Als Exulanten (lat. exsul = Verbannter) bezeichnete man in der Frühen Neuzeit die meist protestantischen Flüchtlinge, die wegen ihres religiösen Bekenntnisses ihre Heimat verlassen mussten.
Flucht und Vertreibung aus religiösen Gründen hatte es im Abendland immer wieder gegeben, seit das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion im Römischen Reich geworden war. Insbesondere im hohen und späten Mittelalter sahen sich ganze Bevölkerungsgruppen wie Katharer und Waldenser in Südfrankreich oder die Hussiten in Böhmen als Ketzer verfolgt. Gegen die Katharer wurde sogar der Kreuzzug gepredigt, der mit ihrer nahezu völligen Vernichtung endete.
Die Reformation im 16. Jahrhundert schuf erstmals in der Geschichte Europas die Situation, dass sich auch Fürsten in großer Zahl zu einer vom Katholizismus abweichenden Glaubensrichtung bekannten. Bestand für Andersgläubige zuvor meist nur die Wahl zwischen Anpassung oder Vernichtung, konnten sie nun mit mehr oder weniger wohlwollender Aufnahme in anderen Territorien rechnen.
In Deutschland erhielt diese Möglichkeit im Augsburger Religionsfrieden von 1555 sogar eine rechtliche Grundlage. Zwar legte das ius reformandi nach dem Grundsatz "cuius regio, eius religio" fest, dass den Landesherren das Recht zustand, die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen. Die Fürsten gestanden jedoch den katholischen und lutherischen Untertanen, die nicht zu ihrer Konfession übertreten wollten, gegen Zahlung einer Abzugssteuer das ius emigrandi zu, das freie Abzugsrecht.
Das ius emigrandi war nur ein schwaches Ventil angesichts des Drucks, der aufgrund des ius reformandi auf das Gewissen der Untertanen ausgeübt werden konnte. Immerhin hatten nun wenigstens Katholiken und Lutheraner ein verbrieftes Recht, in Länder ihres Glaubens auswandern zu dürfen. Sie mussten in diesem Fall nicht länger fürchten, wegen Verletzung ihrer Untertanenpflichten belangt zu werden. Reformierten und Freikirchler wie die Mennoniten waren von dieser Regelung dagegen zunächst ausgenommen. Sie wurden weiterhin sowohl von katholischen als auch von andersgläubigen protestantischen Fürsten verfolgt und vertrieben. Die Verfolgung der Mennoniten "mit Feuer und Schwert" war sogar durch mehrere Reichstagsbeschlüsse ausdrücklich vorgeschrieben.
Wie manche Verfolgte ihre Lage selbst sahen, beschreibt ein Gedicht aus jener Zeit.
Erst im Westfälischen Frieden erlangten auch die Reformierten die reichsrechtliche Gleichstellung mit Katholiken und Lutheranern. Außer dem Recht auf ungehinderte Auswanderung hatten die Angehörigen der nunmehr drei offiziell anerkannten Konfessionen seit 1648 das Recht, auf dem Gebiet eines andersgläubigen Landesherren ihren Glauben privat auszuüben.
All dies führte seit dem Anfang des 16. Jahrhundert zu einem wachsenden Strom von Exulanten in ganz Europa. So suchten u.a. spanische Juden in den Niederlanden Zuflucht und französische Hugenotten nach dem Wiederruf des Edikts von Nantes in England, der Schweiz, den Niederlanden und in Deutschland. Besonders Preußen profitierte von dem Edikt von Potsdam des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, das eine starke Einwanderungswelle französischer Flüchtlinge zur Folge hatte.
Auch aus den Ländern der Habsburger mussten immer wieder Protestanten in großer Zahl fliehen: die Böhmischen Brüder und andere protestantische Böhmen wanderten größtenteils ins benachbarte Sachsen oder in die Mark Brandenburg aus. Die Salzburger Protestanten zogen im 18. Jahrhundert größtenteils nach West- und Ostpreußen. Während einige Exulanten versuchten, sich möglichst nahe der früheren Heimat anzusiedeln, wanderten viele auch nach Übersee aus. Einige Herrnhuter Brüdergemeinen gründeten beispielsweise Siedlungen und Missionsstationen zwischen Grönland und Südamerika. Pfälzische Mennoniten gingen nach Pennsylvania, wo ihre Nachfahren, die Amish bis heute leben. Andere Freikirchler wiederum folgten der Einladung der Zarin Katharina der Großen und siedelten in den von Russland neu eroberten Gebieten am Unterlauf der Wolga.
Insbesondere nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges erkannten immer mehr Landesherren die wirtschaftlichen Chancen, die sich durch die Aufnahme von Exulanten ergaben. Ein Ausdruck dieser eher an Nützlichkeitserwägungen als an prinzipieller Toleranz orientierten Haltung ist der bekannte Ausspruch Friedrichs II. von Preußen:
Bereits im 17. Jahrhundert wurde im Vergleich der Niederlande mit Spanien gesehen, dass Zusammenhänge bestanden zwischen Toleranz und dem Wohlstand eines Landes einerseits sowie Intoleranz und wirtschaftlichem Niedergang andererseits.
Dafür gab es einen einfachen Grund: Wer seine Heimat aus religiösen Gründen verließ, musste sich dies auch wirtschaftlich leisten können. Es flohen also meist diejenigen, die ihren Besitz zu Geld machen konnten oder die ihr Kapital in Form von Wissen oder handwerklichen Fertigkeiten mit sich tragen konnten. So kam es, dass in vielen Fällen die Exulanten bald die Wirtschaft ihrer Aufnahmegebiete prägten und erheblich zu deren Wohlstand beitrugen. Ein Beispiel dafür ist der Musikwinkel im Vogtland, der von böhmischen Musikinstrumentenmachern besiedelt wurde.
Speziell in Deutschland entstand - meist auf landesherrliche Initiative - eine Reihe von Exulantenstädten, in denen Flüchtlinge einer oder mehrerer Konfessionen aufgenommen wurden. Ein besonders markantes Beispiel dafür ist die Gründung der Stadt Neuwied am Rhein, in der eine weitgehende Religionsfreiheit für alle Bekenntnisse herrschte.
Auch die Nachfolger Friedrichs III. behielten seine Politik der religiösen Toleranz in Neuwied bei. Unter Friedrichs Enkel, Graf Johann Friedrich Alexander lebten im 18. Jahrhundert Angehörige von sieben verschiedenen Religionsgemeinschaften in Neuwied: Calvinisten, denen auch das Grafenhaus angehörte, Lutheraner, Katholiken, Mennoniten, Herrnhuter, Inspirierte und Juden.
Auch nach Neuwied brachten die Exulanten vielfach neue Gewerbezweige und Fertigkeiten mit, die der Stadt eine wirtschaftliche Blüte bescherten. So waren die Möbel aus der Manufaktur der Herrnhuter Abraham und David Roentgen oder die kunstvollen Uhren von Peter Kinzing an den Fürstenhöfen ganz Europas gefragt.
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