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Der Exotismus (griechisch εξωτισμός, exotismós, von der Exotik abgeleitet) hat zwei fachsprachliche Bedeutungen, je nachdem, ob er in einem soziologischen oder sprachwissenschaftlichen Zusammenhang verwendet wird.

Soziologie


Exotismus bezeichnet eine bestimmte Form des eurozentristischen Blicks auf Fremde, die alleine deren "exotische" Aspekte betrachtet, beziehungsweise sie zu "edlen Wilden" stilisiert.

Diese mit dem Kolonialismus aufgekommene Betrachtungsweise ist auf den ersten Blick eine Form des Umganges mit den eigenen Entsagungen im Prozess der Zivilisation. Einige Europäer projizierten ihre eigenen Wunschgedanken in die "Exoten" in den für sie neu erschlossenen Welten. Hierzu gehören insbesondere Vertreter der europäischen Aufklärung, wie Jean-Jacques Rousseau oder Denis Diderot. Insbesondere sexuelle Entsagungen führten zu einem Bild "triebhafter Eingeborener" mit einer besonderen sexuellen Potenz. Die zunehmende Entfremdung im Zuge der Industrialisierung hat eine besondere romantische Form der "Naturverbundenheit" hervorgebracht, die ebenfalls den "Wilden" zugeschrieben wurde. Bekannter Vertreter solcher Positionen waren Rudyard Kipling und Karl May.

Mit dem Exotismus geht eine verzerrte Wahrnehmung der Fremden einher, deren Lebensumstände und Unterdrückung infolge des Kolonialismus kaum gesehen werden. Hinzu kommt, dass mit dem Bild der "Natürlichkeit" zum Beispiel bei Rousseau eine Begründung der Unterlegenheit der "Wilden" einhergeht. Diese seien zwar der Natur näher, aber dafür der Kultur ferner und insofern als Kinder anzusehen. Hierin drückt sich eine Form des Rassismus ohne Rassen aus, der formal sogar mit einer Hochachtung vor den "Wilden" begründet wird.

Bis heute kommt Exotismus in verschiedenen Varianten, zum Beispiel in der Werbung, in Filmen oder auch in Kinderbüchern vor. Kritiker werfen auch verkürzten multikulturellen Ansätzen einen entsprechenden Rassismus vor, wenn sie sich alleine auf das Feiern exotischer Unterschiede begrenzen (im englischen als Politik der Steel-Bands, Sari, Samosas bezeichnet). Auch die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern in "Entwicklungsländern" durch so genannte "Sextouristen" kann als eine Form des Exotismus gesehen werden, zum Beispiel wenn auf die "natürliche Unterwürfigkeit" der Prostituierten angespielt wird.

Siehe auch

Xenophilie, Xenophobie, Kulturalismus, Orientalismus, Antiziganismus, Völkerschau, Indianer und Deutsche, Nihonjinron

Literatur

  • Susan Arndt (Hg.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland. ISBN 3-89771-407-8
  • U. Bitterli: ''Die »Wilden« und die »Zivilisierten«'#. Die europäisch-überseeische Begegnung, München: dtv, 1982, ISBN 3-406-35583-8.
  • jour fixe initiative berlin (Hg.): Wie wird man fremd?. Rassismustheorien. ISBN 3-89771-405-1
  • H. Melber: Der Weißheit letzter Schluß. Rassismus und kolonialer Blick, Frankfurt: Brandes & Apsel, 1992, ISBN 3-86099-102-7.
  • Institut für Auslandsbeziehungen : Exotische Welten - Europäische Phantasien, Ausstellungskatalog, 1987.
  • J. Kristeva: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990, ISBN 3-518-11604-5.
  • M. Lorbeer, B. Wild *: Menschenfresser - Negerküsse. Das Bild von Fremden im deutschen Alltag, 2. Auflage, Frankfurt am Main: Eichborn, 1993, ISBN 3-88520-394-4.
  • P. Martin: Schwarze Teufel, edle Mohren. Hamburg: Hamburger Edition, 2001, ISBN 3930908646.
  • Hito Steyerl, Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, ISBN 3-89771-425-6

Sprachwissenschaft


Exotismus bezeichnet eine Gruppe von Lehnwörtern, die Dinge und Gewohnheiten bezeichnen, die nur in der Kultur der Gebersprache verbreitet sind. Die Anwendung auch auf Realitäten der eigenen Kultur ist stets nur im übertragenen Sinne zu verstehen. Beispiele:
  • pers. schah "Kaiser beziehungsweise König" (der Schah von Bayern ist unmöglich)
  • finn. vappu "Fest des 1. Mai, das mit einem kollektiven Besäufnis und allem, was daraus folgt, gefeiert wird"
  • Berndeutsch Hornussen "Name einer Mannschaftssportart, die v.a. im westlichen Schweizer Mittelland verbreitet ist"

Natürlich können Sachen und Gewohnheiten wandern und auch in fremden Umgebungen heimisch werden, vergleiche etwa die ursprünglichen Exotismen Sauna (aus dem Finnischen), Iglu (aus der Sprache der Inuit), Putsch (aus dem Schweizerdeutschen, wo in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Staatsstreiche an der Tagesordnung waren).

Weblinks


  • http://www.pangloss.de/index.php?rid=1 M. Baier: Umfangreiche Abhandlung über den Exotismus

Interkulturelle Begegnung | Etymologie | Rassismus

Exoticism | Exotisme

 

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