Ernst Haeckel 2.jpg Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (* 16. Februar 1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena) war ein deutscher Zoologe und Philosoph, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt machte und zu einer speziellen Abstammungslehre des Menschen ausbaute.
Haeckel war Arzt, später Professor für vergleichende Anatomie und überdies einer der ersten, die Psychologie als Zweig der Physiologie verstanden. Er prägte einige heute geläufige Begriffe der Biologie wie Stamm oder Ökologie. Auch bezeichnete Haeckel die Politik als angewandte Biologie. Haeckel trug ferner zur Popularisierung des Darwinismus in Deutschland bei; er gilt als Wegbereiter der Eugenik und der Rassenhygiene. Nationalsozialistische Ideologen haben seine Aussagen später als Begründung für ihren Rassismus und "Sozialdarwinismus" herangezogen.
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1835 siedelte die Familie nach Merseburg um. 1852 absolvierte Haeckel sein Abitur am dortigen Domgymnasium. Dann nahm er in Berlin das Studium der Medizin auf, vor allem bei Albert von Kölliker, Franz Leydin, Rudolf Virchow, bei dem er später kurzzeitig als Assistent arbeitete, und bei Johannes Müller. 1857 und 1858 wurde Haeckel zum Dr. med. promoviert, danach approbiert. Der Arztberuf erschien Haeckel wenig erstrebenswert, da er den Kontakt zu leidenden Patienten scheute.
Ebenfalls 1858 verlobte Haeckel sich mit seiner Kusine Anna Sethe (1835-1864, Heirat 1862). 1859 bis 1860 betrieb er meeresbiologische Studien im Golf von Neapel. Danach befasste Haeckel sich erstmals mit Darwins "Entstehung der Arten".
1861 habilitierte er sich und wurde Privatdozent für Vergleichende Anatomie in Jena. 1862 hielt Haeckel die erste Vorlesung über die Entstehung der Arten. 1865 erhielt er die Ehrendoktorwürde in Philosophie und eine Professur für Zoologie in Jena, die damals zur Philosophischen Fakultät gehörte. 1866 bis 1867 unternahm Haeckel eine Reise zu den Kanarischen Inseln und nahm dort an der winterlichen Erstbesteigung des Teide teil. In dieser Zeit traf Haeckel mit Charles Darwin, Thomas Huxley und Charles Lyell zusammen.
1867 heiratete Haeckel Agnes Huschke. Der gemeinsame Sohn Walter wurde 1868 geboren, 1871 die Tochter Elisabeth und 1873 die Tochter Emma.
1869 reiste der Forscher nach Norwegen, 1871 nach Dalmatien, 1873 nach Ägypten, in die Türkei und nach Griechenland.
Von 1876 an war Haeckel Prorektor der Universität Jena und unternahm Vortragsreisen durch Deutschland. Bis 1879 folgten mehrere Reisen nach England und Schottland, in deren Verlauf es zu weiteren Begegnungen mit Charles Darwin kam, sowie eine Reise nach Korfu. Von 1881 bis 1882 bereiste Haeckel erstmals die Tropen, unter anderem auch die Insel Ceylon.
1882 war Haeckel am Bau der Villa Medusa und der Einrichtung des Zoologischen Institutes der Universität Jena beteiligt, deren Prorektor er 1884 erneut wurde. 1887 reiste Haeckel nach Palästina, Syrien und Kleinasien, 1890 nach Algerien, 1897 durch Südfinnland und Russland, 1899 nach Korsika und 1900 zum zweiten Mal in die Tropen. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Frida von Uslar-Gleichen (1864-1903). 1907 unternahm der Forscher seine letzte große Reise nach Schweden.
1908 stiftete Haeckel das Phyletisches Museum in Jena.
Haeckel betätigte sich auch politisch. So war er ein Mitglied des Alldeutschen Verbandes. 1905 wurde er Ehrenmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene. Um seine Weltanschauung zu verbreiten, gründete Haeckel 1906 den Monistenbund im Jenaer Zoologischen Institut.
1909 endete Haeckels Lehrtätigkeit, 1910 trat er aus der evangelischen Kirche aus. Seine Frau Agnes starb 1915. Haeckels Gebrechlichkeit nahm in dieser Zeit erheblich zu (Oberschenkelhalsbruch, Armbruch). 1918 verkaufte er die Villa Medusa an die Karl-Zeiss-Stiftung. Ernst Haeckel starb am 9. August 1919.
Haeckels Ideen sind für die Geschichte der Evolutionstheorie von großer Bedeutung. Er definierte u. a. den Begriff Ökologie, und erwies seine Kompetenz als Anatom. Haeckel beschrieb hunderte von neuen Arten. Inspiriert durch den Linguisten August Schleicher, mit dem er in Jena eng befreundet war, führte er Stammbäume zur Darstellung des historischen Verlaufes der Evolution in die Biologie ein. Diese Idee gilt heute indes als überholt; stattdessen verwenden aktuelle Systematiken Kladogramme und Phylogramme. Haeckel postulierte zudem erstmalig den gemeinsamen Ursprung aller Organismen, wobei er allerdings die Abstammung aus dem Bereich dreier Gruppen für wahrscheinlicher hielt. Die meisten Überlegungen dieser Art sind zurzeit jedoch wissenschaftlich falsifiziert.
Haeckel Stephoidea.jpg aus Kunstformen der Natur, 1899]] Haeckels Werke, die seinen Ruf in der Fachwelt begründeten, sind grundlegende meeresbiologische Monographien über Radiolarien (1862, 1887), Kalkschwämme (1872), Medusen (1879-1880) und Staatsquallen (1869, 1888). Diese Arbeiten brachten ihm letztlich die Berufung zum Professor, später zum ersten Ordinarius für Zoologie in Jena ein. Bei der Beschreibung der von der britischen Challenger-Expedition gesammelten Radiolarien benannte Haeckel über 3.500 neue Arten. Sein Teil des Challenger-Reports umfasst drei Bände mit 2.750 Druckseiten und 140 detaillierten Bildtafeln. Diese Werke besitzen aufgrund ihrer Materialfülle auch heute noch wissenschaftlichen Wert.
Nach 1859 nahm Haeckel die Gedanken von Darwins Entstehung der Arten auf. Haeckels "Generelle Morphologie" (1866) ist ein epochales Werk, das den Beginn zahlreicher noch folgender Synthesen verschiedener Teilgebiete der Biologie im Rahmen der Evolutionstheorie markiert. Nach der "Generellen Morphologie" begann Haeckel, gemeinverständliche, also an Laien gerichtete Bücher - oft verschriftlichte Vortragsreihen - zu publizieren. Diese gingen vom Gedanken der Abstammungslehre aus und thematisierten sowohl wissenschaftliche als auch philosophische Aspekte, die sich in einer monistischen Weltanschauung verdichten. Auflagenstärkstes Buch wurde der Weltbestseller "Die Welträthsel" von 1899.
Um 1900 endete Haeckels wissenschaftliche Arbeit; danach popularisierte er im Grunde nur noch seine eigenen Gedanken. Es erschienen Reiseberichte und ein Band mit Aquarellen. Den wichtigsten Überblick über Haeckels populäre Schriften bietet eine posthum erschienene sechsbändige Ausgabe der Gemeinverständlichen Werke.
Mit der "Natürlichen Schöpfungsgeschichte" (1868) unternahm Haeckel den ersten Versuch, seine in der „Generellen Morphologie“ entwickelten Gedanken auch für Laien verständlich zusammenzufassen. Trotz der großen Mängel, die Haeckel später bemerkte, erlebte die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ bis zur Publikation der „Welträthsel“ (1899) neun Auflagen und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Die „Welträthsel“ und die „Lebenswunder“ (1904) setzen diese Linie fort, überschreiten jedoch zunehmend den Rahmen der Deutung biologischer Tatsachen im Kontext der Evolutionstheorie.
Haeckel abstammung des Menschen aus finnischer Wikipedia(1874).jpg Haeckel wendet in seiner Schrift "Anthropogenie" (1874, rund 730 Seiten) die in der "Generellen Morphologie" entwickelten Methoden auf den Menschen an. Nach einer historischen Einleitung in die Geschichte der Evolutionstheorien untersucht er die Keimesgeschichte des Menschen, indem er die Eizelle, Befruchtung, die Anlage der Keimblätter und des Blutkreislaufes im Sinne der Ontogenese darstellt. Der dritte Abschnitt umfasst die Stammesgeschichte oder Phylogenie. Hier stellt Haeckel zunächst einfache Wirbeltiere vor, dann verschiedene Stufen der Ahnenreihe des Menschen:
I. vom Moner zur Gastraea, II. vom Urwurm bis zum Schädelthier, III. vom Urfisch bis zum Amnionthier (=Gruppe aus Reptilien, Vögeln und Säugern) und IV. Vom Ursäuger bis zum Affen.
Der vierte Abschnitt behandelt die Entwicklungsgeschichte einzelner Organsysteme: Hautdecke und Nervensystem, Sinnesorgane, Bewegungsorgane, Darmsystem, Gefäßsystem und Urogenitalsystem. Es folgt ein zusammenfassendes Kapitel, in welchem Haeckel die dualistische Auffassung, besonders den Schöpfungsglauben und die Auffassung von einer von den Hirnfunktionen unabhängigen Seele für widerlegt erklärt und seinen Monismus in kurzen Zügen umreißt. (Nahezu zeitgleich zu Haeckels Buch erschien Darwins „Die Abstammung des Menschen“, die sich methodisch allerdings völlig anders ausrichtete.)
Haeckel Actiniae.jpg aus Kunstformen der Natur, 1899]] Haeckel sah die Biologie in Vielem mit der Kunst verwandt. Seine künstlerische Begabung wurde durch Symmetrien in der Natur stark angesprochen, unter anderem der von Einzellern wie Radiolarien. Besondere Berühmtheit erlangten seine Abbildungen von Planktonorganismen und Quallen, die die biologische Welt in eindrucksvoller Schönheit darstellten. Dies war schon in seinen wissenschaftlichen Monographien der Fall, besonders aber seine populären "Kunstformen der Natur", die er von 1899 bis 1904 in mehreren Heften veröffentlichte, gehörten – wie Brehms Tierleben – in den Haushalt eines jeden Bildungsbürgers.
Haeckel Lichenes.jpg aus Kunstformen der Natur, 1904]] Seine Darstellungen beeinflussten die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts. So beruhen die Glaslüster im Ozeanischen Museum Monaco von Constant Roux ebenso auf Vorlagen Haeckels wie das monumentale Tor des französischen Architekten René Binet auf der Pariser Weltausstellung 1900. Binets von Haeckel inspiriertes Tafelwerk "Esquisses décoratives" wurde zu einer Grundlage der Art nouveau (Jugendstil).
Auch Haeckels Wohnhaus (Villa Medusa, heute das Ernst-Haeckel-Museum) und das von ihm gestiftete Gebäude des Phyletischen Museums, beides in Jena, führen Kunst und Wissenschaft zusammen, in dem z. B. Ornamente der Fassade und Innenausstattung Tafelwerke zu den Medusen zitieren.
Haeckel war unglaublich arbeitsam. So beschrieb er allein von der britischen HMS Challenger-Expedition über 3.500 neue Radiolarien-Arten. Haeckels Challenger-Report umfasst drei Bände mit 2.750 Druckseiten und 140 detailliert gestochenen Tafeln dieser fragilen Organismen. Insbesondere nach dem Tod seiner ersten Frau arbeitete er vielfach mehr als 18 Stunden am Tag.
Haeckels Beobachtungen der Parallelen zwischen Ontogenese und Phylogenese waren Grundlage für die Postulierung eines kausalen Zusammenhanges zwischen ontogenetischen und evolutionären Prozessen; seine Theorie lässt sich im Satz "Ontogenese rekapituliert Phylogenese" zusammenfassen. Die bereits von Baer gemachte Beobachtung, dass sich frühe Ontogenese-Stadien nahe verwandter Organismen stärker ähneln als die späteren Adultformen, ist nach wie vor gültig. Die von Haeckel daraus gezogene Schlussfolgerung eines kausalen Zusammenhangs ist jedoch lange umstritten gewesen und wird von Biologen inzwischen weitgehend abgelehnt.
Die übereinstimmenden Grundmerkmale phylogenetisch verwandter Organismen, lassen sich im Rahmen der Evolutionstheorie verstehen, da neue Merkmale in der Regel auf bereits existierenden Merkmalen aufbauen. Ein modernes Verständnis der biogenetischen Grundregel setzt das Verständnis des Organismus als sich kontinuierlich anpassendes stets im Umbau befindliches System voraus.
Dabei war Haeckel kein strenger Atheist. Zwar lehnte er jeden Schöpfungsakt strikt ab (daher die Schärfe seiner Auseinandersetzung mit den Kreationisten), er kam jedoch aus einem christlichen Elternhaus und sah die Natur - bis hin zu anorganischen Kristallen - als beseelt an. Sein Monismus war der einer durchgeistigten Materie, er sah Gott als identisch mit dem allgemeinen Naturgesetz. In diesem Zusammenhang sprach er u. a. von "Zellgedächtnis" (Mneme) und "Kristallseelen".
Haeckel nahm im September 1904 am Internationalen Freidenker-Kongress in Rom teil, der von 2.000 Menschen besucht wurde. Dort wird er anlässlich eines gemeinsamen Frühstücks feierlich zum "Gegenpapst" aufgerufen. Bei einer folgenden Demonstration der Teilnehmer auf dem Campo Fiore vor dem Denkmal Giordano Brunos befestigt Haeckel einen Lorbeerkranz am Denkmal. Haeckel nimmt diese Ehrungen gerne an: "Noch nie sind mir so viele persönliche Ehrungen erwiesen worden, wie auf diesem internationalen Kongreß". Diese Provokation am Sitz des Papstes löste eine massive Kampagne und Anfeindungen von kirchlicher Seite aus. Insbesondere wurde seine wissenschaftliche Integrität in Frage gestellt, wurde als Fälscher und Betrüger dargestellt und als Affen-Professor verhöhnt. Allerdings gaben 46 bekannte Professoren eine Ehrenerklärung für Haeckel ab. Mit der Schrift "Sandalion - Eine offene Antwort auf die Fälschungs-Anklagen der Jesuiten" konnte Haeckel die Fälschungsvorwürfe weitgehend entkräften.
Am 11. Januar 1906 wird auf Haeckels Initiative der Deutsche Monistenbund in Jena gegründet, den Ernst Haeckel schon im September 1904 in Rom vorgeschlagen hatte. Mit dem Monistenbund fanden die bereits seit kurzer Zeit bestehenden, sehr heterogenen monistischen Bestrebungen einen übergreifenden organisatorischen Rahmen, der sich dezidiert auf eine naturwissenschaftliche Basis im Sinne Haeckels stellte, in den aber nicht alle Vertreter des Monismus eingebunden wurden. Haeckel wird Ehrenpräsident des Deutschen Monistenbundes.
1909 wird schließlich auch der Österreichische Monistenbund, 1913 der Schweizer Monistenbund sowie der Tschechische Sozialistische Monistenbund gegründet.
Ernst Haeckel gehörte zu den führenden Freidenkern und Vertretern eines naturwissenschaftlich orientierten Fortschrittsgedankens, wodurch seine Ideen für bürgerlich-liberale sowie linke Kreise attraktiv waren. Die Monisten um Haeckel hatten damals viele Anhänger, so zählten beispielsweise Ferdinand Tönnies, Henry van de Velde, Alfred Hermann Fried, Otto Lehmann-Rüssbildt, Helene Stöcker, Magnus Hirschfeld, Carl von Ossietzky dazu. Auch Sozialisten und Anarchisten wie August Bebel und Franz Mehring griffen seine Ideen auf. Teile seiner Ideen wurden von Nationalsozialisten übernommen, die zwar den Monismus ablehnten, die sozialdarwinistischen Aspekte Haeckels jedoch gut für ihre Ideologie verwenden konnten.
Die in den Welträtseln beschriebene monistische Ethik bleibt bei allem revolutionären Anspruch wie Iring Fetscher anmerkt im Umkreis erfüllbarer bürgerlicher Alltagstugenden stecken. Haeckel leitet aus dieser Ethik allerdings eine Utopie ab, die die Fortschritte von Wissenschaft und Technik auch gesellschaftlich nutzen möchte. Haeckel schreibt:
Haeckel griff die Idee auf, die Ausschaltung der Selektion durch die Medizin würde zu degenerativen Erscheinungen führen, und popularisierte sie in Deutschland. Haeckel entwickelte diese Überlegungen jedoch nicht, wie Francis Galton, in systematischer Weise. Vor allem vollzog er nicht, wie Wilhelm Schallmayer und Alfred Ploetz, die "entscheidende Wende von der bloßen Diagnostik degenerativer Tendenzen zu einer therapeutischen Programmatik" (Weingart et al., S. 77)
Haeckel blieb auf der Basis der Theorie Darwins bei der deduktiven Feststellung degenerativer Tendenzen in den zivilisierten Gesellschaften und stellte noch keine Überlegungen über eine Gegenstrategie an. Weingart, Kroll und Bayertz schreiben hierzu in dem Standardwerk zur Geschichte der Eugenik in Deutschland ("Rasse, Blut und Gene", S. 89f.):
Weil sich Ernst Haeckel sehr dezidiert zu eugenischen beziehungsweise rassehygienischen Fragestellungen geäußert und dabei Selektionsmechanismen und Züchtungsgedanken angesprochen hat, wird er von verschiedenen Historikern als einer der wichtigsten Wegbereiter der Rassenhygiene/Eugenik in Deutschland betrachtet. In seinem Buch "Die Lebenswunder" (1904) heißt es etwa:
oder
Bei Charles Darwin las sich die entsprechende Passage noch:
Inwieweit Haeckel hier in der ihm eigenen Polemik Darwins Ideen wiedergab, oder selbst eigene Konzepte entwickelte, ist umstritten – in jedem Fall hat auch schon Charles Darwin selbst Selektions- und Evolutionsprinzipien auf soziale Systeme und Gesellschaften übertragen, wenn auch noch nicht in dem Sinn, in dem das Wort „Sozialdarwinismus“ später gebraucht und mit der Eugenik in Verbindung gebracht wurde: mit künstlicher und aktiver Selektion durch die Gesellschaft, und nicht als implizite Regel der Natur, wie von Darwin und Haeckel beschrieben. NS-Eugeniker forderten weniger den Verzicht auf „gegen die Prinzipien der natürlichen Selektion verstoßende“ ärztliche und soziale Maßnahmen, sondern vielmehr die aktive Beseitigung und/oder Unfruchtbarmachung.
Haeckel war seit 1905 Mitglied in der von Alfred Ploetz gegründeten Gesellschaft für Rassenhygiene. Satzung und Ziel der Gesellschaft sahen die Förderung der „Theorie und Praxis der Rassenhygiene unter den weißen Völkern“ vor.
Haeckel wird vorgeworfen, immer wieder seine Autorität als Naturwissenschaftler missbraucht zu haben, um seine politischen Ideen zu legitimieren.
Sein Biogenetisches Grundgesetz von 1866 wird von der modernen Biologie in seiner Schlussfolgerung als widerlegt betrachtet. Es ist keinesfalls ein Naturgesetz, wie zunächst von Baer und Haeckel postuliert wurde. Dennoch hat die Beobachtung einer scheinbaren Rekapitulation der Entwicklungsstadien der Organismen nach wie vor eine Bedeutung. Sie zeigt eine Verwandtschaft der betrachteten Arten auf und ist, wenn auch kein Gesetz, so doch eine wiederholbare und belegbare morphologische Beobachtung. Auch die bekannten Lehrbuchautoren Rüdiger Wehner und Walter Gehring schreiben in ihrem Lehrbuch "Zoologie":
Die Haeckel zugeschriebene Neigung zur philosophischen Bewertung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse soll mit dafür verantwortlich sein, dass seine Abbildungen biologischer Objekte teilweise bewusst verfälscht sind. Sein Biogenetisches Grundgesetz gilt besonders Evolutionskritikern daher heute als prominentes Beispiel für Wissenschaftsbetrug. Neutralere Beobachter vermuten, dass die tendenzielle Deutung seiner embryologischen Beobachtungen als zu starke Schematisierung verstanden werden kann.
Obwohl Haeckel die induktive Methode Darwins lobend herausstellte, war er doch mehr von der deduktiven Gedankenkonstruktion Lamarcks fasziniert. So nimmt es nicht Wunder, dass er naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus vielen Bereichen, teilweise auch verfälschte, sehr gezielt als Beleg seines Monismus darstellte und eine kritische, nach allen Seiten orientierte Betrachtung unterließ.
Haeckel hat zudem immer wieder einen deutschnationalen Chauvinismus an den Tag gelegt, der sich besonders deutlich in seinem Text Ewigkeit äußert: „Ein einziger feingebildeter deutscher Krieger hat einen höheren intellektuellen und moralischen Lebenswert als hunderte von den rohen Naturmenschen, welche England und Frankreich, Russland und Italien ihnen gegenüberstellen.“ In der Generellen Morphologie heißt es zudem: "Die Unterschiede zwischen den höchsten und den niedersten Menschen [sind grösser, als diejenigen zwischen den niedersten Menschen und den höchsten Thieren."
Günter Altner (1981) schlägt ein Stufenmodell des nicht zwangsläufigen Weges von Darwinismus zum Nationalsozialismus vor das auch geeignet ist Haeckels Beitrag zu bestimmen. Nach dem wissenschaftlichen Darwinismus bilden danach Sozialdarwinismus, Rassenhygiene und Rassenanthropologie die entscheidenden und zeitlich und logisch aufeinander folgenden Schritte. Rasse ist in der ursprünglichen Bedeutung von Rassenhygiene kein Begriff des 'Rassenkampfes' sondern wird im Sinne der englischen Sprache als Synonym für die gesamte Menschheit gebraucht. Haeckel liefert in diesem Modell relevante Beiträge zu den ersten drei Stufen: Im Rahmen des wissenschaftlichen Darwinismus bestimmt er die Stellung des Menschen innerhalb der Primaten. Auf der Stufe des Sozialdarwinismus überträgt er biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche Verhältnisse – wobei oftmals seine antiklerikale bzw. antikatholische Haltung den Ausschlag gibt. In der Rassenhygiene bleibt Haeckel im 19. Jahrhundert verfangen. Er fördert vor allem die Arbeit anderer Autoren. Beim Preisausschreiben „Was lernen wir von den Prinzipien der Deszendenztheorie“ 1900 fördert er den Arzt Wilhelm Schallmayer, der Haeckels Thesen radikalisiert und dessen Schriften später zu einem der Grundpfeiler der angewandten Rassenhygiene in der Zeit des Nationalsozialismus wurden.
In der politischen Linken war man sich in Bezug auf die Einschätzung Haeckels keineswegs einig. So finden sich etwa im ersten Jahrgang der popolärwissenschaftlich-sozialistischen Zeitschrift „Urania“ (1925) bei drei Bezugnamen auf Haeckel drei unterschiedliche Positionen. Robert Niemann würdigt Haeckel als nachbürgerlichen, entwicklungsgeschichtlich orientierten Freigeist, für Karl August Wittfogel ist Haeckel ein Ahnherr zur Zerstörung der alten Ideologie; „die das geistige Bollwerk der kapitalistischen Besitzverhältnisse bildet“. K. Schäfer kritisiert den Sozialdarwinismus bei der Rückführung der Ethik auf die Naturwissenschaft. Es könne nichts anderes als „waschechte kapitalistische Ethik“ herauskommen und belegt dieses mit einem Zitat von Haeckel. „Der Darwinismus ist alles andere eher als sozialistisch“ (S. 258). Lenin lobt 1908 Haeckel für seinen Kampf gegen die idealistische Professorenphilosophie. Friedrich Albert Lange integriert in seiner Geschichte des Materialismus ausschließlich entwicklungsgeschichtliche Positionen Haeckels. Magnus Hirschfeld gewinnt Haeckel nach einem Besuch als Autor seiner Zeitschrift für Sexualwissenschaft zum Thema menschliche Hermaphroditen.
Bedeutend sind auch die Beiträge, die Haeckels Nachlassverwalter Heinrich Schmidt für die Buchreihen des Urania Verlages zum Thema Affenabstammung des Menschen, Kampf ums Dasein oder Fortpflanzung schrieb.
Ganz anders der NS-Funktionär Günter Hecht, dieser verwirft die Bedeutung der Werke Haeckels für die NS-Ideologie mit dem Vorwurf, es würde sich um Materialismus handeln, wobei Materialismus im Kontext der NS-Ideologie ein Synonym für 'jüdischen Marxismus' ist. Die weltanschaulichen Artikel Heberes etwa in „Volk und Rasse“ oder den „Nationalsozialistischen Monatsheften“ versuchen diesen Vorwurf abzuwehren und erinnern vor allem an die antiklerikale Position Haeckels um dieses im nationalsozialistischen Kirchenkampf zu nutzen. Letztlich kommt es im NS nicht zu einer einheitlichen von der NSDAP festgelegten Einschätzung des Werkes Haeckels. Neofaschisten nach 1945 argumentieren nicht mit Haeckel.
Die Nationalsozialisten beriefen sich immer wieder auf vermeintlich wissenschaftliche Grundlagen, wobei insbesondere auch der "Sozial-Darwinismus" Ernst Haeckels vereinnahmt wurde. Haeckel setzte die Kulturgeschichte mit der Naturgeschichte gleich, da beide seiner Meinung nach den gleichen Naturgesetzen gehorchten. Diese Vorstellung soll Hitler stark beeindruckt haben — so jedenfalls die These von Daniel Gasman, The Scientific Origins of National Socialism, 1971:
Haeckel war laut Gasman zudem in seinem letzten Lebensjahr Mitglied der neugegründeten Thule-Gesellschaft, die sich später zu einem nationalsozialistischen Führungskader entwickelte. Bei dieser Aussage beruft er sich auf René Alleaus Werk "Hitler et les Sociétés Secrètes" (Paris 1969), wo eine Mitgliederliste abgedruckt ist, die ursprünglich von Rudolf von Sebottendorf 1933 veröffentlicht wurde. Hierbei verwechselt Gasman den dort aufgeführten "Ernst Häckel", der laut Sobottendorf Mitglied der Thule-Gesellschaft war, mit dem Naturforscher Ernst Haeckel, so dass die Behauptung Gasmans, Ernst Haeckel sei Mitglied der Thule-Gesellschaft gewesen, eindeutig falsch ist.
Das Ernst-Haeckel-Haus wurde in der DDR als wissenschaftshistorische Forschungsstätte weiterbetrieben und hat auch die Wiedervereinigung überstanden. In ideologischer Hinsicht wurde bei der Rezeption Haeckels versucht, das revolutionäre Element seiner Biographie zu betonen. So interpretiert Georg Schneider (1950) eine Zeichnung des 16-jährigen Haeckel von 1850 mit dem Titel "Nationalversammlung der Vögel" als Anteilnahme Haeckels an der innerpolitischen revolutionären Entwicklung Deutschlands, oder Erika Kause (1987) stellt z.B. eine Verbindung der Schullehrer Haeckels mit der Revolution von 1848 her. Der Herausgeber einer DDR-Neuausgabe der Welträtsel, Olof Klohr, spielt Haeckels rassistisch-chauvinistische Ausfälle herunter, um den Materialisten Haeckel zu betonen und ihn als Vorläufer der sozialistischen Ideologie, bzw. der Wissenschaftlich Technischen Revolution des 19. Jahrhunderts darzustellen.
Haeckel ist für die westdeutsche Linke nach 1945 allenfalls von historischer Bedeutung. Die Kämpfe, für die er stand, gelten als siegreich beendet. Darwinismus bzw. Evolutionstheorie und die Stellung des Menschen im Tierreich sind als Teil der Schulbiologie anerkannt für deren Durchsetzung also nicht mehr gekämpft werden muss. Eine Neuausgabe der Welträtsel wurde von Iring Fetscher betreut, der die historische Bedeutung des Textes für den Materialismus würdigt und auf Probleme mit Haeckels Rassismus und Chauvinismus hinweist. Im Rahmen der nach 1980 einsetzenden linken Auseinandersetzungen mit Eugenik, Euthanasie oder Rassismus wird Haeckel nur am Rande behandelt und allenfalls Teile seines Werkes als Material verwendet.
Schriften von und über Ernst Haeckel im Internet:
Ernst Haeckel und Museen in Jena (lohnen auch architektonisch!)
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