Dostoevsky 1872.jpg, Tretjakow-Galerie, Moskau]] Grab-dostojewsky.JPG
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (russisch Фёдор Михайлович Достоевский, wiss. Transliteration Fëdor Michajlovič Dostoevskij; * 30. Oktober / 11. November 1821 in Moskau; † 28. Januar / 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg) gilt neben Lew Nikolajewitsch Tolstoi als bedeutendster russischer Schriftsteller.
Dostojewski entstammte verarmtem Adel, sein Vater war Arzt. Nach dem Tod seiner Mutter 1837 ließ sich Dostojewski mit seinem Bruder Michail in St. Petersburg nieder, wo er von 1838 bis 1843 an der Militärakademie Bauingenieurswesen studierte. 1839 wurde sein Vater auf dem heimischen Landgut durch leibeigene Bauern ermordet. 1844 begann er mit den Arbeiten zu seinem 1846 veröffentlichten Debut Arme Leute.
Mit dessen Erscheinen wurde Dostojewski schlagartig berühmt, die zeitgenössische Kritik feierte ihn als Genie. 1847 trat er einem Kreis von Revolutionären bei; als er in deren Reihen 1849 einen später als kriminelles Schreiben apostrophierten Text des Literaturkritikers Wissarion Belinski an Nikolai Gogol vortrug, denunzierte man ihn und er wurde zum Tode verurteilt. Der Schriftsteller sollte am 22. Dezember 1849 durch ein Erschießungskommando hingerichtet werden. Erst auf dem Richtplatz begnadigte Zar Nikolaus I. ihn zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, mit anschließender Militärdienstpflicht. In der Haft in Omsk wurde zum ersten Mal seine Epilepsie diagnostiziert.
1854 trat er seine Militärpflicht an; Protektion und Wohlverhalten verschafften ihm 1856 die Beförderung in den Offiziersrang. Nach seiner Heirat 1857 und schweren epileptischen Anfällen beantragte er seine Entlassung aus der Armee, die jedoch erst 1859 bewilligt wurde, so dass Dostojewski nach St. Petersburg zurückkehren konnte.
Dort veröffentlichte er 1860 die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, ein Dokument seiner Verbannungszeit in Sibirien, an dem er seit 1856 gearbeitet hatte. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er die Zeitschrift Die Zeit, in der im darauf folgenden Jahr sein Roman Die Erniedrigten und Beleidigten erschien. Bereits 1863 jedoch fiel Die Zeit wegen eines "antipatriotischen" Beitrags der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Von 1862 bis 1865 reiste Dostojewski durch Europa; unter anderem führte ihn sein Weg auch durch Dresden, welches er am liebsten von allen deutschen Städten hatte. Während dieser Zeit begann seine Spielsucht. 1864 starben in kurzer Folge Dostojewskis Frau, sein Bruder und sein Freund Apollon Grigorjew; die Nachfolgezeitschrift der Zeit, die Epoche, musste er aus Geldmangel einstellen. 1865 ruinierte er sich beim Roulettespiel in der Spielbank in Wiesbaden.
1866 erschien der erste der großen Romane, durch die Dostojewskis Werk Teil der Weltliteratur wurde: Verbrechen und Strafe (auch unter dem Titel Schuld und Sühne bekannt). Die Geschichte des abgerissenen und bitterarmen Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow, der aus Hochmut zum Mörder wird und sich in der Folge zu einem Menschen entwickelt, der die Welt entdeckt als das, was sie ist, überzeugt durch psychologisch realistische Charaktere und präzises, anschauliches Erzählen. Zugleich ist der Roman auch Abbild der Wandlung Dostojewskis selbst vom Revolutionär zum konservativen Christen. Im selben Jahr erschien auch der innerhalb von nur 26 Tagen verfasste Kurzroman Der Spieler, ein Bekenntnis seiner Spielsucht.
Kurz nach seiner zweiten Eheschließung 1867 setzte er sich wegen seiner hohen Spielschulden fluchtartig ins Ausland ab, um sich dem Zugriff seiner Gläubiger zu entziehen. Er wohnte längere Zeit in Baden-Baden und kehrte erst 1871 wieder nach Russland zurück. 1868 verlor er erneut alles am Spieltisch. Im Folgejahr erschien sein zweites Großwerk, Der Idiot, die tragikomische Geschichte des Fürsten Myschkin, der aufgrund seiner Güte, Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit in der St. Petersburger Gesellschaft scheitert.
Zu seinem Ende hin verlief das Leben Dostojewskis in ruhigeren Bahnen. In dieser Ruhe verfasste er die beiden letzten seiner großen Werke, Die Dämonen – einen politischen Roman über die vernichtende Macht des Anarchismus und Nihilismus – und abschließend Die Brüder Karamasow, ein Mammutprojekt eines Romans, der in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts, also in der Zeit von "Schuld und Sühne" beginnt, und im nicht mehr begonnenen zweiten Teil die Entwicklung der Gesellschaft bis in die Achtzigerjahre behandeln sollte. Doch obwohl dieser Roman nicht beendet wurde, werden die immerhin tausend Seiten des ersten Teils als Dostojewskis abschließende Quintessenz und Überschau seines eigenen Schaffens betrachtet.
Als Dostojewski 1881 an Lungenbluten in Folge eines Emphysems starb, nahmen rund 60.000 Menschen an seinem Begräbnis teil.
Noch heute ist Dostojewski in Russland sehr beliebt. Zu seinem Charakter und seiner politischen Einstellung ist zu sagen, dass er vor seiner Verurteilung den revolutionären Gedanken vertrat und auch für einen gewalttätigen Umsturz eintrat. Nachdem Dostojewski die Zwangsarbeit "absolviert" hatte vertrat er jedoch eine tolerantere Ansicht.
Dostojewskis Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf existentialistische und expressionistische Strömungen ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Von ihm beeinflusste Autoren sind unter anderem: Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, Marcel Proust, William Faulkner, Albert Camus, Franz Kafka, Henry Miller, Yukio Mishima, Gabriel García Márquez und Leslie Kaplan. - Ernest Hemingway schrieb Dostojewski in seinen autobiographischen Werken einen entscheidenden Einfluss zu.
Mit dem Scheitern der Petersburger Revolution 1905 entstand im politischen Bildungsbürgertum Deutschlands auch das Interesse an Dostojewskijs „transzendente Sinnstiftung“. „Dostojewskij wurde jetzt“, so Volker Weiß, „als Antwort der Konservativen auf Emile Zola gelesen“. Insbesondere Dmitri Mereschkowski und der Dostojewski-Herausgeber Arthur Moeller van den Bruck machten mit Dostojewski einen Ost-West-Dualismus in den Kreisen der Konservativen Revolution populär. Diese „Ostideologie“ verstand sich in diesem Kreis als völkisch konservative Antwort auf den rationalen und aufklärerischen „verfaulten“ (Kaltenbrunner) Westen und wurde literarisch wie politisch weiter ausformuliert.
Zu den wichtigen politischen Texten zählen die Puschkinrede von 1880 und dem Tagebuch eines Schriftstellers (1873-81) und besonders der Essay Deutschland, das protestierende Reich (1877) – Texte, auf die auch Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen Bezug nimmt, um damit eine „kulturelle Unabhängigkeitserklärung“ (Fritz Stein) der Deutschen zu inspirieren.
Der Begriff Konservative Revolution geht dabei vermutlich auch auf Dostojewskis Position „Revolutionär aus Konservatismus“ zurück.
In Deutschland, das protestierende Reich sieht er folgende Merkmale bei den Deutschen: „Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, dass es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d.h. mit allen Erben der altrömischen Bestimmung.“
Und 1877 formuliert Dostojewski in seinen Politischen Schriften: „die Zeit für etwas Tausendjähriges, für etwas Ewiges“ sei gekommen und im „Osten * tatsächlich die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slavische Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung des Schicksals der Menschen und Europas.“
Diese Gedanken radikalisierten Dmitri Mereschkowski und auf seiner Art politischer Arthur Moeller van den Bruck zu ihren Vorstellungen, für den sie den Begriff Drittes Reich formulierten.
Bereits 1934 beschrieb Leo Löwenthal die Begeisterung der Bildungseliten für Dostojewskis Sinnstiftungen: „Dostojewski begegnet uns von vornherein im Zeichen des Mythos. Das will heißen, daß in seine Person wie in seine Werke wie auch in eine gewisse undurchdringliche Einheit, die man zwischen seinem Leben und seinen Romanen stiftet, Gehalte gelegt werden, die jede nachprüfbare Faktizität transzendieren, die insbesondere aussergeschichtlichen Charakter tragen.“
Zitierte Quelle: Volker Weiß: Dostojewskijs Dämonen. Siehe Literatur.
Autor | Literatur (19. Jh.) | Literatur (Russisch) | Roman, Epik
Mann | Russe | Geboren 1821 | Gestorben 1881
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