Erfundene Tradition (seltener Erfindung der Tradition, konstruierte Tradition oder neue Tradition) ist ein ideologiekritisches Konzept, das 1983 von Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit der Aufsatzsammlung The Invention of Tradition eingeführt worden ist. Erfundene, d.h. in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruierte, aber in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojizierte Traditionen sollen als historische Fiktion dazu dienen, bestimmte Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck gesellschaftlich zu legitimieren und zu festigen. Das Konzept hat erheblich dazu beigetragen, kulturwissenschaftliche Methoden in der Geschichtswissenschaft zu verankern und zu verbreiten, und ist in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu einem Topos für Autoritätskonstruktionen geworden.
Unterschieden werden drei Ausprägungen erfundener Tradition mit jeweils besonderer Funktion, wobei häufig unter der ersten die zwei anderen subsummiert sind:
Den Zweck der erfundenen Tradition sieht das Konzept darin, dass diese gegenüber historischem Wandel wenigstens einigen Teilen des gesellschaftlichen Lebens Struktur verleihen, indem dessen Wesen als unveränderlich und beständig gilt. Die neuartige Perspektive, wie Traditionen sich nicht bloß mit abnehmender Ausstrahlung in die Gegenwart erstrecken, sondern als Rückprojektionen ihre eigentliche Wirkung in der Gegenwart entfalten, hat dem Traditionsbegriff eine hohe sozialwissenschaftliche Relevanz verschafft. Das Konzept untersucht denn auch die Vergangenheit eher dahingehend, wie diese benutzt wird, nicht welchen Einfluss diese hat. Erfundene Tradition ist als methodischer Ansatz nicht auf die Geschichts- und Sozialwissenschaft beschränkt geblieben. Ethnologische und prähistorische Forschungen haben das Konzept für eigene Untersuchungen angewendet. So werden beispielsweise jungsteinzeitliche imitierte Grabhügel oder Sekundärbestattungen in diesem Sinn zu erklären versucht. Cornelius J. Holtorf: Monumental Past - The Life-histories of Megalithic Monuments in Mecklenburg-Vorpommern (Germany) (10-06-2006) Jedoch wird erfundene Tradition, auch wenn sie ubiquitär sein dürfte, als eine spezifische Erscheinung von Zeiten beschleunigten, umfassenden und tiefgreifenden Wandels vermutet, also vergleichsweise prononciert seit Beginn der Moderne (ab dem 19. Jahrhundert).
Auffällig ist, dass Traditionen derzeit im Zuge der Globalisierung wieder an Bedeutung gewinnen. Sie scheinen als Ressource zur Konstruktion ethnisch und/oder religiös umschriebener sozialer Gruppen das generelle Konzept Hobsbawms und Rangers zu bestätigen. Erfundene Tradition wird beispielsweise als Begriff im Zusammenhang mit Erscheinungen des politischen Islams angewendet. die tageszeitung, 12-01-2004 In den Kulturwissenschaften wird „Tradition“ zunehmend durch „Gedächtnis“ als Gegenpol zu Geschichte als dem Gegenstand einer kritischen, positivistisch verstandenen Historiographie ersetzt. Allerdings weist Hobsbawm darauf hin, dass gerade geschichtswissenschaftliche Werke – angesichts der Nutzung von (erfundener) Tradition zur Handlungslegitimation – viel stärker als bisher auf ihre Wirkung im öffentlichen Raum geprüft werden müssten.
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