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Elisabeth förster 1894b.JPG Elisabeth Förster-Nietzsche (* 10. Juli 1846 in Röcken bei Lützen; † 8. November 1935 in Weimar) war die Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900).

Das Verhältnis der beiden seit 1849 vaterlosen Geschwister war lange Zeit ein recht inniges, natürlich auch nicht von Streit und Versöhnung freies. Zeitweilig führte Elisabeth ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt. Beider Verhältnis verschlechterte sich deutlich in den 1880er Jahren, u.a., weil Elisabeth, Friedrichs "geliebtes Lama", sich Bernhard Förster (1843–1889) anschloss, einem deutschnationalen Gymnasiallehrer, der wegen seiner rabiaten antisemitischen Agitation vom Schuldienst suspendiert worden war und daraufhin mit Gleichgesinnten in Paraguay eine Siedlungskolonie Nueva Germania gründete. Elisabeth heiratete Förster und folgte ihm 1886 nach Paraguay, wo sie noch 1889, als Friedrich in Turin zusammenbrach, lebte.

1893 kehrte Elisabeth Förster-Nietzsche (EFN), inzwischen verwitwet (Förster hatte sich nach dem Scheitern seines Projekts getötet), aus Übersee zurück und stand vor der Aufgabe, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Sie begann, sich die Kontrolle über Nietzsches Werk zu sichern, was ihr vollständig erst 1897, nach dem Tod ihrer Mutter, gelang. Sie gründete das Nietzsche-Archiv, das zunächst in Naumburg, ab 1897 in der von Meta von Salis gestifteten "Villa Silberblick" in Weimar untergebracht war. Im oberen Stockwerk des Hauses lebte der umnachtete Philosoph bis zu seinem Tod im Jahre 1900.

EFN war alleinige Besitzerin des Nietzsche-Archivs. Für archivalische Arbeit stellte sie fachkundige Mitarbeiter ein, so z.B. Rudolf Steiner, der Erfahrungen aus dem Goethe-Archiv mitbrachte und in den 1890er Jahren noch ein begeisterter Nietzscheaner war, und Heinrich Köselitz, (Peter Gast), der über viele Jahre sozusagen Nietzsches Sekretär war und zur Entzifferung von dessen Handschrift unverzichtbar. Keiner der Mitarbeiter hatte freien Zugang zu dem gesamten Archiv, so dass EFNs berüchtigte Fälschungen bis zu ihrem Tod 1935 unbemerkt blieben. Diese Fälschungen, die meist Äusserungen über sie in Briefen ihres Bruders betrafen, sollten ihr, einer Frau ohne akademische Ausbildung, als Legitimation zur Leitung des Archivs dienen.

Wenngleich EFN als Archivleiterin in den folgenden Jahren zahlreiche Zwistigkeiten - mit Mitarbeitern, Verlegern, dem ihr nicht trauenden Nietzsche-Freund Franz Overbeck u.a. - hatte, gelang es ihr doch, eine Reihe angesehener Unterstützer des Archivs zu finden: etwa Harry Graf Kessler und den jüdischen (!) Bankier Ernst Thiel. Der berühmte belgische Architekt Henry van de Velde konnte zur repräsentativen Umgestaltung der Villa Silberblick gewonnen werden. Diese wurde zu einer Pilgerstätte für Verehrer des Philosophen. Die Namen von Stefan George, Richard Dehmel, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann u.a. Berühmtheiten findet man im Gästebuch des Nietzsche-Archivs.

EFN kümmerte sich um die Herausgabe der Werke ihres in den 1890er Jahren schnell zu grossem Ruhm gelangten Bruders, um die Archivierung und Erschliessung der nachgelassenen Papiere und mit besonderem Nachdruck um den Erwerb der zahlreichen Briefe, die Nietzsche an Freunde und andere Partner geschrieben hatte. Ihrem Sammeleifer, der schon in ihren jungen Jahren begonnen hatte, ist zu verdanken, dass Nietzsche heute eine der Personen des 19. Jahrhunderts ist, zu dessen Biographie die reichhaltigsten Materialien überliefert sind. Ausserdem schrieb EFN selbst eine Nietzsche-Biographie in mehreren Bänden.

Ausser den genannten Brieffälschungen wird EFN heute vor allem die Herausgabe eines Buches, Der Wille zur Macht, zur Last gelegt. Sie hat es unter Mitarbeit von Peter Gast aus dem Nachlass Nietzsches zusammengestellt und als Nietzsches Hauptwerk ausgegeben: zunächst 1901, in stark erweiterter Fassung 1906. Dieses Kompilat, das keine Fälschungen enthält, wird oft für eine fehlgeleitete Rezeption Nietzsches, vor allem durch Nationalsozialisten, verantwortlich gemacht. Es ist gleichwohl nach wie vor im Programm des Stuttgarter Kröner-Verlags.

Die akademische Philosophie zeigte erst mit einem Jahrzehnt Verspätung ein oft noch zögerliches Interesse an Nietzsche. Renommierte Philosophen wie Hans Vaihinger, Alois Riehl, Bruno Bauch u.a. setzten sich für Nietzsche und das Nietzsche-Archiv ein, auch, trotz ihrer Umstrittenheit, für EFN. Einige von ihnen schlugen EFN sogar wegen ihrer Verdienste um das Lebenswerk Nietzsches für den Literatur-Nobelpreis vor, und, nachdem dies nicht zum Erfolg geführt hatte, wurde ihr 1921, zu ihrem 75. Geburtstag, von der Universität Jena der Titel "Dr. phil. h.c." verliehen.

Obwohl EFN und ihr Nietzsche-Archiv von Anfang an kritisiert wurden - sie wehrte sich dagegen mit zahlreichen Gerichtsprozessen und 1907 in einer Schrift Das Nietzsche-Archiv, seine Freunde und seine Feinde -, gab es offenbar eine genügend tragfähige Schicht von national und völkisch gesinnten Bildungsbürgern, die den von ihr begründeten Nietzsche-Kult zelebrierten. Ihre Vergangenheit als Ehefrau des Bernhard Förster war dem nicht abträglich. Mit der aufsteigenden NSDAP konnte sie sich leicht arrangieren. Als Glanzpunkt in der Geschichte des Nietzsche-Archivs erlebte sie den Besuch des Reichskanzlers Adolf Hitler im Jahre 1933.

Andererseits hatte bereits 1930 Erich F. Podach mit der Publikation einer Reihe kritischer biographischer Untersuchungen begonnen, die den von EFN errichteten Nietzsche-Mythos nachhaltig zersetzen sollten. Nach EFNs Tod 1935 ergaben sich neue Möglichkeiten für eine kritische Nietzscheforschung. Diese blieb aber kriegsbedingt in ihren Anfängen stecken (vgl. dazu die begonnene kritische Ausgabe im Beck-Verlag (Neuauflage bei dtv in München)). Erst 1959 hat Karl Schlechta im Bericht zu seiner neuen 3-bändigen Werk-Edition - die das angebliche Hauptwerk Der Wille zur Macht nicht mehr enthält - die Eingriffe, Fälschungen und Zerstörungen EFNs an Werk, Briefen und Nachlass ihres Bruders publik gemacht. Seither fungiert EFN oft als Sündenbock oder, wie Klaus Goch schrieb, "Sündenlama", das die Schuld an dem "ganzen historischen Elend einer fehlgelaufenen Nietzsche-Rezeption mit ihren faschistoiden Verzeichnungen" allein zu tragen hat. Das heute übliche "EFN bashing" als Übung in "political correctness" widerspricht dem Geist Nietzsches ebenso wie der einst von EFN errichtete Nietzsche-Kult.

siehe auch: Friedrich Nietzsche, Nietzsche als „Vordenker des Nationalsozialismus“

Werke


  • Das Leben Friedrich Nietzsches, 3 Bände, Bd.I: 1895, Bd.II/1: 1897, Bd.II/2: 1904
  • Das Nietzsche-Archiv, seine Freunde und seine Feinde, 1907
  • Das Leben Friedrich Nietzsches, 2 Bände, Bd.1: Der junge Nietzsche, 1912; Bd.2: Der einsame Nietzsche, 1914.
  • Friedrich Nietzsche und die Frauen seiner Zeit, 1935
  • Zahlreiche Zeitungsartikel und Einleitungen zu Nietzsches Werken, nachgewiesen bei Peters

Literatur


  • Peters, Heinz Friedrich: Zarathustras Schwester. Fritz und Lieschen Nietzsche - ein deutsches Trauerspiel. München 1983 (engl. orig. 1977)
  • Goch, Klaus: Elisabeth Förster-Nietzsche. Ein biographisches Porträt. In: Schwestern berühmter Männer, hg.v. Luise Pusch. Frankfurt/M 1985 (S. 361-413)
  • Hoffmann, David Marc: Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs. Chronik, Studien, Dokumente. Berlin 1991
  • Schaefer, Dirk: Im Namen Nietzsches. Frankfurt/M 2001
  • Diethe, Carol: Nietzsches Schwester und Der Wille zur Macht. Hamburg 2001 (engl. orig. 2003 (!))

Weblinks


Frau | Deutscher | Geboren 1846 | Gestorben 1935 Elisabeth Förster-Nietzsche

 

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