Erich Fromm.jpg Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frankfurt am Main; † 18. März 1980 in Locarno) war ein deutscher Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe jüdischer Herkunft. Seit 1940 war er amerikanischer Staatsbürger.
Erich Pinchas Fromm stammte aus einer streng religiösen jüdischen Familie, aus der bereits zahlreiche Rabbiner hervorgegangen waren. Diese Laufbahn wollte auch er ursprünglich einschlagen. In Frankfurt aufgewachsen, studierte er aber dort zunächst Jura, wechselte dann zum Soziologiestudium nach Heidelberg und promovierte dort 1922 bei Alfred Weber über Das jüdische Gesetz. Bis 1925 nahm er ausserdem Talmudunterricht bei Rabbi Rabinkow. 1926 heiratete er die Psychoanalytikerin Frieda Reichmann. Ende der Zwanziger Jahre begann Fromm in Berlin bei einem nichtärztlichen Freud-Schüler, dem Juristen Hanns Sachs, eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. In dieser Zeit gaben er und seine Frau ihre orthodox-jüdische Lebensweise auf. Ab 1929 praktizierte Fromm, da er kein Mediziner war, als sog. Laienanalytiker in Berlin.
Seit 1930 war er für das Frankfurter Institut für Sozialforschung als Leiter der Sozialpsychologischen Abteilung tätig. Zugleich gehörte er dem Berliner Zirkel marxistischer Psychoanalytiker um Wilhelm Reich und Otto Fenichel an und trug mit einigen Publikationen zur Theoriebildung des Freudomarxismus bei. 1931 trennte er sich von Frieda Reichmann, blieb ihr jedoch weiterhin freundschaftlich verbunden (Scheidung erst 1942).
Im Mai 1934 folgte er dem Institut für Sozialforschung in die Emigration in die Vereinigten Staaten. Ende 1939 kam es nach verschiedenen Konflikten zu einer Trennung vom Institut für Sozialforschung, nachdem er über viele Jahre einer der wichtigsten Mitarbeiter gewesen war. Er wurde am 25. Mai 1940 US-amerikanischer Staatsbürger. 1944 heiratete er die deutsch-jüdische Emigrantin Henny Gurland.
Im Jahr 1950 übersiedelte er nach Mexiko-Stadt und lehrte an der Nationalen Universität (UNAM). Nachdem seine Frau Henny 1952 überraschend gestorben war, heiratete er 1953 die US-Amerikanerin Annis Freeman. Ab 1957 beteiligte er sich an der US-amerikanischen Friedensbewegung. Er selbst hat immer einen humanistischen, demokratischen Sozialismus vertreten. 1965 wurde Fromm emeritiert; 1974 nahm er seinen Wohnsitz in Muralto (Tessin).
Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben ihn als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert, auch wenn er in der akademischen Welt oft unterschätzt wurde. Viele seiner Bücher wurden zu Bestsellern; seine Gedanken wurden auch außerhalb der Fachwelt breit diskutiert.
In den Jahren 1966, 1977 und 1978 erlitt er jeweils einen Herzinfarkt. Fromm starb am 18. März 1980, infolge eines weiteren Herzinfarkts, in Locarno (Schweiz), wenige Tage vor dem Erscheinen der 10-bändigen Gesamtausgabe seiner Werke. Er wurde in Bellinzona (Schweiz) eingeäschert.
Im Jahr 1981 bekam er posthum die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main verliehen.
Der literarische Rechte- und Nachlassverwalter Fromms ist der Psychoanalytiker Rainer Funk, der bei Fromm über Sozialpsychologie und Ethik promoviert hat und sein letzter Assistent war.
Noch in den 1950er Jahren war der soziologische Relativismus eine der vorherrschenden Annahmen in den Geisteswissenschaften. Dieser baut auf der Idee einer nahezu uneingeschränkten Formbarkeit des Menschen auf, da diesem zu eigen ist, unter fast allen Bedingungen leben zu können. Solange eine Gesellschaft in ihren Grundzügen funktioniert, können wir also von einer gesunden Gesellschaft sprechen. Dies impliziert, dass bei einer psychischen Störung der Fehler im Individuum zu suchen ist, das offensichtlich an einem Mangel an Anpassungsfähigkeit leidet.
Der von Erich Fromm vertretene normative Humanismus steht dieser Annahme entgegen. Er besagt, dass der Mensch nicht nur physische, sondern auch psychische Grundbedürfnisse besitzt, die in seiner Existenz wurzeln. Hieraus ergibt sich, dass für die psychische Gesundheit des Menschen universelle Kriterien gelten, die vom gesellschaftlichen System gefördert oder unterdrückt werden können. Der Gesundheitszustand einer Gesellschaft kann somit untersucht werden.
Zwar kann der Mensch tatsächlich unter vielerlei Bedingungen leben, doch reagiert er auf sie, wenn sie seiner menschlichen Natur zuwiderlaufen, indem er die bestehenden Verhältnisse entweder ändert oder seinen vernunftbedingten menschlichen Fähigkeiten entsagt, also sozusagen „abstumpft“.
Die gesellschaftlichen Bedingungen geben dem Menschen den Raum, das eigene Leben zu konzipieren und sich zu entfalten, wodurch sie notwendigerweise das Selbst- und Weltbild des Individuums stark beeinflussen. Hier muss jedoch hinterfragt werden, welcher Art die bestehenden Verhältnisse sind, ob sich der Mensch also durch den Einfluss der Gesellschaft an eine krankhafte oder gesunde Lebensweise anpasst.
Wie es der Gesellschaft möglich ist, bestimmte Grundbedürfnisse des Menschen zu fördern oder zu unterdrücken, können auch psychische Defekte durch die Kultur hervorgebracht werden. Da nun die Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft an gewissen Defekten leidet, werden diese als Normalität wahrgenommen und der Einzelne setzt sie sich sogar zum Ziel, um einem Außenseitertum aus dem Weg zu gehen: „Was Einzelnen an innerem Reichtum und an echtem Glücksgefühl verlorengegangen sein mag, wird durch die Sicherheit kompensiert, die das Gefühl gibt, zur übrigen Menschheit zu passen - so wie er sie kennt.“
Dieses Zugehörigkeitsgefühl verhindert zu einem entscheidenden Teil die Fortentwicklung des Defekts in eine Neurose. Ferner liefert die Gesellschaft diverse „Gegenmittel“, um den Ausbruch einer Krankheit zu vermeiden. Fromm spricht in diesem Zusammenhang von „kulturellen Opiaten“, wie Fernsehen, Radio oder Sportveranstaltungen. Würde man den Menschen diese Opiate schlagartig für einen längeren Zeitraum verweigern, wäre der Ausbruch der psychischen Krankheit rasch in Form von Nervenzusammenbrüchen und akuten Angstzuständen beobachtbar.
Durch den engen emotionalen Austausch der Kinder zu den Eltern hat dies zweierlei zur Folge: Einerseits wird die Familie zur wichtigsten Institution für den Fortbestand der Gesellschaft. Um diesen zu gewährleisten, müssen bestimmte Erfordernisse wie Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Anpassungsfähigkeit usw. nicht nur befolgt, sondern als eigenständige Charakterstrukturen und somit als eigener Wille verinnerlicht werden. Dieser sogenannte Gesellschafts-Charakter spiegelt sich in den Eltern und wird hierdurch auf direktem Wege an das Kind vermittelt. Zum anderen wird auf diese Weise auch die bestehende Problematik der Eltern zu ihrer Umwelt auf das Kind übertragen. Da sich die Individualität aus den Interaktionen mit den frühen Bezugspersonen bzw. der Umwelt im Allgemeinen herauskristallisiert, kann die Selbstwerdung des Kindes als ein Weg von außen nach innen gesehen werden. Fühlen sich diese Bezugspersonen nun auf eine Art und Weise von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen verunsichert und leiden hierdurch sogar an einer psychischen Störung, so überträgt sich diese in das Selbst des Kindes. Gleichermaßen geben die Eltern ihre Defekte und die Methode, diese durch kulturelle Opiate zu kompensieren, an das Kind weiter. Krankhafte Lebensweisen werden somit schon im Kindesalter als Normalität aufgefasst.
Tiere leben in einer vollkommenen Harmonie mit der Natur. Sie leben unter Bedingungen, die sie als gegeben hinnehmen und mit denen sie somit fertig werden können. Im Gegensatz zum Tier hat sich im Menschen durch die ihm gegebene Vernunft die Fähigkeit entwickelt, seine Umwelt zu transzendieren und somit über die Oberfläche der ihn umgebenden Gegebenheiten hinaus zu gelangen. Er hat sich über die Natur erhoben und kann sie in gewissen Maßen erschaffen und beherrschen. Diese höchste Gabe des Menschen ist zugleich sein Fluch. Ganz pragmatisch lässt er sich als Anomalie der Natur beschreiben, denn im Menschen ist sich „das Leben * seiner selbst bewußt“ geworden. So weiß er nicht nur von der Zufälligkeit seines Daseins, sondern auch von der Begrenztheit seines Lebens. Obwohl er noch immer ein Teil der Natur ist, ist er auch aus ihr verstoßen und die Harmonie mit ihr ist für immer verloren. Durch diese Erkenntnis entsteht im Menschen ein großes Gefühl der Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Er muss selbst leben und Entscheidungen treffen und jeder Schritt in eine andere Richtung ist angsterregend, weil man bereits bekannte und somit sichere Zustände verlässt. Das größte Problem des Menschen ist seine reine Existenz.
Das menschliche Leben ist von einer unüberwindbaren Polarität zwischen Regression und Progression beherrscht: Auf der einen Seite steht die Sehnsucht nach der verlorenen Harmonie mit der Natur, die in seiner einst besessenen tierischen Existenz waltet. Auf der anderen Seite strebt er nach dem „Erreichen einer menschlichen Existenz“, die seinen vernunftbedingten Fähigkeiten entspricht und ihm die Lösung des Problems seiner Existenz verspricht. Dieser Zustand bringt ihn auf eine ständige Suche nach Harmonie und macht ein statisches Dasein unmöglich. Sind die tierischen Bedürfnisse (Sexus, Hunger, Schlaf etc.) erst befriedigt, treten die spezifisch menschlichen Bedürfnisse in den Vordergrund. „Alle Leidenschaften und Strebungen des Menschen sind Versuche, eine Antwort auf seine Existenz zu finden, oder man könnte auch sagen, sie sind Versuche, der Geisteskrankheit zu entgehen.“
Durch die besondere Rolle des Menschen zur Natur, die ihn zu einer gewissen Heimatlosigkeit verdammt, ist es für den Menschen besonders wichtig, einen Weg zu finden, sich in der Welt zu orientieren und so in eine neue Beziehung mit ihr zu treten. Alle Leidenschaften des Menschen dienen letztlich diesem Ziel.
Die seelischen Grundbedürfnisse sind rein psychologischer Natur und ergeben sich aus der menschlichen Gesamtpersönlichkeit und seiner empirischen Lebenspraxis. Im Gegensatz zu Freuds Libido haben sie also keinen physischen Ursprung.
Zur Befriedigung seiner Bedürfnisse stehen dem Menschen prinzipiell zwei Möglichkeiten offen, denn der Mensch ist aus humanistischer Sicht nicht von Natur aus gut oder schlecht. Die menschliche Existenz birgt beide Wege als Möglichkeit der Entwicklung in sich und gegensätzliche Leidenschaften wie Liebe und Hass müssen somit vielmehr als Antwort auf dieselbe Frage, statt als unabhängig voneinander existierende Größen betrachtet werden. Der Unterschied liegt bloß darin, dass nur ersteres zu Glück führen kann. Im folgenden sollen die Grundbedürfnisse des Menschen kurz dargestellt werden.
Sich selbst als „ich“, also als getrenntes Wesen zu seiner Umwelt zu empfinden, ist mehr als ein philosophisches Problem, sondern eine wichtige Voraussetzung seelischer Gesundheit. Da er seine natürlichen Wurzeln verloren hat und somit selbst leben muss, muss der Mensch dazu in der Lage sein, sich ein Bild von sich selbst machen zu können. Hierin liegt die Voraussetzung für jegliche Transzendenz, denn nur so kann sich der Mensch als Subjekt seines Handelns erleben und sich seiner selbst als ein eigenständiges Wesen bewusst sein.
Das Bedürfnis nach einem Identitätserleben ist so essentiell, dass es oft in Form einer übertriebenen Konformität Ausdruck erhält, in der ein Mensch sogar bereit ist, sein Leben zu opfern, nur um mit der Herde konform zu gehen und auf diese Weise ein Identitätsgefühl zu erlangen. Das Identitätserleben kann auf diese Weise jedoch immer nur illusorisch sein.
Die höchste Erfüllung bietet in dieser Hinsicht die Liebe. Sie ist der einzige Weg, „mit der Welt eins zu werden und gleichzeitig ein Gefühl der Integrität und Individualität zu erlangen“. In der Liebe vereinigt sich der Mensch mit einem anderen Wesen, bewahrt jedoch gleichzeitig seine Integrität des eigenen selbst, also seine Gesondertheit. Die Liebe zwischen zwei Menschen in der Partnerschaft entsteht permanent von neuem durch die transzendente Polarität von getrennt sein und Vereinigung. Zudem besteht der individuelle Egoismus nur in so geringem Maße, dass die Bedürfnisse des anderen als genauso wichtig wie die eigenen empfunden werden.
Die Liebe steht im Gegensatz zum sekundären Narzissmus. In diesem war es dem Einzelnen nicht möglich, den primären Narzissmus des Kindes zu überwinden, wodurch die Umwelt nach wie vor als bloßes Mittel benutzt wird, die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Narzissten neigen dazu, einen Bezug zu ihrer Umwelt dadurch zu gewinnen, dass sie Macht über sie erlangen. Dadurch ist es ihnen jedoch nur möglich, eine Einheit herzustellen, während jegliches Gefühl der Integrität zerstört wird.
Ein weiterer Weg sich mit der Welt zu vereinigen bietet die Möglichkeit, sich einer Gruppe, einem Gott etc. zu unterwerfen. Hierdurch kann der Einzelne das Gefühl von Isolation überwinden und er erlangt das Gefühl, Teil einer großen Macht zu sein.
Auch indem man zum Zerstörer wird ist es dem Menschen möglich, das eigene selbst zu transzendieren, doch kann das Zerstören stets nur die mindere Alternative zum Erschaffen sein für Menschen, die dessen nicht fähig waren. Nur das kreative Schaffen kann zum Glück führen, während Destruktivität nur Leid in sich birgt, vor allem für den Zerstörer selbst, dem es unmöglich war, etwas zu erschaffen.
Die Abnabelung von der Mutter ist ein beängstigender, doch notwendiger Prozess zur Menschwerdung des Einzelnen. Nur so ist es dem Menschen möglich, Fortschritte zu machen und sich zu entwickeln. Im Gegensatz zu Freud deutet Erich Fromm die Mutterbindung und den Ödipuskomplex auf emotionaler statt auf sexueller Ebene. In dieser Hinsicht erhält das Inzesttabu insgesamt eine neue Bedeutung, da es nicht schlichtweg ein sexuelles Verlangen des Kindes zu einem Elternteil untersagt, sondern auch das Verharren im schützenden mütterlichen Bereich, was eine kulturelle Entwicklung unmöglich machen würde.
In der Entwicklung der Menschheit gab es wohl nie ein größeres Maß an Freiheit als in der heutigen westlichen Gesellschaft. Die Menschen leben in materiellem Komfort, haben viel Freizeit und verfügen über eine große Auswahl an Berufen und Lebensstilen. Doch mit wachsendem Wohlstand haben auch die psychosozialen Störungen erheblich zugenommen.
Der Gesellschafts-Charakter gibt dem Menschen gewisse Denk- und Verhaltensstrukturen vor. Diese sind von der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder als Werte und Normen eingefleischt und gewährleisten dadurch den Fortbestand der Kultur. Während noch vor einem Jahrhundert das Wirtschaftswesen auf Charaktere ausgerichtet war, die andere für den größtmöglichen Profit ausbeuten und keinen Konkurrenzkampf scheuen, sind im heutigen Gesellschafts-Charakter Teamfähigkeit und Konformität von besonderer Bedeutung. In der zwischenmenschlichen Realität zeigt sich das vor allem in einem stets aufgesetzten, automatenhaften Lächeln mit dem die Menschen umher laufen, um möglichst vielen zu gefallen.
Obwohl die Selbstverantwortung des Einzelnen stark unterstrichen wird, wird gleichzeitig durch die rasche wirtschaftliche und technische Entwicklung erwartet, dass man in hohem Maße flexibel bleibt. Gab es früher offene Autoritäten, gegen die man sich auflehnen konnte (der König, der Chef etc.), ist heute keine Machtquelle mehr ausfindig zu machen. Alle Macht scheint sich in der Menge selbst verselbstständigt zu haben, eine anonyme Autorität hat sich etabliert, die sich aus der Gesamtheit der Menschen ergibt und für die doch kein Einzelner belangt werden kann. Der Mechanismus, der den Fortbestand einer anonymen Autorität gewährleistet, ist die Konformität, aus der die Erwartung entspringt, das tun zu sollen, was alle anderen auch tun.
All diese Ansprüche scheinen zu einem Verlust von Individualität und Identität zu Gunsten höchster Konformität zu führen, die in unserer Gesellschaft extrem auffällig ist. Egal ob der Einzelne intelligent oder dumm, gesellschaftlich hoch oder niedrig gestellt ist, alle scheinen denselben Lebensrhythmus zu haben: Alle lesen dieselben Zeitungen und Bücher, sehen sich dieselben Filme und Sendungen im Fernsehen an. Da dem Verlangen nach möglichst viel Profit dem schlichten Wunsch nach einem geregelten Einkommen gewichen ist, arbeiten zudem alle im selben Rhythmus. Vor allem aber produzieren und konsumieren die Menschen ohne Fragen zu stellen und scheinen es regelrecht aus dem Weg zu gehen, Begebenheiten, Ursprünge und Gesamtzusammenhänge in Erfahrung zu bringen. An die Stelle eines individuellen Gewissens ist das Verlangen getreten, sich möglichst gut anzupassen und dafür Anerkennung durch die anderen zu erhalten.
Der Gesellschafts-Charakter von heute passt formgenau auf den Kapitalismus der Postmoderne: „Wir brauchen Menschen, die reibungslos in großen Gruppen zusammenarbeiten; die mehr und mehr konsumieren möchten, und deren Geschmack standardisiert und leicht zu beeinflussen und vorauszusagen ist.
Wir brauchen Menschen, die sich frei und unabhängig und keiner Autorität, keinerlei Prinzipien und keinem Gewissen unterworfen fühlen und die dennoch bereit sind, sich befehlen zu lassen, das zu tun, was von ihnen erwartet wird, sich reibungslos in den Gesellschaftsapparat einzuordnen.“
Die moderne Zivilisation scheint die tiefen Bedürfnisse des Menschen also vor allem in bezug auf ein Identitätserleben nicht zu befriedigen und mit ihrem übergroßen Maß an individueller Freiheit und Wohlstand eher „das Gefühl einer intensiven Langeweile“ und Orientierungslosigkeit zu verursachen. Die Menschen der heutigen Gesellschaft müssen nicht mehr für sexuelle oder politische Freiheit kämpfen, sie sind heute „nicht mehr in Gefahr zu Sklaven zu werden, sondern zu Robotern“.
Im 19. Jh. definierten Hegel und Marx einen Menschen als von sich selbst entfremdet, wenn ihm „die eigene Tat * zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht“. Die Entfremdung des Menschen zu sich selbst, seinen Handlungen und dadurch notwendigerweise auch zu seiner Umwelt, ist in der modernen Gesellschaft zu einem zentralen Problem geworden. Im folgenden soll die Situation des Menschen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.
Eine maßgebliche Ursache für die Abstraktion des Menschen ist das Streben nach größtmöglicher Effizienz, das für den Kapitalismus so charakteristisch ist. Vor allem durch die stetige Zunahme von Großkonzernen und dem damit verbundenen Verschwinden kleiner Betriebe wird der Einzelne vorwiegend nach seinem „Marktwert“ beurteilt und kann wie die kaputte Schraube einer Maschine beliebig ausgetauscht werden. Eine weitere Auswirkung dieser gesteigerten Produktivitätsverhältnisse ist eine sich immer mehr verzweigende Arbeitsteilung, die dem Einzelnen den Bezug zu seiner Arbeit nimmt. Im humanistischen Sinne dient die Arbeit der Menschwerdung des Einzelnen. Indem er die Natur beherrscht und gestaltet, kann er einen Weg finden, sich mit ihr zu vereinigen und gelangt durch diesen fortwährenden Entwicklungsprozess zu Individualität. Für die meisten Menschen der heutigen Gesellschaft dient die Arbeit nur als Gewährleistung für ein geregeltes Einkommen. Da man somit nur einen Teil irgendeines Ganzen produziert, verliert man den Gesamtzusammenhang zu seinem Tun und den Bezug zu den selbst oder von anderen produzierten Dingen. Arbeit kann in diesem Sinne nicht mehr als sinnvolle Tätigkeit angesehen werden, da sie keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr in sich birgt.
Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich unter anderem die Zunahme der Selbstmorde erklären. Wenn man sein Leben vorwiegend als eine Art Unternehmen betrachtet, in das man seine physischen und psychischen Fähigkeiten möglichst sinnvoll investieren muss, dann ist das Leben ein Fehlschlag, wenn die Bilanz unterhalb des erhofften Werts liegt. „Man begeht Selbstmord, genau wie ein Geschäftsmann seinen Bankrott erklärt, wenn die Verluste größer sind als der Gewinn“. Der moderne Mensch lässt sich also insgesamt als „passiver Empfänger von Eindrücken, Gedanken und Meinungen“ beschreiben. Zwar ist er im Laufe der Jahrhunderte erheblich intelligenter geworden, doch hat er was die Vernunft betrifft starke Einbußen zu verzeichnen. Seine Intelligenz nutzt er als Werkzeug, sich selbst und andere zu manipulieren. Das vernünftige Hinterfragen von Gegebenheiten, das Urteilen und Handeln nach gefundenen Grundsätzen ist jedoch zugunsten der Konformität eingestellt worden.
Das Bedürfnis nach Massenkonsum erzeugt im Gesellschafts-Charakter den Drang, „daß jeder Wunsch sofort befriedigt werden muß und kein Verlangen frustriert werden darf“. Dadurch ist der moderne Mensch weitgehend unfähig geworden, seine Wünsche aufschieben zu können, auch wenn diese nur von der Wirtschaft vorgegeben sind. Anstatt sich mit Konflikten mit dem eigenen Selbst auseinander zu setzen, beschäftigt sich der Einzelne stattdessen ständig mit einem neuen Vergnügen aus der vielzähligen Palette kultureller Opiate. In der heutigen Gesellschaft besteht also nicht einmal mehr die Notwendigkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden.
In der zwischenmenschlichen Intimität einer Partnerschaft sucht der Mensch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Wie bereits erläutert ist der Mensch jedoch nur zum Lieben fähig, wenn er ein Gefühl von Integrität mit sich selbst besitzt. Durch die entfremdete Lebensweise in unserer Gesellschaft ist es dem Einzelnen folglich kaum möglich, eine gesunde Partnerschaft aufzubauen und zu erhalten. Die Selbstdarstellung des Menschen ist zu ausgeprägt und er muss in zu vielen Rollen seine Konformität und die darin geforderte Flexibilität erhalten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es kaum verwunderlich, dass Partnerschaften in der modernen Gesellschaft nur selten von langer Dauer sind bzw. zu einer reinen Zweck- und Interessengemeinschaft umstrukturiert wurden.
Ende 2005 zählt die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft etwa 650 Mitglieder weltweit. Knapp zwei Drittel der Mitglieder spricht Deutsch. Die meisten der etwa 50 nord- und mittelamerikanischen und der 50 italienischen und spanischen Mitglieder sind Psychoanalytiker; bei den deutschsprachigen Mitgliedern ist der berufliche Hintergrund sehr viel breiter gefächert und umfasst alle Bildungsgrade.
Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch Mehrheitsentscheidung einer fünfköpfigen Jury, die durch den erweiterten Vorstand der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft berufen wird. Die Jury ist in ihrer Auswahl frei, doch hat sie Bewerbungen und Empfehlungen für den Erich Fromm-Preis in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen. Bewerbungen und Empfehlungen müssen jeweils bis zum 1. April der Geschäftsstelle der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft e. V. vorliegen.
Mit der Preisverleihung soll nicht nur ein humanistisches Engagement im Sinne Erich Fromms gewürdigt werden. Sie dient auch dazu, einer möglichst großen Öffentlichkeit das Vermächtnis Erich Fromms bekannt zu machen und in Erinnerung zu halten. Sie findet deshalb in der Regel öffentlich statt.
Mann | Deutscher | Deutschsprachige Emigration | Philosoph (20. Jh.) | Soziologe (20. Jh.) | Sozialpsychologe | Psychoanalytiker | Geboren 1900 | Gestorben 1980 | Kritische Theorie
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