amis (Ballade an seine Freunde) und dem Dialoggedicht Débat du cœur et du corps de Villon (Zwiegespräch Villons mit seinem Herzen) günstig zu stimmen, schlugen fehl. Er kam erst frei durch den Zufall, dass am 2. Oktober 1461 der neu gekrönte König Louis XI auf einer Reise in Meung Station machte und ihn, vermutlich auf Fürbitte des ebenfalls anwesenden Herzog Charles, begnadigte.
Er kehrte zurück nach Paris bzw., da ihm die Stadt selbst wegen der noch ungesühnten Einbruchsaffäre verschlossen war, in die nähere Umgebung. Von hier aus versuchte er wohl schriftlich, u.a. durch die scheinbar an junge Kriminelle gerichtete Ballade de bon conseil (B. vom guten Rat) oder die scheinbar an die Schicksalsgöttin gerichtete zerknirschte Ballade de Fortune (Fortuna-Ballade), wieder Anschluss an seinen Ziehvater Guillaume und dessen Kreise zu finden. Als dies offenbar nicht gelang, begann er mit der Niederschrift des Testament (Das große Testament), seines Hauptwerks, das er offenbar schon im Laufe des Sommerhalbjahres 1462 beendete und in das er viele wohl schon vorher verfasste Balladen einfügte.
Nach dem Scheitern seines Versuchs, ein neues Leben zu beginnen, scheint er sich aus Enttäuschung und Not wieder dem Kriminellenmilieu angeschlossen und mehr oder weniger im Pariser Untergrund gelebt zu haben. Vermutlich stammen aus dieser Zeit, d.h. 1462, seine schwer verständlichen Balladen im Gaunerjargon, in denen er in der Rolle eines Gauners zu den Pariser Gaunern spricht, vielleicht um sich so endgültig mit dem Kriminellenmilieu zu identifizieren.
Anfang November 1462 saß er wegen eines offenbar harmlosen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Er sollte schon freigelassen werden, als die Geschädigten des Einbruchs von 1456 im Collège de Navarre von seiner Verhaftung erfuhren. Villon musste sich vor der Freilassung verpflichten, seinen Anteil an der Beute zurückzuerstatten. Zweifellos hatte Guillaume de Villon für ihn gebürgt, denn dieser nahm ihn wieder bei sich auf. Schon im November oder Dezember jedoch wurde Villon von Kumpanen in ein Handgemenge mit den Angestellten eines Notars und diesem selbst verwickelt, erneut inhaftiert und zum Tode verurteilt. Offenbar in der Todeszelle schrieb er buchstäblich mit Galgenhumor folgende Verse:
Auf deutsch: "Ich bin François, was mir Kummer macht,/ geboren in Paris bei Pontoise./ Und von einem eine Elle langen Strick/ wird mein Hals erfahren, was mein Hintern wiegt."
Vermutlich in derselben Zeit entstand die zu Recht berühmte Ballade des pendus (B. der Gehenkten).
Allerdings hatte Villon beim obersten Gerichtshof, dem Parlement von Paris, Berufung eingelegt. Dieses kassierte in der Tat das harte Urteil am 5. Januar 1463, wandelte es aber "wegen des schlimmen Lebenswandels besagten Villons" um in zehn Jahre Verbannung aus der Stadt und der Grafschaft Paris. Villon musste, mitten im Winter und praktisch vogelfrei, die Stadt verlassen. Ein bombastisches, die Grenzen der Parodie streifendes Dankgedicht an den Gerichtshof und eine spöttische Ballade an den Gefängnisschreiber, der ihn wohl gerne hätte hängen sehen, sind sein letztes Lebenszeichen. Hiernach sind keine verlässlichen Zeugnisse von ihm oder über ihn mehr erhalten.
In Deutschland übte er in der Übertragung von K. L. Ammer (1907, eigentlich Karl Anton Klammer) auf die Dichter des Expressionismus großen Einfluss aus, etwa auf Klabund oder Bertolt Brecht, der mehrere Balladen im Stil von Ammers Villon in seine Dreigroschenoper übernahm.
Zu einer Art deutschem Villon sogar wurde der expressionistische Lyriker, Erzähler und Dramatiker Paul Zech. Dieser veröffentlichte 1931 eine äußerst freie Nachdichtung der beiden Testamente und zahlreicher Balladen, die er kurz vor seinem Tod (1946) grundlegend überarbeitete und mit einer fantasievollen "Biografie über François Villon" versah. Die überarbeitete Version samt Biografie erschien postum 1962 als Taschenbuch, das inzwischen (2006) 27 Auflagen mit weit über 300.000 Exemplaren erreicht hat und das Bild Villons im deutschen Sprachraum bestimmt. Einer der eindrucksvollsten Interpreten der Zech'schen Villon-Texte (in der Version von 1931) war der Schauspieler Klaus Kinski, der auch Lesungen auf Schallplatte einspielte. Der dank ihm bekannte Vers "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" aus Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau hat übrigens, so wie die ganze Ballade, kein Vorbild bei Villon sondern ist Originalton Paul Zech.
Auch Bands aus dem Bereich der Mittelaltermusik, wie Subway to Sally und In Extremo, halten sich bei ihren Villon-Vertonungen in der Regel an die Texte von Zech.
CD: "Helmut Qualtinger spricht François Villon" Übertragen in den Wiener Dialekt von H.C. Artmann, ISBN: 3-902028-26-2, Preiser Records
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