Die FARC, eigentlich F.A.R.C.-E.P. (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo – Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens / Volksarmee), ist eine kolumbianische, linksgerichtete Guerillabewegung, die sich selbst als marxistisch bezeichnet. Sie ist seit 1964 aktiv und damit die älteste noch aktive lateinamerikanische Guerillaorganisation.
Die FARC entstand im Kontext der seit 1948 andauernden gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der liberalen und der konservativen Partei Kolumbiens. Im Laufe dieser Auseinandersetzungen wurden 1949 die sogenannten unabhängigen Republiken (repúblicas independientes) von der kommunistischen Partei Kolumbiens sowie liberalen und radikalen Bauern in Teilen des Landes gegründet. 1964 eroberte das kolumbianische Militär die República de Marquetalia. Die überlebenden Bewohner um Manuel Marulanda und Jacobo Arenas hielten am 20. Juli des selben Jahres in Marquetalia eine Konferenz ab, auf der sie die Guerillaorganisation Bloque Sur gründeten. 1966 ging der Bloque Sur in der FARC auf, die am 5. Mai offiziell als militärischer Arm der kommunistischen Partei Kolumbiens gegründet wurde. Sie verstand sich als bäuerliche Selbstverteidigungsgruppe gegen die von Großgrundbesitzern und Militär ausgehende Gewalt und hatte sich eine „revolutionäre Landreform“ zum Ziel gesetzt. Bis heute bezeichnet die FARC sich selbst als marxistisch-leninistisch und bolivaranisch Miguel Urbano Rodrigues: Las FARC reafirman la opción comunista y responden a campañas difamatorias. Entrevista con el comandante Ricardo González, del Estado Mayor Central de las FARC-EP, 7.4.2004 *.
Während sich die Aktivitäten der FARC bis Ende der 1970er Jahre ausschließlich auf ländliche Gebiete beschränkte und die Organisation fast ausschließlich aus Bauern bestand, reisten einige Mitglieder durch Lateinamerika, um sich über die Strategien anderer kommunistisch orientierter Guerillaorganisationen zu informieren und um die Ausbildung der FARC-Kämpfer zu verbessern. Ende der 1960er Jahre wurde eine Schulungsstätte für Ideologie ins Leben gerufen, 1973 wurde das Generalkommando der FARC gegründet, dem Manuel Marulanda seitdem angehört. Trotzdem ging das politische Programm bis 1980 nicht über Agrarthemen hinaus.
Beeinflusst durch die sandinistische Revolution in Nicaragua 1979, wurden ab diesem Zeitpunkt zunehmend Studenten aus den größeren Städten Mitglieder der FARC. Dadurch geriet die Beschränkung der FARC auf ausschließlich landwirtschaftliche Forderungen etwas in den Hintergrund, und die ideologischen Grundlagen der Gruppierung wurden ausgebaut. Auf Initiative von Jacobo Arenas wurde 1982 die Siebte Guerilla-Konferenz abgehalten, auf der eine neue Strategie beschlossen wurde, die das Einbeziehen aller Arten von Kampf (politisch und militärisch) zum Erreichen der revolutionären Ziele vorsah. Im Zuge dieser strategischen Neuausrichtung benannte sich die FARC in FARC-EP (EP: Ejército del Pueblo, Volksheer) um; es wurden nicht mehr nur Taktiken des Guerillakampfes eingesetzt, sondern auch größere Operationen nach militärischem Vorbild durchgeführt. Die Verbindungen der FARC zu anderen lateinamerikanischen Guerillaorganisationen wurden ausgeweitet, und als marxistische Gruppierung wurde die FARC von Kuba und (in geringerem Maße) von der Sowjetunion finanziell unterstützt. In den 1980er Jahren wurde Kolumbien zu einem der größten Kokainproduzenten weltweit. Die FARC war zu diesem Zeitpunkt noch nicht direkt in den Drogenanbau verwickelt, gewann aber unter den kriminalisierten Kokabauern neue Anhänger. In einigen Gebieten des Landes erfüllte sie ab Mitte der 1980er Jahre quasi staatliche Funktionen, durch Erhebung von Steuern z.B. Außerdem verbreiterte die FARC ihr finanzielles Fundament dadurch, dass sie Sicherheitsdienste und Infrastruktur für die Drogenhändler bereitstellte. 1984 äußerte sich die FARC erstmals mit allgemeineren politischen Forderungen in Form eines Offenen Briefes. Im selben Jahr nahm sie Verhandlungen mit dem damaligen kolumbianischen Präsidenten Belisario Betancur auf, die zu einem Waffenstillstand führten, der - mit mehreren Unterbrechungen - bis 1987 anhielt.
1985 gründeten Mitglieder der FARC und der kommunistischen Partei eine neue Partei, die „Patriotische Union“ (Unión Patriota), um ihre Ziele auf legalem Wege durchzusetzen, anstatt den bewaffneten Kampf weiterzuführen. 1986 wurde die UP als legale Partei anerkannt. Im selben Jahr trat sie zu den Parlamentswahlen an und erlangte 1,4% der Stimmen. Bei den Präsidentschaftswahlen bekam ihr Kandidat Jaime Pardo Leal 4,5% der Stimmen. Auch an den Gouverneurswahlen 1988 nahm die UP teil. In den folgenden Jahren wurden 2000-3000 der Mitglieder der UP (die FARC spricht von bis zu 5000), insbesondere solche mit öffentlichen Funktionen, von paramilitärischen Gruppierungen und Todesschwadronen systematisch ermordet. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Pardo Leal wurde 1987 von einem 14-Jährigen getötet. Amnesty International machte im April 1988 auf Beteiligungen des Militärs an diesen Tötungsaktionen aufmerksam, was die Regierung Virgilio Barco Vargas heftig abstritt. Die meiste Morde wurden nie offiziell aufgeklärt. Nachdem am 22. März 1990 auch der neue UP-Präsidentschaftskandidat Bernardo Jaramillo Ossa ermordet wurde, trat die UP stark geschwächt zu den Wahlen 1991 an. Sie existierte noch bis 2002 offiziell als Partei, war allerdings spätestens seit Anfang der 1990er Jahre bedeutungslos.
Nach Verabschiedung der neuen Verfassung 1991 nahmen die FARC und die kolumbianische Regierung unter venezolanischer und mexikanischer Vermittlung die Verhandlungen wieder auf; sie blieben allerdings ergebnislos. Am 4. September 1996 griff die FARC eine Militärbasis in Guaviare an; bei den drei Wochen andauernden Kämpfen starben über 130 Personen. Anfang der 1990er Jahre bestand die FARC aus schätzungsweise 7.000-10.000 bewaffneten Kämpfern, die in über 60 regionalen Fronten organisiert waren.
1993 stellte die FARC im Rahmen der Plattform für eine Regierung der des Wiederaufbaus und der nationalen Aussöhnung einen Zehnpunkteplan auf, der als Gesprächsgrundlage mit der Regierung dienen sollte und folgende Forderungen beinhaltete:
Unter Präsident Andrés Pastrana (1998-2002) kam es zu Friedensverhandlungen zwischen Regierung und FARC. Im Zuge dieser Verhandlungen wurde der FARC ein etwa 40.000 km² großes Gebiet zur Verfügung gestellt, die so genannte Zona de despeje, das die FARC de facto vollständig unter ihrer Kontrolle hatte. In diesem offiziell als neutral deklarierten Gebiet sollten die Verhandlungen stattfinden, und das kolumbianische Parlament musste alle sechs Monate über die Verlängerung der Aufrechterhaltung der Verhandlungszone abstimmen. Während der Verhandlungen intensivierte die FARC ihre Offensiven gegen das kolumbianische Militär. Außerdem entführte sie mehrere Politiker und kidnappte ein Passagierflugzeug. Am 21. Februar 2002 erklärte die Regierung die Friedensverhandlungen für gescheitert und begann eine Militäroffensive in der Verhandlungszone. Kurz darauf wurde die Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt von der FARC entführt. Trotz Vermittlungsversuchen Frankreichs ist sie immer noch in der Gewalt der Gruppierung.
Seit der Zerschlagung der beiden großen Drogenkartelle Ende der 1990er Jahre hat die FARC ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der Kokainproduktion verstärkt. Anstatt lediglich Hilfs- und Schutzleistungen für die Drogenproduzenten anzubieten, begann die FARC, selbst Koka anzubauen und eigene Labore für die Weiterverwertung zu betreiben. Die Drogenanbaufläche in Kolumbien hat sich während der 1990er Jahren auf rund 120.000 Hektar versechsfacht.
Mit der Forderung, drastisch gegen die FARC vorzugehen gewann Pastranas Nachfolger Álvaro Uribe die Wahlen 2002. Er gab also den Verhandlungskurs auf und strebt aktuell eine militärische Lösung des Konflikts an.
Die FARC wird bis heute von Manuel Marulanda, dem mittlerweile ältesten Guerillaführer Lateinamerikas, kommandiert. Weitere Mitglieder des Generalkommandos sind u.a. José Briceño alias Mono Jojoy, Tomás Medina Caracas alias Negro Acacio und Leon Saenz Vargas alias Alfonso Cano. Die Truppenstärke wird auf 10.000 - 20.000 bewaffnete Kämpfer geschätzt, wobei der Frauenanteil bei etwa 40% liegt.
Die FARC kombiniert in ihrem Kampf gegen den kolumbianischen Staat und die paramilitärische Autodefensas Unidas de Colombia Guerilla-Taktiken mit „konventionellem“ militärischen Kampf. Etwa 35% des Landes befinden sich unter ihrer Kontrolle; in den betroffenen Gebieten besitzt sie weitgehende Bewegungsfreiheit und bestimmt die lokale Gesetzgebung.
Die FARC finanziert sich hauptsächlich aus Lösegeldzahlungen und aus der Besteuerung des Koka-Anbaus. Die Einnahmen werden auf jährlich über 300 Millionen US-Dollar geschätzt, andere Quellen gehen von bis zu 980 Millionen US-Dollar aus. Im Jahr 2000 hat die FARC mit ihrem „Gesetz 002“ festgelegt, daß jeder Kolumbianer mit einem Vermögen von über einer Million Dollar eine „Revolutionssteuer“ von zehn Prozent zahlen muss. Entführungen sieht sie dabei als Druckmittel an.
Die permanenten Verstöße der FARC gegen das Völkerrecht sind seit Jahren bekannt und belegt. Selektive Morde und Massaker an Zivilisten, die Verwendung von Antipersonenminen, Geiselnahmen, Verletzungen der Menschenrechte und ihr autoritärer, militärischer Regierungsstil in den von ihr kontrollierten Gebieten stehen im krassen Widerspruch zu ihrem demokratischen Anspruch.
Die Europäische Union und die USA haben die FARC auf ihre Liste der Terrororganisationen aufgenommen. In Kolumbien ereignen sich fast die Hälfte aller weltweit registrierten Geiselnahmen. Berüchtigt sind die pescas milagrosas, die „wundersamen Fischzüge“, bei denen Straßensperren errichtet werden, um potenzielle Entführungsopfer abzupassen.
Siehe auch:
Ejército de Liberación Nacional (ELN)
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