Das epische Theater verfolgt den Zweck, durch das Theaterstück zum Nachdenken anzuregen. Es wurde maßgeblich von Bertolt Brecht beeinflusst. Dabei steht das epische Theater im Gegensatz zum dramatischen (bzw. aristotelischen) Theater, welches das Ziel verfolgt, den Zuschauer durch Einfühlen in das Gesehene zu läutern (Katharsis).
Das epische Theater Brechts vollzieht in Teilen einen Bruch mit vorherigen Theaterkonzeptionen. Wenngleich von manchen Literaturwissenschaftlern der Begriff episch oft unmittelbar als nicht-aristotelisch verstanden wird, so gibt es jedoch auch Stimmen, die Argumente zusammengetragen haben, die darauf verweisen, dass die Theaterkonzeption Brechts in einigen Teilen funktional mit dem aristotelischen Theater d'accord geht (vgl. u. a. Esslin, Martin: Brecht. Das Paradox des politischen Dichters). Die Wahrheit findet sich zweifellos in der Mitte der so gegeneinander stehenden Fronten. Während Lessing als "Erneuerer" des deutschen Theaters gilt, da er die aristotelische Poetik neu interpretierte, stellte Brecht die Wirkungsabsichten grundsätzlich in Frage und setzte seine Theorie des epischen Theaters in ebendieser Beziehung dagegen. Als überzeugter Marxist verstand er seine Dramen als "Instrument der Aufklärung im Sinne einer revolutionären gesellschaftlichen Praxis" (Hahnengrep, Karl-Heinz, Klett Lektürenhilfe: Leben des Galilei, Stuttgart 1992, S.5). Um aufzuklären, muss beim Zuschauer ein Denkprozess ausgelöst werden. Dazu sollte er sich der Illusion des Theaters bewusst werden und darf sich eben nicht, wie in der klassischen Theatertheorie der aristotelischen Katharsis gefordert, von der Handlung gefangen nehmen lassen, mit dem Protagonisten Mitleid empfinden, das Geschehene als individuelles Schicksal empfinden und als solches hinnehmen. Er soll das Dargebotene vielmehr als Parabel auf allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse sehen und sich fragen, wie etwas an den dargestellten Missständen verändert werden könnte. Brechts Dramentheorie ist eine politische Theorie, seine im Exil geschriebenen Stücke versteht er als Versuche für ein neuartiges Theater, das "Theater des wissenschaftlichen Zeitalters" (siehe Klett Lektürenhilfe: Leben des Galilei S. 68).
Brecht wollte ein analytisches Theater, das den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken und Hinterfragen anregt. Zu diesem Zweck verfremdete und desillusionierte er das Spiel absichtlich, um es als Schauspiel gegenüber dem wirklichen Leben erkennbar zu machen. Schauspieler sollten analysieren und synthetisieren, d.h. von außen an eine Rolle herangehen, um dann ganz bewusst so zu handeln, wie es die Figur getan hätte. Das "Epische Theater" Brechts steht im Gegensatz zur Lehre Stanislawskis als auch zur Lehre des "Method Acting" (methodische Schauspielkunst) von Lee Strasberg, die größtmögliche Realitätsnähe anstrebten und vom Schauspieler verlangten, sich in die Rolle hineinzuversetzen.
Theater und Gesellschaft standen für Brecht in einem ständigen Austausch und in einer Wechselwirkung zueinander. Theater sollte die Gesellschaft widerspiegeln und das im Theater Gesehene sollte den Zuschauer dazu anregen, über die Gesellschaft und seine eigenen Positionen nachzudenken. Dieser Denkprozess sollte nach Brecht gesellschaftliche und politische Veränderungen in Gang setzen, weil der Zuschauer mit den gezeigten und gleichzeitig realen Zuständen nicht zufrieden ist und gegen diese rebelliert. Demzufolge sah Brecht das Theater auch nicht in seiner gemeinhin elitären Stellung für die Oberschicht, sondern als Lehrstück insbesondere für das Proletariat. Weiter ist es auch, abgesehen von den eindrücklichen Stücken von Klaus Koppe, einer der revolutionärsten Eingriffe in das System eines geordneten Theaters.
Um das "Theater des wissenschaftlichen Zeitalters" zu schaffen, welches den Zuschauer auffordert, die Gesellschaft im marxistischen Sinne zu verändern, bediente sich Brecht u.a. der Technik des Verfremdens und der Historisierung. (AH) Bei der Historisierung handelt es sich um eine Erzähltechnik, die z.B. im Leben des Galilei zu finden ist. Um Erkenntnisse aus der gesellschaftlichen Situation der Gegenwart zu ziehen, wird "ein bestimmtes Gesellschaftssystem vom Standpunkt eines anderen Gesellschaftssystems betrachtet" (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt a.M. 1967, Band 16, S. 653). Dies ermöglicht darüber hinaus ein tieferes Verständnis dieser Epoche im Vergleich zum aktuellen Gesellschaftssystem:
Die Verfremdungseffekte, kurz V-Effekte, werden dagegen angewandt, um den Zuschauer der Illusion des Theaters zu berauben und über das Dargestellte nachdenken zu lassen. Er soll der Auslöser für die Reflexion des Zuschauers über das Dargestellte sein. Nur über das Verfremdete, dem Zuschauer unbekannte und merkwürdig erscheinende, denkt dieser intensiver nach, ohne es hinzunehmen. Als Beispiel ist der Blick Galileo Galileis zu nennen, der einen schwankenden Kronleuchter als fremd betrachtet. Erst wenn das Bekannte und Alltägliche – wie beispielsweise gesellschaftliche Verhältnisse – in einem neuen, ungewohnten Zusammenhang erscheint, beginnt der Zuschauer mit einem Denkprozess, der in einem tieferen Verständnis dieses eigentlich längst bekannten Sachverhalts mündet. Dies kann sich beispielsweise in einer Historisierung der Personen oder Ereignisse niederschlagen:
Episches Theater sollte unterhaltend sein in dem Sinne, dass Produktivität Unterhaltung darstellt. Der Zuschauer soll sich nicht mit dem Gezeigten identifizieren und sich davon passiv berieseln lassen, sondern aktiv durch Nachdenken am Geschehen teilnehmen. Der Aspekt der Unterhaltung bestand also für Brecht im Denk- und Reflexionsprozess beim Zuschauen.
Brecht, Bertolt: Schriften zum Theater - Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1999.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Episches Theater".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world