Eva von Tiele-Winckler (* 31. Oktober 1866 auf Schloss Miechowitz, heute Bytom-Miechowice, Oberschlesien; † 21. Juni 1930 ebenda) war eine Diakonisse und eine der ersten Frauen in einer Führungsposition bei der Diakonie. Sie gehörte zur Gründergeneration der Inneren Mission. Aufbrüche aus Gewohntem, Ausbrüche aus Begrenztem und zugleich Aufrechterhalten von Traditionen, wagemutige Tatkraft in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und gottverbundene Innerlichkeit kennzeichnen ihre Persönlichkeit. Sie schuf mit ihrem Lebenswerk einen sichtbaren Ort gelebter christlicher Nächstenliebe.
Einen wichtigen Aufgabenbereich sah Eva von Tiele-Winckler darin, heimatlosen Kindern eine Heimat zu schaffen. Entgegen noch vorherrschender Tradition, hilfsbedürftige Kinder in großen Anstalten wie Rettungs-, Besserungs- oder Waisenhäusern sowie in der Familienpflege unterzubringen, gründete sie über Dörfer und Städte verstreute Kinderheimaten. Hier fanden verlassene Kinder in gemeindenahen, überschaubaren, familienähnlichen und von einer Schwester geleiteten Lebensgemeinschaften ein Zuhause. Eva von Tiele-Winckler und ihre Mitschwestern vertrauten dabei auf die geborgenheitsstiftende Kraft dieser von Frauen gestalteten Gemeinschaften, der sie den Namen "Heimat" und nicht "Familie" gaben. Sie waren davon überzeugt, dass sich das Wesentliche in der Erziehung "ereignet" und sich damit wissenschaftlicher Erklärung und menschlicher Darstellung letztlich entzieht. Das, was sie als das Wesentliche betrachteten, nämlich zu helfen im Kinde das Bild Gottes herauszugestalten, sei nicht "machbar", weder durch pädagogische Handlungen noch durch fürsorgerische Eingriffe. Es bleibe Geheimnis, der göttlichen "Rettungsbarmherzigkeit" anheimgestellt. Grundlegend dafür war jedoch der Lebenseinsatz der Schwestern: Für die Kinder "mit den kleinen wunden Seelen" tatkräftig, fröhlich, wagemutig und gottvertrauend arbeiten, liebevolle und verlässliche Beziehungen anbahnen und so durch verantwortliches menschliches Tun das göttliche Rettungswerk ermöglichen.
Finanzielle und materielle Grundlagen dieser Einrichtungen bildeten die GmbH "Heimat für Heimatlose", Schenkungen von Grundstücken und Gebäuden, Sach- und Geldspenden aus Freundeskreisen sowie vereinzelte Pflegegelder der öffentlichen Hand.
Wie zahlreiche Persönlichkeiten aus den Gründerjahren der Inneren Mission war auch Eva von Tiele-Winckler in umfassender Weise publizistisch tätig. Sie verfasste Schwesternbriefe, religiöse Betrachtungen, Bibelauslegungen, Erfahrungstexte, Spruchweisheiten, Gedichte und geistliche Lieder. Unbeeindruckt von akademisch-theologischer Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Bibelkritik wollte sie als schreibende Laientheologin zur Entfaltung einer religiösen Innerlichkeit beitragen und zugleich Anweisungen zu eingem gottwohlgefälligen äußeren Leben geben. Ihre frömmigkeitsgeschichtlichen Wurzeln gründen in mittelalterlicher Mystik, im Pietismus und in unterschiedlichen Strömungen der zeitgenössischen internationalen Erweckungsbewegung.
In einer Epoche deutscher Geschichte, in der die Moderne kraftvoll durchgesetzt wurde, verkörperte Eva von Tiele-Winckler als Diakonisse und Angehörige der Inneren Mission auch deren Widersprüche: Sie hat innerhalb der historischen Grenzen dieser Organisation, an beharrenden politischen und sozialen Ordnungen festzuhalten, Beachtliches geleistet, sich jedoch modernen Emanzipationsbewegungen gegenüber, die für einen umfassenden gesellschaftlichen Strukturwandel eintraten, verschlossen. Gleichwohl lebte Eva von Tiele-Winckler in ihrem Versuch der Nachfolge Jesu eine bewahrenswerte Botschaft. In diesem Sinne schrieb sie in einer ihrer geistlichen Betrachtungen: "Die Liebe muß lieben, sonst stirbt sie. Sie muß geben, sonst wird sie arm".
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