Als flämisch-wallonischer Konflikt wird der schon seit Jahrzehnten andauernde Streit der beiden großen nationalen Volksgruppen Belgiens, der Flamen und der Wallonen (resp. der beiden Gliedstaaten Flandern und Wallonien) bezeichnet. Die kleine deutsche Volksgemeinschaft (Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) ist an diesem Konflikt weitgehend unbeteiligt.
Erst seit dem 19. Jahrhundert wird das Wort „Flämisch“ für die Gruppe nieder(deutsch)ländischer Dialekte in Belgien verwendet. Zuvor verwies „Flämisch“ auf die historische Grafschaft Flandern, nun wurde das Wort auch für die niederfränkischsprachigen Einwohner des historischen Herzogtums Brabant und der Grafschaft Loon verwendet. Das Wort „Flandern“ bezieht sich auf das Gebiet der niederfränkischen/niederländischen Dialekte in Belgien.
Eine ähnliche Entwicklung fand mit dem Wort „Wallonisch“ statt. Ursprünglich verwies das Wort nur auf die französischen Dialekte, die um Lüttich gesprochen wurden. Später erfuhr der Begriff eine Bedeutungserweiterung, bis „Wallonisch“ und „Wallonien“ für den gesamten französischen Sprachraum in Belgien außerhalb Brüssels benutzt wurde. Viele Flamen bezeichnen mit dem Ausdruck „Walen“ (s. auch „Welsche“) die Gesamtheit der muttersprachlich französisch sprechenden Belgier, die selbst meist streng zwischen Wallonen („les Wallons“) und Brüsseler („les Bruxellois“) unterscheiden (Sammelbegriff: die Frankophonen („les francophones“).
Was auf Hochdeutsch meistens „flämisch-wallonischer Konflikt“ oder „belgischer Sprachenstreit“ heißt, wird in Belgien mit den Ausdrücken „communautair conflict“ (ndl.) bzw. „conflit communautaire“ (frz.) angedeutet. „Communauté“ steht für (Sprach-)Gemeinschaft.
Es gab zahlreiche politische Versuche, ein „flämisches“ oder „wallonisches“ Volk in der früheren Geschichte auszumachen. Sie gehören aber alle dem nationalen (nicht-wissenschaftlichen) Diskurs an. Ein Beispiel eines solchen viel gehegten Mythos ist die Goldene Sporenschlacht: Ein flämisches Infanterieheer von Bauern und Zunftmitgliedern schlug 1302 ein französisches Ritterheer, was in flämisch-nationalen Kreisen oft als früher Beleg eines Sprachen- und Kulturkonfliktes gedeutet wird. Dabei wird jedenfalls übersehen, dass das Herzogtum Brabant, weitgehend niederdeutschsprachig, auf Seiten des französischen Königs stand, und die Grafschaft Namur, deren Soldaten französischsprachig waren, auf Seiten des flämischen Bauernheeres kämpfte. Im Prinzip ist der flämisch-wallonische Konflikt nicht älter als der belgische Staat und spitzte sich – bedingt durch die Zunahme der Bevölkerungszahlen – vor allem im 20. Jahrhundert zu.
Als sich 1830 das südliche Gebiet des Vereinigten Königreichs der Niederlande in der belgischen Revolution abtrennte, entsteht das Königreich Belgien. Im neuen belgischen Staat wurde auch als Reaktion auf die Verhältnisse im Vereinigten Königreich die französische Sprache als alleinige Amtssprache eingeführt, auch für die niederländischsprachigen Bewohner. Außerdem wurde der Katholizismus zur Staatsreligion der Monarchie. Französisch wurde alleinige Verwaltungssprache, in der Armee, im Parlament und im Schulunterricht. Niederländisch war die „Sprache der Holländer“. In Flandern wurde die Sprache nur in der Grundschule benutzt, ab der Sekundarstufe wurde nur auf Französisch unterrichtet. Real war der junge belgische Staat, „l’État franco-belge“, ein französisch-belgischer Staat. „Das flandrische“ („Le Flamand“) wurde ein Schimpfwort, um eine Reihe von Mundarten anzudeuten.
Die Herabstufung der niederdeutschen Sprache („Neederduitse taal“) wurde von den gebildeten und führenden Kreisen nicht als Problem empfunden, sprachen doch die gebildeten Bevölkerungsschichten im ganzen belgischen Land Französisch. Erst langsam entstand eine „Flämische Bewegung“ (ndl. „Vlaamse Beweging“), die sich gegen die Unterdrückung ihrer Sprache wehrten, zuerst in den Kreisen gebildeter Kleinbürger. Ende des 19. Jahrhunderts trat die Bewegung aus dem Schatten des reinen Kulturbetriebs und Politiker verschiedener Parteien fingen an, die Lage ihrer niederländischen Sprache zu definieren und auszubessern. Ein Meilenstein war die Einrichtung von zweisprachigem Unterricht in Flandern auf dem Niveau der Sekundarstufe (Französisch und Niederländisch).
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand als Gegenreaktion die „Wallonische Bewegung“. Der Name ist irreführend, da die Bewegung zuerst in Flandern in Kreisen der französischen Bildungsbürger entstand. Sie wollten die Stellung ihrer französischen Sprache in Verwaltung und Unterricht verteidigen, gegen die drohende verpflichtete Zweisprachigkeit in Flandern. Auch die Erweiterung des Wahlrechts beschleunigte die Entstehung einer wallonischen Bewegung. In Wallonien befürchteten die führenden Kreise eine Beherrschung durch die zahlenmäßig überlegenen Flamen: Das agrarische Flandern war weitgehend konservativ-katholisch, das von der Schwerindustrie geprägte Wallonien hatte eine antiklerikale Tradition, die im 20. Jahrhundert stark sozialistisch geprägt war. Der flämisch-wallonische Konflikt, der auf den ersten Blick „nur“ mit Sprache zu tun hatte, war in Wahrheit ein ethnisch-nationaler Konflikt, verbunden mit der Besetzung von Arbeitsstellen und Machtausübung. Den Flamen war bis dahin eingebläut worden, dass ihre Sprache minderwertig sei.
Der Erste Weltkrieg beschleunigte den Konflikt. Als Folge der Kriegserfahrungen flämischer Soldaten im Stellungskrieg gegen das kaiserliche deutsche Reich entstand ein Mythos, der besagt, dass viele der einfachen flämischen Soldaten in den Schützengräben wegen Verständigungsschwierigkeiten mit ihren französisch sprechenden Befehlshabern sterben mussten. Dieser Sprachenkonflikt war insofern auch eine soziales Problem.
Viele Flamen, da niederfränkisch sprechend, arbeiteten im besetzten Teil Belgiens mit der – sprachlich weniger fremden, hochdeutsch sprechenden – kaiserlich deutschen Besatzungsmacht zusammen. Es war für sie daher auch ein Kampf gegen die Vorherrschaft der romanisch-französischen Sprache gegen die germanisch-deutschen Sprachen. Diese (niederdeutschen) Aktivisten wurden nach dem Krieg von der französischsprachigen belgischen Obrigkeit (völkerrechtswidrig) streng bestraft. Auch dadurch wurde nach dem „großen Krieg“ die flämische Bewegung stark politisiert. In verschiedenen Parteien setzten sich jetzt wichtige Politiker für den amtlichen Gebrauch des Niederländischen ein. Zu einem Meilenstein ihres Selbstbehauptungskampfes wurde die Errichtung einer Universität in Gent, in der auf Niederländisch unterrichtet wurde. Die flämische Bewegung dieser Periode war auch eine emanzipatorische Bewegung, die die Gleichberechtigung der niederfränkischen Dialekte in Belgien mit der Entwicklung und Bildung des armen flämischen Arbeiters verknüpfte. Im Verlauf der 30er Jahre forderten schließlich viele Mitglieder der flämischen Bewegung die Herauslösung aus dem französisch beherrschten belgischen Vielvölkerstaat und eine Hinwendung zum nationalen Sprachraum.
Die flämischen Parteien VNV und Verdinaso entwickelten hierzu nationalsozialistische Parteiprogramme und Rituale. Während der Zeit des 2. Weltkrieges arbeiteten deshalb auch viele seiner Mitglieder mit der Besatzungsmacht zusammen. Nach dieser Zeit wurde ihnen diese Zusammenarbeit zum Vorwurf gemacht. In flämisch-nationalen Kreisen wird diese Zusammenarbeit allerdings verteidigt nach dem Motto: „Wenn der Teufel dir Vorteile gibt, sollst du halt mit dem Teufel zusammenarbeiten“.
Die Konflikte nach dem zweiten Weltkrieg teilten den belgischen Staat weiterhin in zwei Teile. Die flämische Bewegung, vertreten durch die Partei „Flämische Belange“ (Vlaams Belang), wünschte nach wie vor eine Herauslösung aus dem belgischen Vielvölkerstaat.
Eine chronologische Übersicht:
Die Entitäten „Flandern“ und „Wallonien“ waren damit zum ersten Mal territorial festgelegt. Bei dieser Festlegung wurden drei einsprachige Gebiete Flandern, Wallonien, Deutschbelgien und ein zweisprachiges Gebiet Brüssel festgestellt. In den nächsten Jahrzehnten lösten der Status von Brüssel, ursprünglich zu Flandern gehörend, und die fragliche Zugehörigkeit einiger Gemeinden zu den jeweiligen Sprachgebieten (z.B. Voeren/Fourons) zahlreiche Konflikte aus.
Die Stadt Brüssel und ihr Umland gehört keinem der beiden Gliedstaaten an, sondern bildet als Hauptstadtregion Brüssel eine selbstständige Region.
In der Region Brüssel sind sowohl Französisch als auch Niederländisch Amtssprache. Aus diesem Grund gibt es in Brüssel kulturelle Einrichtungen beider großer Gemeinschaften. Trotzdem bleibt die Situation kompliziert, da Brüssel geografisch und historisch zum niederländischsprachigen Flandern gehört. Inzwischen sind ca. 80% der Einwohner Brüssels französischsprachig, was die Spannungen noch erhöht. Auch die zu Flandern gehörenden Gemeinden außerhalb der Hauptstadtregion Brüssel haben mittlerweile einen bedeutenden frankophonen Bevölkerungsanteil – Amtssprache ist hier allerdings allein das Niederländische.
Die meisten politischen Debatten in Belgien erhalten bereits kurz nach ihrem Entstehen einen sprachpolitischen Konflikt bzw. Aspekt („aspect communautaire“ (frz.)/ „communautair aspect“ (ndl.), nach „communautaire“). Ein aktuelles Beispiel hierfür war der Streit über die Lärmbelastung vom Brüsseler Flughafen, wozu sich die belgischen „Gemeinschaften“ gegenseitig beschuldigten, ihre jeweilige Bevölkerungsgruppe zu Lasten der andern Einwohner schützen zu wollen. Im Laufe der Jahre entstand so ein hochkomplexes Dossier über Abflugstrecken und Schallpegel, inklusive Gerichtsurteile und Gesetzestexte. Die Belgier leben zwar in einem gemeinsamen Staat, aber es werden – anders als zuvor – nur die Medien der jeweils eigenen Landeshälfte bzw. Sprache genutzt – wie in der Schweiz. Der Nachteil dieser Aufspaltung ist, dass zahlreiche öffentliche Debatten nur in einer Landeshälfte geführt werden. Die Namen der öffentlichen Sender haben sich ebenfalls geändert: VRT (Vlaamse Radio en Televisie), RTBF (Radio-Télévision Belge de la communauté Française).
Viele Jugendlichen verstehen die andere Landessprache nicht mehr und verwenden zunehmend Englisch statt die andere Landessprache als Lingua Franca um sich miteinander zu verständigen.
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