Lonnrot2.jpg Elias Lönnrot * (* 9. April 1802 in Sammatti; † 19. März 1884 ebenda) war ein finnischer Schriftsteller, Philologe und Arzt. Auf seinen Reisen in Finnland und Ostkarelien zeichnete er die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung auf, auf deren Grundlage er das Nationalepos Kalevala (1835; endgültige Fassung 1849) und die Liedersammlung Kanteletar (1840) verfasste. Damit legte er den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur und die Entwicklung einer finnischen Identität. Er gilt nach dem Bibelübersetzer Mikael Agricola als „zweiter Vater der finnischen Sprache“.
1822 begann er sein Studium zunächst an der Akademie zu Turku. Zu seinen Kommilitonen gehörten unter anderem Johan Ludvig Runeberg und Johan Vilhelm Snellman, die später zu den einflussreichsten Förderern der finnischen Kultur werden sollten. 1827 erhielt Lönnrot die Doktorwürde der Philosophie. Der Titel seiner Dissertation lautete De Väinämöine, priscorum Fennorum numine („Über Väinämöinen, eine Gottheit der alten Finnen“). Die Anregung für die Wahl des Themas hatte ihm sein Professor Reinhold von Becker gegeben. Zwischenzeitlich arbeitete Lönnrot als Privatlehrer am Hause des Medizinprofessors J.A. Törngren in Vesilahti. Törngren und seine Frau Eva Agatha wurden zu wichtigen Förderern Lönnrots und ermutigten ihn zu seinen philologischen Forschungen.
Wohl auch unter dem Einfluss des Mediziners Törngren setzte Elias Lönnrot sein Studium im Fach Medizin fort. Die Akademie wurde indes 1828 nach dem Großbrand von Turku nach Helsinki verlegt und in die Universität Helsinki umgewandelt. 1832 erhielt Lönnrot mit der Dissertation Om finnarnes magiska medicin („Über die magische Medizin der Finnen“) die Approbation als Arzt.
Seine erste Reise unternahm Lönnrot 1828, als er nach dem Brand von Turku auf die Fortsetzung seiner Studien warten musste. Zwischen April und September bereiste er zu Fuß die Regionen Häme, Savo und Nordkarelien bishin zur Insel Valamo. Als Produkt dieser ersten Reise entstand das Reisetagebuch Vandraren („Der Wanderer“) und vier Lyrikbände mit dem Titel Kantele.
Eine 1831 angetretene Sammelreise nach Ostkarelien endete bereits in Kuusamo, als er von der Gesundheitsbehörde nach Südfinnland zurückbeordert wurde, um bei der Bekämpfung einer Choleraepidemie mitzuhelfen. Nach Abschluss seines Medizinstudiums reiste Lönnrot im Juli bis September 1832 mit zwei Kommilitonen nach Karelien. Von Nurmes aus überquerte er die Grenze zu Russland und besuchte die Dörfer Repola und Akonlahti, wo ihm der Runensänger Trohkimaińi Soava wertvolle Aufzeichnungen lieferte.
1833 erhielt Lönnrot eine Stelle als Bezirksarzt im nordfinnischen Kajaani, wo er bis 1854 praktizieren sollte. Von dort aus trat er noch im selben Jahr zu seiner vierten und wichtigsten Sammelreise nach Ostkarelien an. Im Dorf Vuonninen traf er die Sänger Ontrei Malinen und Vaassila Kieleväinen; letzterer inspirierte Lönnrot dazu, die gesammelten Runen zu einem einheitlichen Werk zusammenzustellen. 1834 veröffentlichte Lönnrot anhand des gesammelten Materials das aus 5052 Versen bestehende Runokokous Väinämöisestä („Runensammlung über Väinämöinen“), eine Art „Proto-Kalevala“, bei der erstmals die künstlerische Intention statt einer wissenschaftlich-textkritischen Auseinandersetzung im Vordergrund stand.
Im selben Jahr unternahm Lönnrot von Kajaani aus eine weitere Reise und sammelte Lieder von Arhippa Perttunen aus Latvajärvi, der zur wichtigsten Quelle für die Kalevala werden sollte. Nachdem er das Manuskript für die Kalevala abgegeben hatte, folgte im April 1835 die sechste Reise, während der er in fünf Wochen 800 Kilometer zurücklegte. Die erste Ausgabe der Kalevala erschien 1835 bis 1836 in zwei Bänden unter dem Titel Kalewala, taikka Wanhoja Karjalan Runoja Suomen kansan muinoisista ajoista („Kalevala, oder alte Runen Kareliens über altertümliche Zeiten des finnischen Volkes“).
Auch nach Veröffentlichung des Epos setzte Lönnrot seine Reisen fort. Zwischen September 1836 und Mai 1837 unternahm er eine längere Reise, die viele Strapazen, aber kaum Ergebnisse mit sich brachte. Nach zwei weiteren Reisen in den Folgejahren erschien 1840 bis 1841 die Lyriksammlung Kanteletar in drei Bänden.
Bei den späteren Reisen Lönnrots standen sprachwissenschaftliche Interessen im Vordergrund. Von Anfang 1841 bis Ende 1842 reiste er zusammen mit dem Linguisten M. A. Castrén nach Lappland, Kola und Archangelsk sowie zu den Wepsen in Ostkarelien. Seine elfte und letzte Reise führte Elias Lönnrot 1844 nach Estland und ins Ingermanland. Lonnrot1.jpg
Nach seiner Pensionierung kehrte Elias Lönnrot an seinen Geburtsort Sammatti zurück, wo er an der Erstellung eines liturgischen Gesangsbuches und eines finnisch-schwedischen Wörterbuches arbeitete. Zusammen mit seinen Mitarbeitern stellte er das Wörterbuch in jahrelanger Arbeit bis 1880 fertig. Elias Lönnrot verstarb am 19. März 1884 in Sammatti.
Das Nationalepos Kalevala und ihr weniger bekanntes lyrisches Schwesterwerk Kanteletar gehören bis heute zu den wichtigsten literarischen Werken Finnlands. Vor allem die Kalevala hat einen immensen Einfluss auf das finnische Nationalbewusstsein und die finnische Kultur gehabt. Lönnrot legte damit den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur.
Die Frage der Urheberschaft Lönnrots ist verschieden interpretiert worden. Lönnrot selbst sah sich nicht als Autor der Werke an. Ausgehend von Friedrich August Wolfs Theorie zur Homerischen Frage nahm er an, dass es einst ein zusammenhängendes Epos gegeben habe, das im Laufe der Jahrhunderte in die Einzellieder zerfallen sei. Für seine Aufgabe hielt es Lönnrot, dieses Epos zu rekonstruieren.Lassila, s. 53 f.
Zwar sind nur 3 % der Verse der Kalevala von Lönnrot frei erfunden, jedoch bearbeitete er einen Großteil der übrigen Verse und nahm sich große Freiheiten bei der Zusammenstellung der ursprünglich unzusammenhängenden Runen zu einem einheitlichen EposAnttonen, Kuusi, s. 78. Lönnrot selbst stellte im Vorwort zur Kalevala umumwunden klar, dass er die gesammelten Runen verändert und neu zusammengestellt hatte, dennoch wurde das Epos in der zeitgenössischen Rezeption in romantischer Verklärung als Produkt des „Volksgeistes“ angesehen, das Lönnrot nur aufgezeichnet habe. Diese Ansicht wurde bereits in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts durch den Folkloristen Julius Krohn widerlegtvgl. Lassila, s. 58. Vom heutigen Erkenntnisstand her werden Kalevala und Kanteletar als Kunstprodukte Lönnrots angesehen.
Lönnrot gehörte zu den Gründungsmitgliedern und wurde 1931 erster Vorsitzender der Gesellschaft für finnische Literatur (Suomalaisen Kirjallisuuden Seura), welche bis heute nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der finnsichsprachigen Kultur hat. In der Auseinandersetzung um die Vereinheitlichung der Schriftsprache setzte er sich für einen Ausgleich zwischen west- und ostfinnischen Dialekten ein. Für viele Begriffe, die es im Finnischen bis dahin nicht gegeben hatte, mussten neue Wörter entwickelt werden. Allein Lönnrot erfand 300-400 neue Vokabeln, die bis heute zum finnischen Wortschatz gehören, darunter Wörter wie kansallisuus („Nationalität“), kirjallisuus („Literatur“) oder tasavalta („Republik“)Lassila, s. 61. Das von Lönnrot herausgegebene Suomalais-ruotsalainen sanakirja („Finnisch-schwedisches Wörterbuch“, 1867-1880) umfasste über 200.000 Stichwörter und war das erste umfassende finnische Wörterbuch.
Lönnrot gab zwischen 1836 und 1837 sowie 1839 und 1840 die erste finnischsprachige Zeitschrift Mehiläinen heraus. Neben kulturpolitischen Beiträgen veröffentlichte Lönnrot darin Teile der von ihm gesammelten Volksdichtung. Die Zeitschrift hatte anfangs eine Auflage von 500 Stück, doch das Interesse der Leserschaft ließ schnell nach und das Projekt wurde zum finanziellen Misserfolg. Daneben schrieb Lönnrot für über ein Dutzend anderer Publikationen, unter anderem für Snellmans einflussreiche Zeitschrift Saima. Nachdem diese wegen ihrer freiheitlich-liberalen Linie Ende 1846 von der russischen Zensur eingestellt wurde, half Lönnrot Snellman bei der Gründung seiner neuen Zeitschrift Litteraturblad för allmän medborgerlig bildning („Literaturblatt für allgemeine mitbürgerliche Bildung“).
Autor | Literatur (19. Jh.) | Literatur (Finnisch) | Lyrik | Sage, Legende | Finne | Mann | Abstinenzler | Geboren 1802 | Gestorben 1884
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