Die Evolutionäre Psychologie (EP) ist eine wissenschaftliche Disziplin innerhalb der Biologie und versteht sich als Grundlage für viele Bereiche innerhalb der Psychologie. Die Evolutionäre Psychologie ist also keine Teildisziplin der Psychologie (wie etwa die Allgemeine Psychologie), sondern ein theoretisches Paradigma (streng genommen ein Teil des Soziobiologischen Paradigmas) für die verschiedenen Teildisziplinen und Forschungsprogramme der Psychologie. Sie versucht, menschliche Handlungsweisen aus der Perspektive der evolutionären Entwicklung zu verstehen. Im Speziellen behauptet sie, das menschliche Gehirn enthielte eine Menge von Mechanismen (psychologischen Adaptionen), die sich durch natürliche Selektion herausgebildet haben und die Reproduktion des Organismus begünstigten. Diese Mechanismen sind in der ganzen Art verbreitet, mit der Ausnahme, dass manche nur auf ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Altersgruppe zutreffen. Beispiele von solchen psychologischen Adaptionen sind männliche und weibliche Partnerwahlpräferenzen und -strategien, Inzest-Vermeidungsmechanismen und Betrüger-Entdeckungsstrategien.
Die Hauptquellen der evolutionären Psychologie sind die kognitive Psychologie, die Anthropologie, die Genetik sowie die Verhaltensbiologie (speziell die Ethologie und die Soziobiologie). Einen zunehmend engeren Austausch gibt es auch mit der noch jungen Fachrichtung der kognitiven Archäologie.
Der Begriff evolutionäre Psychologie wurde wahrscheinlich von Ghiselin geprägt, populär wurde er 1992 durch das Buch The Adapted Mind: Evolutionary Psychology and The Generation of Culture von Leda Cosmides und John Tooby.
Die EP hat in vielen Wissensbereichen Anwendung gefunden, darunter Wirtschaft, Aggression, Rechtswissenschaft, Psychiatrie, Politik, Literatur und Fortpflanzung.
Die EP geht von der Annahme aus, dass Kognition und Verhalten genau wie Herz, Leber, Lunge, das Immunsystem usw. funktionale Struktur auf einer genetischen Basis aufweisen und sich deshalb durch natürliche Selektion entwickelt haben. Genau wie die anderen Organe wird diese funktionale Struktur zwischen allen Individuen geteilt und hilft, wichtige Probleme des Überlebens und der Reproduktion zu lösen.
Evolutionäre Psychologen versuchen die Wahrnehmungsprozesse und Verhaltensweisen zu verstehen, indem sie überlegen, welche Überlebensvorteile diese bieten.
Bei der Nahrungsbeschaffung muss erstens dafür Sorge getragen werden, dass ständig ausreichend Energie zur Verfügung steht, zweitens muss sichergestellt sein, dass mit den Mahlzeiten nicht gleichzeitig schädliche Giftstoffe aufgenommen werden. Insbesondere Pflanzen schützen sich nicht selten durch Giftstoffe vor dem Gefressenwerden. Bei Ratten hat man interessante Beobachtungen gemacht: Ratten können von Natur aus Wasser-, Salz- und Kalorienmangel feststellen und ihre Nahrung entsprechend auswählen. Unbekannte Nahrungsmittel werden nur separat und in kleinen Mengen verzehrt. Auf diese Weise können die Ratten feststellen, welches Nahrungsmittel sie ggf. krank gemacht hat. Beim Menschen dienen Ekel und Übelkeit als natürliche Schutzreaktion vor schädlichen Lebensmitteln. Außerdem besteht die Vermutung, dass Menschen ihre Nahrungsmittel deswegen gerne mit Gewürzen wie Zwiebeln, Knoblauch, Oregano o. a. zubereiten, weil diese antimikrobiell wirken. Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen den verschiedenen Klimazonen der Erde und der Verwendung von Gewürzen. In warmen Regionen, wo Nahrungsmittel sehr schnell verderben, wird am meisten gewürzt, in kalten Regionen, wo sich Mikroben ohnehin kaum vermehren können, wird sehr wenig gewürzt. Bei diesem Verhaltensmuster ist es allerdings nicht klar, ob es sich um eine evolutionär entwickelte Adaption handelt, oder ob die Verwendung von Gewürzen zufällig entdeckt und als erworbenes Wissen weitergegeben wurde.
Angst ist eine überlebenswichtige Körperreaktion, die uns vor Gefahren und Bedrohungen schützen soll. Aus Sicht der Evolution ist es leicht erklärlich, dass Menschen eine angeborene Angst vor Schlangen, Spinnen und anderen (giftigen?) Tieren haben, wobei es z. B. nur extrem wenige (und nur an wenigen Orten der Welt lebende) Spinnen gibt, die dem Menschen gefährlich werden könn(t)en. Jedoch führte dies zum Konzept des biologisch vorbereiteten Lernens, welches wesentlich bei der Entwicklung bestimmter Phobien sein sollte. Lisztäffchen schrecken beispielsweise vor einem auf dem Boden liegenden Plastikrohr zurück, selbst wenn sie im Labor aufgewachsen sind und noch nie einer Schlange begegnet sind. Andererseits haben Tiere und Menschen keine Angst vor evolutionsgeschichtlich neuen Gefahren, z. B. fahrenden Autos, elektrischen Geräten oder Radioaktivität. Manche Menschen haben Angst vor großen Plätzen (Agoraphobie), weil diese keine Versteckmöglichkeiten vor möglichen Feinden bieten. Andere evolutionsbedingte Phobien sind Höhenangst und Klaustrophobie.
Jedoch trat in der empirischen Psychologie nach einer ersten Euphorie zunehmend auch eine Ernüchterung ein, da sich viele Konzepte, gerade auch in Bezug auf Phobien (z. B. Spinnenphobie), bzw. generell das des biologisch vorbereiteten Lernens, nicht bestätigen ließen. Auch die Befundlage in der Sozialpsychologie ist sehr inkonsistent.
Angst kann überwunden werden, wenn die Aussicht auf Nutzen und damit die Motivation steigt. Beispielsweise wagen sich Tiere aus ihrer geschützten Umgebung hervor, um nach Nahrung zu suchen, wenn der Hunger groß genug wird. Angst überwunden zu haben, kann Menschen in Hochgefühl versetzen, weshalb solche Situationen oft gezielt herbeigeführt werden. Beispiele hierfür sind Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, Autorennen, Kampfsport und andere.
Es liegt nun nahe, dass Menschen sich evolutionsbedingt Sexualpartner aussuchen, die eine möglichst hohe Überlebenswahrscheinlichkeit der eigenen Nachkommen bieten können.
Die Möglichkeit zu investieren, bedeutete in der Steinzeit ein guter Jäger, mit ausreichen Zugang zu Nahrungsmitteln und hohem gesellschaftlichem Status und guten Freunden zu sein. Heute kann man sich Nahrung, Wohnung, Ausbildung und die meisten anderen Dinge, die unser Überleben sichern, mit Geld kaufen, daher ist Geld eine der wichtigsten Ressourcen. Ein Problem für die Frau ist es, zu beurteilen, welcher mögliche Partner wieviel investieren kann, und wer Reichtum eventuell nur vortäuscht. Eine weitere Frage ist, ob der Partner überhaupt gewillt ist, sein Vermögen mit der Partnerin zu teilen und in den Nachwuchs zu investieren. Körpergröße, Mut und athletische Fähigkeiten werden als positiv betrachtet, da ein Partner mit diesen Eigenschaften eher die Fähigkeit hat, Frau und Kinder vor Feinden zu beschützen bzw. diese bereits vor dem Angriff einzuschüchtern. Die Frage, ob ein Mann ein guter Vater sein wird, können Frauen anhand von Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, positivem Umgang mit Kindern und emotionaler Stabilität beurteilen. Eine große Rolle spielt auch die Gesundheit des Partners, anhand derer seine Lebensdauer und Leistungsfähigkeit (und damit auch die der Kinder) abgeschätzt werden kann. Das menschliche Schönheitsideal hat sich zwar über die Jahrhunderte und Jahrtausende verändert, einige grundlegende Eigenschaften bleiben jedoch immer gleich (Studie über "Schönheit").
Primaten haben dieses Konzept des reziproken Altruismus bereits weiter entwickelt. Schimpansen haben beispielsweise eine ausgeprägte Ranghierarchie, in der ständig um höheren gesellschaftlichen Status und sexuellen Zugang zu Weibchen gekämpft wird. Mitglieder einer Kolonie bilden gelegentlich kooperative Allianzen, in denen verschiedene Dienstleistungen oder Dinge ausgetauscht werden. Streiten sich zwei Schimpansen, so ist es möglich, dass der eine Hilfe von einem Freund bekommt, welcher seinerseits als "Dank" eine Gegenleistung bekommt.
Nach Cosmides und Tooby sind fünf verschiedene kognitive Fähigkeiten notwendig, damit höhere kooperative Allianzen entstehen können:
Weil so wenig darüber bekannt ist, in welchem evolutionären Kontext sich die Menschen entwickelten (Populationsgrößen, Sozialstruktur, Lebensweise, Ernährungsgewohnheiten, Lebensraum usw.), arbeitet die EP auf einer recht schwachen Grundlage. Ein Großteil der Forschung in der EP ist deshalb auf gesicherte Fakten aus der Vergangenheit begrenzt, etwa dass Frauen schwanger werden und Männer nicht, und dass Menschen in Gruppen lebten.
Kritiker behaupten auch, dass einige der Behauptungen der EP nicht falsifizierbar und die EP deshalb zu den Pseudowissenschaften zähle.
Manche Studien wurden dafür kritisiert, dass sie Eigenschaften der menschlichen Kognition der Genetik zuschreiben, obwohl sie eigentlich in die Soziologie gehören. Aber auch diese Sichtweise ist einseitig, denn weder die Biologie noch die Soziologie können für sich genommen den Menschen erklären.
Manche Leute machten sich Sorgen darüber, dass die EP aggressives und berechnendes Verhalten rechtfertigen könnte und versuchten, Studien auf diesem Gebiet zu unterdrücken. Sie bringen als Beispiel den Ehemann, der seine Frau eher betrügen würde, wenn er glaubt, sein Geist hätte sich durch die Evolution in diese Richtung entwickelt. Dieses Phänomen ist aber auch aus anderen Bereichen der Verhaltenswissenschaften bekannt, nämlich immer dann, wenn Forschungsergebnisse, z. B. Beschreibung von empirischen Strukturen als Vorstufe zur wissenschaftlichen Lösungsentwicklung mit Verharmlosung oder Entschuldigung verwechselt werden. (Man denke nur an eine empirisch festgestellte hohe Korrelation zwischen Gewalt gegen Kinder und eigenen Gewalterfahrungen während der Kindheit der Täter, aus der die Befürchtung entsteht, dies könne zu einer Verharmlosung des Täters und einer Entschuldugunng der Tat durch "eine schlechte Kindheit" genutzt werden; beides ist so natürlich absurd.)
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