Der Begriff Existenzphilosophie bezeichnet eine philosophische Richtung, die im Zentrum ihres Denkens die Existenz des Menschen im weitesten Sinne hat. Innerhalb der Existenzphilosophie werden zwar verschiedene Positionen beschrieben, die sich jedoch alle durch den grundlegenden Vorrang der Erhellung des eigentlichen Existierens vor allem spekulativen Idealismus oder dem Wissenschaftsglauben des Positivismus auszeichnen. Von der Existenzphilosophie im allgemeinen Sinne wird in dieser Enzyklopädie der Existentialismus als besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie unterschieden.
Begriffsklärung
Der Begriff
existenz wird im 4 Jahrhundert n. Chr. als Übersetzung des griechischen
hyparxis nachgewiesen, was soviel bedeutet wie
Vorhandensein. In der
scholastischen Philosophie erhielt der Begriff den Sinn von
tatsächlich vorkommen und wurde zum Gegensatz des Begriffes
Wesen, dem
Was (
essentia). Unter „Existenz" wird in der Existenzphilosophie die Besonderheit des Menschen vor allem anderen Seienden verstanden. Dies wird mit dem Satz „
Das Wesen des Daseins ist seine Existenz” zum Ausdruck gebracht.
Die besondere Pointe der Existenzphilosophie liegt in der speziellen
Dichotomie der beiden Begriffe
Existenz und
Essenz, die sich insbesondere
Jean Paul Sartre zu Nutze machte.
Ideengeschichtliche Positionierung
Die Existenzphilosophie entwickelt sich ausgehend von dem Denken Kierkegaards, der Philosophie Husserls, lebensphilosophischen Einflüssen im Anschluss an eine ideengeschichtliche Epoche, die hauptsachlich in der
Dichotomie von spekulativen
Idealismus und wissenschaftsbejahenden
Positivismus steckte. Weniger eine Fortführung irgendeines Ansatzes, ist sie Ausdruck eines Losreißens von einer steckengebliebenen Philosophie und finden ihre Wurzel deshalb in verschiedensten philosophischen Richtungen, wie z.b.
Phänomenologie,
Ontologie,
Lebensphilosophie, die ebenfalls auf der Suche aus der Krise sind.
Die Existenzphilosophie bricht mit der Vorstellung eines
Absoluten, sei es im Sinne des
Deutschen Idealismus oder einer verabsolutierenden
Wissenschaft, und stellt dem die Existenz des Subjekts (im Sinne von: das jemeinige Subjekt sein) als einziges Absolutes gegenüber. Demnach ist für das Verständnis der Existenzphilosophie gerade der Bezug zum Deutschen Idealismus und den Wissenschaften wichtig. So zeigen sich den auch die weitreichenden Einflüsse
Hegels z. B. bei Sartre oder die intensive dialogische Auseinandersetzung
Merleau-Pontys mit den Naturwissenschaften immer wieder in den Werken der Existenzphilosophen. Ihren besonderen Wert erhält die Existenzphilosophie durch ihre genaue Betrachtung des Menschen in seinem Menschsein, darin, wie sich der Mensch in dieser Welt und anderen Menschen gibt, das zu sehen, was Philosophie immer schon im Zentrum ihres Bemühens hat: den Weg zur Wahrheit. Ob sie nun phänomenologisch argumentiert oder wie Kierkegaard einen anderen Zugang sucht - im Zentrum steht der Mensch mit seinen ihn bestimmenden Zuständen wie Angst, Liebe, Sorge als authetisches Wesen, dass sich nicht als festgelegtes Wesen wiederfindet, sondern als verantwortliches, freies und selbstentwerfendes Wesen versteht. Damit tritt der Mensch aus einem philosophischen Rahmen heraus, der ihn bis jetzt umgab. Dieser philosophische Rahmen war die Ordnung, des Mythos, die des Logos, ein
Ordowissen des
Mittelalters, der Glaube an eine
Vernunft oder das Wissen um das Absolute. In der Existenzphilosophie tauchen nun, angestoßen durch Lebensphilosophie und andere Einflüsse, die Aspekte in den Vordergrund, die ausgeblendet durch die benannten Ordnungsschemata in der Philosophie bisher keine theoriebildende Kraft besaßen: Angst, Sorge, Liebe, Freiheit, Sexualität.
Philosophisch-Systematische Einordnung
Die Schwierigkeit einer klaren Einordnung in die philosophische Systematik besteht in der Vielfältigkeit der Ansätze der Existenzphilosophie. So unterscheiden sich auch die allgemeinen systematischen Darstellungen der Philosophie in diesem Punkt. Sie allerdings nur auf den Aspekt des
subjektiven Denkens zu reduzieren, verfehlt die methodischen Aspekte dieser Strömung und ihre Auseinandersetzung mit der Tradition.
Phänomenologie
Die
Phänomenologie Husserls ist der methodische Grundbezug der meisten Autoren der Existenzphilosophie. Sie zeichnet sich deshalb besonders für die Fragestellung aus, oder ist mit dieser eng verwoben, da sie sich jeglicher Vormeinung über das Bestehende enthält und sich auf die unmittelbaren Phänomene bezieht um von dort aus eine Basis für die Wissenschaften zu erhalten.
Siehe auch: Max Scheler
Lebensphilosophischer Ansatz
Die Lebensphilosophie ist eine Strömung innerhalb der Philosophie des 19.Jahrhunderts, die den Begriff des menschlichen Erlebens im Vordergrund des philosophischen Bemühens stellt.
Siehe auch: Henri Bergson. Dilthey, Simmel, Friedrich Nietzsche
Philosophische Positionen
Søren Kierkegaard
Die meisten Vertreter der Existenzphilosophie beziehen sich auf das Werk von
Søren Kierkegaard. Dieser erblickte im Willen zum philosophischen System eine Ablenkung vom Ernst der Besinnung, zu der der Einzelne - in je seiner Situation - angesichts des Anspruchs
Gottes, zu dem er sich wesentlich verhält, aufgerufen ist. Aus der Angst, die dem Menschen seine
Schuld, seine
Sterblichkeit und
Einsamkeit bewusst macht, darf nicht in die Sphäre des Allgemeinen (des Denkens oder der sozialen Konformität) geflohen werden; sie muss existierend übernommen werden.
Albert Camus
Albert Camus wird terminologisch in dieser Enzyklopädie dem
Existentialismus zugeordnet. Systematisch steht Camus allerdings auch in der Tradition der französischen Moralisten. Sein Werk ist schwerpunktmäßig literarischer Natur.
Jean Paul Sartre
Jean Paul Sartre wird terminologisch in dieser Enzyklopädie dem
Existentialismus zugeordnet. Im Folgenden soll der Bezug seiner Philosophie zu anderen Autoren der Existenzphilosophie verdeutlicht werden.
Sartres philosophisches Hauptwerk
Das Sein und das Nichts ist eines der Hauptwerke der Existenzphilosophie. Sartre bewegt sich hier an den phänomenologischen Autoren
Husserl und
Heidegger und ist stark von der
Hegel Lektüre
Alexandre Kojève geprägt.
Martin Heidegger
Martin Heideggers zentrale Leistung für die Existenzphilosophie bestand in der epochalen Fragestellung nach dem Sinn von Sein, die es systematisch nötig machte, die Existenz des Menschen nicht im Sinne Husserls als Ding unter anderen Dingen zu betrachten, sondern ihm eine eigene Seinsbedeutung zuzusprechen. Zentraler Gedanke hierbei ist die ontologische Differenz, die in dem Hauptwerk Sein und Zeit thematisch aufgefächert wird.
Karl Jaspers
Siehe auch: Karl Jaspers
Gabriel Marcel
Siehe auch: Gabriel Marcel
Literatur
Wichtige Primärwerke
- Sören Kierkegaard: Der Begriff Angst. Ditzingen 1992, ISBN 3150087929
- Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode. Ditzingen 1997, ISBN 3150096340
- Sören Kierkegaard: Entweder-Oder. München 2000, ISBN 3423301341
- Karl Jaspers: Philosophie. Berlin 1932, ISBN 3-540-12120-X
- Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1976, ISBN 3-484-70109-9
- Jean Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Hamburg 1985, ISBN 3-498-06060-0
- Jean Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus. Hamburg 1994, ISBN 3-499-34013-5
- Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Hamburg 2004, ISBN 3-499-22765-7
- Gabriel Marcel: Metaphysisches Tagebuch. Paderborn u.a. 1992, ISBN 3-506-75342-8
- Peter Wust: Ungewißheit und Wagnis. Münster 2002, ISBN 3-8258-6066-3
Sekundärliteratur
- Fahrenbach, Helmut: Kierkegaards existenzdialektische Ethik, Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 1968.
- Fahrenbach, Helmut: Existenzphilosophie und Ethik, Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 1970.
- Artikel „Existenzphilosophie“ in: Friedo Ricken (Hrsg.): Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik, München 1984, ISBN 3-406-09288-8
- Kapitel „Existenz- und Dialogphilosophie“, in: Emerich Coreth, Philosophie des 20. Jahrhunderts, Stuttgart u.a. 1993, ISBN 3-17-008462-3
- Janke, W, Existenzphilosophie, Berlin 1982, ISBN 3-11-008246-2
- Seibert, T.: Existenzphilosophie. Stuttgart u.a. 1997, ISBN 3-476-10303-X.
- Thurnher, R.: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. München 2002, ISBN 3-406-49275-4
Weblinks
Existenzphilosophie