Unter Fortschritt versteht man eine als Verbesserung bewertete Veränderung des Zustandes, gelegentlich auch ein wertfreies Näherkommen an ein Ziel. Die Deutung von Geschichte unter der Interpretation einer Fortschritts-Entwicklung bezeichnet man als fortschrittstheoretische Geschichtsdeutung, der gegensätzliche Ansatz wird als verfallstheoretischer Geschichsdeutungsansatz bezeichnet (z.B. Goldenes Zeitalter).
Der vieldeutige Begriff hat erhebliche geschichts- und kulturphilosophische Auswirkungen und prägt in besonderer Weise das Weltbild der westlichen Moderne. Vielen Menschen im westlichen Kulturkreis erscheint die Idee, dass es "Fortschritt" gibt, so selbstverständlich, dass sie nicht daran denken, dass es auch völlig andere, dazu im Widerspruch stehende, weltanschauliche Axiome gibt. Das Fortschrittsdenken setzte sich in der Neuzeit in Europa und in Nordamerika durch. Insbesondere mit der Französischen Revolution und mit der Aufklärung bekam die Vorstellung eines ständigen Fortschritts der Menschheit einen erheblichen Schub.
Das Fortschrittsdenken beinhaltet folgende geschichtsphilosophischen Axiome:
Durch die Vorstellung der Linearität werden grundlegende Begriffe unserer politischen Orientierung impliziert. So gilt als fortschrittlich oder progressiv, wer auf diesem (eindimensionalen!) Weg vorangeht, also den geschichtlichen Prozess gewissermaßen beschleunigt. Als konservativ in diesem Sinn gilt hingegen, wer den linearen Bewegungsablauf bremsen oder anhalten will, als reaktionär, wer ihn umkehren, also rückwärts gehen, will. Zu beachten ist, dass diese Begrifflichkeiten zum Aneinandervorbeireden führen, wenn der Gesprächspartner das Axiom einer linearen geschichtlichen Veränderung gar nicht akzeptiert, oder wenn er sie in eine andere Richtung verlaufen sieht.
Siehe Hauptartikel: technischer Fortschritt
Der Kulturoptimismus unterstellt, dass Veränderung im Regelfall eine Verbesserung ist. Daraus resultiert eine positive Bewertung des "Neuen" sowie eine negative Bewertung des "Alten", also "Überholten". Entsprechend diesem Denken wird unsere heutige Zivilisation als besser als frühere bewertet und es wird angenommen, dass zukünftige Zivilisationen besser als unsere heutige sind.
Das Fortschrittsdenken beinhaltet oft auch die Vorstellung, "Utopien" (griech. ou tópos = kein Ort, Nirgendwo), etwa gesellschaftspolitischer Art, verwirklichen zu können. Noch nie Dagewesenes erscheint dem Kulturoptimisten als grundsätzlich erreichbar, ja geradezu als Inhalt des politischen Denkens.
Der Glaube an ein Endziel der geschichtlichen Veränderungen ist sehr alt und beruht in unserem Kulturkreis auf alten biblischen Vorstellungen. Die Vorstellungen, wie dieses Endziel auszusehen habe, sind allerdings höchst unterschiedlich. Gleichwohl ist ein vom Ende her gedachter Zweck eine verbreitete Vorstellung. Religiös gibt es den Glauben an ein "Drittes Reich" (nach dem ersten bis Jesus Christus und dem zweiten danach), das ewig ("tausendjährig") besteht. Wie erkennbar, hat Adolf Hitler diese mythischen Vorstellungen aufgegriffen, um sie auf sein, allerdings irdisches, Reich zu übertragen.
Auch der Kommunismus hat, auch unter dem Einfluss von Hegel, eine solche teleologische Vorstellung. Die klassenlose Gesellschaft der marxistischen Theorie, die letztendlich auch den Staat absterben lässt, ist eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. Wann dies zu erreichen ist und ob das gewissermaßen automatisch kommt, oder ob es durch Handlungen (Klassenkampf) herbeigeführt werden muss, darüber sind sich die verschiedenen Fraktionen marxistischer Weltanschauung uneinig.
Nicht immer ist mit dem Fortschrittsdenken ein teleologisches Konzept verbunden. Fortschritt kann auch ohne bestimmtes Ende, also ergebnisoffen, gedacht werden.
Häufig ist mit dem Fortschrittsdenken die Vorstellung verbunden, dass der Lauf der Geschichte im Prinzip bereits feststehe. Wir könnten dann diesen Lauf entweder gar nicht oder nur geringfügig oder allenfalls im Tempo des Ablaufs beeinflussen. Das heute sehr verbreitete Wort von der Entwicklung kommt aus dieser Vorstellung: Danach ist der Ablauf der Geschichte bereits vorher z.B. von Gott "aufgewickelt" worden. Diese bereits aufgewickelte Geschichte ent-wickelt sich jetzt. Wir können den Faden der Geschichte also nicht ändern. Wir können allenfalls etwas bremsen oder beschleunigen, was bereits unter dem Punkt Linearität beschrieben wurde. In einer religiös neutraleren Form wird nicht von Gott, sondern von der "Vorsehung" gesprochen, also einer wie auch immer gedachten Institution, die den Lauf vorhersieht und - das steckt zwar nicht im Wort, aber in der üblichen Anwendung des Wortes - Entscheidungen so trifft, dass die Entwicklung planmäßig ablaufen kann.
Wo Philosophen, die dem Fortschrittsdenken verpflichtet sind, Vorhersagen für die Zukunft machen, sind dies Extrapolationen aus der Vergangenheit. So beschreibt Karl Marx mit "ehernen Gesetzen" der Geschichte nicht etwa eine Wiederholung oder ein Gleich bleiben des aus der Vergangenheit Bekannten, sondern eine Weiterentwicklung, deren Zielrichtung sich aber aus der Vergangenheit ermitteln lässt.
technischer Fortschritt Produktivitätsfortschritt
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