Im Jargon der NVA wurde der Begriff Entlassungskandidat (Abkürzung EK oder E) für die Grundwehrdienst leistenden Soldaten und die Unteroffiziere auf Zeit verwendet, die im jeweils ablaufenden Diensthalbjahr ihren Dienst in den Streitkräften beendeten. Einberufungen und Entlassungen zum bzw. aus dem Grundwehrdienst fanden in der NVA halbjährlich (jeweils Ende April und Ende Oktober) statt. Danach richteten sich auch die Selbstbezeichnungen der EKs: bei einer Entlassung im Herbst 1989 lautete diese z.B. EK 89 II.
Der Grundwehrdienst dauerte 18 Monate, die Mannschaft bestand somit aus drei (offiziell stets so genannten) Diensthalbjahren (DHJ):
- 1. DHJ („Glatte“, „Aale“, „Sprutze“ oder „Dachse“)
- 2. DHJ („Zwischenpisser“, „Mittelschweine“ oder „Vize“)
- 3. DHJ („Entlassungskandidaten“, „EKs“, auch kurz: „Es“ ).
Am Ende des zweiten Diensthalbjahres wurden die Soldaten regulär zum Gefreiten befördert, die EKs hatten somit meist diesen Dienstgrad.
Entlassungskandidaten hatten eine privilegierte Stellung innerhalb der Mannschaft, die allerdings durch keine Dienstvorschrift gestützt wurde. Im Gegensatz zu den beiden anderen Diensthalbjahren wurden sie meist nicht zu Reinigungsarbeiten eingeteilt, welche üblicherweise nach Dienstschluss stattfanden. Die Privilegien der EKs waren zwar verboten, wurden aber von den vorgesetzten Offizieren und Unteroffizieren oft stillschweigend geduldet. Sie stellten gewissermaßen eine Fortsetzung der Führungshierarchie innerhalb der Mannschaft dar. Eine Kontrolle der Mannschaft nach den Prinzip "Teile und herrsche" wurde so erleichtert.
Privilegien
Entlassungskandidaten versuchten häufig, sich den Dienst möglichst angenehm zu machen, z.B. sich vor dem ungeliebten Frühsport zu drücken. Ob dies von Erfolg gekrönt war, hing aber vom Durchsetzungsvermögen der
Offiziere und Unteroffiziere ab. Weiteren Ausdruck fand die privilegierte Stellung der EKs in verschiedenen Erscheinungen und Bräuchen, die im folgenden beispielsweise genannt werden. Festzuhalten ist dabei jedoch, dass diese Erscheinungen nicht in jedem Truppenteil identisch waren.
"Hitze"
Je höher die noch zu dienende Tageszahl eines Soldaten, desto höher war seine "Temperatur" (und desto niedriger die Stellung in der Hierarchie). EKs vermieden demnach jegliche Bezüge auf "Hitze" oder hohe Temperatur. So mussten mancherorts Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke im privaten Eigentum der Soldaten (z.B. Badelatschen, Schlafanzug, Seifendose) bestimmte Farben aufweisen. Dies wurde von den Entlassungskandidaten streng kontrolliert. Entlassungskandidaten durften blaue Farben (cool, gesetzt) zeigen. Für die Soldaten des zweiten Diensthalbjahres galten gelbe Farben (schon etwas abgekühlt). Soldaten des ersten Diensthalbjahres mussten rote (heiß, hitzig, nervös) Farben zeigen. Bei Abweichungen zu den tatsächliche Farben musste z. B. mit roter Farbe das Wort „rot“ auf den Gegenstand geschrieben werden.
Bandmaß
In den letzten 150 Tagen hatte jeder EK ein sogenanntes
Bandmaß. Es handelte sich um ein textiles
Maßband in Zentimeter-Einteilung von 150 cm Länge, an dem verschiedene Tage farbig markiert wurden. Sonntage waren beispielsweise rot ausgemalt, Samstage halbrot, die bei der Armee verbrachten Lebensjahre schwarz, die 133 (die damalige
Postleitzahl von
Schwedt/Oder, dem Sitz der einzigen Strafvollzugsanstalt der NVA) mit einem schwarzen Gitter versehen. Der Bau eines originellen Bandmaßbehälters erforderte handwerkliches Geschick und war wie die Bemalung des Bandes und dessen
Anschnitt am 150. Tag vor der Entlassung stark ritualisiert.
Nach jedem Dienstschluss wurde ein Zentimeter (= Tag) vom Bandmaß abgeschnitten, so dass dessen Länge immer die verbleibende Wehrdienstzeit anzeigte. Bei verschiedenen Anlässen, insbesondere bei Aufforderungen zu bestimmten Tätigkeiten oder gegenüber den unteren Diensthalbjahren wurde das Bandmaß entrollt. Lediglich vor Offizieren war eine gewisse Vorsicht geboten, da dieses Bandmaß als illegitimes Symbol auch beschlagnahmt wurde.
Schikanen
In Ausnutzung ihres höheren Dienstalters veranstalteten die Entlassungskandidaten einige mitunter schikanöse Spielchen, meist mit den Soldaten des ersten Diensthalbjahres. Der Charakter dieser „Spiele“ war von Einheit zu Einheit verschieden. Während sie vielerorts eher als spaßige Rituale betrieben wurden, waren sie anderorts zum Teil menschenverachtend und diskriminierend. Auch Todesfälle sollen während dieser Schikanen aufgetreten sein.
Musikbox
Ein Soldat wurde in einen Besenschrank eingeschlossen und aufgefordert, ein Lied zu singen. Er wurde erst herausgelassen, wenn er der Aufforderung Folge leistete.
Heimfahrt
Die Entlassungskandidaten stellten ein Reihe Stühle hintereinander und setzten sich darauf. Die Soldaten der niederen Diensthalbjahre mussten mit Zimmerpflanzen in den Händen beidseitig an der Stuhlreihe vorbeirennen, andere an den Stühlen rütteln und Fahrgeräusche nachahmen, um den Entlassungskandidaten das Gefühl eines fahrenden Zuges zu geben, damit diese sich schon einmal an das Gefühl der Heimreise "gewöhnen" konnten.
Weiße Weihnacht
Die Entlassungskandidaten streuten im ganzen Korridor großflächig
ATA oder
IMI (Scheuerpulver) aus. Die Soldaten der niederen Diensthalbjahre mussten damit den Boden schrubben. Beim Aufwischen entstand folgendes Problem: da der Korridor nicht gesperrt wurde, verteilte sich die weiße Pampe immer wieder in zahllosen Fußabdrücken. Das Wischen dauerte somit Stunden.
EK-Kugel (bzw. E-Kugel)
Dieses Spielchen richtete sich nicht gegen die Soldaten der niederen Diensthalbjahre, sondern gegen den
UvD. Eine große Stahlkugel (Kugelstoßkugel) wurde auf den Fliesen des Korridors zwischen den Mannschaftsräumen entlang gerollt. Das war deutlich im ganzen Haus zu hören. Die herbeieilenden Unteroffiziere hatten keine Chance, die Täter auf frischer Tat zu stellen, denn die Kugel wurde durch jemand anderen schnell in das nächste Zimmer gezogen und versteckt. Dieses Spielchen war den Entlassungskandidaten vorbehalten, d. h. kein Soldat der niederen Diensthalbjahre durfte es wagen.
Siehe auch
Literatur
- Klaus-Peter Möller, Der wahre E. Wörterbuch der DDR-Soldatensprache, 2000, ISBN 3931836223
Weblinks
NVA