Als Elisabethanisches Theater bezeichnet man gemeinhin das Theater der englischen Renaissance unter Königin Elisabeth I. (reg. 1559 - 1603) und ihrem Nachfolger Jakob I. (reg. 1603 - 1625).
Ursprünge
Insbesondere die mittelalterlichen
Moralitäten, allegorische Darstellung des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse, sowie die - seit dem
14. Jahrhundert belegten -
Mystery Plays, dramatische Fassungen biblischer Ereignisse, scheinen großen Einfluss auf das Elisabethanische Theater ausgeübt zu haben. Dafür spricht u.a. die Publikumsnähe vieler
Shakespearescher Figuren, ein Überbleibsel der
Vice-Figur, des Lasters der Moralitäten. Auch die Aufführungspraxis des Spiels auf kargen Bretterbühnen mag diese These unterstützen.
Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden die so genannten innyard-plays: Fahrende Schauspielertruppen bespielten die Innhöfe von Pubs, wo sie hölzerne Gerüste errichteten. Eine (mittlerweile eher unpopuläre) Theorie macht hier den Ursprung der Theaterarchitektur der Zeit (Shakespearebühne) aus: Offensichtlich standen die Zuschauer auf Galerien um den Hof. Die ersten spezifischen Theaterbauten (errichtet in den 1570er Jahren) trugen tatsächlich noch Merkmale der Wanderbühnen, hatten eher provisorischen Charakter.
Auch die Tierkampf-Arenen, die sich seit mindestens 1546 auf der Londoner Bankside befanden, hatten ihren Einfluss - zumindest insofern, als dass sie die Infrastruktur für den späteren Boom des Theaters bereitstellten; das Londoner Publikum war es gewohnt, sich außerhalb der City of London zu amüsieren.
Sozialer Hintergrund
Die Herrschaft Elisabeths I. war geprägt durch den Interessensausgleich zwischen Bürgertum und Adel, der Weltmachtsstatus
Englands brachte den Aufstieg einer bürgerlichen Schicht mit sich - während feudale Strukturen nach und nach an Bedeutung verloren. Wohlstand machte sich breit, eine entscheidende Voraussetzung für den wissenschaftlichen Fortschritt der Zeit.
Humanistische Bildungsbestrebungen führten zu einem einheitlich hohen Bildungsniveau. Dies dürfte die Hauptvoraussetzung für das Entstehen einer Theaterkultur gewesen sein.
Das Elisabethanische Theater war keineswegs elitär; das Publikum der großen Amphitheater auf der Bankside rekrutierte sich gleichermaßen aus Lehrlingen, Handwerkern und Händlern, Gelehrten sowie Angehörigen des Adels. Dank vergleichsweise niedriger Eintrittspreise konnte sich auch die Unterschicht den Zugang zu diesen Aufführungen leisten.
Situation der Schauspieltruppen
Um den enormen Anstieg der Zahl an Schauspieltruppen zu begrenzen, erlaubte das
Vagabundengesetz von
1572 in London nurmehr Auftritte von Truppen, die unter der Patronage eines Adligen standen: Offensichtlich sahen gerade sozial schlecht gestellte Personengruppen in der
Schauspielerei eine gute Verdienstmöglichkeit. Die Kompanien waren als
Aktiengesellschaften organisiert, man konnte Teilhaberschaften kaufen. Shakespeare gelangte damit zu einem gewissen Reichtum, er hielt ab
1599 immerhin zehn Prozent an den
Lord Chamberlain's Men (ab
1603 King's Men), der Truppe von
Richard Burbage, die in direkter Konkurrenz zu
Philip Henslowes Lord Admiral's Men (ab
1603 Sir Henry's Men) stand.
Die Truppen bestanden aus jeweils ca. zehn bis zwölf Schauspielern sowie den so genannten
boy actors, den Darstellern der weiblichen Rollen (denn Frauen auf der Bühne waren unerwünscht). Man hatte ein großes Repertoire, spielte häufig über 30 Stücke gleichzeitig - nur zu schaffen durch das
Rollenfachsystem, d.h. der Besetzung nach bestimmten Typenmustern. Regisseure dagegen waren dem Elisabethanischen Theater unbekannt.
Dramatik
Grundsätzlich ordnete sich die Dramatik der historischen antiken Aufteilung in Komödie und Tragödie unter. Mit dem zunehmenden Nationalbewusstsein der Engländer, das zurückging auf die Herrschaft der beliebten Königin und die weltpolitischen Erfolge (vor allem im Hinblick auf den Krieg gegen Spanien), wuchs das Interesse am eigenen Land und dessen Geschichte. Daraus entstanden schließlich die Historien oder
historical plays. Shakespeares Königsdramen (z.B.
Richard III. oder
Henry V.) fallen ebenso in diese Kategorie wie viele Stücke von
Christopher Marlowe, dessen Tragödien seinen Ruhm begründeten (
The Tragical History of Dr. Faustus,
The Jew of Malta). Großen Anklang beim Publikum fanden insbesondere Rachedramen nach dem Vorbild
Senecas, zu nennen wären hier
Thomas Kyds Spanish Tragedy oder
John Websters Duchess of Malfi - blutige Inszenierungen der verschiedensten Gewalttaten.
Thomas Dekker (
The Shoemaker's Holiday) gilt (ebenso wie
Thomas Middleton mit
A Chaste Maid in Cheapside) als Vertreter der
city comedy, die sich satirisch mit dem Stadtleben auseinandersetzt. Ben Johnsons Lustspiele (
Volpone, the Fox) thematisieren dagegen den Konflikt des Individuums mit der Gesellschaftsordnung.
Theaterbau
Globe_theatre_london.jpg
Man unterscheidet
public playhouses, also die allgemein bekannten
Amphitheater (wie das
Globe), sowie
private playhouses. Bei letzteren handelt es sich um geschlossene Räume mit weitaus geringerer Besucherkapazität. Daneben existierte das
court theatre - Theater bei Hofe.
public playhouses
Geschichte
Vom ersten permanenten Theatergebäude Londons ist nur sehr wenig bekannt:
1567 errichtete
John Brayne das
Red Lion in
Whitechapel, also östlich der Innenstadt. Welche Truppe es bespielte, bleibt fraglich.
1576 ließ
James Burbage im Norden Londons das
Theatre erbauen, ein Jahr später entstand ganz in der Nähe
The Curtain.
1599 baute
James Burbages Sohn
Richard Burbage die Holzkonstruktion des
Theatres ab - aus dem Baumaterial entstand das
Globe auf der
Bankside, d.h. am südlichen Ufer der Themse. Hier sollte sich eine unglaubliche Theaterdichte herausbilden: Bereits
1587 stand das
Rose,
1595 kam das
Swan hinzu.
1600 folgte das
Fortune,
1613 das
Hope.
1613 brannte das
Globe nieder -
1614 wurde an der gleichen Stelle das zweite
Globe errichtet (mit wesentlich veränderter Architektur).
Bauweise
Die
Grundrisse der
public playhouses waren rund bzw.
polygonal (eine einzige Ausnahme bildete hier das
Fortune mit seinem viereckigen Grundriss). Die
Fachwerkkonstruktion dieser Gebäude bestand aus einem hölzernen Grundgerüst mit ausgemauerten Zwischenräumen, das Dach wurde entweder mit Stroh oder hölzernen
Schindeln bedeckt (
thatch- oder
tile-roofing). In das Rund des Theaters integriert war das Bühnengebäude (
tiring house) mit Lagerräumen bzw. Umkleiden. Der offene Innenhof (
yard), umgeben von drei Stockwerken an Galerien, beherbergte während der Aufführung die soziale Unterschicht (
groundlings). Hier ragte die rechteckige bzw. deltaförmige Bühne hinein - eine hölzerne Plattform auf Säulenstümpfen, wahrscheinlich von einer
Balustrade umgeben. Diese
platform verfügte über bis zu vier Falltüren (
traps), welche für Geisterauftritte genutzt wurden. Der Raum unter der Bühne wurde als
hell bezeichnet - die Mysterienspieltradition machte sich bemerkbar. Die Bühnenfront (
tiring house-facade) war durch - bis zu fünf -
stage doors durchbrochen, über diesen befand sich ein
Balkon (daneben Logen für adlige Zuschauer, genannt
lord rooms). Die so genannte
hut (= Hütte) ruhte auf großen Säulen über dem hinteren Teil der Plattform. Hier befand sich in manchen Theatern sogar eine
Flugmaschine, außerdem hisste man bei Aufführungen über der
hut eine Flagge.
private playhouses
Die
Spielästhetik in den
private playhouses unterschied sich nicht wesentlich von der in den Amphitheatern, auch hier war die Bühne auf drei Seiten von Zuschauern umgeben. Allerdings befanden sich seitlich so genannte
lord boxes, d.h. Logen für zahlungskräftige Zuschauer. (Generell waren die Eintrittspreise hier höher, was eine andere Besucherstruktur zur Folge hatte.) Die Besucherkapzität war dagegen wesentlich geringer: Fassten die
public playhouses bis zu 3000 Zuschauer, nimmt man für die Theaterhallen eher Zahlen um die 800 an.
Theater bei Hofe
Ein gänzlich unterschiedliches
Repertoire (die allegorisch-opernhaften
masques) bedingte hier andere Aufführungsbedingungen.
Inigo Jones'
Banqueting Hall in
Whitehall gilt als typisch für das höfische Theater, Zuschauer und Schauspieler saßen einander gegenüber. Bestrebungen einer Übernahme der italienischen Kulissenbühne sind belegt, so z.B. die Pläne
Inigo Jones' für ein Theater in
Cockpit-in-Court.
Siehe auch: Elisabethanisches Weltbild
Weblinks
Theatergeschichte | Renaissance | Kultur (Großbritannien)
English Renaissance theatre | Théâtre élisabéthain | Teatro elisabettiano | Teatr elżbietański