Erleuchtung (ahd. arliuhtan - Lehnübersetzung zu lat. illuminare: „erhellen“, „erleuchten“) bezeichnet eine religiös-spirituelle Erfahrung, bei der das Alltagsbewusstsein eines Menschen überschritten wird und eine besondere dauerhafte Einsicht in eine, wie auch immer geartete, letztendliche Wirklichkeit erlangt wird. Weniger üblich ist es spontane Offenbarungen als Erleuchtungen zu bezeichnen, wie etwa die Entdeckung der Ringstruktur des Benzolmoleküls, die dem Chemiker Friedrich August Kekulé als eine ihr Schwanzende mit dem Mund fassende Schlange im Traum erschienen und mit dem Gesuchten spontan in Verbindung gebracht worden ist. Siehe auch „Heureka!“
In den Konzepten, was Erleuchtung ist und wie Erleuchtung erlangt werden kann, gibt es in den Überlieferungen der verschiedenen Kulturen, ihrer philosophischen oder religiösen Weltanschauungen erhebliche Unterschiede. Erleuchtung wird sowohl als aus eigener Kraft erlangtes Endstadium eines Prozesses geistiger Forschung und Entwicklung, aber auch als Vereinigung mit einem universalen Bewusstsein verstanden. Ob ein solches außermenschliches Bewusstsein als konkretes göttliches Wesen gedacht wird oder als Wirken einer universal für alle psychische Phänomene gültigen Energie - wie Sigmund Freud im Zusammenhang der Libido mit dem Lustprinzip erörtert -, ist aber von der Überlieferung der jeweiligen Kultur abhängig. Unter dem emotionell spürbaren Vorgang einer Erleuchtung ist also nicht selbstverständlich eine religiöse Erfahrung zu subsumieren.
In der europäischen Religionsphilosophie wird der Sachverhalt „Erleuchtung“ zu den „mystischen Erfahrungen“ gezählt; im Kontext asiatischer Religionsphilosophie bezeichnet Erleuchtung das höchste Ziel der spirituellen Wege, das sich deutlich von anderen „mystischen Erfahrungen“ unterscheidet.
Der Begriff der Erleuchtung (bodhi) hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung und findet sich in „Buddha“ (der Erleuchtete, eigentlich der Erwachte) und „Bodhisattva“ (Erleuchtungswesen) wieder. Bodhi kommt von der Sanskrit-Wurzel budh, die „aufwachen, erkennen, wahrnehmen, verstehen“ bedeutet.
Es gibt zwei aufeinanderfolgende Stufen der buddhistischen Erleuchtung: Die erste stellt die individuelle Befreiung aus dem Leidenskreislauf der fühlenden Wesen (Samsara) dar. Die jeweilige Person hat alle Ursachen des Leidens aus ihrem Geist entfernt und erfährt nur noch Frieden, auch Erlangen des Nirvana genannt. In der zweiten und endgültigen Entwicklungsstufe eines Praktizierenden erreicht die Person nach buddhistischer Vorstellung die vollständige Erleuchtung, sie wird zusätzlich allwissend.
Nach buddhistischer Überlieferung erlangte Buddha in Bodhgaya die Erleuchtung, nachdem er viele Wochen unter dem sogenannten Bodhibaum meditiert hatte. Einige Zeit danach begann er seine Erkenntnis in Lehrreden mitzuteilen. Seine Lehre besagt, dass jedes Lebewesen das Potential habe, dauerhaften Frieden und Erleuchtung zu erlangen. Er lehrte über 50 Jahre, starb in hohem Alter und ging in das Parinirvanam ein.
Nach den Lehren des Theravada strebt der buddhistische Übende Erleuchtung an, um dem Leidenskreislauf des Samsara zu verlassen. Nach den Darlegungen des Mahayana ist die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes (sanskrit bodhicitta), die Motivation zum Nutzen aller fühlenden Wesen Erleuchtung erlangen zu wollen und solange nicht ins Nirvana einzutreten, bevor nicht alle anderen fühlenden Wesen zur Erleuchtung geführt sind, Ausgangsmotivation des Erleuchtungsweges.
Der Jainismus geht davon aus, dass durch jede Betätigung des Menschen feine Materie in die Seele (Jiva) einströmt und sich an ihr festsetzt. Diese Materie bezeichnen die Jainas als Karma und sie ist es, die die Bindung der Seele bewirkt. Im Jainismus wird durch Askese danach gestrebt, das in die Seele eingedrungene Karma zu vernichten und auf diese Weise die Verstrickung in den Wesenskreislauf zu beenden. Allwissenheit wird erreicht, wenn die Seele durch Vernichtung des eingedrungenen Karmastoffs in den unbeschränkten Besitz ihrer natürlichen Fähigkeiten (Schauen, Erkennen, Kraft, Wonne) und damit auch ihres unbegrenzten Wissens gelangt.
Im Raja Yoga ist die höchste Stufe Samadhi, die völlig Ruhe des Geistes. Das letztendlich angestrebte Stadium ist Nirvikalpa-Samadhi, der formlose Zustand, in dem es keine Unterscheidung mehr zwischen Subjekt und Objekt gibt und die Einheit mit Brahman erreicht ist. Nirvikalpa Samadhi wird jedoch von einigen als temporärer Zustand angesehen. Als permanenter Zustand der Nicht-Dualität gilt Sahaja-Samadhi, der natürliche Zustand, in dem das universelle Selbst während aller Aktivitäten verwirklicht ist und die Identifikation mit dem begrenzten Ego aufgehoben ist.
In der Samkhya-Philosophie wurde der Begriff buddhi etabliert, der „Erkennen“ bedeutet. Ziel des Samkhya, wie auch des Yoga, ist es, eine Unterscheidung zwischen Purusha (absoluter Geist) und Prakriti (Urmaterie) herbeizuführen. Der Purusha wird sozusagen von der Prakriti befreit. Zur Prakriti zählen die Elemente, die Sinneswahrnehmungen, Denken (Manas), Unterscheidungsfähigkeit (Buddhi), und Ich-Bewusstsein (Ahamkara). Yoga wie Samkhya sind (im Gegensatz zu Advaita Vedanta) streng dualistisch und bilden die philosophische Grundlage für den Shivaismus. In Hindi bedeutet buddhi heute „Verstand, Intelligenz, Wissen.“
Im Hinduismus gibt es viele Strömungen, in denen der Themenkomplex Erkenntnis/Wissen/Erleuchtung keine Rolle spielt wie z.B. im Bhakti Yoga.
Bei den Daoisten heißt es: „Um zu deinem wahren Sein zurückzukehren, musst du ein Meister der Stille werden. Sitze regungslos wie ein Stein und lasse deinen Geist ruhig werden. Kehre den Geist in sich selbst und betrachte das innere Leuchten.“ Im Unterschied zu den indischen Religionen geht der Daoismus nicht von einem Kreislauf der Wiedergeburten aus.
Der Unterschied zwischen dem buddhistischen Nirvana und dem Dao besteht darin, dass es sich bei dem Dao um ein transzendentes Wirkprinzip handelt, das der manifestierten Welt immanent ist. Es gilt als die Ursache von Allem, als das einzig wahrhaft Seiende und es stellt die Ordnung der Dinge dar, so dass jedes Wesen und jedes Ding seinen eigene Weg, sein eigens Dao hat. Es geht im Daoismus nicht darum, die (im Buddhismus als illusionshaft betrachtete) Welt zu überwinden, sondern die Harmonie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos zu finden.
Judentum, Christentum und Islam zielen jeweils in ihrer Glaubenspraxis primär auf Erlösung. Dazu stützen sich die Gläubigen vornehmlich auf Glaubensinhalte, die in ihren Heiligen Schriften institutionalisiert (über einen Einigungsprozess) sind: autoritativ niedergelegt worden sind (Synoden, Versammlungen). Erleuchtungserfahrungen sind in diesen Religionen kein primäres religiöses Ziel, sondern religiöses Ziel ist das Moralischsein (Willen Gottes tun) und das „Sich-in-Gott-absolut-geborgen-Wissen,“ also das Gläubigsein. Dennoch gibt es viele Zeugnisse im christlichen Kulturkreis von Erleuchtungserfahrungen. Sie werden u.a. als „visio dei“ (Gottesschau) oder „unio mystica“ (Vereinigung der Seele mit Gott) bezeichnet.
Das katholische Lehramt kennt drei Begriffe von „Offenbarung Gottes“: Schöpfungsoffenbarung, Wortoffenbarung und Privatoffenbarung. Der Begriff „visio dei“ als theologischer Begriff und der Begriff „Privatoffenbarung“ sind für die katholische Theologie gleich. Der „Katechismus der katholischen Kirche“, herausgegeben im Jahre 1993 von Johannes Paul II., lehrt im Abschnitt 67: „Im Laufe der Jahrhunderte gab es sogenannte „Privatoffenbarungen,“ von denen einige durch die kirchliche Autorität anerkannt wurden. Sie gehören jedoch nicht zum Glaubensgut. Sie sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi zu „vervollkommnen“ oder zu „vervollständigen,“ sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben.“
In den Ostkirchen spielen im Kontext der Erleuchtung (griech. Photismos) Lichterscheinungen wie etwa das Taborlicht eine wichtige Rolle. Besonders unter den orthodoxen Mönchen ist die individuelle Erleuchtung nach wie vor ein wichtiges Ziel; Erleuchtete werden aber auch von den Laien gern aufgesucht und genießen vor allem als Beichtvater äußerst hohes Ansehen. Dabei handelt es sich meist nicht um Priester oder Theologen.
Helligkeit und Lichterscheinungen sind in diesem Kontext bekannt und finden sich auch in den ikonographischen Darstellungen (Heiligenscheine) und auch in Nahtodberichte.
Bei Sri Aurobindo wird der Begriff der Erleuchtung als Spirituelle Erfahrung bezeichnet und sie stellt das Bindeglied zwischen Psychischer Entwicklung und supramentalem Bewusstsein dar. Über diese spirituellen Erfahrungen schreibt er: Ist der Durchbruch durch den Verschluss des Geistes erst einmal gemacht, dann geschieht dies: eine Schau auf etwas hin, das über uns ist , öffnet sich , oder eine Herabkunft seiner Kräfte in unser Wesen hinein findet statt. Was wir sehen, wenn die Schau sich öffnet, ist eine Unendlichkeit über uns, eine ewige Gegenwart oder ein unendliches Sein, eine Unendlichkeit von Bewusstsein, eine Unendlichkeit von Seligkeit, ein grenzenloses Selbst, ein grenzenloses Licht, eine grenzenlose Entrücktheit.
Der Geist erhebt sich auf eine Ebene des reinen Selbst, still, ruhig, unbegrenzbar. Oder er steigt in Regionen des Lichtes oder der Glückseligkeit auf, oder in Ebenen, auf denen er eine unendliche Macht oder göttliche Gegenwart fühlt, oder er macht die Erfahrung einer göttlichen Liebe und Schönheit, oder er erfährt die Atmosphäre einer weiteren und größeren und leuchtenden Erkenntnis.
Kehrt er zurück, dann bleibt jetzt der spirituelle Eindruck, aber der geistige Niederschlag ist oft unscharf und bleibt nur als eine vage und fragmentarische Erinnerung zurück.
Das niedere Bewusstsein, von dem der Aufstieg ausging, fällt auf das zurück, was es war, eine Erfahrung ist nur hinzugekommen, die nicht festgehalten ist oder nur in der Erinnerung lebt, aber keine dynamische Erfahrung mehr ist.
Im Laufe der Zeit kann der Aufstieg aber willentlich gemacht werden, und das Bewusstsein bringt einen gewissen Gewinn seines vorübergehenden Ausfluges in diese höheren Länder des Geistes mit zurück und hält ihn fest. Quelle: Otto Wolf , Der Integrale Yoga S.85,86, Rowohlt Taschenbuch
Mit dem Bekanntwerden der asiatischen religiösen Traditionen im Westen während der letzten zwei Jahrhunderte hat sich deren Begriff der Erleuchtung zunehmend auch im Westen verbreitet. Infolgedessen finden sich in der westlichen Geisteswelt vermehrt ähnliche Vorstellungen, aber oft mit eigenen, durch den westlichen Kulturhintergrund geprägten Interpretationen. Der Begriff hat zum Beispiel Eingang in die Philosophie gefunden und wird dort auch als geistiges Eins-werden mit dem unendlichen Sein bezeichnet. Auch einige westliche Esoteriker benutzen den Begriff der Erleuchtung, oft mit ganz eigenen, vom historischen Kontext unabhängigen Erklärungen. Dies führt bisweilen zu inflationärem Gebrauch des Begriffs, in verschiedensten spirituell-religiösen Gemeinschaften, Lehren und Zusammenhängen.
Seit Mitte der 90er Jahre breitete sich in Europa und den USA die "Satsang"-Bewegung aus. Die spirituellen Lehrerinnen und Lehrer, werden von ihren Anhängern als erleuchtet angesehen. Ursprung der Bewegung ist der auf die Erlangung des unpersönlichen Göttlichen abzielende Advaita Vedanta.
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