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Flüssigkristalle sind Substanzen, welche zwischen den Aggregatzuständen fest und flüssig eine oder mehrere Phasen, sogenannte flüssigkristalline Phasen oder Mesophasen, aufweisen, die gewisse Eigenschaften beider Aggregatzustände aufweisen. Diese Phasen bilden zusammen mit den konformationsungeordneten Kristallen und den plastischen Kristallen einen eigenen Aggregatzustand, den man mesomorphen Zustand nennt. Eine Verbindung, die eine flüssigkristalline Phase zeigt, nennt man Mesogen. Ist diese Mesophase eine nematische Phase, so nennt man die Verbindung Nematogen, ist sie eine smektische Phase, Smektogen.
Solch einer flüssigkristallinen Phase ist, wie einer Flüssigkeit, eine mehr oder weniger ausgeprägte Fluidität zu eigen. Gleichzeitig weisen sie in Analogie zum kristallinen Festkörper die Ausbildung einer Orientierungs- und/oder Positionsordnung in einer, zwei oder auch drei Raumrichtungen auf. Dies führt bei den meisten flüssigkristallinen Phasen zur Anisotropie (Richtungsabhängigkeit) verschiedener physikalischer Eigenschaften. Ausdruck dieser Anisotropie und vielleicht herausstechendstes Merkmal der meisten flüssigkristallinen Phasen ist die Doppelbrechung. Diese lässt sich polarisationsmikroskopisch nachweisen: Flüssigkristalle erscheinen hier mit bestimmten, oft sehr charakteristischen Texturen, die sich zur vorläufigen Bestimmung der flüssigkristallinen Phasen bzw. Phasensequenzen eignen. Die Anreihung der verschiedenen auftretenden Phasen eines Flüssigkristalls in Abhängigkeit von der Temperatur nennt man Polymorphie.
Einteilung
Man kann zwischen
lyotropen,
thermotropen und
barotropen Flüssigkristallen unterscheiden. Während man bei thermotropen bzw. barotropen Flüssigkristallen die Ausbildung ihrer Mesophasen in Abhängigkeit von Temperatur resp. Druck in der reinen Substanz beobachtet, bedingt die Ausbildung von lyotropen Mesophasen der Anwesenheit eines Lösungsmittels und ist abhängig von der Konzentration.
Amphitrope Flüssigkristalle zeigen sowohl lyotrope als auch thermotrope Mesophasen. Bei thermodynamisch stabilen Mesophasen spricht man von
enantiotropen, bei
metastabilen Mesophasen von
monotropen Mesophasen.
Voraussetzung für die Ausbildung einer flüssigkristallinen Phase ist die Anisometrie der sie konstituierenden Baueinheiten. Die weitaus meisten erforschten Flüssigkristalle sind von stäbchenförmiger (kalamitischer) Molekülgestalt; aber auch vielfältige andere Formen sind möglich, z. B. diskoide (scheibchenförmige), pyramidoide (schüssel- oder kegelförmige), sanidische (brettartige), polycatenare (kalamitische mit mehreren flexiblen Ketten an einem oder beiden Enden) oder gebogene (bananenförmige) Moleküle.
Thermotrope flüssigkristalline Phasen
Es gibt verschiedene thermotrope flüssigkristalline Phasen, die sich durch ihre mikroskopische Struktur und ihr makroskopisches Erscheinen deutlich voneinander unterscheiden, so z. B.
- nematische Phasen,
- smektische Phasen,
- kolumnare Phasen.
Nematische Phasen
Nematisch.png
Die
nematische Phase achiraler Mesogene ist der einfachste Typ flüssigkristalliner Phasen. In ihr weisen die Moleküle eine Orientierungsordnung bezüglich eines sogenannten
Direktors, dem
Einheitsvektor der Richtung, auf. Die daraus folgende Vorzugsorientierung ist in der Regel nur für kleine Volumina konstant. Die
Molekülschwerpunkte sind analog zu Flüssigkeiten statistisch verteilt: es tritt keinerlei
Positionsfernordnung auf. Die meisten nematischen Phasen sind uniaxial, seit
2004 sind auch thermotrope
biaxiale nematische Phasen bekannt. Typische Texturen nematischer Phasen sind Faden- oder
Schlierentexturen.
Für nematische Phasen lässt sich auf einfache Weise ein Ordnungsparameter S berechnen:
- ,
wobei der Winkel θ die Orientierung eines herausgegriffenen Moleküles zur Vorzugsorientierung beschreibt; die spitzen Klammern bedeuten eine Mittelung über die Orientierungsverteilung aller Moleküle. Der Ordnungsparameter kann Werte zwischen -0,5 und 1 annehmen. S = 0 zeigt eine fehlende Vorzugsorientierung an (entsprechend einer isotrope Phase), S=1 bedeutet eine vollständig parallele Ausrichtung aller Moleküle (ein Idealzustand). S = -0,5 entspricht einer Orientierungsverteilung der Moleküle ähnlich den Borsten einer Flaschenbürste. Negative Ordnungsparameter wurden allerdings experimentell noch nicht gefunden. Der Ordnungsparameter weist eine starke Temperaturabhängigkeit auf. Er geht bei Annäherung an den Klärpunkt (Temperatur des Übergangs einer Mesophase in die isotrope Phase) rasch gegen null.
Die Moleküle einer nematischen Phase lassen sich einfach durch ein elektrisches Feld reorientieren. Dies wird bei LCDs ausgenutzt (LCD: Abkürzung für Liquid Crystal Display, englisch für Flüssigkristall-Anzeige).
Cholesterinisch.png
Die cholesterische Phase weist eine nematische Ordnung mit sich kontinuierlich drehender Vorzugsorientierung auf. Dies ergibt eine langreichweitige helikale Überstruktur mit einer Periodizität von typischerweise einigen 100 nm.
Das sich so ergebende kontinuierlich verdrillte optische Medium wirkt als eindimensionaler photonischer Kristall mit einer photonischen Bandlücke für zirkular polarisiertes Licht mit der gleichen Händigkeit wie die helikale Ordnung. Cholesterische Flüssigkristallfilme zeigen deshalb Selektivreflexion von zirkular polarisiertem Licht. Im Gegensatz zur Reflexion an metallischen oder herkömmlichen dielektrischen Spiegeln bleibt die Händigkeit der Zirkularpolarisation erhalten.
Smektische Phasen
Smektisch.png
Es gibt mannigfaltige smektische Phasen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Entdeckung mit smektisch A, smektisch B usw. bezeichnet (abgekürzt durch SmA, SmB ...). Von der Vielzahl smektischer Phasen früherer Jahre blieben nach genaueren Untersuchungen nur fünf übrig (SmA, SmC, SmB, SmF und SmI). Die anderen (ehemals SmE, SmG, SmH, SmJ und SmK) stellten sich als
soft crystals, gestörte
Kristalle mit ausgeprägter Verformbarkeit, heraus und werden heute als kristalline Phasen bezeichnet. Die smektische D-Phase wiederum entpuppte sich als eine dreidimensionale Mesophase mit
kubischer
Überstruktur.
In smektischen Phasen sind die Moleküle in Schichten so angeordnet, dass sie eine ein- oder zweidimensional periodische Struktur ausbilden. Man unterscheidet sie nach dem Grad der Ausbildung einer Ordnung innerhalb der Schicht in smektische Phasen aus ungeordneten Schichten (SmA und SmC) und hexatische Phasen (SmB, SmF und SmI).
Während in der SmA-Phase die Längsachsen der Moleküle im Mittel senkrecht auf der Schicht stehen, also parallel zur Schichtnormale laufen, ist die mittlere Moleküllängsachse in SmC-Phasen zur Schichtnormale geneigt. In diesen beiden Mesophasen haben die Moleküle innerhalb der Schicht keine Positionsfernordnung - man könnte von einer zweidimensionalen Flüssigkeit sprechen. Die klassische polarisationsmikroskopische Erscheinung von SmA- und SmC-Phasen ist eine Fächer- oder Polygontextur. SmC-Phasen zeigen häufig auch Schlierentexturen.
Im Gegensatz dazu tritt bei den hexatischen Phasen eine hexagonale Positionsnahordnung und eine Fernordnung der Elementarzelle auf (bond orientational order). Die SmB-Phase ist analog zu SmA-Phase aus senkrecht zur Schicht stehenden Moleküle aufgebaut, während diese in SmI- und SmF-Phasen geneigt sind.
Kolumnare Phasen
Das Charakteristikum kolumnarer Phasen ist die Ausbildung von
Säulen gestapelter scheibenförmiger, keilförmiger, polycatenarer o. a. Mesogene. Entlang der Säulen tritt keine Positionsfernordnung auf. Durch die
parallele Aneinanderreihung der Säulen wird senkrecht zu den Säulenlängsachsen eine
zweidimensionale
Packung bewirkt. Je nach Natur dieser Packung kann man zwischen
schiefwinkligen,
rechtwinkligen oder
hexagonalen kolumnaren Mesophasen unterscheiden. Charakteristische Texturen sind
Mosaiktexturen oder Texturen aus
zirkularen Domänen.
Die Bezeichnung diskotisch für kolumnar ist veraltet bzw. sollte nur für Mesophasen scheibchenförmiger Flüssigkristalle gebraucht werden.
Lyotrope flüssigkristalline Phasen
Es gibt verschiedene lyotrope flüssigkristalline Phasen, die sich durch ihre mikroskopische Struktur und ihr makroskopisches Erscheinen deutlich voneinander unterscheiden, so z. B.
- diskontinuierliche kubische Phase (mizellar),
- nematische Phasen,
- hexagonale Phasen,
- bikontinuierliche kubische Phasen,
- lamellare Phasen,
- inverse kubische Phase.
Nematische lyotrope Mesophase
Nematische lyotrope Mesophasen sind erst seit 1967 bekannt. Sie treten nur in wenigen lyotropen Systemen auf. Meist ist eine Induktion der nematischen Phase durch Zusätze von Cotensiden oder Elektrolyten notwendig. Einige wenige Ausnahmen sind bekannt, bei denen binäre Tensid/Wasser-Gemische eine nematische Phase aufweisen:
- Hexadecyltrimethylammoniumbromid/Wasser
- Cäsiumpentadecafluoriictanoat/Wasser
Strukturell ähnelt die lyotrope nematische Phase der thermotropen nematischen Phase: Es herrscht eine einzige Vorzugsrichtung für die jeweils ausgezeichnete Achse der Aggregate. Die Aggregate sind Scheibchen- oder Stäbchenmizellen.
Hexagonale lyotrope Phase
In Tensid/Wasser-Systemen mit mittleren Mischungsverhältnissen (etwa 50-Gew.% Tensid) werden häufig Phasen mit ungewöhnlich hoher Viskosität beobachtet, was meist auf eine hexagonale Phase hindeutet. Der Existenzbereich erstreckt sich in vielen Fällen über weite Temperatur- und Konzentrationsbereiche.
Bei den hexagonal positionsferngeordneten Aggregaten handelt es sich um kreis- oder ovalzylindrische Stäbchen. Die Positionsfernordnung besteht in einer Anordnung der Aggregate in einem hexagonalen Gitter, d. h. jedes Aggregat ist von sechs weiteren in einer hexagonal dichtesten Packung umgeben.
Verwendung
Flüssigkristalle vor allem der thermotropen nematischen Phase werden in
LC-Bildschirmen genutzt. Außerdem existiert eine Reihe von Verwendungen in weiteren Bereichen, die Veränderungen verschiedener Eigenschaften der Flüssigkristalle mit physikalischen Parametern (Temperatur, Druck, etc.) ausnutzen. Beispielsweise kann man Farbveränderungen von cholesterinischen Phasen in Abhängigkeit von der Temperatur für medizinische oder technische Zwecke einsetzen.
Literatur
- Pierre-Gilles de Gennes, J. Prost: The Physics of Liquid Crystals. 2nd Edition. Clarendon Press, Oxford 1993 ISBN 0-19-852024-7
- Leopold Mathelitsch, Robert Repnik, Zlatko Bradac, Mojca Vilfan, Samo Kralj: Flüssigkristalle im Überblick: Unentbehrlich in Natur, Technik und Forschung. Physik in unserer Zeit 34(3), S. 134 - 139 (2003), ISSN 0031-9252
Siehe auch
Weblinks
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