Die Euklidische Geometrie ist zunächst die uns vertraute Geometrie der Ebene oder des Raums. Der Begriff hat jedoch sehr verschiedene Aspekte und lässt Verallgemeinerungen zu.
Im engsten Sinne ist Euklidische Geometrie die Geometrie, die Euklid in Den Elementen dargelegt hat.
Über zweitausend Jahre lang wurde Geometrie nach diesem axiomatischem Aufbau gelehrt. Die Redewendung "more geometrico" (lateinisch: "auf die Art der (Euklidischen) Geometrie") dient noch heute als Hinweis auf eine streng deduktive Argumentation.
Euklid geht dabei folgendermaßen vor:
Ähnlich werden Ebene, Winkel u.a. definiert.
Außer diesen mehr oder weniger anschaulichen Definitionen von Grundbegriffen gibt es auch Definitionen, die im modernen Sinne als Worteinführungen zu verstehen sind, weil sie im folgenden Text abkürzend gebraucht werden. So zum Beispiel für Parallelen: „Parallel sind gerade Linien, die in derselben Ebene liegen und dabei, wenn man sie nach beiden Seiten ins Unendliche verlängert, auf keiner Seite einander treffen.“
Insgesamt geben die „Elemente“ 35 Definitionen.
…und Theoreme
Zur Lösung eines Problems oder zum Beweis eines Theorems werden grundsätzlich nur die Definitionen, Postulate und Axiome, sowie vorher bewiesene Theoreme und die Konstruktionen aus vorher gelösten Problemen verwendet.
Siehe auch: Euklidische Beweise
Aus heutiger Sicht genügen "Die Elemente" nicht dem Anspruch an eine axiomatische Theorie:
Hieraus folgt, dass die Schlüsse notgedrungen eine Vielzahl von unausgeprochenen Annahmen verwenden.
Ziel solcher Kritik kann es nicht sein, die herausragende wissenschaftstheoretische Bedeutung von Euklids Vorgehensweise in Frage zu stellen. Vielmehr baut sie auf Euklids Denken auf und versucht, dies konsequent weiterzuführen.
Die genannten Probleme wurden deutlich, als sich Russell, Hilbert und andere Mathematiker um eine strengere Grundlegung der Mathematik bemühten.
Sie wurden gelöst von David Hilbert in seinem Werk Grundlagen der Geometrie (Teubner 1899, zahlreiche Neuauflagen). Vorläufer waren Hermann Graßmann, Moritz Pasch, Giuseppe Peano und andere. Auch nach Hilbert wurden mehrere andere Axiomensysteme für die Euklidische Geometrie aufgestellt.
Hilbert verwendet „drei verschiedene Systeme von Dingen“, nämlich Punkte, Geraden und Ebenen, von denen er nur sagt: „Wir denken (sie) uns“. Diese Dinge sollen „in drei grundlegenden Beziehungen“ zueinander „gedacht werden“, nämlich „liegen“, „zwischen“ und „kongruent“. Zur Verknüpfung dieser „Dinge“ und „Beziehungen“ stellt er dann 20 Axiome in fünf Gruppen auf:
Siehe auch: Hilberts Axiomensystem der euklidischen Geometrie
Als ein Vertreter des Formalismus erklärt Hilbert es für irrelevant, was diese Punkte, Geraden und Ebenen mit der Wirklichkeit zu tun haben. Die Bedeutung der Grundbegriffe sei dadurch bestimmt, dass sie die Axiome erfüllen. So beginnt er den Abschnitt über die Axiome der Verknüpfung mit dem Satz: „Die Axiome dieser Gruppe stellen zwischen den oben eingeführten Dingen: Punkte, Geraden und Ebenen eine Verknüpfung her und lauten wie folgt:…“ Die Definitionen der Grundbegriffe erfolgen also implizit.
Andererseits erklärt Hilbert in der Einleitung zu seinem Werk: „Die vorliegende Untersuchung ist ein neuer Versuch, für die Geometrie ein vollständiges und möglichst einfaches System von Axiomen aufzustellen…“. Mit diesem Bezug auf die Geometrie stellt er klar, dass es ihm nicht um einen beliebigen Formalismus geht, sondern um eine Präzisierung dessen, was Euklid mit „Geometrie“ gemeint hat und was wir alle als die Eigenschaften des uns umgebenden Raumes kennen. - Diese Präzisierung ist Hilbert vollständig gelungen, und sie erweist sich als viel aufwendiger, als Euklid ahnte.
Später aufgestellte Axiomensysteme sind grundsätzlich äquivalent zu dem Hilberts. Sie berücksichtigen die Weiterentwicklung der Mathematik.
Siehe dazu auch: Meschkowskis Axiomensystem der euklidischen Geometrie
Mit der Entwicklung des modernen axiomatischen Denkens entstand die Ansicht, dass Axiomensysteme auch abgewandelt werden können, dass es also sinnvoll ist, neben „der Geometrie“ auch andere „Geometrien“ zu untersuchen.
Erkenntnisleitend war dabei die Auseinandersetzung mit dem Parallelenpostulat. Um heraus zu finden, ob dieses ungeliebte Axiom entbehrlich ist, musste es variiert und mussten dann die Auswirkungen auf das geometrische System untersucht werden. So entwickelten der Ungar János Bolyai und der Russe Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski - um 1830, also schon lange vor der endgültigen Fixierung der euklidischen Geometrie durch Hilbert - eine nichteuklidische Geometrie, in der das Parallelenaxiom durch andere Axiome ersetzt ist.
Nichteuklidische Geometrien (es gibt verschiedene) erheben nicht den Anspruch, den realen Raum zu beschreiben, sondern verstehen sich zunächst als rein mathematische Theorien, die nur durch die Ähnlichkeit der Begriffe und Axiomensysteme den Namen „Geometrie“ verdienen.
Diese Theorien haben sich inzwischen allerdings in der theoretischen Physik als sehr relevant für die Beschreibung der Realität unseres Weltalls erwiesen.
Man kann die analytische Geometrie als ein Modell für die axiomatische Theorie ansehen. Dann liefert sie einen Beweis der Widerspruchsfreiheit des Axiomensystems (wobei man allerdings eine widerspruchsfreie Begründung der reellen Zahlen als gegeben voraussetzen muss).
Man kann den analytischen Zugang aber auch als eine selbstständige (und bequemere) Begründung der Geometrie ansehen; aus dieser Sicht ist der axiomatische Zugang nur noch von geschichtlichem Interesse. Bourbaki zum Beispiel verzichtet vollständig auf die Verwendung originär geometrischer Begriffe und hält mit der Behandlung der topologischen Vektorräume das Thema für erledigt.
Im axiomatischen Aufbau der euklidischen Geometrie kommen Zahlen scheinbar überhaupt nicht vor. Es ist allerdings festgelegt, wie man an eine Strecke eine kongruente in der gleichen Richtung anfügt, diese also verdoppelt - und folglich auch mit einer beliebigen natürlichen Zahl vervielfacht. Es gibt auch eine Konstruktion, um eine gegebene Strecke in n gleiche Teile zu Teilen. Wird nun noch eine beliebige Strecke als Einheitsstrecke ausgezeichnet, so ist es damit möglich, Strecken zu konstruieren, deren Maßzahl eine beliebige rationale Zahl ist. Dies ist der wesentliche Gegenstand der altgriechischen Arithmetik.
Bei anderen Konstruktionen ergeben sich Strecken, die keine rationale Zahl als Maßzahl haben. (Etwa die Diagonale des Quadrats über der Einheitsstrecke oder ihre Abschnitte bei der Teilung nach dem goldenen Schnitt.) Dies nachgewiesen zu haben, zeugt von dem unglaublich hohen Niveau der griechischen Mathematik schon zur Zeit der Pythagoreer. Somit wird die Einführung von irrationalen Zahlen erforderlich. 2000 Jahre später stellt Hilberts Vollständigkeitsaxiom sicher, dass alle reellen Zahlen als Maßzahlen für Strecken auftreten können.
Die Festlegung von Maßzahlen für Winkel verläuft ähnlich. Die Festlegung eines "Einheitswinkels" entfällt, da mit dem Vollwinkel (oder dem Rechten Winkel) ein objektives Maß existiert. Andererseits ist die Teilung des Winkels in n gleiche Teile wesentlich problematischer; längst nicht zu jedem rationalen Winkelmaß lässt sich ein Winkel konstruieren. Schon die Dreiteilung des Winkels misslingt im Allgemeinen.
Die so eingeführte Metrik ist äquivalent zu der durch die 2-Norm induzierten Euklidische Metrik des „analytischen“ R2 oder R3. Für die durch ihre die Koordinaten gegebenen Punkte und ist also .
Maßzahlen für Winkel lassen sich in der analytischen Geometrie über das Skalarprodukt von Vektoren definieren.
Zu den Geraden und Ebenen treten dann höherdimensionale lineare Punktmengen, die als Hyperebenen bezeichnet werden. (In einem engeren Sinne ist eine Hyperebene eines n-dimensionalen Raumes ein möglichst "großer", also (n-1)-dimensionaler Teilraum.)
Die Zahl der Dimensionen ist dabei nicht beschränkt und muss auch nicht endlich sein. Zu jeder Kardinalzahl lässt sich ein Euklidischer Raum dieser Dimension definieren.
Räume mit mehr als drei Dimensionen sind für unser Vorstellungsvermögen grundsätzlich unzugänglich. Sie wurden auch nicht mit dem Anspruch entworfen, menschliche Raumerfahrung darzustellen. Ähnlich wie bei den nicheuklidischen Geometrien fanden sich aber auch hier Bezüge zur theoretischen Physik: Die Raumzeit der speziellen Relativitätstheorie lässt sich als vierdimensionaler Raum darstellen. In der modernen Kosmologie gibt es Erklärungsansätze mit noch erheblich mehr Dimensionen.
Verzichtet man auf das 3. und 4. Euklidsche Postulat (also auf die Begriffe „Kreis“ und „Rechter Winkel“) oder beschränkt man sich, für eine präzisere Definition, auf Hilberts Axiome der Verknüpfung und der Parallelen, so erhält man eine affine Geometrie. Sie wurde von Leonard Euler erstmals entwickelt. Die Begriffe „Abstand“ und „Winkelmaß“ kommen hier nicht vor, wohl aber Streckenverhältnisse und Parallelität.
Da die Stetigkeitsaxiome wegfallen, können affine Geometrien auch aus endlich vielen Punkten bestehen.
Ersetzt man das Parallelenaxiom durch die Festsetzung, dass zwei in einer Ebene gelegene Geraden immer einen Schnittpunkt haben sollen, so entsteht aus der affinen eine projektive Geometrie.
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