Die Erotik (griech. έρως, eros „Liebe“) bezeichnet ursprünglich die sinnlich-geistige Zuneigung, die man einem anderen Menschen entgegenbringt. Sie wird von Sex und Liebe insofern unterschieden, dass Sex die trieb- und körpergesteuerte, Liebe die emotional-seelische und die Erotik die psychologisch-geistige Anziehung zu einer anderen Person verkörpern.
Heutzutage wird das Wort „Erotik“ in der Umgangssprache meist gleichwertig mit den Begriffen „Sex“ und „Liebe“ verwendet. Insbesondere im kommerziellen Umfeld wird es oftmals als Synonym zu „Geschlechtsverkehr“ und „pornografischer Darstellung“ gebraucht (vgl. die Bezeichnung „Eros-Center“).
Von der Erotik im engeren Sinne wird die Pornografie unterschieden. Anders als die Erotik zielt sie nicht auf die fantasievolle sexuelle Erregung und damit auf die potenzielle und langfristige Umwerbung und Eroberung des Partners als ganzheitliche Person, sondern direkt auf sofortige schnörkellose Befriedigung des puren Triebs.
Einigen Ansichten zufolge, spiele sich rein erotische Zuneigung („platonische Liebe“) hauptsächlich im Kopf ab. Das sog. "Grooming" hingegen - ein Begriff der ethologischen Primatenforschung - bezeichnet die konkrete gegenseitige Körperpflege, welche vom Sexualverhalten (Instinkt u.a. im Dienste der Vermehrung) eindeutig verschieden sei. Es wird vorgeschlagen, die Begriffe Erotik und Sexualität in diesem Sinne wissenschaftlich differenziert aufzufassen, und die "Liebe" dem Sozialinstinkt zuzordnen. (Siehe auch Instinktreduktion.)
Evolutionärer Hintergrund
Pfau imponierend.jpg
Die im
Tierreich verbreiteten Methoden der
Werbung (
Balz), wie etwa das Präsentieren des bunten Federschmucks bei Vögeln (z.B. beim
Pfau), Balztänze, das Bauen und Schmücken eines prächtigen Nestes oder Baus könnten der allgemeinen Auffassung als Vorformen der Erotik interpretiert werden. Der Ethologie gemäß dient diese Ausstattung, wie auch die Geweihe der Hirsche, primär den Zwecken der Sexualität (u.a. Natürliche Zuchtwahl zugunsten der vitalsten Genträger.)
Die ursprünglichen Schemata der Erotik könnten auf den evolutionären Vorgaben, welche uns einen potentiellen Partner möglichst attraktiv erscheinen lassen (sollen) basieren: Bei der Frau sind dies Eigenschaften, die sie als potentielle Gebärerin von Nachwuchs besonders geeignet erscheinen lässt (breites Becken, große Brüste, ausreichend Körperfett usw.), den Mann als Schützer und Ernährer des Nachwuchses zeichnen besonders körperliche Größe und Kraft (ausgeprägte Muskeln).
Im Rahmen der Entwicklung des menschlichen Geistes und somit der Schaffung einer Kultur des Wissens und der Kunst hat sich diese Fixierung an die grobe biologische Planvorgabe zugunsten einer geistigen Projektion von Wünschen und Hoffnungen auf andere Personen aufgelöst, die sowohl die sinnliche Seite einer Liebesbeziehung als auch das Spiel mit körperlichen Reizen sowie die geschlechtliche Vereinigung umfassen.
Merkmale der Erotik
Die Intensität der „erotischen Ausstrahlung“ bzw. der „erotischen Signalen“, die andere Menschen „
senden“ wird keineswegs nur durch den bloßen Anblick eines möglichst hohen Grads von
Nacktheit eines menschlichen Körpers bestimmt, vielmehr können auch bestimmte Kleidungsstücke und Gegenstände (s.
Fetisch), die
Mimik und
Gestik einer Person,
Sprachmelodie und -färbung,
Körperhaltungen und
Handlungen von Menschen oder deren
Abbilder Erotik erzeugen.
Kulturelle Entwicklung der Erotik
C_W_Eckersberg_1841_-_Kvinde_foran_et_spejl.jpg, „Rückenakt (Morgentoilette)“, 1837]]
Erotische Fantasien haben seit jeher den menschlichen Geist beschäftigt. Sie haben sich gegen die
Sitten und öffentliche
Moral jedweder Zeit behauptet und sich wider jedes
Tugendideal durchgesetzt. Dies bezeugen die unzähligen erotischen
Gedichte,
Bücher,
Bilder,
Fotografien und
Filme aus allen Epochen der Kulturvölker.
Da Sexualität und Partnerschaft Grundbedürfnisse des Menschen sind, stellen sich die Fragen nach der Organisation des Gemeinschaftslebens, dem Verständnis von Liebe, den konkreten Ausprägungen von sexuellen Handlungen zu allen Zeiten. Während der Zeitgeist bestimmter Epochen die Erotik gesellschaftlich mehr oder weniger zu unterdrücken suchte (z. B. im Viktorianischen Zeitalter), hatte die Erotik zu anderen Zeiten Hochkonjunktur, etwa in der Epoche des Rokoko.
Als allgemeines Ideal galt und gilt in der Regel die harmonische Verbindung von Liebe, Erotik und Sexualität, also die Vereinigung von emotionaler, geistiger und körperlicher Liebe. Schon die Philosophie im alten Griechenlandes postulierte die Notwendigkeit einer Einheit von Körper, Geist und Seele, damit der Mensch mit sich selbst im Einklang sei.
Geschichte der Erotik in der Bildenden Kunst, der Fotografie und im Film
Vor- und Frühgeschichte
Schon aus
vorgeschichtlicher Zeit sind menschliche Darstellungen sexuellen Inhalts auf der ganzen Welt zu finden. Skulpturen wie die Venus von Willendorf und Wandbilder wie in den
Höhlen von Lascaux sind bekannte Zeugnisse. Die
Anthropologie ordnet diese zumeist kultischen
Fruchtbarkeitsriten zu.
Antike
Mercury god.jpg
Die
antike Erotik zeigt bereits das ganze
Spektrum menschlicher Erotik, sei sie
hetero- und
homosexuellen Inhalts. Sie spiegelt sich im antiken
Mythos und
Kult wider. Aus der römischen Antike sind Darstellungen sowohl männlicher als auch der weiblicher Körper als Objekte des sexuellen
Begehrens, sowie des Sexualakts bekannt. Es war durchaus üblich, die Wände der Schlafräume mit Darstellungen sexuellen Inhalts zu dekorieren und Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit entsprechenden Abbildungen zu schmücken. Eine Einschränkung des Zugangs zu diesen Abbildungen oder eine Unterscheidung zwischen Kunst und Pornografie wurde nach dem aktuellen Forschungsstand nicht vorgenommen.
Beginn der Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
Boucher5.jpg, „Ruhendes Mädchen“, 1752]]
Solange Darstellungen sexuellen Inhalts als Einzelstücke den Blicken der herrschenden Schichten vorbehalten blieben, wurde ihr Inhalt nicht öffentlich problematisiert.
Erst mit dem Aufkommen neuer
Drucktechniken in der
Renaissance, die eine vergleichsweise kostengünstige Verbreitung von bildlichen Darstellungen ermöglichte, wurde zwischen Kunst und Pornografie unterschieden und Herstellung und Vertrieb der letzteren weitgehend unterbunden. 1529 wurde der Kupferstecher
Sebald Beham in Nürnberg wegen des Vorwurfs der Pornografie verfolgt. Um 1530 wurde die Verbreitung eines Zyklus, der verschiedene Stellungen des Sexualaktes grafisch illustrierte, verboten und der Stecher
Marcantonio Raimondi zu Gefängnis verurteilt (es handelte sich um Illustrationen zu Sonetten von
Pietro Aretino nach Vorlagen von
Giulio Romano).
Correggio_038.jpg, „Leda mit dem Schwan“, ]]
Die
mythologische Überhöhung des Sexuellen in originären Kunstwerken galt jedoch weiterhin als legitime Darbietungsweise, gegen die vergleichsweise wenige Übergriffe stattfanden. Erotische Kunst wurde allein unter
ästhetischen Aspekten skandalisiert. Ein besonderes Schicksal ereilte das 1530 gemalte Bild „Leda mit dem Schwan“ von
Correggio, das 1721 in die Sammlung des Regenten von Frankreich, des Herzogs von Orléans, gelangte. Dieses wurde von dessen Sohn schwer beschädigt, indem dieser den Kopf der Leda, die sich im sexuellen Spiel mit Zeus in der Gestalt eines Schwans vergnügte, aus dem Bild herausschnitt (jetzt mit rekonstruiertem Kopf von Charles Coypel in der Gemäldegalerie Berlin).
L'Origine du monde.jpeg, „
Der Ursprung der Welt“ (1866)]]
Die entmythologisierte Darstellung sexuellen Inhalts, insbesondere der entkleideten Frau als Objekt sexuellen Begehrens wurde bei den Hofmalern im Frankreich des 18. Jahrhunderts recht freizügig gehandhabt. Berühmt wurde das Hinterteil der Louise O'Murphy, der
Mätresse von
Louis XV., die von François Boucher in Öl gemalt wurde (
Ruhendes Mädchen). Die Untersicht des weiblichen Körpers brachte der Maler
Jean Honoré Fragonard ins Bild (
Jean-Honoré Fragonard 013.jpg, 1767). Weniger galant waren die realistischen Darstellungen der erotischen Körper des einfachen Volks durch
Gustave Courbet (
Der Ursprung der Welt,
Courbet_Sleep.jpg, beide 1866) und durch die Impressionisten (
Édouard Manet,
Edouard_Manet_038.jpg, 1863, Paris).
Francisco de Goya y Lucientes 011.jpg, „Die nackte Maja“, 1800/3]]
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in Spanien Moralfragen von der
Inquisition begutachtet. 1815 wurde
Goya als Maler der
Francisco_de_Goya_y_Lucientes_011.jpg und der
Francisco_de_Goya_y_Lucientes_009.jpg vor das spanische Inquisitions
tribunal geladen, nachdem die beiden Bilder im Jahr zuvor als
Obszönitäten aus der
Sammlung Godoy beschlagnahmt worden waren. Allerdings wurden weder die Werke vernichtet, noch Goya bestraft.
20. Jahrhundert
Erste Hälfte
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befasste man sich auf der Grundlage der Forschungen von
Freud und
Jung aus dem psychologischen Blickwinkel mit dem Thema Sexualität. Aspekte wie
pubertäre Sexualängste,
Selbstbefriedigung,
Prostitution und „
Perversionen“ fanden vermehrt Einzug in die bildlichen und literarischen Darstellungen. 1911 wurde der Künstler
Egon Schiele wegen „unmoralischer Zeichnungen“ von Minderjährigen zu einem kurzen Gefängnisaufenthalt von unter einem Monat verurteilt.
Zweite Hälfte
In den 1950er Jahren herrschte bezüglich der Erotik eine eigenwillige Doppelmoral. Einerseits traten in Film und Fernsehen sogenannte „Sexbomben“ wie Jayne Mansfield, Marilyn Monroe und Ava Gardner auf. Auch wurde in dieser Zeit das Pin-Up erfunden und die Zeitschrift Playboy gegründet. Andererseits wurde Hildegard Knef heftig kritisiert, als sie sich in dem Film Die Sünderin für einen kurzen Moment „oben ohne“ sehen ließ, und Sexualforscher A.C. Kinsey erhielt für seine Arbeiten Morddrohungen.
La_coppia.jpg
Erst ab der Mitte der 1960er Jahr wurde die Scheinmoral aufgegeben, die sexuelle Revolution brachte auch ein anderes Verhältnis zur Erotik hervor. Das Bemühen um eine Befreiung der Erotik von Schlüpfrigkeiten führte zu einer kühlen und puristische Erotik-Welle, in der Models wie Twiggy oder Schauspielerinnen wie Audrey Hepburn zu Stars wurden. Die neugegründeten Frauenverbände schwankten zwischen der Forderung eines Verbots jeglicher Pornografie und dem offenen Umgang mit gelebter Erotik („freie Liebe“) hin und her. Künstlerinnen wie Valie Export setzten auf offene Konfrontation. Sie kreierte das „Tapp- und Tastkino“, indem sie sich eine mit einem Tuch verhängte Box vor die nackte Brust schnallte und Menschen ihre Brüste fühlen ließ. Die endgültige Befreiung der Erotik und die Auseinandersetzung mit ihr als einer anerkannten Kunstform brachte die Film- und Fototechnik. Die ersten Ausstellungen, die sich speziell mit erotischer Kunst beschäftigten, fanden 1968 in Skandinavien statt.
Durch die Idee der totalen sexuellen Befreiung und der freien Liebe herrschte in den 1970er ein regelrechter Boom von Kunstpornos und Erotikfilmen. Man versuchte filmische Handlung und offen sexuelle Szenen aufwending miteinander zu verbinden. Anspruchsvolle Kulissen und teures 35mm Filmmaterial hievten den Porno für kurze Zeit auf ein sehr hohes Niveau (siehe auch Aufklärungsfilm).
In den 1990ern kamen neue erotische Impulse von der Schwulen- und Lesbenbewegung, die in dieser Zeit eine ganz neue Anerkennung in der Gesellschaft erfuhr. Diese Einflüsse wirken bis heute nach: Homosexualität gilt in bestimmten Kreisen als schick. Hiervon inspiriert kreierte David Beckham zusammen mit seiner Frau Victoria die erotische Vorlage des „Metrosexuellen“, welches bei manchen Menschen als ein erotisches Schönheitsideal des beginnenden 21. Jahrhunderts gilt.
Siehe auch
Literatur
Soziologie
Ethnologie
- Institut für Sexualforschung in Wien (Hrsg.): Bilder-Lexikon der Erotik. Ein Nachschlagewerk für die Begriffe und Erscheinungen auf dem Gebiete der Kulturgeschichte, Sittengeschichte, Folklore, Ethnographie etc. 4 Bde. 1928-1931 (Reprint 1961)
- Siegmar von Schultze-Galléra: Volkserotik und Pflanzenwelt. Eine Darstellung alter wie moderner erotischer und sexueller Gebräuche, Vergleiche, Benennungen, Sprichwörter, Redewendungen, Rätsel, Volkslieder erotischen Zaubers und Aberglaubens, sexueller Heilkunde, die sich auf Pflanzen beziehen. 2 Bde. Nachdruck der Ausgabe von 1907-1910. Express-Edition, Berlin 1987 (Ethnomedizin und Bewusstseinsforschung; Historische Materialien Bd. 7)
Zur erotischen Kunst
- Eva Gesine Baur: Meisterwerke der erotischen Kunst. Neuausg. DuMont, Köln 2002, ISBN 3-8321-7140-1
- Österreichische Nationalbibliothek (Hrsg.): Der verbotene Blick. Erotisches aus zwei Jahrtausenden. Ritter, Klagenfurt 2002, ISBN 3-85415-320-1
- Phil Braham: Naked women. Der weibliche Akt in der Fotografie von 1850 bis heute. Umschau/Braus, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-8295-6835-5
- Georg Seeßlen: Erotik. Ästhetik des erotischen Films. 3. Aufl. Schüren, Marburg 1996, ISBN 3-89472-423-4
Zur erotischen Literatur
- Thomas Bein: Liebe und Erotik im Mittelalter. Akademischen Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2003, ISBN 3-201-01806-6 (Lebensbilder des Mittelalters Bd. 4)
- Hiltrud Gnüg: Der erotische Roman. Von der Renaissance bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-017634-4
- Franz Bayer, Karl Ludwig Leonhardt: Selten und gesucht. Bibliographien und ausgewählte Nachschlagewerke zur erotischen Literatur. Hiersemannm, Stuttgart 1993, ISBN 3-7772-9301-6 (Hiersemanns bibliographische Handbücher Bd. 10)
Sonstiges
- Lykke Aresin, Kurt Starke: Lexikon der Erotik. Droemer Knaur, München 1996, ISBN 3-426-77174-8
Weblinks
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