In der Mathematik wird als Exponentialfunktion zur Basis eine Funktion der Form bezeichnet. In der gebräuchlichsten Form sind dabei für den Exponenten die reellen Zahlen zugelassen. Im Gegensatz zu den Potenzfunktionen, bei denen die Basis die Variable enthält, befindet sich bei Exponentialfunktionen die Variable im Exponenten; von daher auch die Namensgebung.
Als die Exponentialfunktion im engeren Sinne wird die Exponentialfunktion mit der Eulerschen Zahl als Basis bezeichnet; hierfür ist auch die Notation gebräuchlich. Unter Verwendung des Logarithmus lässt sich wegen der Identität jede Exponentialfunktion auf eine solche zur Basis zurückführen, weshalb dieser Artikel im folgenden auf die Exponentialfunktion zur Basis fokussiert.
Exponentialfunktionen haben in den Naturwissenschaften, z. B. bei der Berechnung von Wachstumsvorgängen, eine herausragende Bedeutung.
Exp_e.png
Definition
Die Exponentialfunktion (zur Basis
)
kann auf den
reellen Zahlen auf zwei Arten definiert werden:
- (Definition als Potenzreihe, genannt Exponentialreihe)
- (Definition als Grenzwert einer Folge mit ).
Das steht für „Fakultät von “. Beide Arten sind auch zur Definition der komplexen Exponentialfunktion auf den komplexen Zahlen geeignet, s. weiter unten.
Die Exponentialfunktion auf der reellen Zahlengeraden ist positiv und streng monoton wachsend.
Deshalb existiert ihre Umkehrfunktion, der natürliche Logarithmus , der für alle positiven reellen Zahlen definiert ist. Daraus erklärt sich auch die Bezeichnung Antilogarithmus für die Exponentialfunktion.
Konvergenz der Reihe, Stetigkeit
Die
Konvergenz der für die Definition der Exponentialfunktion verwendeten Reihe
-
lässt sich für alle reellen und komplexen
einfach mit dem
Quotientenkriterium zeigen; daraus folgt sogar
absolute Konvergenz. Der
Konvergenzradius der Potenzreihe ist also unendlich. Da Potenzreihen an jedem inneren Punkt ihres Konvergenzbreiches
stetig sind
[Konrad Knopp. Theorie und Anwendung der unendlichen Reihen. 5. Auflage, Springer Verlag 1964, ISBN 3-540-03138-3. S 175, 98 Satz 2 für den reellen und S 418 für den komplexen Fall], ist die Exponentialfunktion also in jedem reellen und komplexen Punkt stetig.
Rechenregeln
Da die Exponentialfunktion die Funktionalgleichung erfüllt, kann man mit ihrer Hilfe das Potenzieren auf reelle und komplexe Exponenten verallgemeinern, indem man definiert:
- bzw.
für alle
und alle reellen oder komplexen
.
Solche Funktionen heißen exponentielle Funktionen und "verwandeln" Multiplikation in Addition.
Genauer zeigen das die folgenden Gesetze::
- und
-
-
-
-
Diese Gesetze gelten für alle positiven reellen und und alle reellen oder komplexen .
Ausdrücke mit Brüchen und Wurzeln können oft mit Hilfe der Exponentialfunktion vereinfacht werden:
-
-
-
Ableitung: die "natürliche" Bedeutung der Exponentialfunktion
Die große Bedeutung der Exponentialfunktion leitet sich aus der Tatsache ab, dass ihre Ableitung wieder die Exponentialfunktion ergibt:
-
Wenn man zusätzlich
-
fordert, ist die Exponentialfunktion im Reellen sogar die einzige Funktion, die dies leistet. Somit kann man die Exponentialfunktion auch als Lösung dieser Differentialgleichung definieren.
Allgemeiner folgt für aus
-
und der Kettenregel die Ableitung beliebiger exponentieller Funktionen:
-
In dieser Formel kann der natürliche Logarithmus nicht durch einen Logarithmus zu einer anderen Basis ersetzt werden; die Zahl e kommt also in der Differentialrechnung auf "natürliche" Weise ins Spiel.
Exponentialfunktion auf den komplexen Zahlen
Wenn man die Exponentialfunktion auf den
komplexen Zahlen definiert (über die gleichen Reihen), behält sie folgende wichtige Eigenschaften:
-
-
-
-
für alle .
Die Exponentialfunktion ist holomorph und periodisch mit einer imaginären Periode .
Deshalb ist die Umkehrfunktion im Komplexen, der komplexe Logarithmus, eine vielwertige Funktion .
Man kann auch hier eine allgemeine Potenz definieren:
- mit ,
was ebenso eine vielwertige Funktion ist (die oben angeführten Potenzgesetze gelten auch für vielwertige Funktionen).
Über die Eulersche Formel
-
erzeugt die Exponentialfunktion die
trigonometrischen Funktionen:
- ,
- ,
ebenso kann die Exponentialfunktion zur Definition der
hyperbolischen Funktionen verwendet werden:
- ,
- ,
- .
Die Eulersche Formel ermöglicht auch die Interpretation der Polarkoordinatendarstellung eine komplexen Zahl als deren natürlichen Logarithmus .
Exponentialfunktion auf beliebigen Banachalgebren
Die Exponentialfunktion lässt sich auf Banachalgebren verallgemeinern. Sie ist immer noch über die Reihe
-
definiert, die für alle möglichen Werte absolut konvergiert.
Die wesentliche Eigenschaft der reellen (und komplexen) Exponentialfunktion
-
ist in dieser Allgemeinheit allerdings nur noch gültig für Werte
und
, die
kommutieren, also für Werte mit
(dies ist in den reellen oder komplexen Zahlen natürlich immer erfüllt, da die Multiplikation dort kommutativ ist).
Einige Rechenregeln dieser Art für die Exponentiale von
linearen Operatoren auf einem
Banachraum liefern die
Baker-Campbell-Hausdorff-Formeln.
Eine wichtige Anwendung dieser verallgemeinerten Exponentialfunktion findet sich beim Lösen von linearen Differentialgleichungen der Form mit konstanten Koeffizienten. In diesem Fall ist die Banachalgebra die Menge der -Matrizen mit komplexen Einträgen. Mittels der Jordanschen Normalform läßt sich eine Basis bzw. Ähnlichkeitstransformation finden, in welcher die Exponentialmatrix eine endliche Berechnungsvorschrift hat. Genauer gesagt, man findet eine reguläre Matrix , so dass , wobei eine Diagonalmatrix und eine nilpotente Matrix sind, welche miteinander kommutieren. Es gilt damit
-
Das Exponential einer Diagonalmatrix ist die Diagonalmatrix der Exponentiale, das Exponential der nilpotenten Matrix ist ein matrixwertiges
Polynom mit einem Grad, der kleiner als die Dimension
der Matrix
ist.
Numerische Berechnungsmöglichkeiten
Als fundamentale Funktion der Analysis wurde viel über Möglichkeiten zur effizienten Berechnung
der Exponentialfunktion bis zu einer gewünschten Genauigkeit nachgedacht. Dabei wird stets die Berechnung auf die Berechnung der Exponentialfunktion in einer kleinen Umgebung der Null reduziert und mit dem Anfang der Potenzreihe gearbeitet. In der Analyse ist die durch die Reduktion notwendige Arbeitsgenauigkeit gegen die Anzahl der notwendigen Multiplikationen von Hochpräzisionsdaten abzuwägen.
Der Rest der -ten Partialsumme hat eine einfache Abschätzung gegen die geometrische Reihe, welche auf
- bei für alle mit führt.
Die einfachste Reduktion benutzt die Identität , d.h. zu gegebenem wird bestimmt, wobei nach den Genauigkeitsbetrachtungen gewählt wird. Damit wird nun, in einer gewissen Arbeitsgenauigkeit, berechnet und -fach quadriert: . wird nun auf die gewünschte Genauigkeit reduziert und als zurückgegeben.
Effizientere Verfahren setzen voraus, dass , besser zusätzlich und (Arnold Schönhage) in beliebiger (nach Spezifikation auftretender) Arbeitsgenauigkeit verfügbar sind. Dann können die Identitäten
- oder
benutzt werden, um
auf ein
aus dem Intervall
oder einem wesentlich kleineren Intervall zu transformieren und damit das aufwendigere Quadrieren zu reduzieren oder ganz zu vermeiden.
Hintergründe und Beweise
Motivation
Auf die Exponentialfunktion stößt man, wenn man versucht, das
Potenzieren auf beliebige reelle Exponenten zu verallgemeinern. Man geht dabei von der Rechenregel
aus und sucht daher eine Lösung der
Funktionalgleichung mit
. Nimmt man nun zunächst einmal an, dass eine Lösung tatsächlich existiert und berechnet deren
Ableitung, so stößt man auf den Ausdruck
-
definierte Zahl
(bzw.
,
muss dann also der Logarithmus zur Basis
sein) nach der Kettenregel formal
- .
erfüllt dann vermutlich
- .
Wie kann man diese Zahl berechnen?
Setzt man rein formal und löst die Gleichung
- , dann erhält man . Für die Zahl
-
ist also zu vermuten, dass
-
bzw.
- .
Für und ist die Folge daher für alle beschränkt:
- .
Für
und
gilt offensichtlich die Schranke
-
Funktionalgleichung
Da
und
konvergieren, konvergiert auch deren Produkt
- .
Ist nun , so liefert die Bernoullische Ungleichung für hinreichend große
- ;
für
erhält man aus der einfach zu zeigenden Ungleichung
für
und ebenfalls der
Bernoullischen Ungleichung für hinreichend große
- ,
die Exponentialfunktion erfüllt also tatsächlich die
Funktionalgleichung .
Ungleichungen
Abschätzung nach unten
Für
reelle lässt sich die Exponentialfunktion mit
-
nach unten abschätzen. Der Beweis ergibt sich aus der Definition
-
und der Tatsache, dass
für hinreichend große
. Da die Folge monoton wachsend ist, ist der Grenzwert daher echt größer Null.
Diese Abschätzung lässt sich zur wichtigen Ungleichung
-
verschärfen. Für
folgt sie aus
, für
ergibt sich der Beweis beispielsweise, indem man die
Bernoullische Ungleichung auf die Definition
-
anwendet. Eine Anwendung dieser Ungleichung ist der Polya-Beweis der
Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel. Allerdings erleichtert die Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel die Untersuchung der Folge
sehr; um daher einen
Zirkelschluss zu vermeiden, benötigt der Polya-Beweis Herleitungen der Exponentialfunktion, die ohne Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel auskommen.
Abschätzung nach oben
Aus der einfach zu zeigenden Ungleichung
für
und der
Bernoullischen Ungleichung erhält man für
reelle und
hinreichend groß eine Abschätzung nach oben:
- ,
also
-
Ableitung der Exponentialfunktion
Die wichtigste Anwendung dieser beiden Abschätzungen ist die Berechnung der
Ableitung der Exponentialfunktion an der Stelle 0:
- .
Gemeinsam mit der
Funktionalgleichung folgt daraus die Ableitung der Exponentialfunktion für beliebige
reelle Zahlen:
-
Die Differentialgleichung der Exponentialfunktion
Will man die einfache
Differentialgleichung:
lösen und setzt noch
voraus, so erhält man daraus eine
Definition von
.
Umkehrfunktion
Setzt man
nicht voraus, so benutzt man die
Umkehrfunktion f(x) von
. Denn
,
und nach den Eigenschaften der
Logarithmusfunktion ist
,
und man kann die Umkehrfunktion bilden und erhält
.
Da die
untere Grenze gleich 1 ist, ist
und bei der
Umkehrfunktion
nach
Eigenschaft der Umkehrfunktion:
Differentialgleichung
Erweitert man die
Differentialgleichung auf
für
und
löst sie, so erhält man für y die Form
.
Speziell für ist . Ist
dann u eine Lösung und , dann ist
und nach Voraussetzung
und und .
Für beliebiges führen wir ein . Es ergibt sich
und nach Voraussetzung wieder und und .
Beispiele
Man besitzt nun ein mächtiges Instrument zur Beschreibung von Vorgängen in der
Physik und Chemie, wo man mittels eines Ansatzes vom Typ
ein die Exponentialfunktion enthaltendes Ergebnis der Form
erhält.
Physik
Als Beispiele für das
häufige Auftreten der Exponentialfunktion in der theoretischen Physik seien genannt:
Siehe auch: Exponentieller Vorgang
Chemie
Als ein Beispiel in der Chemie sei hier die
chemische Reaktion im Fall der
unimolekularen Reaktionen skizziert: Es wird angenommen, dass ein Stoff in
sehr viel reichlicherem Lösungsmittel gelöst ist (z.B.
Rohrzucker in Wasser). Wir nehmen eine
katalytische Umwandlung des Rohrzuckers in
Invertzucker an. Bei dieser einfachen chemischen Reaktion wird man das
Massenwirkungsgesetz so formulieren:
- Die Reaktionsgeschwindigkeit als Funktion der Zeit ist proportional zur noch vorhandenen Menge der sich umwandelnden Substanz.
Bezeichnen wir die Menge des zur Zeit
x noch nicht umgewandelten Rohrzuckers mit
u(x), so ist die Reaktionsgeschwindigkeit
und nach dem Massenwirkungsgesetz gilt die Gleichung
-
mit einer Materialkonstante
k. Aus diesem Momentangesetz erhält man nach obiger Differentialgleichung ein Integralgesetz, welches uns die Menge
u des übriggeliebenen Rohrzuckers als Funktion der Zeit liefert:
- .
Die chemische Reaktion nähert sich also
asymptotisch ihrem Endzustand
u = 0, der völligen Umwandlung, an. Die
Konstante
a ist dabei offensichtlich die zur Zeit
x = 0 vorhandene Menge.
Stochastik
Gleiche Anzahl von Münzen und Empfängern
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, zufällig keine, eine oder mehr Münzen zu erhalten, wenn n Münzen auf n Empfänger verteilt werden und n sehr groß ist?
Die Eulersche Zahl e und die Näherungsformel für die Exponentialfunktion
- (1)
erlauben eine einfache Abschätzung.
Die Wahrscheinlichkeit, bei der ersten Verteilung eine Münze zu erhalten, beträgt 1/n und 1-1/n, keine Münze zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, zweimal keine Münze zu erhalten, beträgt: (1-1/n) * (1-1/n). Folglich ist die Wahrscheinlichkeit, n-mal erfolglos zu sein:
- (2) P(keine Münze) = (1-1/n)n ~ 1/e ~ 0,37
Die Wahrscheinlichkeit, nur einmal Erfolg zu haben, ist das Produkt aus Misserfolgen, Erfolg und der Kombinationsmöglichkeiten n, wann sich der Erfolg einstellt (beim ersten Mal, oder zweiten oder dritten...):
- (3) P(eine Münze) = (1-1/n)n-1 * 1/n * n = (1-1/n)n-1 ~ 1/e ~ 0,37
Die Wahrscheinlichkeit, mehr als eine Münze erhalten, lautet entsprechend:
- (4) P(zwei Münzen und mehr) = 1-P(keine Münze)-P(eine Münze) = 0,26
Mehr Münzen als Empfänger
Wieviele Münzen m müssen es sein, um die Wahrscheinlichkeit Pm, keine zu erhalten, zu verringern, beispielsweise auf 0,1 statt 0,37? Aus (1) folgt:
- (5) Pm = (1-1/n)m -> m = ln(Pm)/ln(1-1/n)
Oder, anders gefragt: wieviele Münzen
m müssen es mehr sein als Empfänger
n?
- (6) m/n = ln(Pm)/ln(1-1/n)n ~ -ln(Pm)
Damit im Mittel nur 10% der Empfänger leer ausgehen, ist die 2,3-fache Menge an Münzen erforderlich, bei 1% fast die 5-fache Anzahl.
Quellen
Siehe auch
Weblinks
Stochastik
Analytische Funktion
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