Endogamie (griech. endo innen, gamos Hochzeit) ist die Bezeichnung für eine Heiratsregel, bei der Eheschließungen nur innerhalb einer bestimmten (der eigenen) Gruppe, Kaste usw. gebilligt werden. Das Gegenteil zur Endogamie ist die Exogamie.
Soziale und strikte Endogamie
Kulturen, in denen Endogamie praktiziert wird, fordern von ihren Angehörigen die Heirat innerhalb bestimmter sozialer Gruppen, Klassen, Bevölkerungsteile. Von der verbreiteten Üblichkeit, dass viele Menschen dazu neigen, Mitglieder ihrer eigenen sozialen Gruppe zu heiraten (präferentielle bzw.
soziale Endogamie, vgl. auch
Isogamie), sind die expliziten Heiratsregeln verschiedener Gruppen zu unterscheiden, die Endogamie besonders streng ausüben (präskriptive bzw.
strikte Endogamie), als Bestandteil ihrer etablierten Moral, ihrer Traditionen oder religiösen Überzeugungen. Das
Kastensystem in Indien ist ein übergreifendes Ordnungssystem (weitgehend) endogamer Gruppen.
Im Unterschied zu Gruppen, in denen Endogamie für die Gruppenmitglieder explizit verbindlich ist, sind bei der sozialen Endogamie die Übergänge zwischen Verpflichtung seitens der Gruppe, Gewohnheit der Gruppenmitglieder und natürlichem Zusammentreffen innerhalb der Gruppe (Mitglieder einer und derselben sozialen Gruppe treffen häufiger aufeinander und teilen gemeinsame Überzeugungen, Gewohnheiten usw.) fließend.
Extreme Formen der Endogamie erlauben nur die Heirat zwischen nahen Verwandten. Wie auch in sehr kleinen endogamen Gruppen ergibt sich hier das Problem der Inzucht, andererseits kann Endogamie auch zur Sicherung bzw. Herausbildung genetischer/phänotypischer Besonderheit beitragen. In der jüngeren Anthropologie setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass zahlreiche genetische/phänotypische Unterschiede zwischen Ethnien nicht primär auf Umweltwirkung zurückgehen, sondern auf besondere Präferenzen bei der Partnerwahl in kleinen, abgeschlossenen Gruppen.
Kategorische und strukturelle Endogamie
Auf einer anderen Ebene, die von Netzwerk-analytischer Forschung beeinflußt ist, werden kategorische und strukturelle Endogamie voneinander unterschieden.
[http://eclectic.ss.uci.edu/~drwhite/turks/Networks_and_Ethnography.htm, Update-Stand: 2004, unsichere Paginierung: ca. XX+492 S. (Online-Arbeitsentwurf zu: Douglas R. White & Ulla C. Johansen: "Network Analysis and Ethnographic Problems: Process Models of a Turkish Nomad Clan", Lexington Books 2004, pp. 1-544), Glossar, ca. S. 456 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]
- Von Kategorischer Endogamie wird dabei gesprochen, wenn die für die Fortpflanzung relevanten Paarfindungen unter Menschen erfolgen, die sich durch ihre Eigenschaften wie Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, soziale Klasse, regionale Zugehörigkeit oder Religion bestimmen lassen.
- Um Strukturelle Endogamie handelt es sich dagegen, wenn ein genealogisches Netzwerk (also das Geflecht der Abstammungsbezüge) eine maximale Untergruppe von Familien beinhaltet, deren Paare alle durch mehr als eine vollständig distinkte Linie von Verwandtschaft oder Abstammung verbunden sind.
[Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 70, Glossar, ca. S. 456 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]
Ein Beispiel für die
strukturelle Endogamie findet sich bei muslimischen Nomaden wie die
Yörüken, bei denen die Heirat mit der
Tochter des Vaterbruders die Endogamie fördert.
[Ulla C. Johansen & Douglas R. White: Collaborative Long-Term Ethnography And Longitudinal Social Analysis Of A Nomadic Clan In Southeastern Turkey, Kap. 4, pp. 81-99, in: R. V. Kemper & A. Royce (Ed.): Chronicling Cultures: Long-term Field Research in Anthropology, Walnut Creek, AltaMira 2002, S. 91, mit Verweis auf Douglas R. White 1997, Structural endogamy and the graphe de parenté, Informatique Mathématique et Sciences Humaines, 137, S. 107-125, auf L. A. Brudner & D. R. White 1997, Class, poverty, and structural endogamy: Visualizing networked histories, Theory and Society, 26, S. 161-208 und auf D. R. White & U. Johansen 2001, An Introduction to Network Analysis of Genealogy and Politics: Social Dynamics in a Nomadic Society, Walnut Creek, AltaMira][Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 70 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben]
Soziale Bedeutung
Endogamie verstärkt den Gruppenzusammenhalt und die Gruppenabschließung nach außen. Endogamie sichert nicht zuletzt die gemeinsame, verwandtschaftliche Verfügungsgewalt über soziale und materielle Ressourcen. Sie findet sich als soziale Endogamie, zumeist als Übergangsphänomen, besonders häufig bei Einwanderergruppen. Endogamie schützt Minderheiten davor, in Mehrheitsgesellschaften oder einem Umfeld mit anderen sozialen Praktiken und Überzeugungen aufzugehen. Während in Gesellschaften mit Kastensystemen oder vergleichbaren Traditionen Endogamie die Einordnung einer Gruppe in das gesamtgesellschaftliche System erleichtert, schützt Endogamie Minderheitengruppen in anderen Gesellschaften vor Anfeindungen, indem sie durch eine Aufteilung des
Heiratsmarktes die Gruppenkonkurrenz verhindert.
Beispiele strikt endogamer Gruppen
Berühmte Beispiele für strikt endogame Gruppen sind die
Jesiden aus dem Nord-
Irak (unter islamischer Dominanz), manche
jüdischen Gemeinschaften, die
Parsen in
Indien/
Mumbai (unter
hinduistischer Dominanz). Der europäische
Adel der Vergangenheit kann mit einigem Recht ebenfalls als strikt endogame Gruppe angesprochen werden, war doch die
standesgemäße Heirat für die Mitglieder des Adels, ja einzelner Adelsränge, verbindlich.
Asymmetrische Endogamie
Zahlreiche Gruppen praktizieren eine Form der
asymmetrischen Endogamie. D.h. für bestimmte Gruppenmitglieder gilt die Endogamie als verbindlich, andere haben hingegen das Recht, auch
exogam zu heiraten. Zumeist werden in diesem Fall die Heiratsregeln nach Geschlechtern unterschieden. So haben
muslimische Männer das Recht, Nichtmusliminnen zu heiraten, während dies Musliminnen zumeist verwehrt wird. Bei Juden, die Wert auf eine
halachische Abstammung legen, werden nur diejenigen als Juden akzeptiert, die von einer jüdischen Mutter abstammen (
Matrilinearität). Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung europäischer Herkunft mütterlicherseits auf eine äußerst geringe Anzahl jüdischer Frauen in der Vergangenheit (1. Jahrtausend n.Chr.) zurückgeht.
Literatur
- U. Davis-Sulikowski, H. Diemberger, A. Gingrich (Hsg.): Körper, Religion und Macht. Sozialanthropologie der Geschlechterbeziehungen, 2001. ISBN 3593368811
- W. Teckenberg: Wer heiratet wen? Sozialstruktur und Partnerwahl, 1999/2000. ISBN 3810025410
Weblink
Quellen
Eheform | Soziale Norm | Ethnologie | Anthropologie
Endogamy | Endogamia | Endogamie | Endogamia | Ендогамія